Kulturelle Klüfte bei Personalpronomen

/ November 11, 2011/ Meine Schreibe und ich, Nicht-Hauptprojekte/ 0Kommentare

Hahahaaaa. Eine Alliteration. Clever.

Ich habe gerade mal recherchiert, wie man einander so um 1890 in Frankreich anzusprechen pflegte, und siehe: Man siezte völlig wahllos in der Gegend herum. So begeistert, in der Tat, ist der Franzose an sich vom Sie, dass er das bis heute weitgehend durchgehalten hat. Selbst das Nennen des Nachnamens (anstatt nur des Titels) in einer schriftlichen Anrede wird er als Affront auffassen.
Im Gegensatz dazu der Deutsche: Abgesehen von einigen Ausnahmen befleißigt er sich einer fast anglophonen Adresskultur, fühlt sich manchenteils vom Sie gar vor den Kopf gestoßen, und selbst Enkel sind mit ihren Großeltern ganz traulich per Du.

Das saugt. Warum? Weil ich eine Geschichte im Frankreich des ausgehenden 19. Jhdt. für ein deutsches Publikum (mich ô.o) verfasse.
In mir streiten zwei Parteien heftig, spaßeshalber Illustriert unter Rückgriff auf Freuds Eisberg.
Auf der einen Seite die Über-Ich-Frau mit den Croissants, die es gerne authentisch und historisch korrekt dem darzustellenden Kulturkreis entsprechend hätte, damit der Leser sieht, wie faszinierend anders es damals/andernorts zuging/geht und die Saat der Erkenntnis kultureller Relativität und vor allem Plastizität in ihm ausgebracht wird.
Auf der anderen Seite die Es-Frau mit der Weißwurst (uägh), die darauf hinweist, dass wir hier kein Sachbuch, sondern eine Geschichte über Leute schreiben, und es somit vor allem um die Kommunikation emotionaler Prinzipien geht; und da frau dem modernen Leser die Intimität zwischen Eheleuten, die im tatsächlichen Sprachgebrauch des Französisch der Belle Epoque durch Nuancen der Wortwahl erzeugt wurde, am besten und verständlichsten mitteilt, indem sie auf das moderne Vertraulichkeitsrepertoire zurückgreift, sollte sie das vielleicht auch tun.
Dazwischen Ich (das Realitätsprinzip), das es irgendwie fesch findet (wussten Sie das ‚fesch‘ ein Anglizismus ist? Uuuuh!), Leute Kinder siezen zu lassen, weil die Leute bourgeois und die Kinder adelig sind. Ich findet die Idee lästig, jetzt zigtausend Duze in Sieze umzuwandeln. Ich möchte einen Keks. Ich muss an das Original von Leroux denken (wir reden gerade über eine Phanfiction), in dem auch wild gesiezt wird, und schnieft leise vor Glück bei der Idee, ein bisschen originalgetreu zu arbeiten. Aber Ich ist faul und Ich will nicht, dass so ein an sich irrelevantes Sie zwischen seinem Schreibprodukt und dessen Konsumenten steht. Ich ist hin und her gerissen und entwickelt eine Neurose, die es zu sublimieren versucht, indem es einen Blogpost darüber schreibt.

Was tun? Welchem Wert – der subversiven Wissensvermittlung oder der klaren, evokativen Kommunikation von Emotionen und Beziehungen – gebe ich den Vorzug und welchen verrate ich?
Ich weiß es nicht.

Ach, übrigens: Das Erzen (Bringe Er mir mein Sacktuch!) war seinerzeit höflicher als das Ihrzen (Bringt mir mein Sacktuch). Man schnauzte also nur höhere Bedienstete mit „Verpiss Er sich!“ an, während das „Verpisst Euch!“ dem niederen Gesinde vorbehalten war. Das ‚thee/thou‘ des Neu-alt-mittel-hoch-Englischen (oder so), das heute so etepetete klingt, war das Du Shakespeares, und weil sich der Engländer bald zu fein war, solch niedere Ansprache in den Mund zu nehmen, hat es nur das ‚ye/you‘ in die Gegenwart geschafft. Ist jetzt nur ärgerlich für die so poshen Herrschaften, dass durch die Singularität der Anrede ‚you‘ ihre ehemals feine Konnotation flöten gegangen ist und man heute darauf bestehen muss, mit Sir, Madam und dem Nachnamen angeredet zu werden, damit das ‚you‘ nicht zu vertraulich klingt.

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