Schizo

(Post mit ein bisschen ‚Sekundärliteratur‘ zur Geschichte: Klick)

„Da! Hast du gesehen?“
„Anna—“
„Jetzt guck doch!“
„Du weißt, dass ich nicht das gleiche sehe wie du.“
„Guck genau hin. Du musst dich in den Rhythmus ihrer Schritte reindenken.“
„Anna-“
„Da! Die Frau mit der grauen Jacke.“ Aufgeregt tippt Anna durch die Maschen des Drahtgeflechts gegen die Fensterscheibe. „Die geht so: tap-tap-tap-tap, sief*? Merk dir den Rhythmus. Tap-tap-tap-tap-tap- Und jetzt guck! Tap-tap—tap. Hast du gesehen?“
„Anna-“
„Sie ist langsamer geworden, genau unter der LEDerne*!“
Marilene nickt seufzend. „Weil das Flackern ihr Gehirn umprogrammiert.“
„Ihr wurden Daten übermittelt, Anweisungen!“
„Anna, ich weiß, dass du fest davon überzeugt bist.“
„Und zwar weil es wahr ist.“
„Ja, in Ordnung. Du hältst es für wahr. Du siehst es so. Genau wie hunderttausende anderer Menschen, die öffentlich darüber sprechen. Alle wissen es. Es ist kein Geheimnis. Und nun?“
„Die Regierung versteckt ihre Verschwörung direkt vor unseren Augen.“
„Hast du dich in letzter Zeit in einen der staatlichen InfoStreams eingeloggt?“
Anna hebt eine Augenbraue und sieht demonstrativ zu ihrem NeuroInterface hinüber, dessen DataReceiver nicht nur in eine dicke Schicht Alufolie gewickelt ist, sondern um ganz sicher zu gehen auch noch in einem improvisierten Faraday’schen Käfig liegt – bestehend aus dem gleichen Drahtgeflecht, das auch an Wände, Decke und Boden von Annas kleinem Schlafzimmer getackert ist.
„Ich zeig es dir auf meinem HoloCell*. Komm her.“ Marilene macht Anstalten, das Fenster – und damit den Drahtkäfig – zu öffnen, damit ihr Gerät Empfang bekommt, doch Anna schiebt sich unsanft dazwischen.
„Finger weg vom Fenster! Und schalt das Cell aus. Ich hab dir gesagt, dass ich so ein Ding nicht in meiner Wohnung haben will!“
„Ist ja gut.“ Abwehrend hebt Marilene eine Hand. „Du brauchst nicht gleich laut zu werden. Hier, ich schalte es aus. Bitte.“
„Legs vor die Tür.“
„Da wird es mir nur geklaut.“
„Dann legs unter die Fußmatte!“
Ergeben folgt Marilene Annas Anweisungen.
„Also. Was sagt der InfoStream?“ verlangt Anna danach zu wissen.
„Welchen Sinn hat es, darüber zu reden, wenn ich es dir nicht mit dem HoloCell beweisen kann?“
„Ich glaub auch deinem HoloCell kein Wort. Jetzt erzähl.“
„Gut. Wie du willst.“ Marilene lässt sich auf die Polyurethancouch gegenüber von Annas Bett fallen und mustert die zahllosen Edelsteine und Traumfänger, die rundherum von der Decke hängen. „Letzten Monat waren doch die Generalwahlen in der PAmU*. Die regionalen PVGs* haben zwischen zehn und vierzig Prozent der Stimmen bekommen. Die Hälfte der Präsidentschaftskandidaten für alle drei Großbezirke* kommen aus Familien ohne Virenfreie.“
„Ein Glück für die PAmUraner.“
„Das wird sich zeigen. Jedenfalls ging es bei den Wahlkämpfen nicht um Umwelt- und Generationenpolitik, sondern um Verschwörungen. Und niemand wurde zensiert oder festgenommen.“
„Da hab ich aber was anderes gehört.“ Anna wendet den Blick ab. „Die haben da drüben auch Lager für die ‚Gewaltbereiten‘. Da werden sie mit Elektroschocks und Beruhigungsmitteln fügsam gemacht. Das sind Konzentrationslager für die ‚Kranken‘, Marilene! Nur hier heißen sie nicht KKZ, sondern ‚Schutzanstalt‘, damit keine auf die Idee kommt, dass sich das organisierte Männersterben jetzt an uns Frauen wiederholt.“
„Hat Aradhana dir das erzählt?“
„Das weiß doch jede.“
„Es weiß auch jede, dass alle, die eingewiesen werden, eine faire Anhörung bekommen und dass-“
„Fair.“ Anna lacht trocken.
„- eine psychiatrische Behandlung nur stattfindet, wenn mindestens zwei Nicht-Betroffene aus dem sozialen Kernfeld schriftlich einwilligen.“
„Zwei nicht-betroffene Mitverschwörer.“
„Sei bitte nicht so feindselig, Anna. Ich mache mir wirklich Sorgen um dich.“
„Willst du mich auch einliefern lassen? So wie Bonnie? Bin ich zu stur? Nicht zu bekehren?“
„Anna—“
„Behalt deine beschissene Pseudobesorgnis für dich. Nicht-Betroffene, du kannst mich mal. Die Wahrheit ist rausgekommen, so war das. Von wegen SchizoVirus. Endlich haben wir geschnallt, was hier abgeht, was die Reichen, die Regierung, die Konzerne, die Pharmaindustrie, was diese ganzen Reptilianerschweine vorhaben. Die Hälfte von uns konntet ihr ausrotten, aber das wars. So ein Pech. Da war die Macht futsch. Wie fühlt es sich an, auf der Verliererseite zu stehen, Marilene?“
Langsam und sehr vorsichtig erhebt sich Marilene von ihrem Platz. „Ganz ruhig, Anna. Ich werde jetzt gehen, sief?“
„‚Gehen‘, haha.“ Anne lässt sich auf ihrem Bett auf den Rücken fallen. „Du schickst mir die Bullen vorbei.“ grollt sie. „Weil ich ne ‚Gewaltbereite‘ bin. Das hast du mir doch angedroht. ‚Du musst das in den Griff kriegen, sonst kann ich dich nicht länger frei rumlaufen lassen.‘ Und dir hab ich mal vertraut!“

Mühsam die Fassung wahrend stolpert Marilene wenig später auf die vermüllte Straße hinaus. Der Photosmog über dem Außenbezirk der Stadt ist so gering, dass sie einige Satelliten erkennen kann, die am sternenklaren Himmel vorüberziehen. Wenn es so weitergeht wie bisher, werden die meisten dieser Lichtpunkte bald in der Atmosphäre verglühen weil den staatlichen Raumfahrtagenturen noch mehr Gelder gekürzt werden und die privaten Unternehmen vor lauter Sammelklagen wegen ‚Mikrowellenterror‘, Mitarbeit an der ‚New World Order‘ und allem möglichen weiteren Verschwörungsunsinn kaum noch dazu kommen, ihren eigentlichen Geschäften nachzugehen.
Marilene schüttelt den Kopf, als ihr Blick auf die Ruine des Funkturms fällt, die am Horizont über den schwarzen Wald hinausragt. ‚Aufgrund der kontinuierlichen Überwachung aller Datenströme durch das globale Virenschutznetz sind die NeuroInterfaces auch in Verbindung mit der Hyperbreitbandsatellitentechnik vollkommen sicher.‘ – so hatte es geheißen. Keine war auf die Idee gekommen, dass dem sorgfältigen Mitarbeiterscreening der internationalen Virenschutzbehörde ein so wichtiges Detail wie eine aggressiv-anarchistische Überzeugung entgehen könnte.
Doch vor zehn Jahren, zwei Monaten, drei Tagen und einer Handvoll Stunden hatte eine Angehörige der nur lose organisierten GAAWGetYT* ein dreiundzwanzig millionen Codezeilen umfassendes digitales Neurovirus freigesetzt, das fast zweiunddreißig Prozent der Menschheit in einen anhaltenden Verfolgungswahn versetzte. Und mittlerweile wurden geschätzte zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent der Virenfreien durch den ständigen Einfluss der Geschädigten ebenfalls in einen psychotischen Zustand hineingezogen – wurden zu Verschwörungsgegnern.
Marilenes Interface war während der entscheidenden Tage der Virusattacke nicht auf der Erde eingeloggt gewesen, weil sie sich wegen einer beruflichen Angelegenheit in der pan-afrikanischen Marskolonie aufgehalten hatte – sonst wäre sie jetzt wohl genau so verloren wie Anna, Aradhana und Bonnie, wie ihre Mutter, ihre Schwester…
Marilene schließt die Augen und atmet durch, ehe sie ihr HoloCell wieder einschaltet und das CallSign ihrer einzigen nicht-betroffenen Freundin aufruft. Sekunden später flackert Fadias dunkles Gesicht in der Luft über dem HoloCell auf.
„Shalom.“ sagt das Hologramm fröhlich. „Bin grad nicht da – hinterlass mir ne Nachricht, sief?“ Fadias Gesicht wird durch ein Piktogramm ersetzt, das anzeigt, dass Marilene jetzt aufgezeichnet wird.
„Shalom, Süße.“ Sie lächelt tapfer. „Meld dich bald mal wieder. Ich brauch dringend eine zum Reden.“ Hastig beendet Marilene die Verbindung, während ihr nun doch die Tränen kommen. Seit sämtliche Gelder für die Freiwilligeninitiative* letztes Jahr gestrichen wurden, hatte sie kein einziges Supervisionsgespräch mehr, nur ein paar kurze HoloChats mit der KI, die die völlig überarbeiteten öffentlichen Ferntherapeuten unterstützt.
Ein Aeromobil rauscht mit Höchstgeschwindigkeit über Marilenes Kopf hinweg, so dass sie reflexartig die Schultern hochzieht.
Rohstoffknappheit, religiöse Konflikte, die Versklavung der Menschheit durch Roboter, ihre Dezimierung durch eine Seuche – so hatten sie sich die Apokalypse vorgestellt. Doch selbst der Verlust der Männer war glimpflich verlaufen.
Es hatte gut ausgesehen auf der Erde, auf dem Mond, dem Mars, der Leia Organa*, deren Passage der Heliopause vor zwölf Jahren noch groß gefeiert worden war. Doch durch ihre schiere Zahl hatten die Virengeschädigten und Verschwörungsgegner der Politik einen Prioitätenwechsel aufgezwungen, und die Luke Skywalker blieb im geostationären Trockendock über Cape Canaveral.
Marilene hätte damals mitfliegen können. Sie war Nummer 23 auf der Liste der eingeladenen Geoingenieure für die Leia Organa gewesen. Sie könnte jetzt schon so weit weg von hier sein, dass sich die Sonne und der sie umkreisende Wahnsinn bei einem Blick aus dem Fenster in einem Meer von tausenden von Sternen verliert. Doch sie war geblieben; Aradhana zuliebe, die jetzt nichts mehr von ihr wissen will, weil sie glaubt, Marilene wäre eine Agentin irgendwelcher formwandelnder, menschenfressender Reptilianer.
Aufschluchzend reibt sich Marilene die Augen. Dann meldet sie Anna als gewaltbereit.

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*sief: Slang für ‚received‘, ‚empfangen‘; ersetzt seit ca. 2123 das Wort ‚okay‘.
*LEDerne: Slang für LED-Laternen.
*HoloCell: 2×3 Zent-Standardlängen großer Hologrammprojektor, der am Handgelenk oder einer Kette getragen wird.
*PAmU: Pan-American Union – 2132 gegründeter Großstaat aus Süd-, Mittel- und Nordamerika, ausgenommen Alaska, das die Allianz der Inuit- und Aleuten-Rebellen 2066 – kurz vor dem Nördlichen Ölkrieg – zum eigenen Staat erklärte.
*PVGs: Sammelbegriff für die Parteien der Virengeschädigten/Verschwörungsgegner.
*Die drei Großbezirke: Süd-, Mittel- und Nordamerika.
*GAAWGetYT: (ausgesprochen wie ‚Gaaah, get it‘ – ‚Gaaah, hol es dir‘) Global Aggressive Anarchistist Will Get You Too (Globale aggressive Anarchisten werden auch dich kriegen).
*Freiwilligeninitative: Nicht-Betroffene, die Rehabilitationsarbeit an den VGs in ihrem sozialen Umfeld leisten.
*Leia Organa: Erstes einer geplanten Flotte von drei Generationenschiffen (Leia Organa, Luke Skywalker, Padmé Amidala), benannt nach den Heldinnen der 323 Jahre alten cinematographischen Legende ‚Star Wars‘