Old School Vampirismus, yeah

/ November 4, 2012/ Gut erzählt, Reviews/ 0Kommentare

Let The Right One In 2

(Review des amerikanischen Remake: Klick
Direktvergleich der beiden Versionen: Klack
Review der Buchvorlage: Äh… Kluck?)

Es gibt da bei mir so ein Verhaltensmuster. Wenn ich einen bestimmten Grad der Depressivität erreicht habe, fang ich immer an, Horrorfilme zu gucken, weil mich Horrorfilme in diesem Zustand nämlich aufheitern. Vor allem Zombiefilme. Manchmal auch Vampirfilme, aber nur welche mit Fokus auf der Psychologie, weil ansonsten sind Vampire langweilig und ungruselig.
So begab es sich also, dass ich mir mal ‚Let the right one in‚ ansah; auf Schwedisch mit englischen Untertiteln.
Und das Buch, auf dem der Film basiert, hab ich mir dann gleich mal impulsmäßig im Internetz bestellt. Weil der Film mir nämlich super gut gefallen hat.
Das liegt zum Einen daran, dass es ein schwedischer Film ist, und schwedische Filme nicht wie amerikanische Filme sind. Was nicht heißen soll, dass amerikanisches Kino per se schlecht ist, aber es ist einfach sehr angenehm, mal ein anderes Feeling von einem Film zu bekommen.
Zum Anderen liegt es an Gründen, die ich jetzt mal so ein bisschen ausbreiten werde.

Wer keine Spoiler mag, ist erstens komisch und sollte zweitens hier aufhören zu lesen.

Die Hauptcharas der Geschichte sind: Oskar, 12 Jahre alt, bisschen rattenhaft von der Optik her – würde ihm kein unbewaffnetes Tier anvertrauen und ihm erst recht kein Messer in die Hand geben – und Eli, körperlich auch 12 Jahre alt, ausgesprochen hübsch, dunkel, mit einer überraschend tiefen Stimme, die sehr gut zu ihr passt.
Oskar ist ein kleiner Psycho. Er sammelt Zeitungsberichte über Morde und hat ein Messer, mit dem er regelmäßig Rachefantasien auslebt (er wird in der Schule übel gehänselt). Außerdem er lässt sich mit mehr als nur gewöhnlicher kindlicher Offenheit auf surreale Ereignisse in Bezug auf Eli ein, und als sich die beiden Kids näher kommen, fängt er so ein gewisses, unprovoziertes Machtspiel an, dem sich Eli interessanterweise unterordnet (was Kalkül sein könnte, aber wer weiß). Oskar hat eine etwas schüchterne, aber doch klar vorhandene sadistische Ader, die man sehr deutlich zu sehen bekommt, wenn Oskar seinem piesackenden Schulkameraden mit einer Metallstange aufs Ohr kloppt und danach mit einem ekstatisch-erleuchteten Gesichtsausdruck dasteht. Er hat auch einiges masochistisches an sich, denn den gleichen Ausdruck sieht man an ihm, wenn er ein paar Szenen früher von einem der Schergen seines Erzfeindes mit einer Radioantenne verdroschen wird (der kleine Scherge bricht dabei in Tränen aus); dass er am Ende des Films fast ersäuft wird, geht ihm auch ziemlich am Arsch vorbei.
Eli ist ein Vampir und kann Räume, die nicht öffentlich sind oder ihr gehören, nur betreten, wenn sie hereingebeten wird (Old School at its best!). Biologisch ist sie ein Junge, präsentiert sich aber als Mädchen. Der klassische homoerotische Zug des Vampirgenres wird hier super schön ausgespielt, und Oskars Gleichgültigkeit Elis Geschlechtsidentität gegenüber macht mir den kleinen Kerl sehr sympathisch. Wie alt Eli wirklich ist, wird im Film nicht erwähnt. In der Buchvorlage sind es laut Wikipedia 200 Jahre. Das überlegene Alter merkt man Eli nicht unbedingt an, und das Element der Pädophilie, das sie in der einen Richtung mit ihrem erwachsenen menschlichen Versorger, und in der anderen mit Oskar verbindet, wird im Film leider nicht ausgearbeitet, und wenn es mir nicht vor dem Hintergrund der Twilight-Unsäga (unsägliche Saga?) unter die Nase gerieben worde wäre, hätte ich die Sache in Richtung Oskar gar nicht so realisiert.
Eli ist ein ebenso intensiver Charakter wie Oskar, aber auf eine andere Art. Sie hat etwas dumpfes, passives an sich (keine Spur von Claudia – Interview with the Vampire – auch wenn sie ihr Kindchenschema einmal ausnutzt, um Beute zu machen), und auch wenn sie in der Beziehung zu Oskar immer wieder die Initiative ergreift, hat sie doch eine sehr vorsichtige und grundsätzlich abwartende Haltung. Die Erotik der Geschichte bleibt durchweg auf einem… ich sag mal ‚kindgerechten‘ Level; Eli ist absolut keine Lolita, sondern ein uraltes, totes Mädchen.
Den Anführer der Jungs, die Oskar quälen, fand ich anfangs etwas sehr überzogen dargestellt. Der wirkte zu erwachsen, oder so als hätte er zuviele Filme gesehen, in denen der Oberbösewicht per Blickrichtung mit seinen Schergen kommuniziert. Aber am Ende hat der Kleine dann doch die Hosen voll, und die Heulboje stellt irgendwie einen netten Kontrast zu seiner zu erwachsenen Art dar. Ich frag mich ja, wie der Jammerlappen es in die Gruppe der Coolen geschafft hat, aber gut…

In der Geschichte wird natürlich gemordet und Augenfarben ändern sich im Angriffsmodus und sowas alles, aber der Plot entwickelt sich überraschend unaufgeregt und ohne die Ultracoolness, die untrennbar mit modernen Vampiren verbunden zu sein scheint (siehe Underworld, Blade, Interview…). Von den Auftragsmorden, die Elis Versorger für sie ausführt, um Blut für sie ranzuschaffen (sie steht nicht so aufs Töten), haben ein ziemliches komödiantisches Element. Ich fragte mich da unwillkürlich, ob der gute Håkan vielleicht etwas zu dement für den Job wird.
Die Tageslicht-im-Schnee-Szenen hätte für meinen Geschmack etwas gekürzt werden können; auf der anderen Seite stellen sie die ‚Normalität‘ der weiteren Gesellschaft in einen netten Kontrast dar, zu der etwas klaustrophobischen – da immer im Dunkeln und/oder geschlossenen Räumen stattfindenden – Handlung zwischen Oskar und Eli.
Oskars Familiensituation kommt im Film nicht so super gut rüber. Die Eltern leben getrennt, der Vater beschäftigt sich ausgiebig mit dem Jungen, aber nur solange sein Saufkumpan nicht vorbeikommt. Mir fehlen da so ein bisschen die innerfamiliären Gewalterfahrungen, und falls der Saufkumpan ein Pädo ist, wird das wirklich wirklich subtil rübergebracht. Ich steh nicht so auf die ‚Vor allem aber wurde er schon so geboren‘-Variante der Psychopathengenese.
Die Nebencharaktere, die so versuchsweise zum Spannungsaufbau herangezogen werden, sind possierlich und stellen einen wichtigen Teil des ‚erfrischend nicht-amerikanisch‘-Effektes dar. Will meinen, dass der Spannungsaufbau an mich verschwendet ist, nicht aber die Possierlichkeit.

Die einzigen Negativpunkte für mich waren:
1. Dass Katzen Vampire hassen (Katzen sind toll und sollten alles mögen, was toll ist, auch Vampire) aber das ist halt Oldschool, von daher nehm ich das schweren Herzens hin. Außerdem haben sie im Film die Große Katzenattacke mit nicht ganz überzeugender CGI gemacht, und diese nicht ganz überzeugende CGI war wirklich herzallerliebst und sehr sehenswert.
2. Dass nach dem Ende noch eine Szene kommt. Ich meine, ich fand es schade, dass der Film schon vorbei war, aber die vorletzte Szene hätte eine wirklich tolle letzte Szene abgegeben, und die tatsächlich letzte Szene hat mir absolut nichts erzählt, das ich nicht schon geahnt hätte. Außerdem hat sie haufenweise Fragen aufgeworfen, die ansonsten eher im Hintergrund geblieben wären.

Es gibt auch eine amerikanische Version des Films, wie das so oft ist mit nicht-amerikanischen Filmen – auch wenn ich wirklich nicht verstehe, warum ‚das amerikanische Publikum‘ nicht in der Lage sein soll, Filme zu verdauen, die keine super bekannten Schauspieler und nicht die amerikanische Erzählweise haben. Aber vielleicht trau ich dem Durchschnittbürger auf der anderen Seite des Großen Tümpels auch zuviel Gehirn zu? Whatever.
Die Amiversion wurde jedenfalls vom Autor ebenso gelobt wie die schwedische, weshalb ich sie mir wohl auch mal ansehen werde. Danach werd ich einen Vergleich abliefern. Und wenn ich das Buch gelesen habe, gibts noch einen.

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