Feel

 
FSK 16 - Begründung Zeigen

(Nach Motiven von Robbie Williams, bzw. seinem Songwriter)

Ich war unterwegs ins Dorf, um bei Martha’s neuen Drehtabak zu holen.
Ein dunkelgrüner Cadillac kam mir auf halbem Weg entgegen. Er hielt neben mir, und ein knallrot angemalter Mund fragte nach dem Weg zur Ferienfarm.
“Immer geradeaus und dann links, Lady.” murmelte ich.
“Danke, bye!”
Dieses Lächeln fuhr mir direkt in den Bauch. ‘Frauen!’, dachte ich. ‘Allesamt Hexen.’

Wir trafen uns am nächsten Tag frühmorgens wieder. Sie wollte ausreiten, ich war im Stall beschäftigt.
“Guten Morgen!” grüßte sie mich übermäßig freundlich.
Ich knurrte bloß und hielt nicht im Ausmisten inne.
Mit schiefgelegtem Kopf musterte sie mich. “Kennen Sie sich hier in der Gegend aus?”
“Geht so.”
“Ich suche einen netten Reitweg.” Sie stütze eine Hand auf die Hüfte und sah auf ihren Stiefel hinunter, mit dem sie einen liegengebliebenen Hufnagel herumschob. “Eine einfache Strecke; ich habe ewig nicht mehr auf einem Pferd gesessen.”
“Die Straße zum Dorf runter. Vor dem Ortsschild links gehts in einen Tannenwald, rechts haben Sie nach zwei Meilen Hügel und Gras.”
“Ich hatte eher daran gedacht, dass Sie mitkommen. Ich habe einen furchtbar schlechten Orientierungssinn und fürchte, dass ich ohne einen Sherpa nicht zur Farm zurückfinden werde.”
“Nehmen Sie Lane mit, Miss. Der kennt sich besser aus.” Um ihr klarzumachen, dass ich außerdem wichtigeres zu tun hatte, stieß ich meine Forke mit Nachdruck in die dicke Schicht aus Stroh und Pferdeäpfeln zu meinen Füßen.
“Ist das der kleine Kerl mit dem breiten Gesicht?”
“Ja.”
“Der ist mir unsympathisch.” erklärte sie gutgelaunt. “Ich will, dass Sie mich begleiten.”
Stumm verzog ich das Gesicht. Dann griff ich die nun volle Schubkarre und machte mich auf denn Weg zur Stalltür.
Das Weib rannte mir natürlich nach, als würde es sich absichtlich weigern, zu verstehen, dass ich das Gespräch als beendet betrachtete.
“Holly Deverau.” stellte sie sich vor und streckte mir eine schmale Hand mit langen, rotlackierten Fingernägeln entgegen.
“Robert.” gab ich zurück, ohne die Karrengriffe loszulassen.
“Angenehm.” Damit vergrub sie ihre Finger wieder in ihren Jackentaschen und ließ mich ziehen.

In der Nacht hatte es geschneit. Von den Tannen rieselte es wie Weizenmehl, als wir schweigend nebeneinander durch den Wald ritten.
Hollys Parfum waberte süßlich über dem Geruch der Pferde in meine Nase.
Ihre ungeschminkten Lippen waren blass von der Kälte, ihre Augen hatten ein wässriges Blau und ihr Haar war weißblond gebleicht. Die einzige satte Farbe an ihr – die roten Fingernägel – steckten in beigen gehäkelten Fäustlingen.
Der Rest ihrer Kleidung war genau so unauffällig und altmodisch wie diese Fäustlinge, und ich wundere mich immer noch, warum ich Holly in diesem Moment so wahnsinnig schön fand.
“Erzählen Sie mal was.” forderte sie mich unvermittelt auf. “Wo kommen Sie her?”
Ich verbiss mir, sie darauf hinzuweisen, dass sie das nichts anging – weiß der Teufel warum. “Ich komm aus ner verrotteten Kleinstadt. Mutter immer besoffen, Vater ein Hurenbock und Schläger… Schulversager, abgehauen. Sie wissen schon.”
Interessiert sah sie mich an. “Ein Herumtreiber also?”
Schweigen.
“Wie alt sind Sie?”
“Neunundzwanzig.”
“Ich bin vierundzwanzig und studiere Jura. Mommy und Daddy sind sehr stolz auf mich.”
‘Na Glückwunsch.’, dachte ich halbherzig.
“Aber wenn sie wüssten, dass ich mich mit Herumtreibern abgebe, wären sie sehr enttäuscht und würden mir kein Geld mehr fürs Studium schicken.” Ihr Unterton sollte wohl selbstironisch klingen.
“Tja.” machte ich.
“Tja.” machte sie.
Schweigen.
Nach ein paar Sekunden schlichen meine Augen wieder verstohlen in ihre Richtung.
Anscheinend war ich diesmal aber nicht verstohlen genug, denn ihr Mund zog sich plötzlich sehr zufrieden in die Breite. Und als ich mich ihr offen zuwandte, um ihr zu sagen, dass es langsam Zeit wäre, wieder zur Farm zurückzukehren, hatte sie diesen gewissen Blick drauf.
Sie hatte Blut gewittert.

Nach dem Mittagessen kam sie und sah zu, wie ich Holzscheite für den Kamin im Speisesaal hackte. Dabei musterte sie abschätzend meinen Oberkörper unter dem durchgeschwitzten T-Shirt. “Trainierst du?” fragte sie und setzte sich auf meinen ordentlichen Holzstapel.
“Was soll das heißen?”
“Naja, du bist so schön muskulös.”
“Passiert, wenn man sein Brot mit richtiger Arbeit verdient.”
“Ah, du willst darauf anspielen, dass ich von Beruf Tochter bin und mein Studium nicht selbst finanziere?” Fröstelnd grub sie sich noch etwas tiefer in ihre dick gefütterte Lederjacke.
“Kann schon sein.” antwortete ich.
“Wir sprechen uns wieder, wenn du deine ersten paar Semester Jura hinter dir hast.”
“Gehen Sie wieder ins Haus, Miss.” erwiderte ich trocken. “Wenn Sie weiter rumfrieren, erkälten Sie sich nur.”
“Du bist ganz schön hartnäckig.” knurrte sie und stand auf, um im Kreis um mich herumzulaufen.
“Was soll das wieder heißen?”
“Das soll heißen, dass es mich stört, dass du mich dauernd loswerden willst.”
Als ich nur schulterzuckend das nächste Holzstück auf den Hackklotz legte, wurde ihr Blick giftig und sie drehte mir den Rücken zu.
Ich wünschte, ich wüsste, was in ihrem Kopf vorging, während sie so geradeaus starrte.
“Ich habe gehört, dass es im Dorf ein Kino gibt. Ich lad dich ein, heute Abend.” sagte sie ein paar Scheite später über ihre Schulter. Dann machte sie sich auf, um zum Gästehaus zurückzugehen.
“Ich hab keine Zeit heut Abend!” rief ich ihr nach, aber sie tat so, als hätte sie es nicht gehört.

Gegen sieben klopfte es an meiner Zimmertür. Ich war gerade aus der Dusche gekommen und stieg seelenruhig in eine Jeans und ein T-Shirt, ehe ich öffnete.
“Ich leih dir meinen Föhn, dann brauchst du nicht mit nassen Haaren in die Kälte raus.” sagte sie ohne Begrüßung.
Ich antwortete nicht, sondern zog mir einen Pullover über.
“Dann setz dir wenigstens eine Mütze auf.”

Die Luft im grünen Cadillac war von Hollys Parfum gesättigt.
“Den Film, den sie heute Abend zeigen, hab ich schonmal gesehen. Gibts irgendeine Alternative zu Kino in diesem Kaff?”
“Zuhause bleiben.”
“Sowas wie… Bingo oder so? Das ist doch in ländlichen Gebieten so beliebt… hab ich gehört… ”
“Bei Martha’s.” gab ich zu.
“Na, dann auf!” Und ihr rotangemalter Mund lächelte wieder direkt in meinen Bauch – auch in die Hälfte unterhalb des Gürtels.
Ich weiß nicht mehr genau, worüber Holly geredet hat, während der weißhaarige Mister Billing Zahlen in sein Mikrophon nuschelte. Ich weiß nur noch, dass ihre Mundwinkel die ganze Zeit zufrieden in die Höhe wiesen und dass ich mich wohlfühlte, obwohl ihr Blick an meinem Gesicht zu kleben schien, während sie versuchte, mir Antworten aus der Nase zu ziehen.
Als wir wieder in den grünen Cadillac stiegen, hatte ich längst aufgegeben, und als sie in einen Feldweg einbog und mich lange ansah, versuchte ich gar nicht erst, diesen gewissen Drang zu unterdrücken.
Es war über zwei Jahre her, seit ich das letzte mal unbezahlt gevögelt hatte. Holly schien ähnlich ausgehungert zu sein wie ich; jedenfalls gefiel es ihr, dass ich fast schon brutal auf sie losging, bis die Fensterscheiben von unserem Atem und Schweiß beschlugen.
Zurück auf der Farm zog sie mich in ihr Zimmer und wir trieben es nochmal. Aber sanfter. Fast zärtlich.
“Du siehst frustriert aus.” stellte Holly fest, als sie sich zum Schlafen an mich presste. “Verbittert.”
“Ich bin nicht frustriert.”
“Warum siehst du dann aus als wärst du es?”
“Seh ich nicht.”
“Doch.” beharrte sie schläfrig. “Du siehst so aus, du redest so, du küsst so… du hast so mit mir geschlafen.”
“Ich bin aber nicht frustriert.”
Holly hob den Kopf, um mich zu mustern, was ich lediglich fühlte, weil ich die Augen fest geschlossen hielt. “Lebst du überhaupt? Ich meine, lebst du wirklich?”
“Frauen.” stöhnte ich geringschätzig.
“Dabei bist du so ein guter Kerl. Ehrlich.”
“Denk doch was du willst.”

Ich wurde wie üblich um halb sechs wach und betrachtete kurz Hollys Gesicht und ihre nackten Arme in dem schwachen Licht, das von der Hoflaterne ins Zimmer fiel. Dann stand ich leise auf, zog mich an und ging raus, um nach den Pferden zu sehen.
Hollys Geruch klebte an meinem Körper, aber ich hatte nicht den Drang, ihn abzuwaschen.
Ein paar Stunden später stand sie neben mir, an die Tür der Pferdebox gelehnt. “Morgen.”
“Hm.”
“Hast du gut geschlafen?”
Wortlos zuckte ich die Achseln.
“Ich für meinen Teil hatte eine hervorragende Nacht. Besonders der wache Teil war… ” Sie lächelte vielsagend, ehe sie mir ihr Gesicht entgegenreckte und mich anschaute, als erwartete sie, dass ich ihr einen Kuss gab.
Ich sah sie nicht direkt an, und auch als sie näher an mich heranrückte, reagierte ich nicht.
Sie wartete noch ein paar Sekunden, dann verließ sie kommentarlos den Stall.
Mit einem Mal fühlte ich mich elend, aber ich ging ihr nicht hinterher.

Nachmittags besuchte sie mich wieder beim Holzhacken.
“Du und ich… ” sagte sie langsam.
“Was?”
“Wir… ”
“Was ‘wir’? Was willst du von mir?”
Stirnrunzelnd kreuzte sie die Arme vor der Brust. “Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Können wir nicht einmal wie Erwachsene miteinander reden?”
“Ich hab dich nur gefickt. Was gibts da zu reden?”
“Du hast mich… ” Empört stützte sie die Fäuste auf die Hüften. “Erstens, Mister, ficke ich nicht, und ich werde auch nicht gefickt. Und zweitens war das kein ‘Nur’.”
“Was immer du sagst, Lady. Ich habs schon ganz anderen als dir besorgt, aber du bist die erste, die sich drüber beschwert.” Ich hätte Holly nach diesen Worten noch versaut angrinsen sollen, denn als ich mich nur wieder dem Hackklotz zuwandte, durchschaute sie mich.
Sie gab sich einen Ruck und kam näher. “Leg mal die Axt weg.” sagte sie. “Komm schon. Ich tu dir doch nichts.”
“Ich muss hier fertigwerden.” knurrte ich rüde und ließ die Klinge niedersausen. Als ich mich nach einem neuen Stück Holz bückte, drehte sich Holly um und stampfte zum Haus zurück.

Abends kündigte ich, steckte meinen Lohn in die Tasche und verließ die Farm.
Auf dem Weg zum Dorf kam sie mir in ihrem grünen Cadillac entgegen.
Sie fuhr langsam an mir vorbei, so als hoffte sie, dass ich es mir noch einmal anders überlegte.
Aber das Risiko, mich in Holly zu verlieben, war mir einfach zu groß, und wenn diese Geschichte auch wieder in die Hose ging, würde es mich nur noch verkorkster machen, als ich sowieso schon war. Außerdem hätte ich mit Holly nicht mehr so richtungslos umherziehen und von der Hand in den Mund leben können, wie ich es gerne tue. Das war mein Verständnis von Freiheit.
Ich war ein Vollidiot.

  • Bin eben fast wie Zufall auf Deiner Seite gelandet und son bischen bei Deinen Geschichten hängen geblieben. Lesen gehört sonst nicht unbedingt zu meinen favorites. Echt ausm Leben. Sehr geil. Merke garnicht, das ich lese. Beide Daumen nach oben! Mir war irgendwie danach, nen Kommentar abzugeben.
    Bye

    • tine

      Hey, danke dafür :) Freut mich, dass meine Schreibe dich so fesseln konnte!