In Gold gefasst

 
    FSK 16

Sie seufzt und stemmt ungeduldig die Fäuste in die Hüften, während die Spitze ihres linken Pradaschuhs auf den akkurat gekürzten Rasen klopft.
Wo steckt dieser Mann schon wieder? Ihretwegen kann er Golf spielen bis er schwarz wird, aber doch nicht, wenn sie einmal etwas von ihm will! Warum hat sie ihn schließlich geheiratet?
Knurrend lässt sie den Blick über die von der Abendsonne beschienenen Zedern, den Seerosenteich – eine Nachbildung des Sees in Claude Monets Garten – und den weißen Rosenpavillon wandern. Unwillkürlich muss sie lächeln. Diese filigrane Schönheit hat er nur für sie bauen lassen, und auch die Rosen wurden speziell für sie gezüchtet. Vollblättrig, von schwerem, würzigem Duft und schneeweiß – ihre Lieblingsfarbe. Sie tragen ihren Namen, diese hübschen Dinger.
Wenn das kein Liebesbeweis ist! Ganz gleich, was ihre Mutter schimpft.
Seine Liebe ist eben etwas handfestes. Sie besteht aus teuren Geschenken, nicht aus Worten. Und ist das nicht auch viel besser so?
Worte verklingen, ein Blick ist nur ein winziger Moment, aber so ein Rosenpavillon oder ein Teich… so etwas hat Bestand.
Gutgelaunt will sie weitergehen, doch ein Geräusch aus dem Pavillon lässt sie innehalten. Es ist ein leises Kichern – eine Frau und ein Mann. Schon wieder diese verdammten Jugendlichen, die seit Wochen das Grundstück unsicher machen.
Es ist doch zum Auswachsen! Für alles hat ihr Mann sofort Zeit und Geld, aber die Bitte, Stacheldraht über die Grundstückszäune ziehen zu lassen, ignoriert er seit drei Wochen.
“Na wartet! Euch werde ich es zeigen, ihr Vandalen.”, denkt sie entschlossen und presst ihre sorgfältig geschminkten Lippen zusammen. Dann zahlt sich endlich einmal die sündhaft teure Karatelehrerin aus, die er ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hat. Und ihr Hosenanzug von Gucci gewährt genug Bewegungsfreiheit, um ein paar Halbstarke ihr blaues Wunder erleben zu lassen.
Sie marschiert an einer Reihe Marmorstatuetten vorbei zum Pavillon und streckt vorsichtig ihren Kopf über die Brüstung.
Als sie sieht, wer sich tatsächlich da herum-, beziehungsweise es miteinandertreibt, kneift sie die Augen zusammen und zischt leise. Es sind er und die sündhaft teure Karatelehrerin in ebenfalls sündhaft teurer Spitzenwäsche, die nur er ausgesucht haben kann!
Wutschnaubend dreht sie sich um und stampft zum Haus zurück. Er schenkt ihr Unterwäsche! Und die sündhaft teuren Silikontitten dieser sündhaft teuren Karatetussi passen perfekt in das sündhaft teure D-Körbchen!
Vielleicht sollte sie ihre Oberweite auch etwas aufpolstern lassen, damit er aufhört, ihr Geburtstagsgeschenk zu vögeln!
Ach was! Sie reckt das Kinn in die Höhe. Die Höschen stehen ihr immer noch besser als der Karatetussi. Und so einen schönen Po kann man nicht einfach kaufen, den hat man, oder man hat ihn nicht. So ein Pech für die arme Karatetussi.
Schon wieder milde lächelnd sinkt sie auf die Sonnenliege und streift ihre Schuhe von den wohlgeformten, frischpädikürten Füßen. “Kirikó, sei so lieb und bring mir noch eine Piña Colada, meinen Sonnenhut und die neue Vogue. Ach, und ein paar Erdbeeren.”
Kirikó nickt dienstbeflissen. “Sonst noch einen Wunsch, Madame?”
“Ja.” Sie rekelt sich. “Sieh nach, ob du Will auftreiben kannst. Ich brauche jetzt eine Massage.”
“Sofort, Madame.”
Sie sieht Kirikó nach, dann senkt sie ihren Blick für einen Moment auf den Ehering an ihrer rechten Hand. Drei Tolkowsky-Brillanten in einer Fassung aus Weißgold – ein Eigenentwurf.
Als ihre Mundwinkel leicht zu zittern beginnen, reißt sie sich los und konzentriert sich auf das Schauspiel des Sonnenunterganges über dem Meer. Salziger Wind streicht ihr um die Nase, eine Möve zieht weit oben ihre Bahn — Sie versucht, aus vollem Herzen zu seufzen.
Es ist doch wunderbar, einen Mann geheiratet zu haben, der reich genug ist, um sich eine Geliebte leisten zu können, ohne dass sich die Ehefrau dadurch einschränken muss!
Und dank der Erfindung des Ehevertrages wird sich das auch nicht ändern.