Morgenschriebe: Psycho-Vampir (Teil 3/4)

/ Juni 6, 2014/ Kurzprojekte, Meine Schreibe und ich/ 0Kommentare

how-to-make-vampire-teeth-v1-one-fangDieser Post ist Teil einer Reihe von Morgenschrieben (eine Schreibübung von Dorothea Brande – Details), die ich genau so abgetippt habe, wie sie mir früh morgens aus dem Hirn gefallen sind. Der Authentizität halber habe ich alle Buchstabnedreher dringelassen.

Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4.

Triggerwarnung

Häusliche Gewalt, Kidnapping, V*rgew*lt*gung

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Er lässt sie nicht mehr aus den Augen. Wenn er sich zu bett begibt, um die Gefühle zu verdauen, die er ihr ausgesaugt hat, fesselt er sie und lässt sie am Boden liegen wie ein paar verschwitzter Socken.
Der Triumph ist verflogen. Er ist und bleibt stärker als sie. Er ist und bleibt fähig, sie zu berprügeln, bis sie keine Gedanken mehr hat, die er nicht sehen könnte.
Die Zeit verstreicht langsam, während sie den Mut verliert. Ausweglos.
Nein, einen Ausweg gibt es noch…

„Ach so ist das?“ Er lacht. „Was brauchst du denn? Einen Strick? Eine Wanne voll Wasser und einen Föhn? Ja, ganz recht, was auch immer du getan hast, es funktioniert nicht mehr.“
Er fesselt sie trotzdem. Sperrt sie ein als läge sie nicht wieder an der wirksamsten Kette der Welt.
Während die Fesseln in ihr Fleisch schneiden und er röschelnd seinen Vampirschlaf schläft, denkt sie über das Essen nach. Das muss es gewesen sein, was ihre Gedanken vor ihm verborgen hat, doch das schien ihm nicht einzufallen. Was hatte er erwartet, dass das Essen mit ihr anstellen würde? War sie anders als die Frauen vor ihr? Das kann sie sich nicht vorstellen. Manchmal kannte er ihre Gedanken zu einem Thema auch dann, wenn sie in dem Moment an etwas ganz anderes gedacht hatte.
Er hat sie wirklich ausgewählt, weil sie genau so ist wie die anderen, ganz genau so wie er es ihr ins Gesicht spuckt, wenn er ihr die Angst eingeben will, die ihm am besten schmeckt.
„Du bist nichts. Du hast nur für mich einen Wert. Für alle anderen bist du so gewöhnlich, dass es schmerzt. Niemand vermisst dich. Niemand braucht dich, abgesehen von mir.“
Vielleicht wusste er nicht, was mit einer Frau wie ihr geschieht, wenn sie sich nährt, weil er nur weiß, wie es sich auf ihn selbst auswirkt?

„Was passiert, wenn wir etwas essen?“ fragt sie leise, als er sich vom Bett der Fremden erhebt.
„Es kommt gleich wieder heraus. Du hast es doch selbst ausprobiert.“
„Ja. Ja, natürlich.“
„Was?“
„Was- was meinst du?“
„Du hast dich gewundert.“
„Achso, ja, ich- frage mich, warum das so ist.“
„Hör auf, an Nilpferde zu denken.“
„Ich denke an Eisbären.“
„Du lügst. Du denkst an Nilpferde, um vor mir zu verstecken, dass du eine feige verlogene Sau bist. Du hast nicht egessen. Du tust nie etwas, von dem ich dir abrate. Er zieht seinen Pullover an und tritt ihr mit seinem nackten Fuß ins Gesicht. DAnn knallt er die Tür hinter sich zu.
Wird er verrückt? Oder sie? Sie hat nicht an Nilpferde gedacht. Oder? Warum hat sie behauptet, sie hätte an Eisbären gedacht? Woran hat sie gedacht? Was ist gerade passiert?
Hat er gelogen als er sagte, er könne sehen, was sie denkt? Aber er konnte es doch! Ganz sicher konnte er es. Er hat es ihr immer wieder bewiesen. Oder?
Hat er geblufft? Vielleicht hat er geblufft.
Oder er ist so fest davon überzeugt, dass sie irgendwann angefangen hat, ihm zu glauben.

„Schildkröte, Schildkröte, Schildkröte.“ In ihrem Kopf sitzt ein Tiger.
„Was soll das?“
„Ich denke an Schildkröten.“ Tiger, Tiger, Tiger.
„Tu es leise.“
Tiger, Tiger. Großer Tiger.
„Willst du mich verarschen?“
„Warum?“
„‚Ich denke an Schildkröten.‘ Komm her, damit ich dir eine scheuern kann, du dumme Nuss.“
„Ich möchte etwas essen.“
„Und ich sage dir, dass du dann kotzen wirst.“
„Ich möchte etwas schmecken. Bitte, darf ich mir eine Pizza bestellen?“
Er stöhnt, als hätte sie Zahnpasta mit Blattgold von ihm verlangt. „Aber iss sie auf dem Klo. Ich hab keinen Bock, dir beim Kotzen zuzusehen.“

Fünf Pizzen, von denen er nichts sieht. Fnf koreanische Nudelgerichte, auf die sie an der Tür wartet.
Für mehr reicht das Geld des Fremden nicht, und sie hat immer noch Hunger. Ja, Hunger. Auf einen Boten, der „Guten Abend.“ und „Danke.“ und „Tschüs.“ sagt, der Kleingeld zurückgibt.
„Das war schön. Danke, dass du es mir erlaubt hast.“
Sein Lachen, wie immer. „Du stehst darauf, zu kotzen?“
„Es stört mich nicht. Die Pizza war so lecker. Am liebsten würde ich wieder jeden Tag essen.“
„Ganz so wie früher, ja? STellst du dir dein Leben ohne mich vor? Ich sage dir was. Dein Leben ohne mich war scheiße und bedeutungslos. Du solltest es vergessen wollen.“
„Mich daran zu erinnern, zeigt mir, wie gut ich es jetzt habe.“
Ohrfeige. „Lüg mich nicht an. Du hast doch keine Ahnung.“
„Was- willst du von mir hören?“
„Schweigen, du behinderte Fotze.“

Sie hasst ihn mit solcher Inbrunst, dass es weh tut. Gab es wirklich einmal eine Zeit, zu der er sich bei ihr entschuldigt und so getan hat, als wäre ihm an ihr gelegen? Hat sie sich das auch nur eingebildet? Ist er so selbstsicher geworden, dass er glaubt, er brauche ihr nichts mehr vorzumachen? Wird sie ihm langweilig? wird er sie töten?

Die Zeit vergeht langsam. Dann sagt er ihr, sie solle seinetwegen essen, aber nicht im Haus. Wenn ihr das Kotzen so wichtig sei, könne sie es auch auf einer Restauranttoilette tun.
Er weiß es wirklich nicht. Diese eine Sache weiß er wirklich nicht!


Geschrieben am 17.09.2014 in 1:30.

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