Im Präsens erzählen

/ Juni 13, 2012/ Schreibtips, Stil und Publikum/ 6Kommentare

Quasi-Antwort auf Elas Blogpost „Sie war oder Er ist? Immer diese Entscheidungen…“

Klassischerweise erzählt man ja im Präteritum. An sich logisch, weil Dinge ja bereits passiert sein müssen, damit man sie erzählen kann. Und so fühlt es sich beim Lesen dann auch an. Als wäre das Ganze schon eine Weile her – zumindest dann, wenn man auch schonmal im Präsens gelesen hat und den Unterschied spürt.

Die ersten Geschichten, die ich geschrieben habe, waren auch im Präteritum, einfach weil ich es vom Lesen so gewohnt war. Bei meinem ersten Roman habe ich mich aber darüber hinweggesetzt.
Die Gründe waren:
1. Präsens erweckt den Eindruck, dass die Geschichte gerade im Moment des Lesens passiert; dadurch fühlt sich das Ende ungewisser an und die Sache wird spannender.
2. Eine Geschichte, die gerade zum Zeitpunkt des Lesens passiert, fühlt sich für den Leser ’näher‘ und dadurch lebendiger und realer an.

Heute würde ich diese Begründungen nicht mehr ohne weiteres unterschreiben. Denn wenn sich das Präteritum (ohne den direkten Vergleich) nicht genau so ’nahe‘ und ’spannend‘ anfühlen würde wie das Präsens, hätte es vor der Erfindung der Präsens-Erzählung keine spannenden Geschichten gegeben.

Kennt man beide Zeiten, wirkt das Präteritum aber einfach verstaubt, und ich verwende die Zeit nur für Rückblicke und Geschichten, in denen ich das Element des Vergangenen betonen will.

Unflexible Leser, die ein Problem damit haben, sich auf das Präsens einzulassen, haben einfach Pech gehabt. Es gibt genügend Bücher im Präteritum da draußen, die sie stattdessen lesen können.

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