Menschlich korrekt 2: Der Bechdel-Test (für ‚Exoten‘)

/ Dezember 25, 2012/ Alle Posts mit Feminismus, Charaktere und Beziehungen, Meine Schreibe und ich, Schreibtips/ 0Kommentare

bechdel(Teil 1)

Die Comiczeichnerin Alison Bechdel hat einen Test erfunden (der Comic dazu ist über das Bild hier links verlinkt), der ein ziemlich dusteres Licht auf die Gleichberechtigung nicht nur der Geschlechter in Hollywood wirft.

In seiner Originalform besteht der Test aus folgenden Fragen:
1. Gibt es in dem Film zwei oder mehr weibliche Charaktere, die einen Namen haben?
2. Unterhalten sich diese beiden weiblichen Charaktere miteinander?
3. Über etwas anderes als einen Mann?

Jetzt geht mal im Geiste eure Lieblingsfilme durch. Wieviele Punkte bekommen sie? —– Ist das nicht erschreckend? Die Menschheit besteht zu 50% aus Frauen, aber im meistkonsumierten Medium dieser Zeit sind sie wir eine einsame, auf Männer fokussierte Randerscheinung.

Das gleiche gilt für sogenannte ‚Minderheiten‘, die ich zum Zwecke der Unterstreichung meines Punktes im Rahmen dieses Posts als ‚Exoten‘ bezeichnen möchte. Wir sehen im Kino und Fernsehen eine gigantische Kollektion junger, weißer, körperlich und geistig uneingeschränkt funktionsfähiger, christlicher, heterosexueller cis Männer aus der Mittelschicht; sie werden sozusagen als das Standardmodell unserer Spezies präsentiert. Der ganze weniger privilegierte Rest der Menschheit, der witzigerweise die Mehrheit auf dem Planeten ausmacht, bleibt Zierrat.
Schwule und lesbische Menschen, trans* Menschen, schwarze, braune, asiatische Menschen, Muslime, Jüd_innen, Buddhist_innen, Poly- oder Atheist_innen, Menschen mit körperlichen oder kognitiven Behinderungen, alte Menschen, Menschen in präkeren oder anrüchigen Lebens- oder Arbeitsverhältnissen, fette Menschen und Menschen, die sonstwie nicht dem aktuellen Schönheitsideal entsprechen, werden lediglich als Requisiten und Funktionscharaktere eingesetzt. Sie werden in vorurteilsbehafteter und beleidigender Weise auf das eine Merkmal reduziert, das sie von dem oben genannten privilegiertesten aller menschlichen Phänotypen unterscheidet, oder sie für diesen interessant macht.

Die immer noch bestehende Männerdominanz in den verschiedenen Funktionen rund um die Filmwelt mal beiseite, macht das natürlich irgendwie Sinn. Jeder kennt dutzendweise junge, weiße, körperlich und geistig uneingeschränkt funktionsfähige, christliche, heterosexuelle cis Männer in allen möglichen kulturellen und sozialen Machtstellungen. Die sind wie Großstadtauben. Laufen überall rum, kacken überall hin, machen Krach. Schwer zu übersehen.
Frauen in Machtpositionen sind seltener. Wir sind deshalb seltener ‚wichtig‘, werden seltener respektiert, seltener ernst genommen, seltener als vollständige, vielschichtige Menschen angesehen. Und warum um alles in der Welt sollte die profitgeile Filmindustrie Rücksicht auf eine Zielgruppe nehmen, die weder respektiert, noch richtig wahr- und ernst genommen wird, und sich außerdem noch nichtmal wirklich beschwert, weil sie die ganzen Vorurteile gegen sie internalisiert hat?
Echte ‚Exoten‘ wie homosexuelle, schwarze, trans* oder Menschen mit Behinderung – oder gar Angehörige von mehr als einer dieser Gruppen (Schwarze Lesben? Fette Asiaten mit Behinderung?) – existieren kaum noch im Bewusstsein der Kulturschaffenden des Mainstream. Aber in der wirklichen Welt existieren diese Menschen, auch wenn nicht jeder von uns einen persönlich kennt.

Dieser letzte Satz wird schonmal als Argument dafür angeführt, warum der auf den jungen, weißen, körperlich und geistig uneingeschränkt funktionsfähigen, christlichen, heterosexuellen cis Mann aus der Mittelschicht fokussierte Ansatz der Filmindustrie einfach nur sinnvoll sei: „Menschen wollen Filme sehen, mit denen sie sich identifizieren können. Keine Sau kennt eine/n ‚Exot_in‘ persönlich, also warum soll eine_r politisch korrekt dargestellt werden?“

1. Menschlich korrekt, bitte.
2. Was ist mit den ‚Exot_innen‘, die sich auch mal mit einem Film identifizieren können, oder zumindest nicht ständig mit den selben beleidigenden Stereotypen vor den Kopf gestoßen werden wollen?

Ich verlange gar nicht mal, dass es im Kino auf einmal von exotischen Hauptcharakteren wimmelt – auch wenn ich es über alle Maßen begrüßen würde. Aber auch wenn es ’nur‘ um Nebencharaktere geht:
Ist es wirklich in Ordnung, Charaktere hinzurotzen, die dem jungen, weißen, körperlich und geistig uneingeschränkt funktionsfähigen, christlichen, heterosexuellen cis Mann aus der Mittelschicht zwar anheimelnd vertraut vorkommen, die aber all die Menschen, die zu der gleichen Demographie wie dieser Charakter gehören, abstoßen, beleidigen, befremden, frustrieren, anwidern, retraumatisieren?
Ist es wirklich so wichtig, dass die jungen, weißen, körperlich und geistig uneingeschränkt funktionsfähigen, christlichen, heterosexuellen cis Männer aus der Mittelschicht ein zu 100% leichtverdauliches, oberflächliches Unterhaltungsprogramm präsentiert bekommt, dass man dafür reihenweise die Leute wie Menschen zweiter Klasse behandeln kann?
Und es ist wirklich nicht schwer, ‚Minderheiten‘-Charaktere als vollständige Individuen zu portraitieren. Ein bisschen Recherche, ein bisschen Feingefühl, und schon macht ihr reihenweise Leute glücklich, die ansonsten systematisch ignoriert werden.

Hier ist mein für Exoten modifizierter Bechdel-Test:
1. Gibt es in dem Film zwei oder mehr Exoten mit Namen?
2. Unterhalten sich diese Exoten länger mit jemandem (Zusatzpunkt, wenn sie miteinander reden)?
3. Über etwas, das nichts mit den im Film vorkommenden jungen, weißen, körperlich und geistig uneingeschränkt funktionsfähigen, christlichen, heterosexuellen cis Männern zu tun hat?

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