T*tgeburt

 
FSK 16 - Triggerwarnung Zeigen

Was ist das überhaupt für ein Wort? Ich meine, es ist doch ein Widerspruch in sich. Geburt, das ist Leben und Zukunft und so. Und Tod – klar, sterben müssen wir alle mal, aber doch nicht so!
Totgeburt. Ein halbes Jahr hat sie in mir gelebt. Und dann? Unauffällig, hatte die Gynäkologin immer gesagt. Sieht gut aus. Später lächelte sie mitfühlend. Manchmal passiert so etwas. Es tut mir leid.
Vielleicht habe ich gelacht, als meine Tochter mich getreten hat, dabei war es ein verzweifeltes Zappeln im Kampf um ihr Leben. Dann hat sie sich nicht mehr gerührt.
Totgeburt. Mein Kind war noch gar kein richtiges Kind, als es starb. Als sie starb. Als meine Tochter starb. Noch namenlos. Lea, Anne, Marina. Hanna klingt auch süß. Sie hatte unfertige Augen und Lungen, ein unfertiges Herz, ihre Finger und Hände, ihre Füße und Zehen waren noch viel zu klein.
Wäre sie aus meinem Bauch geflüchtet, vor dem, was sie umbringen wollte, hätte sie auch keine Chance gehabt.
Hätte sie nur ein bisschen länger ausgehalten, nur ein paar Wochen, dann hätte sie leben können, und wäre es auch nur kurz gewesen, nur einen Monat, eine Woche, einen Tag, ich hätte sie mit Liebe überschüttet, ich wäre glücklich gewesen, weil ich Mutter war und sie das Kind in meinem Arm, für einen Tag. Weil ich mein Kind riechen und berühren konnte, weil ich es atmen hören konnte, für einen Tag.
Sie geben dir Medikamente. Du presst einen verfärbten, aufgequollenen kleinen Leichnam aus dir raus. Es tut weh. Die Krämpfe. Du darfst den Leichnam im Arm halten. Still. Reglos. Es fühlt sich nicht real an, sondern als würdest du einen Klumpen Wachs halten. Feuchtes, rot-braunes Wachs, das jemand lieblos geknetet hat, bis es zu etwas annähernd babyförmigem wurde. Zu etwas, das nie geatment hat, niemals atmen wird und nach überhaupt nichts riecht. Darin sollst du dann dein Kind erkennen. Damit sollst du es realisieren. Dass dein Kind tot ist. Davon sollst du Abschied nehmen. Ein Klumpen Wachs. Muttersein, mit einem Klumpen Wachs.
Du gibst der Pflegerin dein Kind zurück, weil das alles einfach keinen Sinn ergibt. Es passt nicht in deinen Kopf oder deine Gefühle und schließlich flüchtest du in eine Vorstellung von deiner toten Tochter, die viel realer ist als die Realität.
Als die Pflegerin alleine wieder ins Zimmer kommt, sitzt du noch immer da, kaputt und traurig, dir ist schlecht, du willst einfach nur sterben. Du fragst, was denn nun schief gelaufen ist, aber sie geben dir ja keine Antwort. Manchmal passiert so etwas eben, murmelt die Pflegerin. Es tut mir leid. Möchten Sie mit einem Seelsorger sprechen? Wo wollen Sie’s begraben lassen? Kind, das steht auf dem Stein. Kind, mehr nicht.
Ja, sagt der Arzt, es kann bei einer Schwangerschaft sehr viel ‘schief laufen’, wie sie es ausdrücken. Sie müssen wissen, dass jedes gesunde oder wenigstens lebensfähige Kind, das das Licht der Welt erblickt, ein kleines Wunder ist.
Wow, antwortest du schwach und drehst den Kopf zur Wand.
Du spürst, wie der Blödmann lächelt. Er wünscht dir alles Gute und Glück fürs nächste Mal, und du weißt genau, wem du aufs Maul hauen wirst, wenn er dir jemals wieder über den Weg läuft.
Totgeburt sagst du am Telefon, und außer dir nimmt keiner das Wort in den Mund. Oh je, Liebes, das ist schrecklich, können wir irgend etwas für dich tun? Immer diese Floskel. Auch von der Tussi vom Vorbereitungskurs für werdende Mütter, zu dem ich gegangen bin, um alles richtig machen zu können. Wenn Sie irgend etwas brauchen… Tussi ließ den Satz auslaufen, als würde er dadurch mehr Bedeutung bekommen.
Ich brauche ein Kind! wollte ich sie anschreien. Mein Kind! Meine Tochter! Ich wollte sie packen und durchschütteln, genau so wie die Weiber vor der Uni-Kita. Kein Bauch mehr, aber kein Kinderwagen zum Ausgleich; fast schon witzig wie ein einzelnes kleines Wort eine Herde Mutterschafe auseinanderstieben lässt. Totgeburt. Aussatz! Unheil!! Schlechtes Omen!!!
Dann stand Dominik vor der Tür, unangekündigt. Druckste rum. Es wär nicht okay gewesen, mich schwanger sitzen zu lassen, und jetzt… Es würd ihn so mitnehmen, dass das Kind… Ich hätte ihm seine halbfertigen Sätze am liebsten um die Ohren geschlagen. Dass unser Kind gestorben ist, sagte ich, und er nickte. Er wolle jetzt für mich da sein, den Fehler wieder gut machen, mich unterstützen.
Keine fünf Minuten war die Tür hinter ihm zu, da war er schon auch wieder draußen. Kurz darauf das Telefon, beste Freundin am anderen Ende, motzt mich an. Sie hätte mit ihm gesprochen, er hätte alles wirklich eingesehen, er wolle mir wirklich helfen, warum ich jeden wegstoßen würde, der das versucht. Motzen kann ich auch.
Und nun sitze ich hier auf dieser dämlichen Parkbank und starre auf ein kleines, dunkelhaariges Mädchen, das heulend im Sandkasten sitzt, weil Ferdinand-Alessandro sein blaues Plastikschäufelchen nach ihr geschmissen hat. Ich habe mich noch nie so allein gefühlt. So leer. So unvollständig. Ich habe einen Teil von mir verloren. Einfach verloren, ohne auch nur darum kämpfen zu können, ohne vorbereitet zu sein. Wie wäre das als Thema für den Schwangerschaftskurs: Was tun, wenn’s schiefgeht? Was tun, wenn mein Kind in mir stirbt? Aber daran wagt ja keiner zu denken. Alles muss immer positiv sein, bloß keine Schwarze Magie. Diese Halbaffen. Wie sie mich anwidern.
Und niemand versteht es. Dass ich nicht drüber wegkommen werde. Dass ich gar nicht drüber wegkommen will. Dass mir ihre scheiß positive Art weh tut. Wie soll man positiv sein wollen, wenn man eine wandelnde Leichenhalle war? Mein Bauch, mein Körper, war eine Leichenhalle! Für mein eigenes Kind und einen kleinen, irrealen Klumpen Wachs, verdammte Scheiße! Verjagt die Leute fast noch schneller als das Wort mit T.
Ich könnte Ferdinand-Alessandros schonend blondierte Mutter fragen, ob sie schonmal eine hatte. Vielleicht geht sie dann weg und hört auf, mir mit ihrem Zigarettenqualm die Lungen zu teeren. Seit einer halben Stunde sitzt sie jetzt schon neben mir, liest die Cosmopolitan und zündet sich eine Kippe nach der anderen an. Das Baby im grünen Kinderwagen darf auch mitrauchen. Vor ein paar Minuten hat es kurz gezappelt und unter seinem bonbonrosa Mützchen hervorgequäkt. Mit tut immer noch der Bauch weh von diesem Geräusch.
Der Fabrikschlot murmelte Ist ja gut, Süße, ruckelte ein paar Mal am Wagen und blätterte auf die Seite mit den Schuh-Trends für den Herbst. Ich frage mich, wie sie das Kind wohl nennt. Sicher auch irgendwas hippes, das kein Mensch als Name verdient hat.
Armes Mäuschen. Ob ihr Vater auch raucht? Ich habe mit dem Rauchen aufgehört, als man mir sagte, dass ich schwanger bin. Mein Nichtraucher-Kind hat nie wirklich gelebt, aber diese qualmende Flanschkuh kriegt gleich zwei.
Das Kind im Wagen hustet und seufzt leise im Schlaf. Mein Bauch krampft sich wieder zusammen und ich verziehe das Gesicht.
Da stampft die Mutter von dem heulenden Mädchen zur Flanschkuh und schleppt sie zum Sandkasten, damit sie ihr Put zur Raison bringt. Aber Ferdinand-Alessandro würde so etwas nie tun. Ferdinand-Alessandro ist gut erzogen, was erlauben Sie sich! Ja, die Mutter von dem Schaufelwurfopfer kriegt eine gehörige Abreibung verpasst.
Aber mir ist das egal. Ich habe nur noch nur Ohren für das Geräusch des Atems, das von meiner Schulter kommt, nur Gefühl für das Gewicht des kleinen Körpers in meinem Arm, für die Wärme, die davon ausgeht.
Ich beginne zu rennen. Biege um Ecken, sehe mich nicht um. Mein Kind schläft weiter. Meine Tochter. Im Weiterrennen lächle ich.
Hanna klingt wirklich süß.

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Gorillaweibchen, die ein Kind verloren haben, versuchen manchmal, einer anderen Mutter ihr Kleines zu stehlen, um ihren ins Leere laufenden Instinkt zu besänftigen.