Kuwe 05.0: Die Sache mit dem Bildhauer

/ September 12, 2012/ Das Prinzip der Schönheit, Meine Schreibe und ich/ 2Kommentare

Oh yeah, ich habe mal ein tatsächliches, rundes, in sich geschlossenes Ergebnis zu präsentieren. Und das tu ich jetzt. Weil nämlich: Der kleine Serienmörderthriller, den ich als Geschichte in der Geschichte erzähle, ist jetzt endlich fertig ausgebaut, von 7 über 18 auf 26 Seiten hoch. Das nennt sich dann wohl ‚Potenzial ausreizen‘.

Und weil ich so stolz auf dieses kleine Stück Schreibe bin, erzähl ich euch, bis ins kleinste Detail, wie ich das gemacht und was ich mir dabei gedacht habe.

Die Geschichte in er Geschichte lässt sich grob in fünf Epochen aufteilen (der Begriff der ‚Akte‘ passt nicht so wirklich):
1. Klein!Louis entdeckt die Welt der Menschen und versucht, sich einen Reim darauf zu machen.
2. Klein!Louis kommt auf die Idee, Kunstwerke aus Menschen zu machen, erarbeitet sich eine Methode und kämpft mit seinen Ängsten, um seine obsessiven Inspirationen auch umsetzen zu können.
3. Klein!Louis beschließt, dass er mit seiner Kunst auf einer Selbstmordmission unterwegs ist und versucht mit zunehmender Frustration, die Gesetzeshüter dazu zu bringen, ihm trotz seiner unvorhersehbaren Vorgehensweise auf die Schliche zu kommen.
4. Klein!Louis findet eine grad irgendwie noch interessantere Beschäftigung, über die er den ganzen Krempel von wegen Mission vergisst; als er dann wieder an seine ‚Pflichten‘ erinnert wird, macht es klick, er rafft, was los ist und schwört grausame Rache.
5. Klein!Louis nimmt grausame Rache.

In der Urversion ist nur diese letzte Epoche tatsächlich auserzählt. Alles andere wird nur behauptet, t.w. auch an chronologisch unpassender Stelle. Außerdem ist Klein!Louis da noch ein schockierend klischeehafter Serienkiller (ich habe bereits drei Runden in Sack und Asche gedreht und mich schrecklich geschämt; hatte verdrängt, wie schlimm es war; muss immer noch weinen, wenn ich dran denke).

In der Zwischenversion sind Epoche 2, 3 und 4 ausgearbeitet; außerdem habe ich den beiden zentralen Charakteren neben Klein!Louis – Mathis und Sophie Bergerac – eine Persönlichkeit und einen historischen Hintergrund gegeben und *gasp* ihre Ehe erzählerisch existent gemacht; keine schlechte Idee, wenn sie in der grausamen Rache eine zentrale Rolle spielt.

In der finalen Version – ich tu mal so als wäre es unmöglich, dass ich daran noch großartig was ändere – wird nun auch endlich erzählt, wie genau Klein!Louis die Welt entdeckt, und wie zum Henker er auf die Idee kommt, dass es eine total tolle Idee wäre, Leute umzubringen und Kunstwerke aus ihnen zu machen.
Laut meinem Mann versteht man das zwar immer noch nicht, weil er selber nie von A nach B käme, aber ich hab ihm gesagt, dass das auch gut so ist, denn wenn es nicht so wäre, würde er persönlich ja auch Kunstwerke aus Leichen machen und ich steh nicht so auf Fernbeziehungen mit Gefängnisinsassen.

So. Weil ich wirklich wirklich super stolz auf das bin, was ich mir da zusammengeschreibselt habe, kommt jetzt der Teil mit der Präsentation, und zwar szenenweise annotiert.

Für den Kontext: Die ganze folgende Geschichte ist personal, aber streng aus Sicht des Bildhauers, bzw. des Malers, erzählt (für Uneingeweihte: die beiden sind ein und dieselbe Person). Deshalb ist der Stil opulent (so hat mein Mann ihn bezeichnet) und voluminös (so bezeichne ich ihn), und so sind alle Beobachtungen, Erklärungen und Behauptungen zu verstehen, die im Rahmen der Erzählung gemacht werden.

Hinter dem ‚Continue reading >>‘ unten rechts gehts ans Eingemachte:

Die Sache mit dem Bildhauer

Die vielen neuen Eindrücke, die er nach Mutters Tod auf seinen nächtlichen Streifzügen sammelte, trieben in den ersten Wochen zahllose gestalterische Blüten. Doch so großartig sie ihm im Moment ihres Entstehens auch erschienen, so wertlos kamen sie ihm vor, kaum dass er von dem vollendeten Werk zurücktrat. Erst als er sich bei einer Fassadenkletterei den Knöchel verletzte und gezwungen war, einige Tage mit sich allein in einem sicheren Quartier auszuharren, kam er soweit zur Ruhe, dass die Schöpfung in ihm kondensieren und als wahre Inspiration in seine Gedanken hinaufsteigen konnte.
Auch gelang es ihm zunehmend, die schiere Größe der Städte zu fassen, die mit den Abmaßen des Grundstücks in Rouen in keiner Weise vergleichbar war. Es gab dort scheinbar endlose Aneinanderreihungen durchnumerierter Häuser, zwischen denen sich der Wind und mit ihm Geräusche und Gerüche fingen. Manche dieser Häuser ragten unfassbare zehn oder mehr Stockwerke hoch in den Himmel. Dazwischen lagen flach und grau die Straßen, gesäumt von abgestellten Automobilen und dem Trottoir, auf dem sich stets nur Fußgänger aufhielten. Die Straßen liefen zu Plätzen zusammen, deren Weite ihm schon den Atem nahm, wenn er sich nur an ihrem Rand aufhielt, und immer wieder entdeckte er weitläufige, sauber angelegte Gärten mit sandigen Wegen, gestutzten Hecken und Wiesen, überquellenden Blumenbeeten, Brunnen und Statuen, und alles war so groß, so unglaublich groß!
Das Verhalten der Menschen war im Vergleich dazu leicht zu überblicken: Beinahe jeden Morgen gingen zur gleichen Zeit die Lichter in den Häusern an, und wenig später kamen die Männer heraus, um mit ihren Wagen in einen der anderen Bereiche der Stadt zu fahren. Auch Kinder sah er mit Gepäck auf dem Rücken fortgehen, so dass die Viertel für mehrere Stunden den Frauen gehörten. Diese nutzten ihre Freiheit, um die Häuser zu reinigen, Vorräte zu beschaffen und Nahrung für die Kinder zuzubereiten, die um die Mittagszeit kurz nach Hause zurückkehrten. Die Männer fanden sich in der Hauptsache erst abends wieder in den Häusern ein. Nach gemeinsamer Mahlzeit zogen sich erst die Kinder, dann die Erwachsenen in ihre Betten zurück, um zu ruhen, bis mit dem Morgen der Ablauf aufs Neue begann.
Sein Interesse an diesen Vorgängen wurde bald durch eine Faszination für das System von Ampeln ersetzt, deren Lichter die Ströme der Reisenden mal schlecht mal recht regulierten. Dieses Studium ließ ihn auf das Verhalten einzelner Wartender aufmerksam werden. Erst von Hausdächern und Gebüschen, dann – als er herausgefunden hatte, wie leicht es war, übersehen zu werden – von einer Armeslänge Abstand aus, beobachtete er ihre verschiedenen Körperhaltungen und Bewegungsabläufe wenn sie gingen, stehen blieben, sich umwandten und wieder in Bewegung setzten. Um sich längerfristig mit einem bestimmten Exemplar beschäftigen zu können, lernte er, sie anhand ihrer Gesichter zu unterscheiden. Und bald schon fuhr er mit ihnen in ihren Automobilen durch die Stadtteile, in die Vororte hinaus, in die Industriegebiete, verfolgte sie durch Geschäfte, Büros, Lager, Maschinenhallen und vollgestopfte Nutztierställe, zu Förderbändern, Verladestationen, Lastkraftwagen und Zügen, bis er eines Tages erkannte: Die Stadt ist keine Landschaft, mit der sich Menschen arrangieren; sie ist vielmehr die Methode der Menschen, einen Lebensraum unabhängig von seinen klimatischen und geographischen Gegebenheiten zu erschließen. Die Stadt überbrückt mit ihren Warenlagern die Distanz zwischen Erzeugern und Konsumenten, und durch ihren modularisierten Aufbau diejenige zwischen den in arbeitsteiliger Abhängigkeit voneinander lebenden Individuen, zwischen Schlaf und Aktivität, zwischen Bedürfnissen und Notwendigkeiten. Die Stadt drückt aus, was Menschen brauchen und wollen; sie ist eine Kommentierung des Menschen, eine Bloßstellung seiner Funktionsweise, eine grobe, hässliche, begehbare Skulptur seiner Unzulänglichkeiten, seiner Hilflosigkeit und seines Tier-Seins, das sich im tagtäglichen Kampf um den Erhalt seiner rein fleischlichen, langsam verfaulenden Existenz verrät.
Die Inspiration begann, Stadt und Menschen wie ein gnadenlos korrigierender Zerrspiegel auf einander zu reflektieren und mit den Möglichkeiten der Gebäude und Plätze zu spielen. Wie Mannequins setzte sie Menschen da- und dorthin, auch an unmögliche Orte, und brachte Ölfarben, Ton, Papier, Stoff, Pflanzenteile, Erde, Steine, Glas, Asphalt auf ihrer Haut an, so dass sie wie ein Fremdkörper aus ihrer Umwelt hervorstachen oder bis zur Unkenntlichkeit mit ihr verwuchsen.
Er kann sich nicht mehr an den genauen Moment erinnern, in dem alle Fäden in seinem Kopf zusammenliefen. Doch was folgte, sollte sich zu seinem ersten Großprojekt entwickeln.

Annotation

Es war ja sowas von spaßig, zu überlegen, wie eine Stadt auf ein Kind wirken muss, dessen ganze Welt bisher aus einem kleinen Reihenhaus mit Garten dran bestanden hat!!
Es gibt da dieses dichte Netz aus Bedeutungszusammenhängen und willkürlichen Sinnzuschreibungen, das für einen normal erlebenden Menschen aus den zusammengewürfelten Einzelteilen der Stadt ein großes, begreifbares Ganzes macht. Dieses Netz wegzusubtrahieren fand ich zuerst gar nicht sooo einfach. Ich bin zwar selber auch ein ziemlicher Assi und verstehe nicht so 100%ig, was die Gesellschaft denn nun verdammtnochmal von mir will, aber die Radikalität, selbst die Farben und Zyklen der Ampeln semantisch zu demontieren, musste ich doch erst noch bewusst aktivieren.
Ich habe in dem Zusammenhang bewusst keine philosophischen Betrachtungsweisen der Stadt recherchiert, sondern mich auf meine eigene Denke beschränkt, um dem ganzen einen möglichst authentischen naiven Touch zu geben. Es ist ja immer noch ein akademisch in keiner Weise vorbelastetes Kind, das über diese Dinge nachdenken soll. Wenn ich mal wieder Zeit hab, werd ich aber auf jeden Fall nachsehen, was Philosphen, aber auch Städteplaner zu der Sache zu sagen haben.

Dann musste ich mich mit Frage beschäftigen, wie sich das Außenseiterkind den Alltagsrhythmus in einer Stadt erklärt. Wie versteht es das grundsätzliche Kommen und Gehen der Leute, wie die soziale Rollenverteilung – die zu dieser Zeit ja noch deutlich sexistischer war als heute – wie die Aufteilung des Lebens in Arbeit und Freizeit, wie die Aufteilung des Raums in städtebauliche Module?
Hier wird zum ersten mal Klein!Louis‘ monströse Aufnahmefähigkeit und Intelligenz sichtbar. Ein Kind von gerade zehn Jahren, zum ersten mal allein in der Stadt unterwegs, erkennt eine arbeitsteilige Gesellschaft an ihrem Habitat, erkennt den Zusammenhang von Mensch und Lebensraum, fasst das alles in einer ästhetischen Anthropologie des urbanen Lebens zusammen – und es ist keine philanthropische solche, die er da entwirft, sondern eine, die mit jedem Teilsatz mehr Abscheu und Geringschätzung ausdrückt, während sie den Menschen seiner kulturellen Errungenschaften eine nach der anderen entkleidet.

In dieser Analyse und dem Gefühl der Abscheu keimt nun die Inspiration auf; und ‚Inspiration‘ ist etwas, das Klein!Louis wie eine Art Körperfunktion erlebt, eine Naturgewalt, dem Harndrang nicht unähnlich.
Den Übergang von der noch spielenden Inspiration hin zum Schaffenszwang schildere ich nur ganz schwammig; es gibt darin keine gliedernden Aha-Momente. Ist aus meiner Sicht realistisch, denn kontinuierliche Veränderungen erinnert man nur anhand der Momente, in denen der Kontrast groß genug wurde, um die Wahrnehmungsschwelle zu überschreiten. Und wenn es solche zwischenliegenden Kontrastmomente nicht gibt, gibt es auch nichts zu erinnern.

Achso, ja, wenn man sein Leben lang nur vier verschiedene Menschen gesehen hat, fällt es einem schwer, andere Menschen am Gesicht auseinanderzuhalten. Das ist auch der Grund, warum für die Angehörigen einer Ethnie die Angehörigen aller anderen, genügend verschiedenen Ethnien erstmal alle irgendwie gleich aussehen.
Konkret geht das so:
Das Gehirn hat ein auf visuellen Erfahrungen basierendes Schema davon angelegt, wie ein Gesicht auszusehen hat, und innerhalb der Parameter dieses Schemas ist es selbst für kleinste Unterschiede sensibel. Wenn ihm nun zum ersten mal eine Gesichtsform begegnet, die dieses Schema sprengt, registriert das Gehirn nur, dass das Schema gesprengt wurde, und hat schlicht noch nicht die nötige Software parat, darüber hinaus Unterschiede zu erkennen. Es braucht eine ganze Weile, um neue visuelle Erfahrungen zu sammeln, mit deren Hilfe es das Erkenntnisschema ‚Gesicht‘ so erweitern kann, dass es auch die neuen, extremeren Parameter umfasst und in diesen kleinste Unterschiede erkennen kann.

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Die Planung und Vorbereitung des ersten Teilwerkes dauerte mehrere Monate; nicht zuletzt da er die grundsätzliche Frage klären musste, wie er eine Leiche dazu bringen konnte, eine bestimmte Pose einzunehmen und zu halten. Die naheliegendsten Lösungen – natürliche Leichenstarre und implantierte Stützen – waren impraktikabel, allein schon aufgrund des enormen Zeitaufwandes, den die Positionierung dabei mit sich bringen würde.
Er befürchtete schon, sich mit dem Gedanken an aus der Haut ragende Metallstifte anfreunden zu müssen, als ihn eine Schnake, die um seine Kerze herumflog, an ein Experiment erinnerte, das ihm vor einigen Jahren misslungen war.
Durch den günstigen Umstand einer abgesagten Ausstellung hatte er genügend freie Zeit gehabt, um einer seiner persönlichen Leidenschaften nachzugehen: Dem Erfinden neuer Pigmente und Bindemittel. Dabei war eine seiner Versuchsreihen durch eine Schnake verunreinigt worden. Als er die Probe verärgert in den Ausguss schüttete, stellte er fest, dass das Insekt nicht von der Flüssigkeit durchweicht und verklebt liegenblieb; vielmehr behielt es genau die aufgespreizte Haltung bei, in der es verendet war.
Eine Reihe mehr schlecht als recht durchgeführter chemischer Analysen zeigte, dass eines der in der Mischung entstandenen Moleküle die Eigenschaft besaß, mit bestimmten Muskelproteinen eine Verbindung einzugehen, die zu einer Versteifung des Muskels als Ganzem führte, ehe eine Kette enzymatischer Reaktionen ihn als Gemisch aus faserigen Eiweißklumpen, Gewebewasser und blutiger Ausfällung zurückließ. Der versteifende Effekt trat bei einem guten Verhältnis von Protein und Molekül innerhalb weniger Minuten ein und hielt – abhängig von der Umgebungstemperatur – für zwölf bis fünfzehn Stunden an. Als Bindemittel war der Stoff völlig unbrauchbar gewesen, doch als Fixiermittel für Leichen konnte er sich durchaus eignen – ein Fixateur intern; Fixin.
Das Experiment von damals zu rekonstruieren, gelang ihm schneller als er erwartet hatte, doch als er einer lebenden Ratte eine Lösung des Moleküls injizierte, stellte sich heraus, dass die Muskelversteifung mit starken Schmerzen verbunden war. Jedenfalls schrie und zuckte das Tier erbärmlich, bis er es über sich brachte, es zu erschlagen. Er versuchte verschiedene schmerzdämpfende Mittel, doch alle schienen durch das Fixin in ihrer Wirksamkeit beeinträchtig zu werden. Selbst im Heroinrausch litt sein jeweiliges Versuchstier schwer und musste getötet werden, ehe das Fixin alle Muskelgruppen versteifen konnte.
Der Rückschlag traf ihn hart. In seiner Wut zerstörte er das Labor, das er zuvor so mühsam ausgerüstet hatte, und zerfetzte sämtliche Aufzeichnungen.
Dabei war die Lösung so einfach: Seine Stimme. Wenn er sie benutzen konnte, um von den Menschen übersehen zu werden, warum sollte er dann nicht auch in der Lage sein, sie Schmerzen übersehen zu lassen?
Einige Versuche mit einem Obdachlosen und einer brennenden Kerze erbrachten den Beweis, dass seine Vermutung falsch, doch nicht gänzlich unnütz war: Statt einer Ablenkung musste er eine kataleptische Bewusstlosigkeit herbeiführen, in der sein Objekt auf keine gewöhnlichen Reize mehr reagierte, sich jedoch aufrecht hielt, so dass er es wie eine Wachsfigur verbiegen konnte.
Nun musste er nur noch die Präzision und Ausdauer seiner Stimme verbessern – eine geradezu lächerliche letzte Hürde vor dem Beginn der eigentlichen Arbeit.

Annotation

Diese Szene war ein bisschen problematisch, weil mir hier zum ersten mal aufgefallen ist, dass es immer noch einen klaren Unterschied zwischen den sprachlichen Möglichkeiten des Bildhauers und denen des Malers gibt. Problematisch (für den gesamten Text) ist das deshalb, weil ich mich nun entscheiden musste, ob ich die sprachliche Begrenztheit des Bildhauers durchscheinen lasse – seine Denkprozesse haben ja in begrenzter Sprache stattgefunden, und wenn ich diese direkt beschreibe… – und wenn ja, in welchem Ausmaß. Es könnte durchaus missverständlich und wie ein versehentlicher Stilbruch wirken, wenn ich Bildhauer-Formulierungen unter die Maler-Formulierungen mische.
Ich habe mich dann darauf geeinigt, dass ich Idiome übernehme – also Begrifflichkeiten, die er Bildhauer selbst entwickelt hat – aber ansonsten dem Diktus des Malers den Vorzug gebe. Damit muss ich zwar auf einige ganz reizvolle Ausdrucksweisen verzichten, aber hey, welche reizvolle Ausdrucksweise ist es wert, dafür eine Szene zu versauen? Außerdem ist es noch viel reizvoller, das impulsive, naive, teils unsortierte Denken und Empfinden des Bildhauers in Malersche Worte zu kleiden; als würde ich das Kind in den Frack des Erwachsenen stecken.

Mir war es außerdem wichtig zu zeigen, dass Klein!Louis keine bösartige Lebensform ist. Er führt zwar Tierexperimente durch, aber es nimmt ihn doch mit, wenn sein Versuchstier leidet, und es fällt ihm nicht leicht, es direkt zu töten. Er befindet sich irgendwo in einer kruden Grauzone zwischen empathisch und empathielos, mit einem sehr komplexen System von Bedingungen für seine jeweilige ethische Entscheidungsfindung.

Der Übergang von ‚Wutausbruch weil es nicht so klappt wie er will‘ zu ‚Ach ich sing einfach tralala und dann gehts schon‘ ist ziemlich kurz gehalten und ich bin mir immer noch nicht so sicher, ob mir das gefällt. Das Problem ist halt, dass es auf Dauer zäh zu lesen wird, wenn ich jeden von Klein!Louis‘ Lernschritten in seinen Details darstelle. Dazu kommt, dass die Methode ja sehr wohl erklärt wird, halt in der nächsten Szene, in der es einen viel signifikanteren Anlass gibt, der zudem noch in seiner Gänze sehr detailreich geschildert ist.

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Eins, wie er sie später nannte, war klein für eine Erwachsene, aber vollendet proportioniert. Ihr Haar war von einem schweren Kastanienbraun und fiel über Schultern, deren südländisch dunkler Teint vom Mondlicht versilbert wurde.
Ihre Augen blieben geschlossen, dennoch stolperte sie nicht, während er sie an der Hand in seinen eigens für dieses Werk eingerichteten Arbeitsraum führte. Alle nötigen Materialien lagen auf einem Tisch bereit, geordnet in der Reihenfolge, in der er sie brauchen würde -Pigmente, Bindemittel, Schalen zum Anmischen, weißer Stoff, eine Schere, bereits gequollener Hasenleim, Glycerin, ein Gasbrenner, verschiedenste Pinsel, und schließlich eine Kamm und Klemmen für ihr Haar, sowie eine Aderpresse und eine luftdicht verschlossene, arretierte Spritze mit dem Fixin.
Ein gut organisierter Arbeitsplatz war schon immer Voraussetzung für die vollständige Entfaltung seiner Kreativität gewesen, denn nur Ordnung garantierte einen reibungslosen Ablauf. Entsprechend missmutig verfluchte er den Pinsel, den er mitten in einem Arbeitsgang aus Versehen vom Tisch stieß. Das dumme Ding rollte natürlich ein ganzes Stück unter den Tisch, und während er hinterherkrabbelte, vergaß er zu singen. Prompt entglitt Eins seiner Kontrolle.
„Ich — ich habe -“
Er stieß sich an einer der Tageslichtlampen, als er auffuhr, um Eins schweigend anzusehen.
„Da waren lauter Mohnblumen — bis zum — Horizont.“
Verärgert rieb er über die schmerzende Stelle an seinem Hinterkopf und begann wieder zu singen, während er noch etwas mehr hochrotes Pigmentgemisch in das Schälchen löffelte, an dem er eben arbeitete. Er hielt er inne. „Du hast Mohnblumen gesehen?“
„Hm.“
„Ich habe dir nicht gesagt, dass du Mohnblumen sehen sollst.“ Tatsächlich hatte er nur nach dem Schema gesungen, von dem er wusste, dass es Menschen träge und benommen macht; Halluzinationen waren darin nicht vorgesehen. Allerdings hatte er sich nicht die ganze Zeit auf seinen Stimme konzentriert, sondern vor allem auf die Farbe. „Habe ich dir gesagt, dass du was rotes sehen sollst?“
„Ich weiß nicht.“
„Aber du musstest an was rotes denken?“
„Hm.“
„Mohnblumenrot?“
„Mohn.“
„Und kein — Kirschrot? Oder Johannisbeerrot?“
„Ich — mag — mag keine Kirschen.“
Er legte den Kopf schief. „Aber Mohnblumen magst du?“
„Hmm.“ Gähnend wollte sie sich das Gesicht reiben, doch er schlug ihre Hände beiseite.
„Lass das.“
„Wer bist du?“
„Niemand.“ Er nahm seinen Gesang wieder auf, was Eins die Augen schließen und gegen die Stuhllehne zurücksinken ließ. „Nein, eigentlich-“ unterbrach er sich kurz. „Eigentlich bin ich ein Künstler. Ein Bildhauer.“ Und so könnte er sich nennen, nicht wahr? Denn er brauchte dringend einen neuen Namen. Seit seine Kindheit vorbei war, konnte er mit ‚Ludwig‘ nichts mehr anfangen. Der ängstliche kleine Junge war gestorben. Es gab ihn nicht mehr. An seine Stelle war ein anderer getreten, ein junger, starker Rebell, der sich von niemandem Vorschriften machen ließ; ein Künstler, der keine Grenzen anerkannte. Auch seine eigenen nicht.
Zufrieden machte sich der Bildhauer daran, die Pigmentpalette fertigzustellen, wobei es ihn Mühe kostete, nicht über seinen neuen Namen oder das eigentümliche Phänomen der Mohnblumen nachzudenken. Auch während er den Stoff zuschnitt und auf Eins‘ Haut leimte, musste er sich zur Sorgfalt zwingen, und vor dem Bemalen der unbedeckt gelassenen Areale drohte er sich an, alles noch einmal abzulösen, sollte durch seine Hast zuviel Farbe in den Stoff dringen. Mit Eins‘ Frisur und dem Faltenwurf ihres Rockes plagte er sich genau so. Kritisch marschierte er schließlich noch einmal um seine Arbeit herum, besserte nach, bis er nichts mehr verbessern konnte, schluckte den Ärger über die unrettbaren Patzer hinunter und war dankbar, gleich etwas zu haben, mit dem er sich ablenken konnte.
Hochrot. Mohnblumen. Musik und innere Bilder.
Er entschied, diesmal ein Schälchen grüner Pigmente als Fokalpunkt für seine Aufmerksamkeit zu verwenden. Auf diese Weise wollte er ausschließen, dass Eins etwas rotes sah, ungeachtet dessen, worauf er sich beim Singen konzentrierte.
Im Schneidersitz kauerte er sich vor ihr auf den Boden und begann, mit einem Glasstab in dem grünen Pigment herumzuspielen. ‚Grün.‘ dachte er. Tiefes, smaragdenes Grün. Licht- und Schattenspiel auf der Oberfläche des feinen Pulvers.
Er gab sich Mühe, keinen bewussten Einfluss auf seinen Gesang zu nehmen. Anfangs fiel ihm das schwer, auch weil er mit einem mal fürchtete, so tief in Gedanken zu versinken, dass er vergaß, überhaupt zu singen. Doch schließlich verlor er sich singend in der Farbe, in grünen Gedanken, grünen Gerüchen, dem Gefühl inmitten grüner Dinge zu sitzen. Gräser, Sträucher, Bäume, Blattwerk, durch dessen Schatten einzelne Lichtflecken tanzen, hin und her geschaukelt von der wispernden Luft. Vogelstimmen, Geraschel im Laub, Sérafines helle Stimme Oh weh, jetzt hab ich mir den Rocksaum eingerissen…
Er dachte eine ganze Weile an Sérafine, ehe er sich seiner Abschweifung bewusst wurde und das Experiment verärgert abbrach. Sicher würde er nun keine aufschlussreichen Antworten von Eins bekommen und sein geplantes Werk würde schlechter als nötig werden, weil es ihm heute nicht noch einmal gelingen würde, seine Wut zu unterdrücken. Er würde sich nicht konzentrieren können und alles verhunzen, nur weil er zu dumm war, einer ganz einfachen Aufgabenstellung zu folgen!
Zornig sprang er auf, um vor Eins hin und her zu gehen. Vielleicht wäre es besser, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Was er nicht weiß, kann ihn auch nicht von der Arbeit ablenken — Ach nein, versucht er sich zum Narren zu halten? Als könnte er jemals Ruhe geben!
Als er sich Eins zuwandte, stellte er fest, dass ihre Hände zu Fäusten geschlossen und ihre Zähne zusammengebissen waren. Er runzelte die Stirn. „Bist du sauer?“
„Ich habe eine schlechte — eine schlechte Note bekommen — obwohl ich so viel gelernt habe.“ Mit zum Schmollmund verzogenen Lippen sah sie ihn an. „Ich habe die Aufgabe nicht verstanden, die war viel zu schwer. Und ich-“ Sie brach ab, um sich verwirrt umzusehen.
Rasch begann der Bildhauer wieder zu singen. „Was war davor?“ erkundigte er sich, bemüht, auch während dieser Worte die Kontrollwirkung seiner Stimme nicht abreißen zu lassen.
„Was war davor.“ echote Eins.
„Du sollst mir sagen, woran du davor gedacht hast. Hast du was gesehen?“
„Ich — ich weiß nicht, ist hier ein Wasserfall?“
Ungeduldig kreuzte der Bildhauer die Arme vor der Brust. „Du hast einen Wasserfall gesehen?“
„Nein — Da war ein Wald.“
„Und was noch?“
„Wir sind spazieren gegangen und alles dreht sich, alles-“ Sie blinzelte, neigte sich leicht vor und stellte ihre Füße weiter auseinander, als wäre ihr schwindelig. Mit einer Hand wollte sie an ihren Kopf fassen, doch wieder war der Bildhauer schneller.
„Lass das! Lass die Hände auf deinem Schoß.“
„Die Hände auf deinem Schoß.“
„Du hast einen Spaziergang gesehen?“
„Meine Cousine — wohnt jetzt in England.“
„Deine Cousine?“
„Sie hat ein schönes grünes Kleid. Ich will auch so eins, aber in Rosa.“ Eins seufzte. „Ich mag Rosa lieber als Grün.“
„Du hast also einen Wald gesehen und ein grünes Kleid?“
„Wir haben im Wald gespielt — Nein — wir waren — Es war ein Spaziergang und-“
„Das reicht.“ Der Bildhauer grinste breit. Erst Rot, jetzt Grün. „Danke schön.“ sagte er artig.
„Danke schön.“ wiederholte Eins. „Bitte sehr.“

Annotation

In dieser Szene kommt das mit der ethischen Missgeburt nochmal zum Tragen und meine Absicht ist, dass sie zugleich niedlich und bizarr wirkt. Der ästhetisch frühreife Klein!Louis bearbeitet sein erstes Opfer. Er wirkt hier nicht wie ein Schlächter, sondern wie ein sanftes kleines Monster, und es scheint auch nicht, als müsse er die Menschlichkeit und Lebendigkeit seines Opfers leugnen, um zu seiner Tat in der Lage zu sein; im Gegenteil – in der nächsten Szene sucht der Kleine sogar das Gefühl, in seinem Opfer einen Menschen vor sich zu haben, um besser mit seinem selbstgemachten Leistungsdruck umgehen zu können.
Man muss wahrscheinlich ein bisschen was über Psychologie wissen, damit man diesen Punkt in seiner ganzen Tragweite wahrnehmen kann (üblicherweise brauchen Gewaltverbrecher eine Entmenschlichung ihrer Opfer, um ihre Taten begehen zu können), aber es war mir sehr wichtig, das einzubauen und nochmal zu betonen, wie tief in der ethischen und empathischen Grauzone Klein!Louis eigentlich existiert.

Impliziert in diese Sache ist meine Vorstellung, dass unser moralisches Empfinden zwar aus unserer Empathiefähigkeit erwächst, dass seine konkrete Form aber das Ergebnis einer sozialen Lernleistung darstellt, die nur durch eine bewusste, intellektuelle Durchdringung desselben Problems ersetzt werden kann.
Psychologisch fundiert ist das einmal in der Gegenüberstellung von kulturrelativen und kulturuniversellen moralischen Grundsätzen, und dann noch in den Beobachtungen von moralischer Meinungsneubildung, die man bei der Dekonversion aus einem religiösen Weltbild mit von Autoritäten unkritisch erlernten Moralvorstellungen machen kann.
Also: Ein Mensch kann so empathisch sein wie er will – wenn er der Empathie widersprechende Grundsätze erlernt hat, wir sein Verhalten wahrscheinlich nicht der Empathie folgen. Erst durch bestimmte Denkschritte, die die erlernten Grundsätze hinterfragen, kann sich diese Empathie in seinem moralischen Empfinden und seinen expliziten moralischen Handlungen zeigen.

Als zweiten Coup (Hahaaa!) habe ich hier den Bildhauer in einen klaren Kontrast zu Joanna gestellt, und zwar dahingehend, dass Joanna immerzu mit der Welt um sie her kommuniziert, sowohl mit Tieren, als auch mit unbelebten Gegenständen. Sie tut das nicht, weil sie eine Laberbacke ist, sondern weil sie die Welt als etwas Interaktives erlebt, etwas, mit dem sie in Verbindung steht, das auf sie reagiert und in dem sie gern Reaktionen hervorruft. Der Maler – aber eben auch schon der Bildhauer – lässt hingegen fast sämtliche der Gelegenheiten zur Kommunikation mit der Welt verstreichen, die Joanna freudig genutzt hätte.
Er ist so ein Mensch, der einen ständig in unbehaglichem, peinlichem Schweigen dastehen lässt, wenn man versucht, locker und humorvoll mit ihm zu plaudern. Nicht nur, weil er die Witze und Idiome einfach nicht versteht, sondern auch weil er die ganzen gutturalen Eingangsbestätigungs- und Zustimmungslaute nicht macht, an die man in dieser Kommunikationsform so überlicherweise erwartet.

Dann gibt es einen kurzen Enblick darein, wie Klein!Louis sich selbst in diesem Moment wahrnimmt. Er empfindet sich als rebellisch und stark, was durchaus zu erwarten war. Seiner vergangenen Identität steht er jetzt distanziert gegenüber, auch wenn Ludwig und der Bildhauer bis auf eben ihr Selbstverständnis und den Grad ihrer Angst vor Menschen vollkommen identische Personen sind.

Ein weiterer inhaltlicher Punkt dieser Szene sind die Impulsivität und Unkoordiniertheit des Denkens und Empfindens, die der Bildhauer die ganzen Epochen hindurch zeigen wird. Er ist definitiv kein ADS-ler, aber seine grundsätzlich zwanghafte Funktionsweise führt dazu, dass es ihm nicht nur in emotionaler, sondern auch in intellektueller Hinsicht an Selbststeuerungsfähigkeit mangelt.
Das ist einer der vielen Punkte, an denen wir einen stattgefundenen Reifungsprozess sehen können, wenn wir uns Klein!Louis heute ansehen. Er ist weiterhin zwanghaft unterwegs, aber lange nicht mehr so ungebremst wie noch vor 40 Jahren, und auch seine Flashbacks und sonstigen Trigger hat er zumindest ein bisschen zu regulieren gelernt, wenn auch durch vorwiegend dysfunktionale Methoden.

Achso, wer das mit dem Wasser rafft, gewinnt das Internet :D

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Es bedurfte einiger Anstrengung, die Freude über das Gelingen seines Experimentes nicht überhand nehmen zu lassen, oder den vielen neuen Fragen und Ideen nachzugehen, die sein Hirn sogleich zusammenspinnen wollte. Dennoch erreichte er die gut geschützte Stelle nahe des für sein Werk auserkorenen Ortes innerhalb des Zeitplans. Hier senkte er Eins so tief in die Bewusstlosigkeit herab, dass sie gerade noch fähig sein würde, ihm zu folgen, wenn er kräftig an ihrem Arm zog. Den Ausdruck auf ihrem Gesicht hatte er unterwegs bereits derart forciert, dass sie ihn auch ohne weitere Manipulation beibehielt.
Aufmerksam spähte er auf die Straße hinaus, lauschte mit geschlossenen Augen — er hörte, wieviele Autos sich aus welchen Richtungen näherten, wieviele Fußgänger noch in den nahen Seitenstraßen unterwegs waren, fühlte sich in den Rhythmus der Ampelschaltung an der nächsten Kreuzung ein, die ihm immer wieder ein Zeitfenster von beinahe einer vollen Minute eröffnete, in dem er sicher sein konnte, nicht von Scheinwerfern gestört zu werden. Schließlich zog er die Aderpresse um Eins‘ Arm fest und injizierte ihr das Fixin.
„Du musst dich jetzt anstrengen.“ flüsterte er ihr zu, während er ihr die Schlinge wieder abnahm. Eins war nicht in der Lage zu antworten – sie hatte seine Aufforderung sicher nicht einmal wahrgenommen – aber er spürte, wie es ihn beruhigte, so zu tun, als lastete die Verantwortung für das Gelingen dieser Arbeit nicht allein auf seinen Schultern.
Drei Autos fuhren vorbei, vier, fünf, ein sechstes und siebtes folgte mit Verzögerung, dann war der Moment gekommen. Eins‘ Hand fest in seiner führte er sie über die Straße, ließ sie ohne Probleme den Bordstein erklimmen und setzte sie dann auf die Bank am Rand der gekiesten Allee zwischen den beiden Fahrstreifen. Ihr Gesichtsausdruck hielt sich wie eingemeißelt, ihr Rücken krümmte sich, wie der Bildhauer es wollte, nur ihre Handhaltung machte ihm Sorgen. Mehrmals musste er ihre Finger aufbiegen, um sie zu entspannen, ehe sie endlich in der Position verblieben, in der er sie haben wollte. In seiner Aufregung verlor er den Überblick über die Zeit und legte rasch eine Hand an Eins‘ Hals, um ihren Puls zu überwachen. Mit dem Wirkeintritt des Fixin würde er sich beschleunigen; war Eins zu diesem Zeitpunkt nicht so tief in ihrem komatösen Zustand versenkt, dass sie gerade noch lebendig zu nennen war, bestand die Gefahr, dass der Schmerz sie zu einer Bewegung veranlassen und das Werk zerstören würde.
Schon war es soweit. Das träge Klopfen unter seinen Fingerspitzen wechselte von einem Herzschlag auf den nächsten in ein gehetztes Stakkato. Eins starb, hier unter seinen Händen. Im selben Moment begann auch das Herz des Bildhauers zu rasen, in unerklärlicher Panik, immer schneller, immer wieder für eine unerträgliche Sekunde aussetzend, dann einen Schlag herauszwingend, so gequält und angestrengt, dass es weh tat. Er versuchte zu atmen, doch es war, als wären seine Lungen eingeschnürt. Ludwig war da, schrecklich nahe bei ihm, an Rippen geklammert, er flüsterte, sie ist tot sie ist tot sie ist tot sie ist tot, jedes tot wie das Schnalzen des Rohrstocks, und er hörte nicht auf und ließ nicht los, selbst als es der Bildhauer längst zurück in sein Versteck geschafft und sich zitternd unter seiner Decke verkrochen hatte.

Annotation

So, das war eine schwierige Entscheidung. Der Maler hat Probleme mit Flashbacks und anderen intrusiven Gedanken und Gefühlen. Natürlich sind nicht alle negativen Erinnerungen gleich mächtig, was ihre Fähigkeit angeht, Kontrolle über sein Bewusstsein zu erlangen, aber Erinnerungen, die mit Irène zu tun haben, habe ich an mehr als einer Stelle als stark intrusiv und immersiv beschrieben.
Wie kann ich nun hier hingehen und die Erinnerung an einen Irène-Flashback einfach so durchlaufen lassen?
Antwort: Tu ich ja gar nicht. Das ist nämlich gar kein Irène-Flashback, sondern ein Ludwig-Flashback.
Bedeutet was? Ein Irène-Flashback handelt konkret vom Mord an Irène. Ein Ludwig-Flashback handelt nur von Ludwigs Reaktion auf den Mord, und da sie hier nur erinnert wird, ist das sozusagen ein Spiel über doppelte Bande. Das klingt jetzt so beim Hingucken wie Haarspalterei, aber das traumatisierte Gehirn kann tatsächlich ebenso haarspalterisch sein wie es verallgemeinernd sein kann.

[collapse]

In den kommenden Wochen mied er den Gedanken an Eins, denn schon die flüchtigste Erinnerung an diese Nacht reichte aus, damit sich Puls beschleunigte und aus dem Takt kam. Er zeichnete pausenlos, experimentierte mit seiner Stimme herum, um sich abzulenken, übte die Art von Erinnerung und – etwas später – Phantasie zu steuern, die er mit seinem Gesang provozierte. Auch las er viel über Menschen und ihre Psyche, über Mathematik, die Naturwissenschaften, Kompositionslehre, entdeckte Gedichte und Lieder und eine völlig neue Art, Sprache zu verwenden. Bald rückte die Erinnerung in eine gewisse Ferne – doch die Inspiration der Menschenwerke ließ ihn nicht in Ruhe.
Wann immer er sein Winterquartier im Heizungskeller der Bibliothek Breil-Malville in Nantes verließ, um Wasser, Nahrungsmittel oder einen neuen Stapel Bücher zu organisieren, begegnete er jemandem oder etwas, einem Gesicht, einem Anblick, Sekunden einer bestimmten Atmosphäre, die die Bilder in ihm anstießen.
Glas. Bald wollte alles an ihm Glas. Seine Hände wollten es schneiden, über einer Flamme biegen und zurechtschleifen, seine Haut wollte, dass es einen Körper umschwebte wie eine poetische Beschreibung, seine Bauch wollte es in zarten, floralen Formen über gewölbten Ebenen schwingen lassen, seine Brust wollte, dass es magische Farbenspiele atmete, seine Augen wollten trügerisch verborgene Starre und Unnachgiebigkeit. Und sein Verstand wollte einen Zyklus von Werken, die wie die Sätze einer Erzählung eine Fülle zeigten, an der ein einzelner Satz, ein einzelnes Werk, scheitern musste.
Bald fühlte sich sein Kopf an wie ein Staudamm, und der Fluss in ihm schwoll und schwoll und schwoll immer weiter. Es wurde schlimmer als damals, als er diese Kraft nur während seiner Malarbeiten bändigen musste. Er meinte zu hören, wie seine Schädelknochen unter dem Druck ächzten, spürte, wie sie sich verformten und rissig wurden, bis er den Schmerz kaum noch ertrug. Auch sein Bauch verkrampfte sich, um all die Bilder ertragen zu können, die dicht an dicht gedrängt in ihm warteten, und seine Hände wurden so rastlos, dass er kaum noch wusste, wohin mit ihnen.
Je schlechter es ihm ging, desto blasser wurde die Erinnerung an die Schrecken, die er bei der Erschaffung von Eins durchleben musste; und schließlich ergab er sich dem Schmerz, der näher und realer war.
Seine quälenden Symptome ließen nach, kaum dass er eine erste Handvoll Entwürfe gezeichnet hatte. So nahm er sich reichlich Zeit, sich ein umfangreiches Wissen über die Glasverarbeitung anzulesen, ein ausreichend geräumiges Versteck zu finden, es mit Gerätschaften, Werkzeug und Material auszustatten und seine theoretischen Kenntnisse durch zahllose Übungen in handwerkliche Fertigkeit zu übersetzen.
Als es schließlich an der Zeit war, eine Frau und einen Ort zu suchen, war auch der Frühling längst vorüber.

Annotation

Der Anfang dieser Szene soll erklären, wie aus dem stotternden, sprachlich zurückgebliebenen kleinen Jungen, den Sérafine später beschreiben wird, das neunmalklug daherschwafelnde Balg werden konnte, das sich in der letzten Epoche mit Bergerac und Co anlegt.
Dass Klein!Louis extrem schnell lernt, habe ich früher schon etabliert, und hier kommt noch dazu, dass er sich ganz bewusst (unter anderem auch) mit Sprache beschäftigt, um sich von einer belastenden Erinnerung abzulenken.
Ich hoffe einfach mal, dass das ausreicht, um den Entwicklungssprung zumindest plausibel zu machen.

Ich hoffe, dass in dieser Szene außerdem rüberkommt, wie tief das schöpferische Begehren in ihm verwurzelt ist und wie sehr er sich in dem Gefühl auflöst, ob er es nun will oder nicht. Es hat ein bisschen was von alter Literatur, so die Bücher, in denen sie immer gleich sterbenskrank werden, wenn irgend etwas auch nur ansatzweise psychisch belastendes passiert.
Das ganze soll übrigens kein Rechtfertigungsansatz für seine Morde sein – die moralische Qualität einer Handlungen verändert sich nicht durch die Motive, die sie hervorgebracht haben – es soll nur zeigen, dass sein ganzes Sein in Aktion ist, wenn er sich auf ein Werk zubewegt; und dass diese innere Aktivität nicht destruktiv oder hasserfüllt ist.

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Natürlich hatte seine Angst vor einem zweiten Anfall nicht abgenommen, und zu einem besseren Verständnis des Ereignisses war er auch nicht gelangt; er stand noch immer mit leeren Händen da, den unheimlichen Tiefen seiner Psyche ausgeliefert. So wankte seine Entschlossenheit beträchtlich, während er in der Abenddämmerung auf Zwei wartete. Er könnte das Werk aufschieben, nur ein bisschen, bis es nicht mehr anders ging, oder bis er den Mut gesammelt hätte, sich Ludwig zu stellen und ihn zu fragen, was ‚Sie ist tot‚ bedeutete. Doch damit hielt er bloß sich selbst zum Narren. Er würde es niemals wagen, Ludwig zu konfrontieren. Ihn schauderte bei der bloßen Vorstellung und sein Magen wollte sich umstülpen. Es gab keinen anderen Weg, als das Unheil über sich hinwegziehen lassen, wie die Schläge und die Beschimpfungen der Vergangenheit. Das Unheil würde vergehen, er aber würde weiterleben.
Und so geschah es auch. Nein, viel mehr noch; er konnte die Schöpfung genießen. Er beherrschte das Glas so gut wie die Farben, das spürte er. Er brauchte seinen Verstand nicht. Er konnte sich fallen lassen, und die Schöpfung wogte durch ihn wie ein Ozean, unendlich tief und dunkel und machtvoll, und er trieb in der Strömung dahin, geschwind und willenlos wie ein kleines Tier. Schmerz und Panik trafen auf etwas, das sich gar nicht mehr wehren wollte, das geschmeidig den Gefühlen folgte, und er war sich selbst zugleich nah und sehr fern, während er sich in seinem Notversteck schluchzend, dem Erbrechen nahe in eine Ecke drängte.

Annotation

Es besteht ein klarer Unterschied zwischen dem Schaffensprozess des ersten und zweiten Werkes.
Bei Eins sehen wir, wie er arbeitet, ohne vom Gefühl her wirklich dabei zu sein. Das liegt vor allem daran, dass ihn seine Gedanken aus der Konzentration gerissen haben und es ihm schwer fällt, den Zustand wiederherzustellen. Bei Zwei läuft die Sache ganz anders, vielleicht auch, weil er sich in der Arbeit versenken will, um sich von seiner Angst abzulenken.

Ich bin ganz froh mit der Entscheidung, Zwei nur anzudeuten. Das wichtigste, nämlich Klein!Louis‘ Gefühle, sind ausreichend dargestellt, und wie Zwei wohl aussehen dürfte, ist durch die Beschreibung der Vorbereitungen klar genug.
Es geht auch gar nicht so sehr darum, wie die Arbeiten letztendlich aussehen. Es ist sogar irrelevant. Das Konzept zählt, und das habe ich im Detail erklärt.

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Den Rest des Jahres 1969 verbrachte er damit, von Ort zu Ort zu streifen, ohne sich viele Gedanken darüber zu machen, in welche Himmelsrichtung er sich am nächsten Tag wenden würde. Mitte des Sommers schuf er ohne Zögern ein Werk in Tours, im August eines in Blois. Mit dem ersten Frost bescherte er auch Fontainebleau eine Arbeit, und dort wurde dem Bildhauer bewusst, dass er keineswegs ziellos gereist, sondern auf einem Umweg voller praktischer Übung Paris angesteuert hatte.
Er hatte darüber gelesen, Bilder gesehen, doch nicht einmal seine Erfahrung mit anderen Städten hatte ihn auf diese Realität vorbereitet. Was ihm anderswo schon groß vorgekommen war, war in Paris gigantisch. Das Gebiet, das allein die Altstadt umfasste, die Anzahl schöner Wohnhäuser, Paläste, Plätze und Gärten, die unzählbaren, lärmenden, in fremden Sprachen durcheinander redenden, bunt gekleideten Menschen, deren Fotoapparaten er unaufhörlich ausweichen musste. Die schiere Masse der sinnlichen Eindrücke überwältigten ihn in in einer Weise, als wäre er gerade erst aus der winzigen Welt seiner Vergangenheit ausgebrochen.
In einem Zustand unaufhörlichen, überreizten Erstaunens trieb er sich für einige Wochen auf der Königsachse und der Île-de-la-Cité herum, erkundete nachts die Gärten, verschaffte sich Zutritt zu den historischen Gebäuden mit ihren Säulen und vergoldeten Prospekten, dem Louvre und dem Museum für Moderne Kunst, bewunderte die Notre Dame, den Arc de Triumphe, erforschte das Palais Garnier bis hinunter in die Katakomben, versuchte, am Eiffelturm hinaufzuklettern, und unternahm einige lange Ausflüge nach Versailles.
Die Ideen schienen dabei wie ein heftiger Regenguss auf ihn niederzuprasseln, unmöglich umsetzbar, da er niemals lange genug leben würde und jedes Werk, das er in ein und derselben Stadt schuf, seine Arbeit gefährlicher machte. Doch je länger er darüber nachdachte, desto besser gefiel ihm gerade dieser Gedanke. Immer mehr für seine Kunst zu riskieren und am Ende das eigene Blut vergossen zu sehen – nicht, weil er daran scheiterte, den Fluss zu bändigen, sondern aus freiem Willen und in Ausübung dessen, wozu er geboren war.
Es ging ein schwer zu beschreibendes Gefühl mit dieser Vorstellung einher. Als könnte es alle seine Wunden heilen, wenn er sich nur ganz seinem innersten Begehren hingab und daran zugrunde ging.

Annotation

Was beinhaltet eigentlich der Prototyp ‚Künstler‘? Ich denke, es gibt da mehrere, die sich an historischen Figuren orientieren – Van Gogh und Andy Warhol, DaVinci, David Bowie, und wer da noch so alles einen Archetyp geprägt hat. Klein!Louis geht deutlich in Richtung Van Gogh, auch wenn sein Selbstzerstörungstrieb zu dieser Zeit noch nicht unmittelbar aus seinem psychischen Leid, sondern mehr aus einer übersteigerten Identifikation entsteht.
Hier sehen wir eine der vielen Formen, die seine Suizidalität im Laufe seines Lebens annimmt. Sérafine wird noch davon erzählen, wie sich das ganze in seiner Zeit in Rouen ausgedrückt hat, und in der Jetzt-Erzählung kommt es immer wieder zur Sprache, wie seine Selbstmordphantasien gerade aussehen und wie sie sich – für ihn wahrnehmbar – mit seiner darüber liegenden Stimmung verändern.
Es wird also hier deutlich, dass er sozusagen schon von Anbeginn seiner Existenz von dem Gedanken besessen, gequält oder verlockt ist, dass diese Existenz bald enden sollte. Dieser Gedanke ist nicht immer im gleichen Maße mit Selbsthass und Verzweiflung durchsetzt, und er kann auch eine Form von Hoffnung beinhalten.

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Bisher hatte es ihn nicht interessiert, was die Menschen über ihn wussten, doch seine Mission machte es plötzlich relevant – denn er wollte zwar für seine Kunst sterben, aber nicht ohne die Kontrolle darüber zu haben, wann, wo und wie es geschah.
So begann er also, die Zeitungen zu studieren, und was er dort las, gefiel ihm nicht: Da er bisher kaum Spuren hinterlassen hatte und es weder zwischen den Frauen noch den Städten irgend eine Verbindung gab, waren alle Anstrengungen, ihn zu identifizieren, bislang ins Leere gelaufen. Auch Jean Proulx und Gaubert Voclain – beide waren nach Drei als Sonderermittler hinzugezogen worden – hatten keine nennenswerten Fortschritte machen können.
In Paris beschloss der Bildhauer zu Forschungszwecken, zu seinem Werk zurückzukehren, sobald er Ludwigs Angriff überstanden hatte. Er wollte sehen, wie sich die Ermittler seiner Arbeit näherten, was sie damit taten und wie er vorgehen müsste, um ihnen Hinweise in die Hände zu spielen.
Von seinem Versteck auf einem der nahen Bäume aus beobachtete er, wie Polizisten und Journalisten fast gleichzeitig den Platz unter dem Eiffelturm stürmten, aufgeregt diskutierten, Fotoapparate und Zornesgesten schwangen und sich schließlich an einem unter großem Hallo angebrachten Absperrband endgütig in gegnerische Lager spalteten.
Aus dem Tumult stach ein Mann heraus, dessen Foto der Bildhauer neben einigen der Artikel über Vier gesehen hatte: Mathis Bergerac, der hochgewachsene, rothaarige Nachkomme eines Dockarbeiters und seines Zeichens Doktor sowohl der Medizin als auch der Psychologie.
Seit er seinen Forschungsplatz am Centre Hospitalier de Maison Blanche aufgegeben oder verloren hatte – an dieser Stelle widersprachen die Zeitungsartikel einander – war sein Leben um seine psychiatrische Praxis und intensive private Studien über Entstehung, Struktur und Vorhersagbarkeit verbrecherischen und gewalttätigen Verhaltens gekreist. Er sprach gern als Gastdozent an Universitäten und war im Rahmen dieser Tätigkeit mit der Kommunalpolizei von Marseille in Kontakt gekommen. Über seine Rolle bei der Aufklärung einer kurzen Mord- und einiger Einbruchserien, hatte er ein Buch verfasst: ‚Dem Verbrechen auf der Spur‚. Im Vorwort erklärte er, er sehe sich als Erbe Dr. Bonds, des britischen Arztes, der seinerzeit umfassende Vorhersagen über Jack the Ripper gemacht hatte. Auch war er jederzeit gerne bereit, von seinem – einmaligen – Austausch mit dem überaus erfolgreichen New Yorker ‚Crime Profiler‘ James Brussel zu-
Der Bildhauer erstarrte, als sich nach dem Rückzug des einzigen hinter der Absperrung geduldeten Fotografen zwei weitere Männer in die Mitte der Szene begaben, Fünf kurzerhand mit einer Schere aus ihrer Hängevorrichtung herausschnitten, sie mit Gewalt in einen Leichensack stopften und schließlich zu einem großen Wagen davontrugen. Sie hatten nicht gewartet, bis die Wirkung des Fixateurs verflogen und das Werk ohnehin verloren war. Sie hatten das Schöne einfach so zerstört, ohne zu zögern, ohne mit der Wimper zu zucken! Hatten sie es überhaupt wahrgenommen? Es mit ihrer ästhetischen Empfindung gewürdigt? Er bezweifelte es, und es kostete den Bildhauer ein kaum erträgliches Maß an Selbstbeherrschung, nicht von seinem Baum zu steigen und zu den Missetätern hinüberzurennen, um sie mit den Fäusten zu traktieren und anzuschreien, was ihnen einfiel, so mit einem Kunstwerk umzugehen.
Er war kurz davor, alles hier und jetzt zu beenden, um Fünf und ihre wohl ebenso respektlos behandelten Schwestern zu rächen. Doch schließlich gelang es ihm, sich von dem Impuls abzulenken, indem er sich wieder auf die Werke konzentrierte, deren Erschaffung er bereits gelobt hatte. Zuerst kam diese Pflicht, dann kam sein Ende.
Sein Ende. Der Mann, der es wahrscheinlich herbeiführen würde, stand noch immer am selben Fleck und sah zu den lose im Wind schaukelnden Seilen der ehemaligen Hängevorrichtung hinüber. Wenn es dem Psychiater gelungen war, Proulx‘ und Voclains Vorgesetzte doch noch von seiner Nützlichkeit zu überzeugen, musste er einiges leisten können – das erklärten zumindest die Zeitungen am nächsten Tag. Es stimmte den Bildhauer optimistisch und nach der Durchsicht der von Proulx und Voclain zum Fall des ‚Statuenmörders‘ gesammelten Unterlagen stattete er auch Bergeracs Büro einen Besuch ab.

Annotation

Klein!Louis ist mit einem durchaus guten Gedächtnis gesegnet – oder gestraft, je nach dem wie man das sehen will – und ich hoffe mal, dass seine Wiedergabe von Bergeracs Lebenslauf ausreicht, um deutlich zu machen, dass der Mann nicht falsch in seinem Job sein kann. Das war nämlich ein Punkt, den mein Mann nach dem Betalesen angesprochen hatte; Sophies Sichtweise und das Scheitern als Ermittler stehen so im Vordergrund, dass der Psychiater völlig unfähig rüberkommt, anstatt so, wie ich es eigentlich beabsichtigt hatte.
Und was hatte ich beabsichtigt? Dass der gute Mann zwar einiges auf dem Kasten hat, aber zu schematisch und rigide denkt, um die wirklich kniffligen Probleme lösen zu können. Sophie hingegen denkt freier, auch weil sie nicht das Problem hat, unbedingt jeder Zeit den (gefühlten) Status des Genies für sich aufrecht erhalten zu müssen. Sie kann sich ohne Angst aus dem Fenster lehnen. Und wer weiß, vielleicht hätte sie genau Bergeracs Problem, wenn sie nicht so aus dem Hintergrund agieren könnte.
Um Bergeracs Image als clever aber verhindert deutlicher zu machen, hat der Kleine jetzt zwei Doktortitel – zu so einer Promotion gehört auch immer ein langes Gespräch, in dem der Kandidat seine Arbeit vor den Prüfern verteidigen muss, und da war Sophie nicht als Helferlein dabei, Bergerac muss also auch allein brillant genug denken und reden können, um dafür nicht nur einen, sondern zwei Doktortitel zu verdienen. Bei der Forschungsarbeit kann Sophie ihm deutlich stärker zur Seite gestanden haben, aber er muss die ganze Sache durch und durch verstanden haben, um sie vor den Prüfern verteidigen zu können.
Bei der Arbeit am Statuen-Fall versagt er notwendigerweise, aber er schnallt als einziger, dass das Blag mit den Steinen etwas mit dem Fall zu tun haben könnte, und er reagiert – eigenmächtig und gefährlich zwar, aber es macht ebenfalls deutlich, dass er entscheidungs- und handlungsfähig ist und keine Angst davor hat, sich auch gegen eine meinungsmäßige Übermacht durchzusetzen.

Stilistisch hab ich hier was drin, das ich auch bei der Beschreibung der Arbeit an Eins schonmal gemacht habe und was mit Sicherheit noch öfter passieren wird: Ich behandle Hintergrundinformationen bzw. Handlungsbeschreibungen wie Gedanken, dahingehend, dass ich sie genau so mitten im Wort unterbreche, wenn der Charakter rausgerissen wird.
Ich neige dazu, Gedanken und Tätigkeit zu vermischen. Liegt vielleicht daran, dass ich beim Schreiben relativ cineastisch denke, also jetzt nicht im Sinne eines Drehbuchs oder polierter Hollywood-Bilder (da gibts noch nen Artikel zu, irgendwann), sondern dahingehend, dass Beschreibungen für mich immer wie unhörbare Kommentare aus dem Off ablaufen. Keine Ahnung, ob man sich darunter was vorstellen kann. Was zwischen der wörtlichen Rede passiert, ist jedenfalls für mich in Wortform in der Szene präsent, wodurch es sich sehr ähnlich anfühlt wie die Gedanken der Charaktere. Und was sich gleich anfühlt, wird gleich behandelt.

Klein!Louis konfrontiert sich erstmals damit, dass die Menschen auf seine Werke reagieren. Hat ihn vorher nie interessiert und interessiert ihn auch jetzt nicht als Künstler, sondern nur und ausschließlich als Selbstmörder in spe. Ich hoffe, das wird dadurch deutlich, dass er kein Wort über ästhetische Kritiken verliert, sondern sich einzig über den wenig glorreichen Fortschritt der Ermittlungen und Bergeracs Lebenslauf auslässt.
Den Fast-Ausraster, mit dem er auf den Abriss von Fünf reagiert, beinhaltet ein wichtiges Wort, nämlich ‚ein‘ vor dem Wort ‚Kunstwerk‘. Er regt sich darüber auf, dass mit einem Kunstwerk schlecht umgegangen wird, nicht darüber, dass es zufällig sein Kunstwerk ist, dem es an den Kragen geht.
Das bedeutet, dass er aus seinen Werken keinen Selbstwert bezieht, sich nicht über sie definiert, und stattdessen seine Beteiligung als Person, seine Implikation in seine Arbeit, in der Sekunde endet, in der er einen Schritt zurück macht und das Werk für beendet erklärt. Er ist der Schöpfer, aber nur im Sinne eines Werkzeuges; so wie man einen Stechbeitel nicht dafür lobt, dass er gut an einem Stück Holz rumgeschnitten hat, lobt man Klein!Louis nicht dafür, dass er eine Arbeit hergestellt hat.
Sein Racheimpuls gilt auch nicht dem Umstand, dass seine Arbeit nicht gewürdigt wurde, sondern dem, dass Eins bis Fünf – den Werken allein – der nötige Respekt verweigert wurde.

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Neben einer psychotherapeutischen Praxis am Quai de la Corse – dort verbrachte er den Großteil seiner wachen Zeit – hatte sich Bergerac auch ein ausladendes Arbeitszimmer in seinem Wohnhaus in Puteaux eingerichtet. Eine Unterkunft in der Nähe hatte der Bildhauer bald gefunden, und nachts darauf schlich er sich bei dem Psychiater.
Da er sich in Bergeracs Arbeitszimmer wesentlich sicherer fühlen konnte als im Büro von Proulx und Voclain wollte sich der Bildhauer die Zeit nehmen, den Fotografien der Spurensicherung einige Aufmerksamkeit zu schenken. Doch die Details seiner Werke waren darauf zu gut eingefangen – gleich auf dem ersten Bild entdeckte er einen schlimmen handwerklichen Fehler und nahm von seinem Plan abstand, ehe er weiterblättern und sich in seine Wut hineinsteigern konnte.
Mit flinken Fingern durchforstete er also die anderen Papierstapel und Ordner, unter denen Bergeracs Schreibtisch schier verschwand. Bald stieß er auf das abgenutzte Ringbuch, in dem der Psychiater seine Fragen und Schlussfolgerungen in Sachen ‚Statuenmörder‘ sammelte.
Groß sollte der Täter sein, zwischen dreiundvierzig und siebenundvierzig Jahre alt, gebildet, von Beruf Biochemiker oder Pharmazeut – eine Wahl, die der Täter nicht freiwillig, sondern unter elterlichem Druck und gegen massiven inneren Widerstand getroffen hatte – im Privaten ein gescheiterter Künstler, der als Kind durch Tierquälerei aufgefallen war und seine narzisstische Kränkung hinter oberflächlichem Charme verbarg.
Weniger zutreffend hätte eine Beschreibung seiner Person kaum sein können, und neben Befremden über die Karikatur empfand der Bildhauer deutliche Gereiztheit darüber, dass Bergerac seine Hoffnungen derart enttäuschte.
Auch die Verbindung zwischen den Statuenmorden und Marguerite Debus herzustellen, gelang dem Psychiater nicht. Die ‚Künstlerin‘ wurde zwar in den Notizen erwähnt – auf vier verschiedenen Seiten sogar – doch jedes mal nur im Zusammenhang mit Gründen, warum sie nicht den Anfang der Statuenserie darstellte. Wie nur konnten drei gestandene Männer – auch Proulx und Voclain schlossen Marguerite als Anfang der Serie aus – so phantasielos sein? So haarspalterisch? Weil in der Leiche kein Fixateur gefunden wurde? Weil zu viele Monate und Kilometer zwischen ihr und Eins lagen? Weil bei keinem der anderen Mord ein Blutbad angerichtet worden war? Weil sie als einziges Opfer eine gewisse Prominenz besaß? Weil sie in ihrem Haus und nicht unter freiem Himmel ausgestellt worden war?
War er denn von Idioten umgeben?
Die gesammelte Wucht seiner Verärgerung mühsam in sich haltend, machte er sich auf den Weg nach Rouen. Wenn er Adèle und Cécile zwang, endlich bei den Ermittlern vorzusprechen, könnten diese gar nicht umhin, die Identität des Mörders zu erkennen. Doch als er, bebend vor Widerwillen, das Haus erreichte, stand es leer; von den beiden Mädchen keine Spur.
In seiner Frustration setzte er das ekelhafte Gemäuer in Brand. Dann kehrte er nach Puteaux zurück, um sein weiteres Vorgehen zu planen

Annotation

Ich habe tonnenweise recherchiert über das ‚Profiling‘ und seine realistische Cousine, die ‚Operante Fallanalyse‘. Als junge Disziplin enthält auch diese noch viel Unsinn und halbgare Ansätze, aber immerhin ist die Forschung schonmal weit genug, um einiges an Mythen korrigieren zu können. Naive Tätertypisierungen, Ferndiagnosen und das Verwechseln von Klischees/Vorurteilen mit tatsächlichen statistischen Fakten sind so die klarsten Jugendsünden der Fallanalyse, und im Großen und Ganzen sind das auch die Fehler, die in den Medien am stärksten weitergetragen werden.
Bergerac lebt und arbeitet in einer Zeit, in der diese Korrekturen noch nicht stattgefunden haben und die Operante Fallanalyse höchstens als Proto-Disziplin existierte. Er kann also mit vollster Überzeugung und einer völlig unregulierten Arbeitssituation wirklich hahnebüchene Vorhersagen über den Statuenmörder vom Stapel lassen. Heute wäre sowas gar nicht mehr möglich. Was nicht bedeutet, dass man heute besser an Täter rankommt, die ohne erkennbares – und daher vorhersagbares – Muster vorgehen.

Adèle und Cécile tauchen zum zweiten mal auf. Vielleicht bekommt zumindest eine von den beiden noch einen Auftritt in der Jetzt-Zeit, aber ich bin mir noch nicht sicher.
Ich habe zwar einen Fan-Kult um L.E.Mort gebastelt – das ist das Alias, unter dem der Maler arbeitet – und mache die Sache somit für Journalisten interessant, und es ist alles so konstruiert, dass man mit ein bisschen Nachbuddeln durchaus eine Verschwörungstheorie der Gestalt „Statuenmörder = L.E.Mort“ entwickeln kann. Ich weiß aber nicht, ob ich die mal explizit erzählen werde, oder ob ich es den Lesern überlasse, sich die Sache zusammenzureimen.

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Der Entwurf, den er für sein sechstes Werk bereits entwickelt hatte, war mit dem Vorhaben, den Ermittlern etwas auf die Sprünge zu helfen, nicht vereinbar, doch das siebte Werk, das er wenige Wochen später schuf, bot einige Möglichkeiten, eine Nachricht zu verstecken: Hobelspäne und Daunen, die wie schutzsuchend an Siebens Körper schmiegten, verbargen zunächst die Verse, die er mit der Spitze einer Injektionsnadel in ihren Bauch geritzt hatte. Auch die nachlässig codierte Orts- und Zeitangabe in ihrem Haaransatz entdeckte erst der zuständige Gerichtsmediziner.
Dennoch sickerte die grauenvolle Nachricht zur Presse durch, und der Abzählreim des Mörders verbreitete sich wie ein Lauffeuer.

Eins, zwei, drei,
im Walde,
vier, fünf, sechs,
verkünde ich,
sieben, acht, neun:
Sie sind unfähig wie die Ochsen.*

Schon nach Sechs hatte es gehörigen Aufruhr gegeben, weil sich Paris ungerecht behandelt fühlte. Der Modus operandi des Serienmörders hatte die Menschen hoffen lassen, dass mit der gefürchteten Schlagzeile das Schlimmste auch schon überstanden wäre. Sie wollten aufatmen und die Geschichte aus der Zeitung wie einen Albtraum abschütteln. Doch der Tod von Veronique Lestrange hatte die Spielregeln geändert, und mit einem mal schien alles möglich. Die Schwarzseher der Boulevardpresse kündigten Werke aus zwei, drei, ja vier Frauen an. Außerdem sei es nur eine Frage der Zeit, ehe der nach mehr und mehr gierende Täter die erste Minderjährige ermordete. Die zwanzigjährige Damienne Roy drüben in Fontainebleau werde nicht mehr lange das jüngste Opfer sein. Und was tue die kommunale Regierung? Sie sitze da, die Hände im Schoß gefaltet, den Kopf voll mit Steuererhöhungen, Umgehungsstraßen und geleugneten Seitensprüngen, als ginge sie das Wohl der eigenen Bürger nichts an.
Der Präfekt der Stadt versuchte verzweifelt, die Leute zu beruhigen und legte den Frauen ans Herz, nach Einbruch der Nacht nicht mehr allein aus dem Haus zu gehen. Die Zahl der Streifenbeamten sei verdoppelt worden, weitere Maßnahmen werden erfolgen, sobald er sich mit der Polizei darauf geeinigt habe, wie diese aussehen sollten.
Es tat ihm sicher leid, nicht weitergeben zu können, dass die sonderbaren Zeichen in Andrea Romes Haaransatz tatsächlich auf einen Ort – die Place de la Bastille – verwiesen, und dass auf der Leiche auch ein Zeitpunkt angegeben war, zu dem das betroffene Arrondissement von Gendarmen nur so wimmeln würde, während ein mit Steuergeldern hervorragend ausgebildeter Scharfschütze auf dem Dach des Bastille-Bahnhofs auf weitere Befehle wartete. Aus polizeitaktischen Gründen musste er schweigend die Schlagzeilen über sich ergehen lassen, während der Bildhauer seine Pläne für Acht an die Gegebenheiten anpasste.
———
*Wir erinnern uns, Klein!Louis ist Franzose, und auf Französisch reimt sich die Sache:

Un, deux, trois
dans le bois
quatre, cinq, six
je vous dis
sept, huit, neuf:
Vous sont incompetent
comme les boefs.

Annotationen

Jetzt geht also das Spiel los. Und wer bis hier her aufmerksam gelesen und mitgedacht hat, der weiß schon vom ersten Absatz an, dass das alles nicht lange gut gehen wird. Wir haben nämlich im ersten Rückblick der Geschichte erfahren, dass Klein!Louis seiner Mutter vor allem die Vorschriften übelgenommen hat, die sie ihm beim Malen gemacht hat – in was für einem Zusammenhang das genau passiert ist, wird später noch erklärt, auch wenn man es sich aus den Informationen zum Fall M. Debus, die im Rahmen von Sophies Recherchen erwähnt werden, zusammenreimen kann.
Was wird also passieren, wenn Klein!Louis die ursprünglichen Entwürfe seiner Werke mehr und mehr modifiziert, weil er sich vom schleppenden Gang der Ermittlungen dazu gewzungen sieht? Bzw. was passiert, wenn er begreift, was er da tut? Nichts Angenehmes, soviel ist schonmal klar…

Die Darstellung der öffentlichen Reaktion auf das zweite Werk in Paris hat mir Spaß gemacht; die Kleinkariertheit, das Anspruchsdenken, die Selbstbezogenheit der typischen ‚öffentlichen Meinung‘. Es ist immer das selbe Schema, egal worum es geht.

Oh und ich hätte mir fast einen Recherchepatzer geleistet. Die Opéra Bastille stand nämlich 1970 noch gar nicht, was ich aber erst rausgefunden habe, nachdem ich den Sniper schon draufgesetzt hatte. Der musste dann auf die Gare de la Bastille umziehen, die bis 1984 an der Stelle stand.

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Die Nacht des achtundzwanzigsten August 1970 begann feuchtwarm und ereignislos.
Doch dann gab es einen kurzen Funkkontakt zwischen Einsatzkräften und -leitung, als nämlich ein Kind in abgerissener Kleidung und mit langen, ins Gesicht fallenden Haaren aus der Rue de Rivoli trat. In den Händen hielt es drei flache Steine, mit denen es zu jonglieren versuchte. Als ihm dies beim Überqueren der Place mehrermals misslang, schleuderte es die Steine auf den Boden und verschwand in der Rue du Faubourg Saint-Antoine.
Man entschied sich, es nicht zu verfolgen, da Proulx und Voclain den Vorschlag des unerlaubt anwesenden Psychiaters für unsinnig erklärten. Dies stellte sich jedoch bald als fataler Fehler heraus.
Nachdem der Psychiater eine Weile unruhig auf seinem Posten hin und her gerutscht war, sprang er auf und rannte unter protestierendem Zischen und Fluchen der Ermittler zu den Steinen, die das Kind im Licht einer Straßenlaterne zurückgelassen hatte.
Auf jeden war ein Teil einer Straßenkarte aufgemalt, die der Einsatzleiter auch ohne Konsultation eines Stadtplans als an den Jardin du Luxembourg angrenzend erkannte.
Sofort ordnete er an, die gesamte Operation in den Park zu verlagern, und es dauerte nicht lange, bis man Acht entdeckte, die in erschöpfter Haltung auf den Knien der Statue L’effort saß.
Wieder daheim in Putaux beugte sich Bergerac mit zusammengebissenen Zähnen über seinen eigenen Stadtplan, zeichnete ein Kreuz über das Rechteck, das den Jardin du Luxembourg darstellte, und verband es durch eine Linie mit dem Kreuz über dem Louvre.
Hätten sie auf mich gehört, wäre das Kind jetzt in Polizeigewahrsam und könnte befragt werden, klagte er in seinem Ringbuch. Hätten sie auf mich gehört, gäbe es jetzt vielleicht schon die Möglichkeit, einen neunten Mord zu verhindern! Wir hätten so viel mehr aus diesem dreisten Streich des Statuenmörders machen können!

Annotationen

Armer kleiner Bergerac. Armer, armer kleiner Bergerac.
Das wars auch schon :D

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In den Monaten seit Sechs hatte der Psychiater die Angewohnheit entwickelt, seine Nächte kettenrauchend an seinem Schreibtisch zu verbringen, doch immer noch erwuchsen aus seiner Arbeit keine hilfreichen Erkenntnisse. Durch Acht in Rage versetzt, fragte die Presse nun Tag für Tag, wie lange Paris noch im Ausnahmezustand würde verharren müssen. Längst stimmten sowohl seriöse Blätter als auch Boulevard dem Täter zu, dass die Ermittler – und erst recht dieser selbstherrliche Psychiater – inkompetente Rindviecher waren. Auch der Präfekt übte gnadenlos Druck aus, unterstützt von rückläufigen Zahlen in der Touristikbranche und einem kleinen aber lauten Corps radikaler Feministinnen, das der Meinung war, der Täter wäre noch nicht gefasst, weil drei Männer selbstredend kein Interesse daran hätten, einen Verbrecher dingfest zu machen, der das Patriarchat derart verherrlichte.
Sofern Bergerac versuchte, sich sein Versagen nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen, scheiterte er kläglich. Seine Kraft schien noch rapider zu schwinden als die von Proulx und Voclain. Deren kollegiale Freundschaft hatte sich in der Zwischenzeit zur Saufkumpanei entwickelt, und der eine beklagte sich beim anderen über seine Eheprobleme.
Die guten Herren Ermittler brauchten einen neune Ansporn. Einen kleinen Triumph, der ihre Schaffenskräfte wieder weckte.
Zunächst ließ sich der Bildhauer von Bergerac in der Nähe seiner Praxis beim Jonglieren mit drei Glasflaschen entdecken. Der Psychiater durfte ihm sogar nachstellen, bis seiner Raucherlunge die Puste ausging. In der Folge wurde die Zahl der für die Fahndung nach dem Kind abgestellten Polizisten erhöht, aber erfolgreicher wurde deren Tätigkeit nicht. Vielleicht – so überlegte der Bildhauer im Nachhinein – hätte er doch Fingerabdrücke auf den Flaschen hinterlassen sollen. Aber während er seinen Auftritt plante, erschien ihm dies einen Schritt zu weit zu gehen.
Weitere Szenarien hatte er nicht entworfen; die Entwicklung des Konzeptes für Neun beschäftigte ihn Tag und Nacht und er sah nicht ein, Ressourcen zu diesem Zwecke abzuzweigen. Er argwöhnte jedoch bald, dass diese Argumentation aus reiner Feigheit oder gar Faulheit geboren sein könnte. Wandte er sich etwa von seinem Plan der Selbstaufgabe ab? War er sich zu fein, tatsächlich alles für sein Schaffen hinzugeben?
In einem Anflug von Zorn schmiss er an die Wand, was er gerade in Händen hielt, und bereitete den Umzug in eine neue Werkstatt vor. All die Skizzen und schlechten Modelle, die Materialreste und das kaputte, abgenutzte Werkzeug, das sich über die Monate angesammelt hatte, würde er für Proulx, Voclain und Bergerac zurücklassen. Sollten sie darin herumstöbern und finden, was zu finden war.
Die etwas abseitige Lage, aufgrund derer er seine neuste Bleibe bei der ersten Immobiliensuche abgelehnt hatte, störte ihn kaum noch; er hatte Routine darin bekommen, logistische Probleme zu lösen. Auch wirkte sich der Umzug positiv auf seine Stimmung aus. So viel kaputtes, nutzlos gewordenes Zeug und gescheiterte Versuche zurückzulassen, war befreiend. Die Ordnung, die beinahe leeren Regale, der so geringe Besitz in seiner neuen Bleibe gaben ihm ein Gefühl von Kontrolle.
Als er sich zum ersten mal auf sein neues Nachtlager legte, überkam ihn das Gefühl, wieder auf dem rechten Weg zu sein und sich selbst gut und richtig zu verwenden.
Lächelnd schloss er die Augen.

Annotationen

Ein bisschen Einblick in das Leben und die Beziehungen der Ermittler. Kein schöner Anblick, aber hey. Was solls?

Außerdem lernen wir, dass Klein!Louis die zweigleisige Fahrweise nicht so wirklich zu behagen scheint. Er will doch nur arbeiten! Aber die Mission, die Mission! Es wirkt in dieser Szene aufgesetzt. Wie etwas, das gar nicht wirklich zu ihm dazu gehört. Aber es fühlt sich gut an, deshalb macht er weiter.
Hier zeigt sich die relative Vergänglichkeit und auch die gewisse Dimension von Willkür, die Klein!Louis‘ Suizidalität eigen ist. Sie kann ein authentisches Gefühl sein, aber sie kann auch etwas Gewähltes sein, in dem er sich zu verwirklichen sucht; es hängt von seiner Stimmung ab, welches von beidem in welchem Moment zutrifft.
Ich hoffe, dass damit die Beweglichkeit von Gefühlen und die Absolutheit des je aktuellen Gefühlszustandes deutlich wird.

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Sophie Bergerac war für ihn stets nur ein am Rande existierender Mensch mit leichtem Schlaf gewesen. Doch während ihr Mann freudig erregt die Aussagen der ‚Überlebenden‘ analysierte und sich zusammen mit Proulx und Voclain durch die Asservaten aus dem alten Versteck des Bildhauers wühlte, begann dieser, sie zu studieren. Anfangs tat er es aus Langweile, denn Neun war längst geplant und vorbereitet, und Zehn – so war ihm bewusst geworden – würde er vielleicht schon nicht mehr verwirklichen können. Doch die Frau des Psychiaters entpuppte sich als durchaus interessantes Objekt.
Nachdem sie vormittags in größter Eile das Haus in Ordnung gebracht und eine Mahlzeit für den Abend vorbereitet hatte, schlich sie stets in den ersten Stock hinauf, wo Bergeracs Bibliothek und sein Arbeitszimmer lagen. Wie selbstverständlich ging sie seine Notizen durch, die Fotografien, die Obduktionsberichte, zog zielsicher diesen oder jenen Band der Fachliteratur zu Rate, und hielt ihre Überlegungen in einem Block fest, den sie nach getaner Arbeit wieder bei ihren Tagebüchern im Nachttisch versteckte. Dort bewahrte sie auch eine Kopie der Akte zum Fall in Bernières auf, die sie im Namen ihres Mannes bei Voclain angefordert hatte.
Zur Überraschung des Bildhauers war darin auch etwas über das Haus in Rouen zu lesen, und über Adèle und Cécile, die als Untermieter eingetragen waren. Nach beiden wurde weiterhin gefahndet, da einige der Haare, die in Marguerites Blut an der Wand geklebt hatten, mit Haarproben aus dem Haus in Rouen übereinstimmten und die Mädchen zu den Hauptverdächtigen machte. Doch die einzige Spur hatte ins Leere geführt: Eine neun Jahre alte Vermisstenanzeige für Adèle, über die die Ermittler auf eine der Entführung verdächtigte Hebamme gestoßen waren – eben jene Hebamme, die Marguerite während ihrer Schwangerschaft betreut hatte. Der Dame konnte damals keine Verbindung zum Verschwinden Adèles nachgewiesen werden, und sie schwor, nichts über die Mädchen zu wissen und Marguerite Debus bei der Geburt ihres einzigen Kindes zum letzten mal gesehen zu haben. Von der überraschten Ermittlerin auf Marguerites medizinische Unterlagen angesprochen, die zwar lückenhaft waren, aber eine eindeutige Sonographie einer Zwillingsschwangerschaft zu Beginn des vierten Monats enthielten, sagte sie, es sei nicht selten, dass ein Zwilling absterbe und vom mütterlichen Körper resorbiert werde. Es gab keinen Grund, die Aussagen der Hebamme anzuzweifeln, und so wurde das folgende Szenario entworfen: Adèle und Cécile hatten Marguerite über zehn Jahre lang zu ihrer Beherbergung, sowie bisher nicht näher bestimmbaren kriminellen Handlungen gezwungen, ehe sie sie aus noch unerfindlichen Gründen rituell ermordeten und untertauchten.
Sophie hielt dieses Szenario für unsinnig. Das dritte Bett in Rouen ließ sie nicht los, das kahle, beißend nach Urin stinkende Zimmer, in dem es stand, der Rohrstock mit den Blutspuren daran, die kleinen Stoffmasken und wollenen Kindersocken, die man an den unmöglichsten Orten im Haus versteckt gefunden hatte. Adèle oder Cécile habe ein Kind ausgetragen und aufgezogen, hieß es in der Akte. Doch was die Ermittler aus Bernières für die Zeichen krimineller Vorgänge hielten – Marguerites fluchtartiger Aufbruch aus Rouen, ihre fortgesetzten Mietzahlungen für das Haus, die regelmäßigen Besuche einer ‚vermummten Frau‘, deren Wagen das gleiche Kennzeichen hatte wie Marguerites, die großen Kartons, in denen sie oft etwas anlieferte oder abholte – interpretierte Sophie als Hinweise darauf, dass Frau Debus in Rouen ein Kind versteckt gehalten hatte. Ein entstelltes Kind, das mit ihrer Zustimmung, ja vielleicht sogar von ihr selbst, misshandelt worden war. Ein solches ungeliebtes, psychisch verletztes Kind hatte Sophies Ansicht nach das schlüssigste Motiv, sowohl für das, was sie aus irgend einem Grund als ‚die Morde‚ bezeichnete, als auch für die Gewalt gegen Marguerites Leichnam, die in Bernières stattgefunden hatte. Doch als gute Wissenschaftlerin zögerte sie, die Verbindung zwischen den beiden Fällen als erwiesen anzusehen.
Dass beide Täter Linkshänder sind, ist höchstens ein Indiz, hatte sie einige Tage nach Sechs notiert. Könnte ein Kunstexperte die ‚Arbeiten‘ vergleichen und haltbare Schlüsse ziehen? Es ist ermüdend, darauf zu warten, dass endlich ein Abdruck oder Haare gefunden werden. Und sollten die Beweise tatsächlich eintreffen, wie soll ich Mathis meine Idee unterschieben? Er ist völlig fertig mit der Welt und redet nicht mehr mit mir über den Fall. Das heißt, ich müsste es direkt ansprechen, aber dann sieht er, dass ich ihm wieder voraus bin – auf den Streit kann ich gut verzichten; und er auf den Schlag in sein Selbstbewusstsein.
Sollte ich mich mit meiner Idee einfach an Voclain wenden? Er war zuvorkommend mit der Akte, aber ob er schweigen kann? Wenn Mathis herausfinden würde, dass ich derart hinter seinem Rücken vorgehe, das könnte ich nicht wieder gut machen.

Den Ergebnissen aus dem Versteck des Täters sah sie eben so gespannt entgegen wie dieser selbst. Doch während beide Abend für Abend auf Bergeracs Heimkehr warteten, machte der Bildhauer eine Beobachtung, die ihn das Thema vollständig vergessen ließ.
Sophie Bergerac war sicher nicht hässlich, aber schön war sie ebensowenig – sie hatte ein ausgeprägt rundes Gesicht mit flachen Wangenknochen, kleinen Augen und schmalen Lippen, ihr Hals war im Verhältnis zu kurz, ihre Schultern deutlich zu breit, und gewöhnlich verhinderte ihre geduckte, steife Art sich zu bewegen, dass die ausgewogenen Proportionen ihres restlichen Körpers für den Betrachter lebendig wurden.
Doch immer wenn Bergerac von der Arbeit kam, vollzog sich ein fast magischer Wandel an seiner Frau: Sie lächelte, und ihre Augen mit den geweiteten Pupillen wirkten auf einmal gar nicht mehr klein; ihre Schultern senkten sich entspannt herab, während sich ihr Rücken aufrichtete und der plötzliche Schwung ihrer Arme und Hüften jeder ihrer Bewegungen eine fließende Qualität verlieh. Auf unerklärliche Weise enthüllte sie ihre wahre Schönheit, sobald Bergerac in ihre Nähe kam, um sie mit einem für ihn ungewöhnlich weichen Gesichtsausdruck zu mustern, sie zu küssen und ihre Brüste und ihr Gesäß zu berühren.
Voller Eifer begann der Bildhauer, das Phänomen von Sophie Bergeracs Schönheit zu erforschen, oft für achtundvierzig Stunden am Stück. Bleistift, Kohle, Kreide, Acrylfarben, Ei- und Öltempera, Papier, Pappe, Leinen, Holz, Ton, Gips, Sandstein, Marmor, Glas, Draht – er ging sämtliche ihm bekannten Materialien und Techniken in allen möglichen Kombinationen wieder und wieder durch, fertigte einen fast kniehohen Stapel von Studien an, während er jeden Abend aufs Neue den Wandel in Sophies Erscheinung beobachtete. Aber ganz gleich, was er versuchte, es gelang ihm nicht, den Zauber der Wandlung in ein Kunstwerk zu bannen.
Sein kontinuierliches Scheitern hätte ihn frustrieren sollen, doch in dieser Angelegenheit gab es keine Eile für ihn, und auch nicht die rastlose Gier nach Wissen und Verbesserung, die ihn gewöhnlich antrieb. Er war von Demut erfüllt, von heiliger Ehrfurcht, die mit jedem Scheitern wuchs, denn jedes mangelhafte Werk offenbarte etwas mehr von der Größe des Geheimnisses, auf dessen Spur er sich befand: Schönheit, die entsteht, wo vorher keine Schönheit war. Was könnte faszinierender sein? Was könnte wichtiger sein? Ist doch Schönheit das einzige, was einem Ding absoluten, über alles andere erhabenen Wert verleiht.

Annotationen

Ich mag es, wenn sich aus Situationen heraus Veränderungen in einer Storyline ergeben, die mit ihrem offiziell anvisierten Ziel scheinbar nicht vereinbar sind. Ich finde, es lässt die Geschichte authentischer wirken, denn das Leben verläuft ja auch nicht gradlinig von einem Level und einer Queste zum/r nächsten.
‚Game of Thrones‘ betreibt das übrigens bis zum Erbrechen – schreib ich demnächst noch einen Artikel zu, aber zuerst will ich die zweite Staffel zuende gesehen haben.

Und Sophie hält endlich Einzug in die Geschichte und bereitet sozusagen den Boden für die Sache mit dem Schicksal und dem perfekten Kunstwerk.
Was hier auch nochmal deutlich wird, ist die Sprunghaftigkeit von Klein!Louis‘ Interesse. Von einer Mission zur nächsten – und wieder zurück?

Über Sophie erzähle ich auch die Geschichte aus Bernières noch ein Stück weiter. Nachdem ich früher nur aufgezählt habe, warum aus Sicht der Ermittler keine Verbindung zwischen Marguerite und den Statuenmorden bestehen kann, zeige ich jetzt die entgegengesetzte Perspektive und die Indizien, die sehr wohl für eine Verbindung zwischen den Fällen sprechen.
Ich mag es, wenn ich Sachen neben der Innenperspektive der Teilnehmer auch aus einer völlig uneingeweihten, uninvolvierten Perspektive schildern kann; Letzteres reißt die Dinge aus ihrem situativen, rein zufällig entstandenen Deutungszusammenhang, so wie auch Klein!Louis‘ Perspektive die Einzelheiten der Stadt aus ihrem Deutungszusammenhang reißt. Ich finde, es lässt das Bekannte auf einmal bizarr wirken und macht es dadurch noch auf andere Art interessant.

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Drei Monate lang war er dem Rätsel bereits hinterher geschlichen, als ihm auffiel, dass er ganz vergessen hatte, die weiteren Fortschritte der Ermittler zu überwachen, und auch sein neuntes Werk war längst überfällig.
Missmutig stattete er also Bergeracs Arbeitszimmer einen Besuch ab.
Haare hatte man reichlich gefunden, aber keine brauchbaren Fingerabdrücke. Aus den Maßen der Fußspuren im Versteck folgerte man, der Täter müsse eins-sechzig bis eins-siebzig groß sein, und die abgenutzten Kinderkleider wurden dem jonglierenden Knaben zugeschrieben, auf den sich nur Sophie einen Reim machen konnte: Was, wenn der Bursche der Täter ist! Es ergäbe so viel Sinn! Aber als ich damit herausgeplatzt bin, hat Mathis mich nur angesehen, als hätte ich ihn aufs Äußerste beleidigt, und gesagt, diese Idee würde nicht weniger verrückt, ich sollte nicht immer versuchen, seine Arbeit zu tun, er würde mir ja auch nicht in meine Kochtöpfe hineinreden. Kochtöpfe! Manchmal möchte ich ihm einfach alles ins Gesicht spucken, dass ich sein verdammtes Medizinstudium mit weniger Anstrengung und besseren Noten abgeschlossen hätte als er, dass ich den Großteil seiner professionellen Probleme für ihn löse und ihm die Antworten unterschiebe, ohne dass er es auch nur ahnt, dass ich mich nur und ausschließlich mit einer Existenz als Hausfrau abgebe, damit er sich als großer Psychiater fühlen und sein armes, zerbrechliches Ego am Leben halten kann. Damit er er selbst sein kann, ein süßer, wie ein kleines Kind vollkommen auf sich selbst vertrauender, berstend stolzer Bengel. Damit ich nicht mit einer leeren Hülle aus unerreichten Träumen verheiratet sein muss…
Voclain hat sich als offen für meine Ideen erwiesen, auch wenn er Mathis‘ Meinung über den Jungen (noch) teilt. Immerhin hat er die Haare aus dem Versteck mit denen aus Bernières und Rouen vergleichen lassen; einige davon sind ähnlich genug, um von derselben Person stammen zu können! Aber das reicht nicht aus, um die Fälle zu verbinden, sagte er, und die Täter gingen zu unterschiedlich vor.

Eine weitere falsche Schätzung über seine Körpergröße und ein wertloser Vergleich von Haaren; mehr war tatsächlich nicht aus der Aufgabe seines Versteckes resultiert.
Ergeben verkroch sich der Bildhauer in einem Haufen Schmutzwäsche in Bergeracs Keller, um darauf zu warten, dass Sophie ihn am Morgen wieder aus den Haus ließ. Es führte kein Weg daran vorbei; wenn er wollte, dass Bewegung in seinen Fall kam, musste er den Ermittlern handfeste Beweise zuspielen.

Annotationen

Sophies Darstellung ihres Mannes und seiner inellektuellen Fähigkeiten. Ist erkennbar, dass sie vor allem so ausrastet, weil er sie vorher beleidigt hat und sie schon länger akut darüber frustriert ist, dass er ihren Input nicht annimmt? Ich brauche Leser, die freiwillig mitdenken :D

Und es ist natürlich unnötig, Klein!Louis zwischen Bergeracs dreckigen Socken und getragenen Unterhosen übernachten zu lassen, aber seine Entwicklung hin zu dem obsessiv-compulsiv täglich mehrmals duschenden und jeden Tag sein Bett neu beziehenden Jetzt-Zeit-Zustand ist etwas, das ich gern etwas detaillierter und mit Zwischenschritten darstellen möchte. Das gibt nämlich auch die Gelegenheit, eine Mehrstrangigkeit von Persönlichkeitsentwicklung zu zeigen. Also in dem Sinne, dass nicht mit diesem oder jenem Schlüsselereignis eine komplette Umwälzung aller seiner hervostechenden Eigenschaften stattfindet, sondern dass neben den getriggerten Instant-Veränderungen auch getriggerte aber doch langsamer fortschreitende Veränderungen, sowie ohne feststellbare Trigger einfach durch unspezifische Reifungs- oder sonstwie geartete Entwicklungsprozesse angetreibene Veränderungen passieren.
Ein einzelnes Ereignis macht keinen neuen Menschen, es kann höchstens als Katalysator fungieren, und nicht alle angestoßenen Veränderungen müssen sich auch verfestigen. Es gibt profunde Erlebnisse, die man einfach nach drei Tagen schon wieder vergessen hat, weil sie zu wenig mit dem alltäglichen Erleben zusammenpassen und so viel zusätzliches Nachdenken über und Anpassen von Einstellungen und Ideen anfallen würde, dass es als überwältigend erlebt und lieber verdrängt als umgesetzt wird.
In Erzählungen ist es relativ tabu, ein profundes Erlebnis zu schildern und dessen Auswirkungen schon kurzfristig im Sand verlaufen zu lassen.
Warum eigentlich?

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Nach getaner Arbeit verließ er das Werk, ohne es noch eines weiteren Blickes gewürdigt zu haben, und vertrieb den Frust aus seinen Gedanken, indem er sich intensiver denn je ‚Projekt Sophie‘ zuwandte.
Beinahe eine Woche verging, ehe er begriff, was geschehen war.
Indem er seine Werke für die Ermittler verfälschte, hatte er den Pfad der bloßen Schöpfung um der Schöpfung Willen verlassen. Er hatte seine Arbeit korrumpiert und entstellt, hatte die Inspiration verbogen, beschnitten, pervertiert, nur um ein Ziel zu erreichen, das mit Kunst, mit Schönheit, nichts zu tun hatte. So weit hatte er sich von diesem unfähigen Psychiater und seinen beiden nutzlosen polizeilichen Anhängseln treiben lassen! Wie hatte er das zulassen können!
Seine Wut kannte kein Ende. Er schrie, bis er keinen Ton mehr herausbekam, verwüstete jeden Winkel seines Vertecks, drosch mit einem Stuhl auf die Trümmer ein, bis er kaum noch die Arme heben konnte, schmiss wahllos an die Wand, was ihm gerade unter die Hände kam, bis der morsche Verputz sich löste, doch nichts davon ließ seine Raserei abflauen. Bald bekam er Angst, er würde nicht aufhören können zu toben, ehe er sich ganz in dem Gefühl aufgelöst hatte und daran verreckt war. Und in der Wut darüber, dass er sterben würde, ohne sich gerächt zu haben, packte er das nächstbeste scharfkantige Objekt, um es mit aller verbliebener Kraft über seinen Unterarm zu ziehen.
Der Schmerz war hart; erst stechend, dann reißend. Er übertönte die Raserei, brachte alle Emotionen zu einem so abrupten Stop, als wäre dies sein einziger Zweck.
Keuchend sah der Bildhauer auf den langen, klaffenden Schnitt hinab, in dem sich bereits das Blut sammelte. Tiefrot wölbte es sich zum Rand der Wunde auf, schwoll zitternd darüber hinaus, große Tropfen bildend, lief über seine Haut, stürzte ab und landete mit leisem Klatschen auf dem Boden.
Ein Stoßseufzer fegte über seine Lippen. Er war hier. Er war real. Er war materiell. Ein Körper, bestehend aus Muskeln, Knochen, Sehnen, Knorpel, Schleim, ein wenig Fett und Blut. Rotem, warmem Blut, das frei und ungehindert aus ihm herauslief.
Der Anblick ließ Frieden durch seine Glieder strömen; der Gedanke, dass seine Existenz fleischlich und konstant war, dass die Wut weniger fleischlich war als er, dass er sich nicht in einem Gefühl auflösen konnte, ganz gleich wie heftig es ihn befiel.
Erleichtert und innerlich ganz ruhig ließ er sich inmitten der Trümmer seiner Wohnstatt zu Boden sinken. Er würde sich an Bergerac rächen. Er würde an der Vernichtung des Psychiaters teilhaben, wie dieser an der Vernichtung des Bildhauers teilgehabt hatte.

Annotationen

Ist das in irgend einer Form nachvollziehbar, dass ein Künstler sein Schaffen nicht als Verwirklungen seiner selbst erlebt, sondern als Verwirklichung von etwas, das unabhängig von ihm existiert und an dem er nur während des tatsächlichen Schaffensprozesses teilhat? Gibt es einen Archetyp diesen Inhalts? Ich weiß es gar nicht.

Das hier ist jedenfalls eine der Szenen mit bösem Faux-pas. Ich hatte versäumt, zu erklären, warum Klein!Louis eigentlich ausrastet. Ist irgendwie untergegangen.
Dann hatte ich kurz Probleme zu erklären, warum er es ausgerechnet auf Bergerac so abgesehen hat, aber wenn man sich die Vorgeschichte ansieht, ist Bergerac derjenige unter den Ermittlern, zu dem Klein!Louis den meisten Kontakt hat und von dem er sich am meisten verspricht. Also ist es nicht ganz unlogisch, wenn sich seine Rachegelüste auf den armen Kerl konzentrieren.

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Ihre stete Gedankenversunkenheit hatte Sophie schon immer zu einem leicht kontrollierbaren Menschen gemacht, und auch dieses mal setzte sie der Stimme des Bildhauers keinen Widerstand entgegen. Mit weit ausholenden, beschwingten Schritten folgte sie ihm die Straße hinunter, einige hundert Meter an der Seine entlang, bis zu der Baustelle, auf der in Verlängerung der Pariser Königsachse Fabrikhallen durch Bürotürme ersetzt wurden.
In wochenlanger Arbeit hatte der Bildhauer eine der leerstehenden Hallen hergerichtet. Schutthaufen, bizarre Holzgestelle und qualvoll gewundene, menschlich wirkende Skulpturen aus rostigem Stahl säumten einen Weg, den er mit rotem Sand und Lehm uneben bedeckt hatte. In der Mitte der Halle weitete sich der Weg zu einem ovalen Platz, an dessen hinterem Ende ein wuchtiger Thron aus Stahlträgern, verrosteten Spitzen und fast einhundert Metern Stacheldraht aufragte. Beizeiten würde die gesamte Halle in Flammen aufgehen, beginnend mit den ölgetränkten Stoffbahnen und Seilen, die in unregelmäßigen Abständen von der Decke der Halle herabhingen. Doch bevor er Sophie zu Schaden kommen ließ, musste der Bildhauer das letzte noch verbliebene Mittel ausschöpfen, um das Geheimnis ihrer Schönheit zu lüften: Er musste versuchen, mit seiner Stimme den Wandel auszulösen.
Nervös baute er sich vor ihr auf. Er hatte dutzendemale beobachtet, wie Bergerac zu ihr ging, wie er sie ansah, doch er konnte nur raten, was Sophie dabei empfand. Zufriedenheit, die sie lächeln ließ. Stolz darauf, von jemandem gemocht zu werden. Sicherheit. Vorfreude darauf, in angenehmer Weise angefasst zu werden. Aber was noch?
Ohne den Blick von ihr zu nehmen, hatte er er den friedvollen, gelösten Zustand variiert, in den er sie versetzt hatte. Er hatte nacheinander alle Gefühle hinzugefügt, die er kannte, doch nichts davon hatte den erwünschten Effekt gehabt. Schließlich war er auf die Stufen des Throns gestiegen, um den Größenunterschied zwischen Sophie und sich auszugleichen, und hatte die Arme um die Frau des Psychiaters gelegt. Ein haptischer Reiz, so seine Hoffnung, würde den Durchbruch bringen. Doch als Sophie seine Umarmung zärtlich erwiderte, entglitt die Situation seiner Kontrolle.
Sein Körper wurde ganz schwach, seine Stimme versagte, und von plötzlicher Angst übermannt begann er zu weinen. Wenn sie ihn nur losgelassen hätte. Doch Sophie hielt ihn fest an ihrem Körper, selbst als sie längst wieder zu sich gekommen war, und setzte sich mit ihm auf die Stufen des Throns. Sacht wiegte sie ihn, während er an ihrer Schulter schluchzte. Erst als seine Angst so schlimm wurde, dass er zu zittern und zu hecheln begann, beendete Sophie ihre Umklammerung, um sich vor ihm auf den roten Sand zu hocken.
Behutsam redete sie auf ihn ein. Was sie sagte, weiß er nicht mehr, aber ihr Tonfall beruhigte ihn ganz allmählich. Er spürte sogar den Wunsch, auf ihren Schoß zurückzukehren – wenn sie ihn nur nicht dort festhalten würde. Doch für solche Spielereien war die Zeit längst zu knapp geworden. Bergerac würde bald auftauchen, und dann musste alles vorbereitet sein. Er musste sich zusammenreißen, die Schwäche abschütteln, die ihn zu Sophie treiben wollte.
Entschlossen sprang er auf, um einige male um den Thron herumzulaufen, besonders hoch aufgerichtet und stolz, und mit jedem Schritt kehrte das Gefühl der Kontrolle mehr zu ihm zurück. Schon wurde Sophie wieder still, ihr Blick leer; widerstandslos ließ sie sich am Thron festschnallen. Die Nadeln, mit denen er sie an die durchscheinenden Spinnenbeine der ferngesteuerten, auf der Rückenlehne des Throns hockenden Injektionsapparatur anschloss, nahm sie nicht einmal mehr als Traum wahr.

Annotationen

Rockin‘ da reseach like a pro, bro.
Seit den späten Fünfzigern und besonders intensiv in den frühen Siebzigern des letzten Jahrhunderts wurde in Paris an La Défense gebaut. Der Prozess ging und geht noch immer sukzessive voran; eins nach dem anderen wurden die alten Fabrikgebäude der Region erst stillgelegt und dann abgerissen. Die Verzögerungen und Verschleppungen, die bei öffentlichen Großbauprojekten wie La Défense besonders gern vorkommen, werden mit Sicherheit dazu geführt haben, dass die eine oder andere Fabrik für längere Zeit ungenutzt in der Gegend herumstand, massig Geld kostete und nur auf jemanden wartete, der darin seinen teuflischen Racheplan umsetzt.

Was Sophie zu Klein!Louis sagt – das klassische ‚Keine Angst, es tut dir keiner was, ich weiß, dir ist furchtbar weh getan worden, aber es gibt Menschen, die für dich sorgen wollen‘-Blahblah – hatte ich ursprünglich wenigstens als stichwortartige Zusammenfassung überliefern wollen, um zu zeigen, dass der Bildhauer auf diesen Scheiß mal überhaupt gar nicht anspringt. Aber dann dachte ich mir, wenn ich sie eh nur sagen lasse, was man in der Situation von einer Frau wie ihr vorurteilsmäßig erwartet, brauch ichs wirklich nicht auszuschreiben. Macht dann auch nochmal deutlicher, wie sehr es Klein!Louis zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus geht.

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Der Psychiater, Proulx und Voclain waren spät dran, als sie endlich die Halle betraten – offensichtlich war ihnen das Schreiben nicht exakt zum bestellten Zeitpunkt ausgehändig worden. Die mannshohe mechanische Puppe im Eingangsbereich funktionierte jedoch tadellos und machte eine Verneigung nach der anderen, während die Stimme des Bildhauers aus dem Lautsprecher in ihrer Brust plärrte: „Guten Abend, meine werten Herren Ermittler, Herr Psychiater — Ich freue mich, dass Sie den Weg hierher gefunden haben.“
„Wo ist meine Frau?“ Sichtbar erzürnt reckte Bergerac den Kopf in alle Richtungen, Proulx‘ Hand abschüttelnd, die dieser um Besonnenheit mahnend auf seine Schulter gelegt hatte. „Was haben Sie mit ihr gemacht!“
„Keine Sorge, Sie werden sie lebend und unversehrt wieder in Empfang nehmen können – sofern Sie und Ihre Kollegen meinen Anweisungen folgen. Sollten Sie sich als unkooperativ erweisen, werde ich Frau Bergerac jedoch töten und an ihrer Stelle einen von Ihnen in meine Apparatur spannen.“
„Wie lauten Ihre Forderungen?“ meldete sich Voclain zu Wort, die noch gesicherte Pistole auf den Boden gerichtet.
„Nun, zuerst einmal werden Sie und Proulx von Ihren Handschellen Gebrauch machen und den verehrten Herrn Psychiater zwischen sich anbinden. Ihre Waffen lasse ich Ihnen, denn Sie legen sicher Wert darauf, dass unsere finale Machtprobe von Pistolenfeuer begleitet wird. Allerdings darf nur einer von Ihnen seine Schusshand freibehalten. Sie dürfen um das Privileg würfeln, wenn Sie sich nicht anderweitig einigen können.“
Die Holzpuppe spuckte einen einzelnen, fünfseitigen Würfel aus, vor dem die drei Männer erschrocken zurückwichen, ehe sich Bergerac darüberbeugte, die Augen verengt, um im fahlen Licht etwas erkennen zu können. „Er spielt mit uns.“ stellte er fest.
„Was Sie nicht sagen.“ Proulx schnappte sich Bergeracs Linke und machte routiniert seine Handschellen daran fest. „Voclain, Sie sind der bessere Schütze.“
„Wollen Sie meine Fachkompetenz in Frage stellen?“ fuhr Bergerac auf, während sich Voclain an seiner Rechten zu schaffen machte.
„Das ist kaum nötig.“ gab Proulx zurück. „Ich schlage vor, dass Sie die Klappe halten, bis Voclain oder ich Sie zum Reden auffordern.“
Die Puppe räusperte sich blechern, ehe Bergerac aussprechen konnte, was ihm auf der Zunge lag. „Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit.“
Sofort wandten sich die drei Männer der Holzfigur zu, die sich ein letztes mal mit Schwung verneigte, um dann in gebeugter Haltung zu verharren.
„Meine Herren, mit dem Schließen der Handschellen haben Sie sich in einen künstlerischen Akt hineinbegeben. Sie sind jetzt Teil eines Kunstwerkes, das sich unaufhaltsam und unumkehrbar von diesem Moment an bis zu seiner Vollendung ereignen wird, und für dessen letztendliche Erscheinung Sie sich werden verantwortlich zeichnen müssen.“
„Ihre Forderungen.“ verlangte Voclain erneut zu wissen.
Unterbrechen Sie mich nicht — Das Werk ist Gegenstand seiner selbst. Es ist Ihre Aufgabe, meine Forderungen in Erfahrung zu bringen, meine Intention, den Grund dafür, dass ich wütend genug auf Sie drei bin, um einen derart aufwendigen Racheakt für Sie zu inszenieren. Sie dürfen dreimal raten.“ Langsam richtete sich die Holzpuppe wieder auf. „Sind Ihre drei Versuche aufgebraucht, ohne dass Sie zum richtigen Schluss gekommen sind, wird Sophie Bergerac vor Ihren Augen ihr Leben aushauchen. Sie wird dabei nicht betäubt sein, und weder der Anblick, noch die Geräuschkulisse dürften Ihnen zusagen.“
„Sie dreckiges Schwein!“ entfuhr es dem Psychiater, wofür Proulx ihm einen Ellenbogen in die Seite rammte und zischte: „Würden Sie sich verdammtnochmal wie ein Profi verhalten!“
„Ja, herrgottnochmal!“ spuckte Bergerac zurück. Er schien noch etwas nachsetzen zu wollen, überlegte es sich jedoch anders und zwang stattdessen einen würdevollen Ausdruck auf sein Gesicht.
Die Holzpuppe schwieg einige Sekunden lang. „Folgen Sie nun bitte dem roten Pfad ins Herz dieser Installation.“ forderte sie schließlich die Besucher auf. „Frau Bergerac und meine Wenigkeit erwarten Sie dort.“

Annotationen

Ich hoffe, es ist nicht zu subtil und wird auch durch die vorherigen Informationen über das Verhältnis des Bildhauers zum Publikum (dem Publikum; er sieht sich zu diesen Leuten in keiner Beziehung), dass Klein!Louis diese ganze Show nur abzieht, um Bergerac und Consorten mal ganz gepflegt zu verarschen. Sie sollen denken, sie wären in einem epischen Showdown, während es in Wirklichkeit nur darum geht, sie ein bisschen zu demütigen, ihnen Angst zu machen und dann Bergeracs Ehe über den Jordan zu schießen.

Zu der Sache mit den Handschellen habe ich einen eigenen Blogpost gemacht, den ihr hier lesen könnt.

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Er stand etwas abseits des Throns, schwer auszumachen zwischen den lodernd aus dem Sand ragenden Fackeln und dem chaotischen dunklen Hintergrund der Stahlkonstrukte. Als er schließlich vortrat und die drei Männer mit spöttischem Tonfall begrüßte, damit sie sich der jetzt schlafenden Sophie nicht noch weiter näherten, prallten diese überrascht zurück.
„Das Kind von der Place de la Bastille.“ murmelte Bergerac tonlos, und Proulx stimmte ein: „Scheiße, sie hatte recht.“
„Wer hatte recht?“ wollte Bergerac wissen.
„Na Ihre Frau.“
„Proulx!“ mische sich Voclain ein, seine Waffe entsichernd, während er weiter die Umgebung des Throns nach Bewegungen absuchte. „Schlechter Zeitpunkt und völliger Blödsinn.“
„Meine Frau hat mit Ihnen über den Fall geredet?!“
„Später, Bergerac!“ wies Voclain auch ihn zurecht. „Wir brauchen Ihre volle Aufmerksamkeit. Reden Sie mit dem Jungen. Er soll uns verraten, wo sich der Irre versteckt.“
„Herr Voclain.“ Hinter seiner Maske zog der Bildhauer eine spöttische Miene. „Ich bin der Irre, den Sie suchen. Dennoch sollten Sie dem Drang widerstehen, Ihre Waffe auf mich zu richten. Ich verfüge über eine sehr effektive Lebensversicherung. Sehen Sie her.“ Er hielt eine etwa handtellergroße Sendevorrichtung in die Höhe, von der eine Schnur bis zu seinem Ellenbogen hinab hing. „Ich nenne dieses Gerät ‚Das Knöpfchen von Leben und Tod‘; wenn ich es drücke, wird Sophie Bergerac eine nicht unerhebliche Dosis eines von mir kreierten, schnell wirkenden Giftes injiziert. Sie sind diesem Gift bereits begegnet – in meinen Werken.“ Rasch verbarg er die Vorrichtung wieder hinter seinem Rücken und stapfte ein paar Schritte zwischen Thron und Fackeln hin und her, während Voclain und auch Bergerac offensichtlich darum kämpften, die Realität zu akzeptieren. „Ich bin gewillt, Ihnen Ihren Unglauben nachzusehen. Was ich Ihnen jedoch nicht nachsehen werde, ist Trödelei. Wenden Sie sich der Ihnen gestellten Aufgabe zu, ehe Sie mir langweilig werden und ich dieses Werk vorschnell beende.“
Seine Pistole weiterhin unschlüssig in der Hand haltend, wandte sich Voclain Proulx und Bergerac zu, setzte an, etwas zu sagen, sah noch einmal zum Bildhauer hinüber und schüttelte dann den Kopf. „Ich glaube ihm kein Wort.“
Proulx zuckte mit den Schultern. „Sind schon merkwürdigere Sachen passiert.“
„Selten.“
„Und selbst wenn er lügt – in dem Szenario hier macht es keinen Unterschied. Er hat eine Geisel und droht, sie zu töten, wenn wir das Motiv des Statuenmörders nicht erraten.“
Voclain stieß die Luft aus und legte für einen Moment die Hand an die Stirn, um sich zu sammeln. „Ja, Sie haben recht. Also gut — Du willst, dass wir dir sagen, wofür du dich gerade rächst, sonst bringst du Frau Bergerac um, korrekt?“ wollte er dann vom Bildhauer wissen.
„So ist es. Ein einfaches, kleines, boshaftes Spiel, das Ihre Denkfähigkeit testet und mich unterhält.“
„Na, Bergerac.“ Proulx sah den Psychiater auffordernd an. „Dann lassen Sie mal Ihre Fachkompetenz spielen: Wofür rächt sich der Knirps?“
„Um das herauszufinden, braucht man keine Fachkompetenz.“ schnappte Bergerac. „Sehen Sie sich den Gang der Ermittlungen an, dann wissen Sie es.“
„Ach ja?“
„Ja.“
„Dann bin ich wohl zu blöd.“
„Wir sind ihm endlich auf die Schliche gekommen.“ erklärte Bergerac ungeduldig. „Sein letztes Werk hat ihn verraten.“
„Dass er auch die Debus auf dem Gewissen hat?“
„Ja.“ Der Psychiater sprach den Bildhauer jetzt direkt an. „Wir haben damit deine Schwäche entdeckt. Du wolltest mit dem Mord an Marguerite Debus nicht in Verbindung gebracht werden, weil er eine persönliche Tat war, ein Racheakt für irgend etwas, das sie dir angetan hat. Deshalb bist du in eine andere Gegend gewandert, hast dein Vorgehen geändert und so gut es ging darauf verzichtet, blutige Morde zu begehen. Du wolltest einen Mythos aufbauen, um groß, unangreifbar, ja übermächtig zu wirken. Du hast sogar mit deinem Zwang gespielt, Blut fließen zu lassen, bei deinem sechsten Mord, weil du das Gefühl brauchst, auch über dich selbst völlige Macht zu besitzen. Aber zuletzt hast du die Kontrolle verloren. Der Druck, dass dir ein Opfer entkommen ist, dass wir dein Versteck, dein Allerheiligstes durchsucht haben und du nichts dagegen tun konntest – du hast es nicht ertragen und noch einmal ein Blutbad angerichtet wie in Bernières-sûr-Seine; du warst in deinem Rausch sogar so unvorsichtig, Fingerabdrücke zu hinterlassen.“ Aufmerksam beobachtete er die Haltung des Bildhauers, ehe er betont einfühlsam ergänzte: „Du bist verwirrt und krank. Du brauchst Hilfe und wir können dir helfen. Lass Sophie frei, dann wird dir nichts geschehen, das verspreche ich. Wir werden dich an einen sicheren Ort bringen und besser für dich sorgen als deine Mutter es getan hat.“
Es folgte ein längeres, angespanntes Schweigen. Schließlich grinste der Bildhauer breit. „Sie haben noch zwei Versuche.“
Bergerac stieß die Luft aus. „Das kann nicht sein.“
„Und doch ist es so.“ erwiderte der Bildhauer, mit seinem Tonfall Bergeracs aufgesetzte Einfühlsamkeit nachäffend.
„Deine Morde sind ‚Kunstwerke‘, oder nicht?“ wagte sich jetzt Proulx vor. „Du hältst dich für einen Künstler.“
Der Bildhauer legte den Kopf schief, sagte jedoch nichts, während Bergerac voller Unbehagen an seinen Handschellen ruckte und schließlich zischte: „Machen Sie keine Behauptungen, denen ich nicht zustimme; das ist meine Frau da oben!“
„Er denkt, er wäre ein Künstler.“ raunte Proulx nun in Bergeracs Richtung. „Künstler sind eitel. Haben Sie die Berichterstattung verfolgt? Als die Bilder des letzten Opfers bei der Presse gelandet sind, gab es diesen Artikel in Le Monde, haben Sie den gelesen?“
„Nein.“
„Die Idioten fanden es witzig, das ‚Werk‘ im Kulturteil zu verreißen. Schlampige Arbeit, meinten sie, unoriginell, stümperhaft.“
„Aber er rächt sich an uns.“ wandte Bergerac ein. „Was haben wir mit Le Monde zu tun?“
„Wir haben die Fotos nicht gut genug gehütet.“
„Nein. Er hätte den Autor des Artikels auf den Stuhl geschnallt, wenn es so wäre, oder die Person, die die Fotos weitergegeben hat, und nicht meine Frau.“
Proulx zuckte mit den Schultern. „Sie war schon länger der Meinung, dass die Statuenmorde-“
„Proulx!“ fuhr Voclain dazwischen, doch Bergerac hakte nach: „‚Sie war der Meinung‘? Meine Frau hat mit Ihnen über diesen Fall gesprochen?“
„Wie können Sie nichts davon gewusst haben?“
„Proulx!“ Voclain schien jetzt ernsthaft wütend. „Verdammtnochmal, werden Sie das Thema endlich in Ruhe lassen!“
„Nein, ich verlange, dass Proulx mich aufklärt.“ widersprach Bergerac mit mühsam gewahrter Würde. „Meine Frau hat also an dem Fall gearbeitet und sich hinter meinem Rücken mit Ihnen in Kontakt gesetzt?“
„Das ist doch jetzt nicht von Relevanz.“
„Es ist relevant für mich, wenn sich meine Frau hinter meinem Rücken in meine Arbeit einmischt!“
„Aber nicht gerade jetzt, da sie in Lebensgefahr schwebt.“
Mit sichtbarer Anstrengung reißt sich Bergerac zusammen, atmete einige Male durch und brachte schließlich wieder seine würdevolle Miene zustande. „Worum ging es bei Ihrem Kontakt mit meiner Frau?“
„Sie können es wirklich nicht sein lassen.“ knurrte Voclain angewidert.
„Sie hat vielleicht etwas herausgefunden, das sie in diese Sache hineingezogen hat.“ erwiderte der Psychiater ruhig und Voclain seufzte.
„Sie hat Proulx und mich um die Akte zum Fall Debus gebeten, weil sie überzeugt war, dass eine Verbindung zu den Statuenmorden besteht. Sie wollte ein paar Beweismittel verglichen sehen, aber etwas handfestes ist bei ihrer Recherche nicht herausgekommen.“
Bergerac schnaubte ungläubig, während er immer wieder zu Sophie hinaufsah, die über das Geschimpf er Männer langsam aus ihrem komatösen Schlaf heraufdämmerte. Dabei schlich sich in sein Gesicht ein zunehmend schmerzlicher, vielleicht sogar trauriger Ausdruck – genau konnte der Bildhauer es nicht beurteilen. „Sie wusste von Anfang an, dass die Statuenmorde mit dem an Marguerite Debus zusammenhängen?“
„Sie hat es vermutet, hatte aber keine ausreichenden Beweise.“
Bergerac biss die Zähne zusammen. In diesem Moment erwachte Sophie, versuchte blinzelnd, sich zu bewegen, erkannte ihre wenig vorteilhafte Lage und verlieh ihrem Erschrecken mit einem unartikulierten Wimmern Ausdruck. Damit riss sie den Psychiater aus seinem selbstmitleidigen Schweigen; doch als er zu ihr stürzen wollte, hielten Proulx und Voclain ihn an den Handschellen zurück.
„Sophie! Geht es dir gut?“
„I- ich weiß nicht– mir– ist schwindelig.“
„Weißt du, wo du gerade bist? Hat er dir irgend etwas verabreicht?“
„Ich weiß es nicht, ich– war zwischendurch bei- bei Bewusstsein aber-“
„Verzeihen Sie wenn ich Sie unterbreche.“ mischte sich der Bildhauer endlich wieder ein. „Doch Sie sind im Begriff, sich gefährlich vom Thema dieser Veranstaltung wegzubewegen, und ich beginne, mich zu langweilen. Ich bin ein überaus schlechter Gesellschafter, wenn ich mich langweile.“
Bergerac senkte den Kopf, ehe er seine Frau wieder ansah. „Sophie, du musst mir jetzt ganz genau zuhören: Dieser Junge droht, dich umzubringen, wenn wir nicht herausfinden, aus welchem Grund er sich jetzt an uns rächt; wir haben drei Versuche, einer ist bereits verbraucht. Aber wir schaffen das, hörst du, dir wird nichts passieren. Du musst mir nur ganz genau sagen, was du über den Statuenmörder und Marguerite Debus herausgefunden hast.“
„Herausgefunden?“
„Ich weiß, dass du an dem Fall gearbeitet hast.“
„A- aber das stimmt nicht, ich-“ protestierte Sophie, noch immer leicht benommen.
„Lüg mich nicht an!“ entfuhr es Bergerac, er fasste sich jedoch sofort wieder. „Voclain und Proulx haben mir alles erzählt. Ich weiß, dass du dich hinter meinem Rücken in meine Arbeit gemischt hast. Was glaubst du, warum er dich in diese Sache hineingezogen hat?“
Sophie stieß die Luft aus und versuchte vergeblich, sich gegen den Widerstand ihrer Fesseln in eine bequemere Sitzhaltung zu bringen. „Ich habe nichts herausgefunden, ich hatte nur eine Idee.“
„Was für eine?“
„Dass der Statuenmörder auch Marguerite Debus getötet hat, und dass er ihr Kind ist.“
„Das ist alles? Hast du Notizen gemacht? Was hast du geschrieben?“
„Nichts- nichts, was darüber hinausginge.“
„Bist du sicher?“
„Ich-“ Sie versuchte, ihren Arm zu heben und zerrte kurz mit einem frustrierten Knurren an der Fessel. „Ich habe überlegt, dass er misshandelt worden sein muss. Dass- dass Marguerite ihn verstoßen hat weil er entstellt ist, sie- sie haben doch ein paar Masken gefunden in dem Haus, versteckt, als wollte jemand sie nicht anziehen müssen.“
Mit einer schnellen, harten Bewegung wandte sich Bergerac dem Bildhauer zu. „Hat meine Frau recht?“
„Ich weiß nicht, hat sie? Ich bin nicht hier, um Ihre Fragen zu beantworten, Bergerac, und ich werde es zunehmend leid, auf ihre nächste Aussage in unserem Spiel zu warten.“
„Du hast meine erste Aussage nicht als korrekt akzeptiert, weil ein Detail fehlte. Du wolltest nicht, dass wir herausfinden, dass du nur ein hässliches kleines Kind bist, das seine eigene Mutter auf dem Gewissen hat.“
„Ach Bergerac.“ Kopfschüttelnd legte sich der Bildhauer die Schnur am Schalter für die Injektionsapparatur um den Hals, so dass das Gerät deutlich sichtbar vor seiner Brust hing. Dann stützte er die Hände auf die Hüften und richtete sich hoch auf. „Das war nun schon der zweite Versuch, und Sie sind der tatsächlichen Lösung noch nicht einmal im Ansatz nahe gekommen.“
„Verdammt, das kann doch nicht sein!“ Der Psychiater wollte sich durchs Haar fahren, wurde aber daran gehindert, weil Voclain seine gefesselte Hand mit einer genervten Gegenbewegung wieder nach unten zog.
Im selben Moment rief Proulx aus: „Neun!“ und sah Voclain und Bergerac aufgeregt an, als sie sich ihm zuwandten. „Erinnern Sie sich an das Gedicht auf Andrea Rome! Er hat darin bis neun gezählt, und bis heute hat er neun Morde begangen. Vielleicht war das Blutbad beim letzten gar kein Ausrutscher. Vielleicht hatte er es von Anfang an so geplant.“
„Und warum sollte er so etwas tun?“ wollte Bergerac wissen.
„Na, um sich zu erkennen zu geben. Sie sagen ständig, er würde mit uns spielen. Da haben Sie das wahre Ziel des Spiels. Er wäre nicht der erste Serientäter, der nur darauf wartet, gefasst und in Grund und Boden interviewt zu werden.“
„Mit Marguerite Debus sind es aber schon zehn Morde.“ wandte Bergerac ein. „Und Sophie–“
„Denken irre Täter immer logisch?“
„Nein, natürlich nicht.“ Grüblerisch verzog der Psychiater die Stirn. „Und es ergibt tatsächlich Sinn — Die ganze Mordserie war ein einziges, perverses Spiel, und die Rache, die er angeblich nehmen will-“
„Warte!“ fiel Sophie ihrem Mann schrill ins Wort. „Ich sitze hier oben, ich entscheide, was du sagst!“
„Was gibt es denn da noch zu entscheiden?“
„Dein Vorschlag ist nicht die einzige Möglichkeit, die noch bleibt.“
„Sondern?“
Sophie stieß ein krampfartiges Seufzen aus. „Er ist doch Künstler. Er- er sieht sich als Künstler. Und ihr macht seine Werke kaputt. Ihr lasst sie einfach wegräumen, sobald ihr sie entdeckt.“
„Wäre es so, hätte er schon viel früher eine Aktion wie diese veranstaltet.“
„Manchmal dauert es eine Weile, ehe einem der Kragen platzt.“ Hilflos zuckte Sophie mit den Schultern.
Das ist also deine Analyse? Damit willst du dein Leben riskieren?“
Verwirrt sah Sophie den Psychiater an, doch er sprach weiter, ehe sie etwas erwidern konnte.
Ich habe Psychologie studiert, Sophie, ich arbeite seit Jahrzehnten in diesem Beruf und ich habe tausendmal mehr Erfahrung im Umgang mit Verbrechern als du. Dass du, eine bloße Hausfrau einmal richtig geraten hast-“
„Jetzt blas dich nicht so auf!“ schnitt Sophie ihm wütend das Wort ab. „Ohne mich wärst du nur ein depressiver kleiner Versager! Ohne mich wärst du-“ Sie brach ab und die folgende Stille schien von Reue erfüllt zu sein; jedenfalls hielt Sophie nun den Kopf gesenkt und unterahm einen fruchtlosen Versuch, sich die gefesselten Hände ans Gesicht zu legen.
„Es ist ein Spiel.“ brach der Psychiater schließlich tonlos das Schweigen.
„Mathis-“
„Du spielst mit uns. Das ist alles.“
„Es ist eine wahre Tragödie.“ verkündete der Bildhauer zufrieden. „Nun wird Frau Bergerac niemals erfahren, ob sie recht hatte.“
„Keine Bewegung!“ Voclain hatte seine Waffe blitzschnell wieder gezogen und routiniert in der Bewegung entsichert. „Nimm die Hände hoch oder ich schieße.“
„Sie wollen schießen?“ Die Finger des Bildhauers schwebten nur wenige Zentimeter neben Schalter in der Luft. „Auf ein unbewaffnetes Kind?“
„Du bist nicht unbewaffnet.“
„Aber was wenn ich nur blöffe? Was, wenn dieser Schalter hier –?“ Er bewegte seine Finger einige Millimeter näher. „–nur eine Attrappe ist? Was, wenn die Apparatur kein Gift verabreicht, sondern harmlose Kochsalzlösung? Sie können doch nicht auf einen bloßen Verdacht hin-“
„Nun schießen Sie schon!“ brüllte Bergerac außer sich.
Voclain zuckte zusammen, fasste sich, zielte jetzt auf den Schalter. „Das ist meine letzte Warnung. Nimm die Hände hoch oder ich schieße.“
„Wollen wir sehen, wer schneller am Abzug ist? Sie oder-“
Der Schuss übertönte das letzte Wort des Bildhauers. Er spürte zuerst die Einschlagsgewalt der Kugel, dann den unbeschreiblichen Schmerz, mit dem sich das Geschoss und Splitter der Plastikverkleidung des Schalters in sein Brustbein bohrten.
Zu Boden zu fallen, war leicht. Nicht zu keuchen und zu weinen, sondern tot zu spielen, war eine Herausforderung. Doch seit der Schuss gefallen war, wurde ihm ohnehin keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt.
Zuerst rangelten die drei Männer darum, ob zuerst zu Sophie zu stürmen oder die Handschellen zu lösen seien; dann kämpften sie mit Sophies Fesseln, zunehmend hektisch, kaum dass sie bemerkt hatten, dass rings um sie herum zischelnde Flammen an den Stoffbahnen und Seilen emporzüngelten, auf die Holzgestelle und die mit leicht brennbarem Kunstharz überzogenen Metallskulpturen übergriffen und drohten, die ganze Halle in ein Meer aus Feuer zu verwandeln.
Voclain war so gütig, sich nach Sophies Befreiung noch einmal nach dem womöglich nur schwer verletzten Bildhauer umzusehen; als von ihm jedoch keine Spur zu sehen war, folgte er den anderen fluchend und hustend in Richtung Ausgang.

Annotationen

Ah ja, die gute alte Alternativhypothese.
Ich sage euch, es war nicht leicht, sich ganze vier plausible, schlüssige, mit den Fakten vereinbare Motive sowohl für die Taten als auch für die Rache zu überlegen. Aber ich denke, ich habs ganz gut hinbekommen.

Und ist es nicht herrlich gemein, dass Sophie zugibt, dass sie der Expertise ihres Mannes nicht genug traut, um ihr ihr Leben anzuvertrauen?

Die fünf Charaktere gleichzeitig im Gespräch zu schreiben, fand ich irgendwie anstrengend. Ständig braucht man ne Inquit, damit man weiß, wer grad dran ist.

[collapse]

Der Morgen graute, als die Eheleute Bergerac endlich nach Hause kamen.
Sophies Beine zitterten noch so stark, dass sie an der Tür auf die Knie sank, als sie die Blätter sah, die jeden Quadratzentimeter des Bodens im Erdgeschoss bedeckten. Es waren Zeichnungen von ihrem Gesicht und ihrem Körper, wach, schlafend, lächelnd, bedrückt, ausdruckslos – oder lesend über die Notizen auf dem Schreibtisch ihres Mannes gebeugt.
„Mathis, es tut mir so leid.“ murmelte sie gepresst, doch Bergerac antwortete nicht, sondern trat mit seinen Schuhen achtlos auf eben dieses Bild, um zur Garderobe zu gelangen.
Dort blieb er stehen, reglos auf die Schale starrend, in der er seinen Hausschlüssel und das Kleingeld aus seinen Hosentaschen abzulegen pflegte.
Obenauf lag eine Visitenkarte, beschriftet mit winzigen roten Buchstaben:

Geben Sie gut auf sie acht.
Es laufen gefährliche Irre frei herum.
B.

Annotationen

Klein!Louis ist schon irgendwie ein Arschloch. Erst treibt er einen fetten Keil zwischen Bergerac und Sophie, und dann kettet er sie mit Angst und Beschützerinstinkt aneinender. Spaaaaaß :D

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