Kuwe-Änderungen 01.1: Louis‘ jetzt klitzekleine erste Rückblende

/ November 20, 2011/ Das Prinzip der Schönheit, Meine Schreibe und ich/ 0Kommentare

Ich habe eine tolles neues Wort gelernt. Dieses Wort lautet Infodump und ist Lektorenspeake.
Ein Infodump ist, wenn ein Autor den Leser mit Informationen zumüllt, während ansonsten überhaupt gar nichts passiert. Klassisches Beispiel sind ewiglange Charakterbiographien auf der ersten oder zweiten Seite.
Alles was tatsächlich relevant ist in so einer Geschichte, kann man auch anders als durch einen Infodump einbauen; spätestens in der Szene, in der es dann relevant wird.

Das Problem mit Infodumps ist, dass sie langweilig sind und den Leser rausbringen. Vielzitiertes Beispiel: ‚Der Schwarm‘ von Schätzing. Die Welt geht unter, Cliffhanger… und dann folgt erstmal seitenweise emotionales Geseiere, das mit Killerfischen nichtmal im Ansatz was zu tun hat.

Ich mir also überlegt, wie ist das mit den Killerfischen in Louis‘ erstem Rückblick? Stellt sich raus, anfangs geht es noch, weil da der direkte Bezug zum Aufhänger des Rückblicks noch nicht so gedehnt ist. Aber der Rückblick bewegt sich durch thematische Assoziation weiter, sprich: er kommt von Hölzchen auf Stöckchen.
Insgesamt bleibt er damit im Kontext von Louis‘ verkorkstem Leben, aber mit dem konkreten thematischen Einstieg in die Rückblende hat er am Ende nichts mehr zu tun.
Also hab ich mir ein großes Hackebeil und ein feines Skalpellchen genommen und den Rückblick schönoperiert.

EDIT: Wer sich an diesen Post hier erinnert, wird jetzt lachen, denn natürlich habe ich es schon wieder getan und auch die neue neue Version ist schon wieder veraltet.
Aber so ist das beim Schreiben. Wenn man seine Geschichte weiterentwickelt, entwickelt sie sich weiter. Dinge ändern sich, während man im Wort-Lehm die letztendliche, ‚wahre‘ Form der Erzählung sucht.

Aus 644 Worten in 4161 Zeichen

Spoiler

Er legt eine Hand an die kühle Scheibe und versucht, die Lichtung auszumachen. Da vernimmt er plötzlich das kalte, harte Geräusch, mit dem seine Maske an das Glas stößt. In einer Aufwallung von Hass, die den ganzen Frieden wieder zunichte macht, zieht sich sein Magen zusammen. Hass auf das Geräusch, Hass auf die Maske, Hass auf das, was sich dahinter verbirgt; dieses grotesk verformte, knochige Ding, das Marguerite einst dazu bewog, ihn zu verlassen und zur Totgeburt zu erklären.
Er hat nie verstanden, warum sie ihn nach seiner sturzartigen Ankunft auf der Welt nicht unter ihr schweres Federbett gesteckt hat. Es wäre so leicht gewesen, sicher zu stellen, dass seine ersten Atemzüge auch seine letzten sind, und diese kleine Handlung hätte ihr so viel Ärger ersparen können. Doch stattdessen torkelte sie auf den dunklen Flur hinaus, wild schluchzend, das #andere## Kind an ihre nassgeschwitzte Brust gepresst. Vielleicht wollte sie nicht, dass das erste, was dieses Kind in seinem Leben sah, ein Mord war.
Céciles Legende nach erreichte die Hebamme in just diesem Moment das Haus des Grauens und war so freundlich, die vollkommen hysterische Mutter für eine Zeit bei sich aufzunehmen. Sie schickte sogar in der selben Nacht noch eine verschwiegene Person zum Haus, damit diese den toten verkrüppelten Säugling verschwinden ließ. Die verschwiegene Person meldete jedoch bald, dass der Krüppel noch lebe, weshalb sie das grässlich Ding versorgen werde, bis es in wenigen Tagen seinen – sicher auch organischen – Deformitäten erliege. Diese wenigen Tage kamen und gingen, doch der Krüppel lebte ungeniert weiter. Und schließlich – etwa zu der Zeit, als Marguerite ihr neues, sehr kleines Haus in Bernières-sur-Seine bezog – weigerte sich die verschwiegene Person, ihre eigene Familie noch länger zu seinen Gunsten zu vernachlässigen. Also organisierte die Hebamme eine durchaus kostengünstige Alternative: Adèle und Cécile, zwei noch sehr junge Mädchen, an denen sie Abtreibungen vorgenommen hatte, und die nur zu glücklich über die Aussicht waren, dem Wirkungskreis ihrer Vergewaltiger dauerhaft zu entkommen.
Zehn Jahre lang bewachten sie Ludwig, schürten seine Angst vor der Außenwelt und versuchten – erfolglos – ihm durch Anschreien, stundenlanges Ignorieren, Verbannungen in den Kohlenkeller und Schläge so etwas wie menschliches Verhalten beizubringen. Das einzige, was ihn je zur Raison bringen konnte, waren Marguerites Rohrstock und der Ausdruck auf ihrem Gesicht, der ihn daran erinnerte, dass es für sie nur angenehme Konsequenzen haben würde, sollte sie ihn eines Tages versehentlich zu Tode prügeln.
Dabei gab er sich ehrlich Mühe, etwas Wertvolles zustande zu bringen, das den ständigen Ärger aufwog, den er verursachte. Und rein Handwerklich wäre es auch ein Leichtes für ihn gewesen, Marguerites Bleistiftskizzen in der von ihr gewünschten Weise auf eine Leinwand zu übertragen. Doch wenn er sich nicht in einem Maße konzentrierte, dass er hämmernde Kopfschmerzen bekam, ergriff der Fluss von ihm Besitz und gab den einfarbigen Flächen Tiefe und den primitiven Formen Komplexität.
Der Fluss ließ Schönheit entstehen, und Ludwig verabscheute das Zucken in Marguerites Miene, das ihm verriet, dass sie die mühsam wieder getilgten Spuren dieser Schönheit entdeckt hatte und sie aus tiefstem Herzen missbilligte. Auf das Zucken folgte stets ein Luftholen, und auf das Luftholen folgte schrilles, zorniges Gezeter, ob es ihm Spaß mache, sich dämlich zu stellen, ob er den Eindruck habe, dass sie nichts besseres zu tun hat, als sich mit seiner Sturheit herumzuschlagen, ihre Anweisungen seien nun wirklich für Blöde formuliert gewesen, ob er #überhaupt## zu etwas zu gebrauchen sei, oder ob es ihm gefiele, sie nur Geld zu kosten, das sie nicht habe; ob er es denn wirklich nicht lassen könne, sich immer und immer wieder Schläge abzuholen.
Er hasste sie, hasste jeden einzelnen Knochen ihres Körpers, jedes Organ, jede Sehne, jeden Muskel, der ihr schönes Gesicht verzerrte, sobald sie ihn ansah, jedes Haar in den Wimpern, die ihre zornigen blauen Augen umrahmten.
Jetzt ist sie tot. Dabei hatte er sie gar nicht umbringen wollen, im Gegenteil.

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Spoiler

Er legt eine Hand an die kühle Scheibe und versucht, die Lichtung auszumachen. Da vernimmt er das kalte, harte Geräusch, mit dem seine Maske an das Glas stößt. In einer Aufwallung von Hass zieht sich sein Magen zusammen. Hass auf das Geräusch, Hass auf die Maske, Hass auf das, was sich dahinter verbirgt; dieses grotesk verformte, knochige Ding, das Marguerite einst dazu bewog, ihn zu verstoßen.
Er hat nie verstanden, warum sie nach seiner sturzartigen Ankunft auf der Welt kein Kissen auf sein abscheuliches kleines Gesicht gedrückt hat. Es wäre so leicht gewesen, sein Ableben sicherzustellen; es hätte so viel Leid verhindert. Doch sie war zu feige, und gerade als sie heulend und blutverschmiert aus dem Haus torkelte, kam auch noch die verfluchte Hebamme dazu – so erzählte Cécile stets die Legende.
Die Hebamme war eine allzu gütige Frau. Sie nahm die völlig hysterische junge Mutter bei sich auf, schickte zu ihrer Beruhigung sogar in der selben Nacht noch eine verschwiegene Person zum Haus, die den grässlichen kleinen Leichnam entsorgen sollte. Als der Krüppel wider Erwarten noch lebte, bestand die verschwiegene Person darauf, das arme Ding zu versorgen, bis es seinen sicher zahlreichen organischen Deformitäten erlag. Allein, der Krüppel erlag einfach nicht, und schließlich wollte die verschwiegene Person ihre Angelegenheiten nicht länger zu seinen Gunsten vernachlässigen. So organisierte die Hebamme nicht nur ein Häuschen in Bernières-sur-Seine für Marguerite, sondern auch eine Betreuung für deren Missgeburt: Adèle und Cécile, beide dreizehn, beide durch Abtreibungen mit der Hebamme bekannt und beide bereit, einiges in Kauf zu nehmen, um dem Wirkungskreis ihrer Vergewaltiger zu entkommen.
Zehn Jahre lang bewachten sie den kleinen Krüppel und versuchten, ihm so etwas wie menschliches Verhalten beizubringen. Doch das einzige, was ihn jemals zur Raison bringen konnte, war der Ausdruck in Marguerites Augen, wenn sie den Rohrstock erhob; der Ausdruck der ihm sagte, dass es für sie nur angenehme Konsequenzen haben würde, sollte sie ihn versehentlich zu Tode prügeln.
Er hasste sie, hasste jeden einzelnen Knochen ihres Körpers, jedes Organ, jede Sehne, jeden Muskel, der ihr schönes Gesicht verzerrte, sobald sie ihn ansah, jede Wimper, die den Blick in ihren blauen Augen umrahmte.
Jetzt ist sie tot.
Dabei hatte er sie gar nicht umbringen wollen.

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Jetzt erklärt er kurz und bündig, wie es kommt, dass er noch lebt, obwohl seine Mutter es nicht einmal über sich gebracht hat, ihn mit einem Kissen zu ersticken, geschweige denn ihn in irgend einer Form zu versorgen.
Daran angehängt ist sehr kurz die Info, dass seine Mutter sich ihm irgendwann wieder zugewandt hat – um ihn zu verkloppen. Weshalb sie jetzt eine verstorbene, dahingeschiedene, von uns gegangene Ex-Mutter ist.
Und dann: Cliffhangerrrrr! :D
Den Rest des Rückblicks sieht der Leser aber schon wenig später wieder, wenn es gerade eh um Morde und Geständnisse geht. Passt farblich gut und auch der Geschmack harmoniert. Yehaw.

Zu diesem Thema gibt es auch eine kurze Diskussion zwischen Ela Sonntag und mir auf den Schreibhandwerkern: Link.

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