10Tipps 01 – Ich vs Hemingway

/ Juli 22, 2013/ 10 Tipps, Schreibtips/ 2Kommentare

Letztens hatte ich die Idee, mal meinen Workflow zu beschreiben, aber dann dachte ich mir, dass das bestimmt langweilig wäre und dass ich über Schreibblockaden ja auch schon einen Artikel gepostet habe.
Aber dann verlinkte Ela mir diesen Artikel hier, der so ein bisschen Einblick in die Vorgehensweise von Ernest Hemingway gibt. Das erinnerte mich dann an andere ähnliche Listen von verschiedensten Autor_innen, sowie an meine Reaktion auf die meisten der Punkte, die vorwiegend in diesem Gesichtsausdruck hier bestand: O.o
Es ist schon sehr spannend, wie unterschiedlich die Leute arbeiten, und wie schnell ich das mit dem Schreiben wieder hätte sein lassen, wenn ich seinerzeit versucht hätte, die Sache so anzugehen wie diese_r oder jene_r andere Autor_in.

Ich habe deshalb beschlossen, mal eine Serie anzufangen, in der ich die Arbeitsweise anderer Autor_innen ganz kurz umreiße und dann erkläre, warum ich es genau so/so ähnlich mache bzw. warum und wie ich es anders mache.

Hier kommt der erste Teil der Serie: Hemingway

1. Fange mit einem wahren Satz an.
Hemingway:
Wenn ich keinen Anfang finden kann, schreibe ich einen wahren Satz, den ich kenne oder irgendwo gehört habe. Und wenn ich ins Schwafeln komme, bekämpfe ich das, indem ich zu dem ersten wahren Statement zurückkehre, das ich geschrieben habe.

Warum ich so nicht arbeiten könnte:
Es passt mit meiner Themenwahl und meiner Erzählphilosophie überhaupt nicht zusammen, ‚Wahrheiten‘ sagen zu wollen. Ich meine, natürlich sagen meine Charaktere öfter mal Dinge, die ich selbst auch für wahr und richtig halte, aber ich gebe mir Mühe, ‚Wahrheiten‘ nicht über die Integrität eines Charas oder einer Szene zu stellen. Für mich haben die Charaktere und ihre Authentizität absoluten Vorrang vor irgendwelchen Messages.
Wenn ich eine konkrete Message verkünden wollte, würde ich einen Sachtext schreiben.

Wie ich anfange:
Eine neue Geschichte fängt bei mir im allgemeinen mit dem Moment an, in dem die zentrale Handlung beginnt. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich sehr ungeduldig bin, und dass mich nichts mehr aufregt als eine ewiglange Anbahnung der eigentlichen Geschichte (‚Schiffbruch mit Tiger‘ z.B.; omgwtf, sag mir zuerst, warum mich Pi überhaupt interessieren sollte, und dann erzähl mir Details über seine Person. Ich hör doch nicht freiwillig einem Wildfremden beim Schwafeln zu!).
Aus genau diesem Grund hat Gott den Menschen die Rückblende geschenkt. Damit kann man wunderbar ökonomisch erzählen und relevante Details nach Belieben einblenden. Schlüsselwort: relevant. Denn diese Form der Einarbeitung zwingt einen dazu, wenigstens am Anfang der Rückblende apropos zu bleiben. Auch hier ist mir die Integrität der Szene/n wichtiger als irgendwelche putzigen Details oder Messages.

Wenn ich mich mitten in einer Geschichte an die Arbeit setze, fange ich meistens damit an, dass ich ein bisschen zurückscrolle und lese, bis ich wieder ‚drin‘ bin. Das geht bei mir immer schnell, weil ich – im Gegensatz zu Hemingway (siehe Punkt 3) – jede freie Sekunde verwende, um über meine Geschichten nachzudenken.

Wie ich Schwafelei verhindere:
Ich habe keine Ahnung. Meine tief verwurzelte Abneigung gegen Wiederholungen und meine eigene Ungeduld führen dazu, dass ich per se nicht so zum Schwafeln neige. Ich hab immer etwas konkretes im Kopf, das ich vermitteln will, und zwar so kurz wie es möglich ist, ohne die Atmosphäre zu killen.

2. Mach für den Tag Schluss wenn du noch weißt, was als nächstes passieren wird.
Hemingway:
Leere deine Ideenquelle nicht vollständig aus, sondern lass noch etwas für den nächsten Tag darin. Das sorgt dafür, dass du niemals stecken bleibst.

Warum ich so nicht arbeiten könnte:
Schreiben macht schlicht und ergreifend zu viel Spaß. Mir zu sagen: ‚Hör auf bevor du musst‘, ist so, als würde man einem Kind sagen, es solle aufhören, aus seinem 10-Liter-Fass Eis zu essen bevor es kotzen muss. Die einzelnen Worte ergeben Sinn, aber warum würde irgendjemand sie in dieser Reihenfolge nebeneinander stellen, und dann auch noch mit Bezug auf Eis? Irrsinn!

Wann ich für den Tag Schluss mache:
Ich höre auf zu schreiben wenn mir die Inspiration ausgeht oder mein Hirn abschaltet.
Das liegt zum einen an meiner Vergnügunssucht, zum anderen daran, dass ich sehr regelmäßig sehr lange Phasen habe, in denen ich aus verschiedensten Gründen nicht arbeiten kann. Für meinen Fortschritt bin ich entsprechend stark darauf angewiesen, jeden guten Tag vollständig auszunutzen.

Wie ich meine Ideen am Laufen halte:
Frag mich was leichteres. Sie laufen, wenn sie laufen. Wenn sie nicht laufen, spule ich mein übliches Schreibblockadenprogramm durch (siehe Link in der Einführung) bis es wieder weiter geht.

3. Denke niemals über die Geschichte nach wenn du nicht arbeitest.
Hemingway:
Wenn du außerhalb der Arbeit über das nachdenkst, was du geschrieben hast, vergisst du es sowieso nur wieder bevor du dich am nächsten Tag wieder dransetzt. Lenk dein Bewusstsein ab, damit dein Unterbewusstsein die Geschichte weiterspinnen kann.

Warum ich so nicht arbeiten könnte:
Soweit ich weiß, hat sich Hemingway stur jeden Tag für acht Stunden hingesetzt und geschrieben. Ich hingegen bin darauf angewiesen, jeden motivierten Moment auszunutzen. Außerdem kann ich mich meistens auf nichts anderes konzentrieren, wenn mein Hirn beschlossen hat, dass es jetzt dringend diese oder jene Szene 25.000 mal durchspulen oder mit gewagten Ereignissen herumexperimentieren muss.

Wie ich arbeite:
Ich schreibe oder tagträume wann immer ich kann. Und für den Fall, dass mir mitten in der Nacht eine Idee kommt, die ich bis zum nächsten Tag vergessen haben könnte, liegen immer meine Notizbücher neben mir im Bett.
Ich finde außerdem viele meiner größeren Patzer, während ich meine Geschichten in meinem Bewusstsein rumwuseln lasse.

4. Wenn es wieder Zeit zum Arbeiten ist, fange stets damit an, dass du noch einmal liest, was du bisher geschrieben hast.
Hemingway:
Lies die Geschichte, an der du gerade arbeitest, von Anfang an (oder zumindest die letzten zwei bis drei Kapitel), ehe du weiterschreibst. So kannst du eventuelle Fehler korrigieren und außerdem dafür sorgen, dass die Geschichte aus einem Guss ist.

Warum ich so nicht arbeiten könnte:
Wenn ich jeden Tag die letzten Kapitel komplett nochmal lesen würde, würde ich mich ziemlich schnell totlangweilen. Ich meine, nichts gegen meine Geschichten, aber jeden Tag über Wochen hinweg dieselben zwei bis drei Kapitel? Da hätte ich super schnell keinen Bock mehr.

Wie ich arbeite:
Ganz am Anfang meiner Schreiberei bin ich so vorgegangen, dass ich alles nochmal von Anfang an drübergelesen habe, wenn ich ein neues Kapitel fertig hatte. Ich denke, dass das für Schreibanfänger_innen eine gute Methode ist, um einen eigenen Stil zu entwickeln, und dass dieses Vorgehen ziemlich unumgänglich ist, wenn man einen ersten Entwurf schreibt, in dem die Charaktere noch nicht ausgereift sind.

Heute gehe ich so vor, dass ich schreibe, bis ich mir unsicher werde, ob das alles noch so 100% zusammenpasst. Dann sehe ich mir meinen Szenenindex an* und ergänze darin die neusten Ereignisse, während ich sie parallel dazu nochmal drüberlese.
Ich bin außerdem beim Schreiben viel im Gesamttext unterwegs, weil ich z.B. nachsehen mal nachsehen muss, wie ich dieses oder jenes in einer früheren Szene dargestellt habe. Dabei hab ich nicht immer einen passenden Suchbegriff zur Hand und muss scrollen. Beim Scrollen wiederum bleib ich immer wieder irgendwo im Text hängen, überfliege ein paar Seiten, ändere hier und da was oder kippe auch schonmal spontan eine komplette Szene und schreibe sie von Grund auf neu.
Auf diese Weise ist mir die Gesamtgeschichte eigentlich immer ziemlich präsent, bzw. ich kann in meinem Szenenindex schnell mal was nachsehen, um mich wieder zu erinnern.

5. Beschreibe Emotionen nicht – erzeuge sie.
Hemingway:
Ich finde zwei Dinge schwierig: Erstens zu unterscheiden, was ich in einer Situation tatsächlich empfinde, und was ich weiß, dass ich empfinden sollte, weil es so von mir erwartet wird. Zweitens herauszufinden, was genau es war, das diese oder jene Emotion ausgelöst hat. Wenn man die Kausalität einer Emotion beschreibt, löst man sie in der Leserschaft aus und sorgt dafür, dass sie über lange Zeit valide bleibt.

Warum ich so nicht schreiben will:
Nicht alle Menschen erleben gleich. Nicht alle Gesellschaften bewerten gleich. Jemand mit einer bestimmten Art von Bindungsstörung wird nicht mit Trauer reagieren, wenn seine Eltern sterben. Ein frommer Teenager, der unter Burkhas aufgewachsen ist, wird einer Frau im Stringtanga emotional ganz anders gegenüberstehen als ein linksradikaler alter Mann, der von klein auf jeden Sommer am FKK-Strand verbracht hat. Und auch zwischen Menschen, die unter den gleichen Rahmenbedingungen aufgewachsen sind, finden sich große Unterschiede im Erleben.

Hemingways Herangehensweise setzt eine Uniformität voraus, die so einfach nicht gegeben ist. Damit wird jedes Mitglied der Leserschaft befremdet oder außen vor gelassen, das in seinen eigenen emotionalen Reaktionen nicht mit denen der Charaktere übereinstimmt.

Wie ich schreibe:
Nicht jeder Mensch reagiert auf jede Situation mit den gleichen Emotionen, und meine Hauptcharaktere haben samt und sonders deviantes Erleben, weil es das ist, was mich interessiert.
Allerdings stimmt ein großer Teil der Menschheit darin überein, wie sich eine Emotion körperlich anfühlt (erkennbar an klassischen Beschreibungen wie ‚Schmetterlinge im Bauch haben‘, ‚weiche Knie bekommen‘, ’starr vor Angst sein‘, ‚brodeln vor Wut‘). Das emotionale Erleben ähnelt sich also stark, auch wenn die Situationen, die dieses Erleben auslösen, von Person zu Person extrem unterschiedlich sein können.
Um der Leserschaft zu ermöglichen, auch den ungewöhnlicheren emotionalen Reaktionen meiner Charaktere zu folgen, zeige ich also neben den bloßen Ereignissen auch das körperliche der Emotionen, die Handlungsimpulse, die sie wecken, die Bedürfnisse, die mit ihnen einhergehen, die Art, wie sie die Wahrnehmung alles anderen färben.
So bleibt der Leserschaft zwar in einigen Fällen weiterhin schleierhaft, wie es sein kann, dass jemand so völlig anders reagiert als sie selbst es würde, aber die Emotion selbst kann sie trotzdem problemlos nachvollziehen.

6. Schreibe von Hand.
Hemingway:
Wenn du von Hand schreibst, kommst du zwar langsamer voran, aber dafür kommt zum Drüberlesen und dem Proofing ein weiterer Überarbeitungsschritt: Das Abtippen. Das bedeutet, dass du 0,333** zusätzliche Gelegenheiten hast, deine Schreibe zu verbessern.

Warum ich nicht genau so arbeite:
Ich würde absolut bekloppt werden, wenn ich ständig Änderungen zwischen die Zeilen quetschen und rumradieren müsste.

Wie ich arbeite:
Ich habe für jedes größere Projekt ein Notizbuch mit Inhaltsverzeichnis und Seitenzahlen, in dem ich wild und ungehemmt aufschreibe, was mir grad als Plotbunny im Kopf rumhüpft. Ins Notizbuch kommen auch Übersichtspläne, Ablaufpläne, Disposkizzen usw.
Von manchen Szenen habe ich zig verschiedene Versionen oder unzusammenhängende Bruchstücke, auf die ich zurückgreife, wenn ich am Rechner die entsprechende Stelle erreiche. Auf Qualität achte ich dabei nur soweit wie es beim Runterschreiben halt geht; die eigentliche Arbeit passiert am Rechner.

Ursprünglich bin ich dabei strengst chronologisch vorgegangen, aber mittlerweile habe ich auch zig Files mit Szenen, die ich aus meinen Notizen abgetippt hatte, wenn ich arbeitstechnisch zu sonst nichts in der Lage war, bzw. Szenen, die mir so vollständig zugeflogen sind, dass ich zu ungeduldig gewesen wäre, sie von Hand zu schreiben.
Das Hauptfile (ursprünglich habe ich mal alle paar Kapitel ein neues File aufgemacht, weil mir sonst das Speichern – ich habe mir angewöhnt, in jeder Denkpause strg+s zu drücken – zu lange gedauert hätte, aber seit ich zu den minimalistischen Texteditoren gewechselt hate, ist das kein Problem mehr) bearbeite ich weiterhin rein chronologisch.

7. Fasse dich kurz.
Hemingway:
Kürzer ist besser.

Warum ich (meistens) auch so arbeite:
Weil Hemingway recht hat.

(Quelle)

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* Ich stelle gerade fest, dass es dazu noch gar keinen Artikel gibt. Der kommt dann wohl auch demnächst.
** In Wirklichkeit sind es 0,5, weil 3 um die Hälfte größer ist als 2 (weil 2+1=3 und 1=2×1/2). Ja, ich war in der Tat immer mies in Mathe und muss jetzt was kompensieren, warum fragst du?

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