Charaktere, Beziehungen, Interaktionen – Die super ausführliche Entwicklungshilfe in Listenform

/ März 13, 2014/ Charaktere und Beziehungen, Plot und Szenen, Schreibtipps/ 3Kommentare

4_2_box_Villee-smlUm meiner homepage endlich mal eine ‚Über mich‘-Seite hinzuzufügen, habe ich das Internet ein bisschen nach Character Sheets für Autor_innen durchsucht (um eins für mich auszufüllen). Es gibt dutzende davon, was wohl bedeutet, dass diese Werkzeuge von vielen als hilfreich angesehen werden.
Die Bögen sind auch sehr unterschiedlich. Manche sind kurz und bündig, andere extrem ausführlich, manche fragen nur nach den biometrischen Daten und der Herkunft eines Charakters, andere wollen neben Kleidungsstil, Wohnungseinrichtung und finanziellem Geschick etwas über die prägendste Beziehung, das einschneidendste Lebensereignis, die Scheitelpunkte der Lebenskurve des Charakters wissen.
Trotzdem habe ich keinen einzigen gefunden, der mir persönlich sonderlich weiterhelfen würde.

Mein Hauptproblem ist, dass es meiner Ansicht nach nicht die Extreme sind, die in einem Lebenslauf zählen. Sicher, ein Trauma kann eine tiefe Kerbe schlagen und manchmal haben wir einen Aha-Moment, der unsere Weltsicht vielleicht sogar dauerhaft verändert. Aber was uns hauptsächlich formt, sind die kleinen Sandkörner, über die wir von den Gezeiten unseres Alltags geschleift werden, die Konstanten, die in unserer Erinnerung zu einem vagen Gefühl verschwimmen. Sie legen fest, was wir für ’normal‘ halten, wie wir uns selbst wahrnehmen, was wir von anderen erwarten, wie wir an die Menschen in unserer Vergangenheit und Gegenwart gebunden sind usw. Sie bestimmen, wer wir sind.

Desweiteren stört es mich, dass die Eigenschaften eines Charakters in diesen Listen auf einzelne Begriffe – wiederum Extreme – runtergebrochen werden. Was ist die größe Schwäche, die größte Stärke, die größte Tugend, die größte Angst, die hervorstechendste Eigenschaft. Wieder geht es um Extreme, als wären sie das, was einen Charakter vor allem ausmacht.
Aber solange sie seine Handlungsfähigkeit nicht grundlegend einschränken: Wie oft kommen diese Dinge im Verlauf einer Geschichte tatsächlich zum Tragen? Welche Rolle können sie realistischerweise spielen?
Ich glaube, die Fokussierung auf diese so super wichtig erscheinenden Extreme kann leicht zur Eindimensionalität und Ikonographie verleiten. Die dagegen scheinbar unwichtigen und gewöhnlichen Aspekte eines Charakters, die notwendigerweise ungleich mehr Screentime bekommen (man ist ja nicht ständig mit seiner größten Angst konfrontiert und muss seine größte Tugend verwirklichen, indem man seine größte Begabung anwendet), werden gern vernachlässigt, während man nach Wegen sucht, die ‚definierenden‘ Extreme möglichst gut zur Geltung zu bringen.

Ich persönlich habe mich beim Lesen der verschiedenen Character Sheets nicht inspiriert, sondern eingeschränkt gefühlt, als müsste ich meine Charaktere zerstückeln und sie bis zur Unkenntlichkeit zusammenfassen.
Und da ich sowieso mal was anwendungsorientiertes über Charakterentwicklung und -führung hatte schreiben wollen, habe ich ein Tool zusammengestellt (Danke an Ela für ihren Input :) ).
Das ganze besteht aus fünf Fragebögen, die sich mit der Ausarbeitung der folgenden Bereiche beschäftigen:

1. Hauptcharaktere.
2. Nebencharaktere.
3. Beziehungen.
4. Interaktionen.

Den Listen liegt meine eigene Arbeitsweise zugrunde, was vor allem bei den letzten drei zum Tragen kommt. Sie bestehen vor allem aus Fragen, die als Denkanstöße dienen und dem Entwicklungsprozess eine gewisse Struktur geben sollen. Außerdem geben sie, denke ich, einen guten Einblick in die vielen Möglichkeiten, die einem zur Verfügung stehen, um einen Charakter in Form zu bringen, bzw. herauszufinden, welche Form ein Charakter gerade hat, was das alles bedeutet, und welche Wege offenstehen, ein bestimmtes Erleben/Verhalten zu erreichen, ohne den Charakter zu verbiegen.

Die in der Spoilerbox ausgestellte Version des Fragebogens ist die weibliche Variante. Der Charaktername ist auch in den Dateien durch # bzw. #s repräsentiert und kann ganz bequem ersetzt werden.
Es gibt außerdem eine männliche Version, sowie eine freie, in der auch die Pronomen durch Platzhalter repräsentiert sind – seht euch die unten verlinkte Anleitung an, um diese Version optimal nutzen zu können.

Weitere Informationen findet ihr in den Anwendungshinweisen der jeweilgen Dateien.

Hier könnt ihr alle drei Versionen in verschiedensten Formaten herunterladen.
Ich kann leider nicht alle ausprobieren, hoffe aber, dass die Formatierungen soweit passen und dass der eine oder die andere mit den Bögen etwas wird anfangen können:

er sie frei (anleitung)

.txt .rtf .pdf
.odt .doc .html

.txt .rtf .pdf
.odt .doc .html

.txt .rtf .pdf
.odt .doc .html

Achso, um das Informationspaket abzurunden, möchte ich an dieser Stelle noch auf drei Artikel hinweisen, die für die Themen der Fragebögen relevant sind und als weitere Hilfestellung dienen können:

  • So verbessere ich persönlich die Authentizität, Unabhängigkeit und Originalität meiner Charaktere: ‚Entfremdung gegen den Narzissmus‚.
  • So entscheide ich, ob ich etwas direkt oder rückblickend erzähle und in welche Szene ich welche Information einbaue: ‚Wohlgestalte Szenen‚.
  • So benutze ich die Charakterentwicklung, um einen Plot zu erweitern: ‚Wie man einen Plot ausbaut‚.
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  • Und wo ist jetzt die Über Mich Seite??? ;-)

    • tine

      :D Die gibts noch nicht.

      • tine

        Jetzt gibt es sie. Link.