Sep 092015
 

Dieser Artikel ist für einen der wenigen Menschen auf diesem Planeten, die ich tatsächlich lieb habe. Ich hoffe, er ist dir hilfreich.
Ich habe die Information in kleine, möglichst in sich geschlossene Happen aufgeteilt, so brauchst du dein derzeit knappes Konzentrationsvermögen nicht zu sehr zu strapazieren und kannst über mehrere Tage/Wochen/whatever verteilt lesen.

In meiner eigenen Zeit in Therapie habe ich ein paar Dinge gelernt, die mir extrem hilfreich dabei waren, sowohl die Phasen zu überstehen, während denen ich nichts tun konnte damit es mir besser geht, als auch die Phasen zu nutzen, in denen ich die nötige Kraft hatte, an meinem Denken und meiner Situation zu arbeiten.
Alle Punkte waren für mich gleich wichtig, daher kann ich sie nicht hierarchisch sortieren.

Hier ist die Inhaltsübersicht der einzelnen Abschnitte:

– Depression ist eine Krankheit
– Depression ist nicht dein Feind
– Selbsthass ist ein erlerntes Gefühl
– Depression ist wie Wellenreiten
– Wellenmaschinen

Depression ist eine Krankheit
Wenn du dich müde, antriebslos und überfordert fühlst und dir deine negativen inneren Stimmen vorwerfen, du wärst bloß faul und unfähig, stell dir vor du würdest dich nicht wegen einer Depression, sondern wegen einer Grippe so fühlen.
Stell dir vor du hättest ein Fieber, das so hoch ist, dass daraus genau das Maß an Müdigkeit, Antriebslosigkeit und Überforderung entsteht, das du gerade fühlst. Würdest du dich mit so einem Fieber dazu zwingen, das Bett zu verlassen? Würdest du dich zwingen, mehr als das absolut nötige zu tun? Oder würdest du dir zugestehen, dass du gerade einfach nur Ruhe und Erholung brauchst, dir einen heißen Tee machen, dich in eine warme Decke kuscheln und im Internet lustige Katzenvideos gucken, bis dein Fieber weit genug gesunken ist, dass du wieder zu etwas anderem in der Lage bist?

Depression ist genau so real wie Grippe und sie ist sogar noch gefährlicher, wenn man sie nicht auskuriert.
Es sterben im Jahr weltweit durchschnittlich 250.000 bis 500.000 Menschen an der Grippe. 2013 starben weltweit rund 842,000 Menschen an S*lbstm*rd und auf jeden ‘geglückten’ Versuche kommen 30 bis 40 ‘erfolglose’.
Wer dich also mit einer Erkältung ins Bett zurück schicken und dir sagen würde, dass du dich schonen sollst, sollte das bei einer Depression erst recht tun.

Depression ist nicht dein Feind
Depressiv zu sein, fühlt sich abartig an. Es tut weh. Es saugt einem das Leben aus dem Knochen und vernichtet alles, was jemals angenehm war. Es ist sehr einfach, das als etwas feindliches zu verstehen, das man bekämpfen muss.
Aber die Depression selbst ist nicht dein Feind, sie ist nur der Schmerz, der dich darauf aufmerksam macht, dass irgend etwas ganz extrem im Argen liegt. Es gab schon andere Warnzeichen vorher, aber die konntest du nicht berücksichtigen, deshalb zieht dein Gehirn jetzt die Notbremse.

Stell dir vor, du gehst mit ein paar Freunden spazieren und dabei fällt dir ein Steinchen in den Schuh (es ist wahrscheinlich eher eine ganze Geröllhalde mit riesigen Felsen dazwischen, aber um der Metapher Willen sagen wir mal, es ist nur ein einzelnes Steinchen).
Du sagst: “Autsch, da ist ein Steinchen in meinem Schuh. Können wir mal anhalten, ich würde das gern entfernen.”
Aber deine Gefährten sagen: “Das kann gar nicht sein. Deine Schuhe sind zugebunden, da kann kein Steinchen reingefallen sein.” oder: “Ach, so ein kleines Steinchen, stell dich mal nicht so an. Sollen wir jetzt wirklich alle nur wegen dir stehen bleiben?” oder: “Steinchen im Schuh gehören eben dazu. Nimm das nicht so wichtig.” oder: “Das Steinchen meint es nicht so, das will dir gar nicht weh tun, das macht nur einen Scherz.” oder: “Selbst schuld wenn du deine Schuhe nicht richtig zubindest und nicht genug Hornhaut an den Füßen hast.”
All diese Aussagen gehen am Punkt vorbei, nämlich dass etwas in deinem Schuh weh tut.

Trotzdem gehst du weiter, versuchst, das Steinchen zu ignorieren, um deine Gefährten nicht zu ärgern, um nicht zu stören, versuchst, dir einzureden, dass da tatsächlich kein Steinchen ist. Aber das Steinchen ist da, und je öfter du drauftrittst, desto mehr tut es weh. Eine Wunde entsteht, die sich entzündet, dein Fuß schwillt an und du kriegst Fieber.
Das ist der Punkt, an dem du gerade bist. Es tut scheiße weh, du kannst nicht weiter gehen, du bist krank.
Der Schmerz ist das, was du am meisten bemerkst, das, was dich am meisten behindert, aber der Schmerz ist nicht dein Feind, sondern die Alarmsirene, die dir sagt: “Du bist verletzt! Hör auf zu laufen! Sorge für dich!”

Gefühle sind ungeschickt und manchmal ist es schwer, herauszufinden, was sie einem tatsächlich sagen wollen. Aber Gefühle lügen niemals. Wenn sich etwas falsch anfühlt oder weh tut, läuft etwas schief. Immer. Und zwar nicht weil du ‘zu empfindlich’ bist oder ‘Dinge zu ernst nimmst’, sondern weil du an der Stelle eine Wunde hast, oder weil manche Dinge einfach weh tun und deshalb unterlassen werden sollten.
Wenn dir jemand einen Finger ins Auge sticht, sagt er ja auch nicht “Stell dich nicht so an!” sondern “Entschuldige, ich hatte auf deine Nase gezielt und dann bin ich abgerutscht, ich hätte besser aufpassen sollen.”

Und das ganze gilt nicht nur für Ereignisse, bei denen dir persönlich weh getan wird, sondern auch für Ereignisse, bei denen jemand anderem weh getan wird. Wir sind soziale und daher empathiefähige Kreaturen, und das Leid anderer zu beobachten, kann uns weh tun.
Das Problem ist auch hier, dass dieser Stein im Schuh oft als etwas nebensächliches abgetan und nicht ernst genommen wird, bis eine Wunde entstanden ist, die sich entzündet.
Vertraue den Warnungen deiner Gefühle. Sie sind auf deiner Seite und wollen dich und dein soziales Umfeld gesund erhalten.

Selbsthass ist ein erlerntes Gefühl
Selbsthass lügt nicht, aber verrät dir nicht etwas über dich selbst, sondern etwas über dein Umfeld. Und zwar: “Jemand hat dich belogen und dir so lange eingeredet, du seist schlecht, falsch, wertlos, hässlich, dumm, bis du angefangen hast, ihm zu glauben.”
Vielleicht sind es unmögliche gesellschaftliche Standards, vielleicht die Erwartungen irgendwelcher Leute, die Macht über dich haben, vielleicht subtile Invalidierungen von Menschen, die eigentlich deine Freund sein sollten, vielleicht ganz konkrete, gemeine Beleidigungen von Arschlöchern, die dir weh tun wollten.
Wer auch immer sie sind, Selbsthass fordert dich auf, diese Lügner zu identifizieren, ihnen ihre Lügen zurückzugeben und ihnen danach kein Wort mehr zu glauben oder sie falls nötig sogar aus deinem Leben zu schmeißen.

Niemand hasst sich selbst aus eigenem Antrieb, solange er nicht Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen hat. Du hast keine Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, im Gegenteil, du gibst dir die größte Mühe, niemanden jemals zu verletzen. Du bist voller Mitgefühl. Du willst fleißig und tüchtig sein, und du bist faktisch genau so fleißig und tüchtig, wie deine Kraftreserven es gerade zulassen.
Wenn du trotz ehrlicher Anstrengung einem Anspruch nicht genügst, liegt es nicht daran, dass du minderwertig bist, sondern daran, dass dieser Anspruch gerade nicht an dich gestellt werden sollte.

Du bist wertvoll. Selbst wenn du nur da sitzt und atmest, bist du wertvoll, und du hast nichts als Zufriedenheit und Gesundheit verdient.

Depression ist wie Wellenreiten
Diesen letzten Absatz kannst du gerade wahrscheinlich nicht glauben. Vielleicht tut es sogar weh, ihn zu lesen, weil du das Gefühl hast, dass genau das Gegenteil wahr ist und dass die Welt ohne dich besser dran wäre.
Ich könnte dir so viel aufmunterndes erzählen wie ich wollte und dir sämtliche der super tollen Tips und Tricks an den Kopf werfen, von denen ich in meiner Therapielaufbahn jemals gehört habe, es würde dir nicht weiterhelfen, weil gerade einfach keine Welle da ist, auf der du surfen könntest. Und das ist okay. Du machst nichts falsch. Du weißt, was dir gerade möglich ist und was nicht, und du wirst das ausprobieren, was dir sinnvoll erscheint, sobald du die nötige Zeit, Lust und Kraft dazu hast.

Depressiv zu sein ist wirklich so, als ob man beim Surfen von einer fiesen Strömung erfasst und weit raus in den Ozean gezogen wird, wo es kaum Wellen gibt. Du sitzt da fest, weit ab vom warmen, sicheren Strand. Du bist alleine, du frierst, du hast Angst. Du paddelst und paddelst, aber die Strömung zieht dagegen und irgendwann sind deine Arme schlapp. Du kannst nicht mehr.
Wohlmeinende Leute schwirren mit Helikoptern über dir herum, und brüllen in ihre Megaphone: “Mach einen Backflip! Mit einem Backflip kommst du wieder näher an den Strand!”
Du brüllst zurück: “Wie denn, ohne Wellen??”
Und sie: “Dann paddel halt!”
Und du: “Das geht grad nicht, meine Arme sind total erschöpft.”

Niemand hat unendliche Kraftreserven und es gibt Zeiten, da kann man nichts tun, außer still auf dem Surfbrett zu liegen, sich auszuruhen und darauf zu achten, dass man nicht runterfällt. Das ist völlig legitim. Nicht zu ertrinken und Kraft zu sammeln ist etwas sehr wichtiges, das ebenfalls getan werden muss, wenn man irgendwann wieder den Strand erreichen will.
Manchmal ist es schon schwer genug, nur weiter daran zu glauben, dass es irgendwo hinter dem Horizont tatsächlich noch einen Strand gibt, oder dass man es überhaupt verdient hat, irgendwann wieder dort anzukommen.
Auch das Vermeiden von Haien ist wichtig, und wenn die unheilvollen dunklen Schatten unter dir durchs Wasser gleiten, ist es überlebenswichtig, nicht herumzuplanschen.

Je länger du da draußen bist, auf Wellen wartest und sie reitest, desto mehr lernst du über den Ozean, die Wellen und deine Fähigkeiten. Du lernst, abzuschätzen, wie weit draußen du gerade bist, indem du guckst, wie sich deine Gedanken mit den Abstand zum Strand verändern, und welche Dinge dir gerade möglich oder nicht möglich sind. Du lernst zu erkennen, welcher Trick wie weit draußen noch funktioniert, und wann du einen anderen verwenden musst, um eine bestimmte Welle reiten zu können.

Wellenmaschinen
Antidepressiva sind Wellenmaschinen, die dafür sorgen, dass mehr, höhere und weiter tragende Wellen vorbeikommen, die du mit deinen eigenen Tricks reiten kannst, um dem Strand wieder näher zu kommen.

Für die meisten Menschen ist es erstmal ein unerfreulicher Akt, nach dem richtigen Medikament zu suchen. Es braucht Versuch und Irrtum, es gibt Nebenwirkungen, wochenlanges Warten, nach dem dann doch nichts passiert, es nervt, man fängt an es zu hassen, Pillen aus einer Blisterpackung zu drücken, gegen manche Medis entwickelt man eine Aversion und muss sich regelrecht zwingen, sie weiter zu nehmen. Aber wenn man dann endlich das richtige Medi gefunden hat, ist es, als würde die Sonne aufgehen.
Die Wellen kommen. Es bewegt sich endlich richtig was und man kann wieder den Strand in der Ferne sehen.