Morgenschriebe: Psycho-Vampir (Teil 2/4)

/ Juni 3, 2014/ Kurzprojekte, Meine Schreibe und ich/ 0Kommentare

how-to-make-vampire-teeth-v1-one-fangDieser Post ist Teil einer Reihe von Morgenschrieben (eine Schreibübung von Dorothea Brande – Details), die ich genau so abgetippt habe, wie sie mir früh morgens aus dem Hirn gefallen sind. Der Authentizität halber habe ich alle Buchstabnedreher dringelassen.

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4

Triggerwarnung

Häusliche Gewalt, Kidnapping, V*rgew*lt*gung

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Sie ziehen rum und er hat recht. Ihr Körper verrät sie, ihre Psyche verrät sie. Die Erregung, die Lust sprudeln aus ihr heraus, ganz gleich, was sie tut. Sie hasst es, hasst ihn, und ihm schmeckt es.
Der Gedanke, sich zu fügen, gegen den sie sich anfangs noch gewehrt hatte, wird verlockend. Denn wenn sie aufhören könnte, es zu hassen, würde ihm das einen Teil seiner Nahrung entziehen.
Er kommt dazu, als sie auf dem Bett einer Fremden sitzt, die Knie gekreuzt, die Hände locker im Schoß.
„Was tust du da?“
„Nichts.“
„Du lügst.“
‚Gedanken sind Wolken.‘ Sie ziehen durch ihr Bewusstsein wie ein schneller Strom, ohne jeden Zusammenhang.
„Ich habe dir verboten, zu meditieren.“
„Mir doch egal.“ Ich bin, was ich bin, und was ich bin, ist kein Festmahl. Nicht für dich.
Er schlägt ihr mit dem Handrücken ins Gesicht, so herftig, dass sie zur Seite umgerissen wird. „Es gibt so vieles, das ich tun kann, um dir Schmerz zu entlocken. Du kannst dich nicht vor allem verschließen. Dein Körper wird es nicht gestatten. Dein Körper ist auf meiner Seite.“ Damit verlässt er das Zimmer, verlässt die Wohnung, verlässt das Haus, geht, bis ihre Hände verblassen, bis sie aufspringt und ihm hinterherrennt.
Hätte sie sitzen bleiben sollen? Hätte sie lieber tot als seine Butterbrotsdose sein sollen? Er würde doch nur das nächste Opfer suchen, und jeder Tag, den sie noch durchhält, ist ein Tag, an dem alle anderen vor ihm sicher sind.

Sei muss lange nach ihm suchen. Ihre Angst schmeckt ihm zu gut.
„Dir ist gleichgültig, was mit mir passiert.“ knurrt sie ihn an, als sie ihn endlich erreicht.
„Wie soll es mir gleichgültig sein, wenn ich dich brauche, um zu überleben? Es ist mir unangenehm, ohne Nahrung zu leben, und was dir zustößt, hat stets eine Entsprechung in mir.“
Sie mustert ihn, der unbeteiligt auf seine Uhr sieht. Sein scharf geschnittenes Gesicht, das ihr vor langer Zeit so reizvoll erschienen war.
„Was geschieht mit dir, wenn ich verblasse?“
Er lächelt. „Nichts.“
„Du sagtest, dass alles eine Entsprechung in dir hat. Was ist die Entsprechung meines Verblassens?“
„Du bist so beharrlich.“ Immer noch lächelt er.
„Verblasst du auch?“
„Nein.“
„Du verblasst. Du verschwindest genau so wie ich!“
„Und was würde es dir nutzen, wenn es so wäre?“
„Ich könnte dich töten.“
„Ich bin schneller als du. Ausdauernder.“
„Das werden wir ja sehen.“
„Du wirst ebenso sterben wie ich. “
„Das kannst du nicht wissen.“
„Ich weiß es.“
„Das ist mir die Sache wert.“
„Du wirst deine Meinung ändern, wenn dir die Kleider vom Leib rutschen.“
„Das werden wir ja sehen.“
„Komm jetzt.“ Er fasst sie grob am Arm. „Wir holen deine Sachen und ziehen weiter.“
Sie macht sich los. „Nein.“
„Die Zeit in dieser Wohnung ist um.“
„Bist du je verhaftet worden?“
„Nein. Niemand bemerkt, wie ich ein und aus gehe.“
„Das heißt, für alle deine Morde werde ich verdächtigt?“
„Nein.“ Er lacht. „Das wäre zu bequem für dich, nicht wahr Lass dich festnehmen und davonfahren, lass dich weit fort von mir bringen – du existierst nicht mehr für die Menschen, ebenso wie ich. Du bist nicht unsichtbar, aber sie sehen dich nicht. Das blaue Auge, das ich dir geschlagen habe, es existiert nicht für die Passanten. Geh zurück zu deinem Leben, das nicht mehr deins ist, niemand wird bemerkt haben, dass du fort warst, und wenn du vor ihnen stehst, werden sie dich nicht erkennen. Belibe bei mir oder bring dich um. Es gibt nichts sonst für dich.“

Sie isst etwas. Zum ersten Mal seit Monaten
Er hatte gelacht, als er den Entschluss in ihren Gedanken las. „Versuch es nur.“ hatte er gesagt. „Sieh, was dann passiert.“
Nichts passiert. Sie beißt ab, kaut, schluckt. Es schmeckt, wie es nun einmal schneckt, auch wenn sie keinen Hunger verspürt. Ihr Magen füllt sich, doch nur ein winziges bisschen.
Sie bestellt die nächste Portion.
An einem einzigen Tag alles zu essen, was man über Monate hinweg verpasst hat, ist unmöglich. Nicht, weil die Zeit nicht reichen würde, sondern weil es so schnell passiert, dass man sich durch die ganze Speisekarte gegessen hat und das nächste Restaurant suchen muss.
Sie bezahlt mit dem Geld eines Fremden und es fühlt sich gut an. Nicht, dass es von einem Fremden stammt, sondern dass sie ihre REchnung begleicht, eine Quittung bekommt, interagiert, wie sie seit Monaten nicht mehr interagiert hat.
Sie fühlt sich gut. Sie fühlt sich normaler als je zuvor. Sie fühlt, wie ihr das, was sie nicht mehr zu brauchen glaubte weil er es so gesagt hatte, Kraft verleiht. Als sie das dritte oder vierte Restaurant verlässt, spürt sie die Sonne auf ihrer Haut.

„Wo warst du?“
„Das weißt du doch längst.“
„Nein.“
„Du weißt immer wo ich bin und was ich tue.“
„Nun, diesmal weiß ich es nicht. Also sag es mir. Sag mir, wo du warst. Sag mir, was du getan hast!“
„Nein.“ Sie reckt sich und hängt ihren Rucksack an die Garderobe eines Fremden. „Es ist doch egal.“
„Ist es nicht.“ Er schlägt sie bis sie blutet und wimmert, dass sie in einem Buchladen war.
„Du lügst!“ Fußtritte. „Du bist ein schreckliches Weib. Du glaubst, du hättest etwas gegen mich in der Hand, aber das ändert nichts. Wenn du versuchst, mich zu verlassen, wirst du dich auflösen. Wenn du versuchst, ich zu verlassen, werde ich dich töten.“
„Sie spuckt Blut aus. „Bring mich- ins Krankenhaus.“

Möchten Sie Anzeige erstatten?“ fragt die Ärztin in der Noraufnahme mitfühlend.
„Nein.“ Sie schüttelt den Kopf.
„Sie können ein paar Tage hier bleiben, wenn Sie möchten. Ihre Verletzungen sind nicht allzu schwerwiegend, aber ich kann entscheiden, Sie zur Beobachtung hierzubehalten.“
„Das würde ihm nicht gefallen.“
„Wenn ich einen Verdacht auf innere Blutungen angebe, wird er kaum etwas dagegen sagen können, meinen Sie nicht?“
„Ich weiß es nicht.“
„Er wartet draußen, nicht wahr? Wenn Sie möchten, rede ich mir ihm.“
Ängstlich sieht sie auf ihre Finger.
„Ich will Sie zu nichts drängen.“
Sie lächelt. „Sie sind wirklich nett, aber ich glaube nicht, dass er auf einen Bluff hereinfallen würde.“
„Das ist schade. Passen Sie gut auf sich auf. Sie sind wertvoll und wichtig, auch wenn manche das nicht anerkennen.“

Auf der Fahrt nach Hause, im Wagen eines Fremden, schweigt er zornig. Erst als sie die Wohnung des Fremden erreicht haben, schreit er sie an.
Sie antwortet nicht.
Er kann nicht mehr sehen was sie denkt, und das treibt ihn in den Wahnsinn.


Geschrieben am 16.09.2014 in 1:30.

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