Schizo

/ März 22, 2013/ Kurzprojekte, Meine Schreibe und ich/ 2Kommentare

Meine Geschichte hats unter die besten 24 geschafft. Wahrscheinlich weil es nur 24 Einsendungen gab – denn wie sollte mir das sonst gelungen sein – aber gut :D
(ETA: Anscheinend gab es über 90 Einsendungen, d.h. nur knapp jede vierte Geschichte wurde genommen. Jetzt bin ich doch irgendwie von mir selbst beeindruckt.
Wer die ganze Anthologie lesen will, kann sie hier al .epub oder Printausgabe kaufen; der Erlös wird an ein Leseförderungsprojekt gespendet.)

Beweisfoto: Whoaaaaah

Und die Geschichte: Schizo

Und (und und und) weil das ist wie ich rolle, zur Abrundung noch ein paar Erläuterungen:

Ich bin ziemlich skeptisch unterwegs und fand die Vorstellung schon immer unheimlich, dass Leute, die irgend welchen Verschwörungstheorien anhängen, breiten gesellschaftlichen und politischen Einfluss gewinnen können. Was in diesem Szenario möglich ist, zeigt z.B. die Anti-Impf-Bewegung. Das sind Leute, die der Meinung sind, dass BigPharma die Menschheit unterjochen will und 1. Impfungen nicht wirken und/oder 2. Impfungen krank machen und/oder 3. manche Impfungen Autismus verursachen und/oder 4. es so viel natürlicher ist, seine Kinder einfach krank werden zu lassen. Das Resultat? Masern und Keuchhusten sind wieder erstarkt und killen Säuglinge, weil in manchen communities die Herdenimmunität nicht mehr ausreicht, um sie zu schützen. Der Glaube an eine BigPharma-Verschwörung tötet Babies. Unter anderem.
Klagefreudig sind diese Leute auch, und zum Glück/leider ist die Gesetzeslage in vielen Ländern so, dass diese Klagen zumindest angehört und genauer untersucht werden müssen. Das ist super, wenn es um Medikamente geht, die tatsächlich ohne ausreichendes Sicherheitsprofil auf den Markt gelangt sind, aber eine rieseige Zeit- und Geldverschwendung, wenn es um alles andere geht.
Impfstoffmangel ist auch auf die Verschwörungsgegner zurückzuführen, denn immer weniger Pharmakonzerne sind bereit, Impfstoffe zu produzieren, da es mit dem durchaus substanziellen Risiko einhergeht, dass sie wegen Impfschäden belangt werden – ein Impfschaden kann sehr vieles sein und eine Beweishürde ist praktisch nicht vorhanden, damit sichergestellt ist, dass wirklich jeder, der durch eine staatlich empfohlene oder angeordnete Impfung zu Schaden gekommen ist (viele Impfungen haben ein extrem geringes, aber doch vorhandenes Risiko wirklich übler Folgeschäden, wie z.B. das Guillain–Barré-Syndrom), angemessen entschädigt wird.
Jetzt nehmen wir noch Unfug wie Mikrowellenterror, Gefahren durch elektromagnetische Strahlung, Trinkwasserfluoridisierung, die ‚New World Order‘, außerirdische, formwandelnde Reptilianer usw. dazu, und wir haben die Möglichkeit, dass der gesamte (gesellschafts-)politische und ökonomische Betrieb mehr oder weniger lahmgelegt wird.

EDIT: Hier ist der Punkt, an dem der Titel der Geschichte problematisch wird. Denn im Grunde genommen setze ich den Glauben an Verschwörungstheorien mit Schizophrenie gleich. Und das ist schlicht falsch. Denn
1. tritt Verschwörungsdenken in den allermeisten Fällen ohne jedwede Diagnostizierbarkeit auf (wenn alle Impfgegner und Aliengläubigen der Welt schizophren wären, hätte unser Gesundheitssystem ein extremes Problem)
2. Verschwörungsdenken ist nur eines der vielen, vielgestaltigen Symptome der Schizophrenie und es tritt bei weitem nicht bei jede_r Betroffenen auf.
Allerdings stammt der Titel aus der Welt innerhalb der Geschichte; das Virus wurde ‚SchizoVirus‘ betitelt; eigentlich begeht also die Gesellschaft innerhalb der Geschichte den Fehler, und nicht ich.
Das macht es nicht weniger problematisch, aber ich denke, da der sonstige Umgang der fiktiven Gesellschaft mit den Betroffenen konstruktiv ist, wird es tragbar.

Die Entwicklung von Sprache und Kultur fasziniert mich – einer der Gründe, warum ich das Internet und seine Subkulturen so liebe. Genau so die Angewohnheit von einschneidenden, gesellschaftsweiten Ereignissen, letztendlich ihren Weg in ein Gefühl von Geschichte und ’so war es schon immer‘ zu finden.
Sprache ändert sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten. Was würde z.B. passieren, wenn wir alle Menschen mit XY-Chromosomen aus der Population entfernen? Wird im Deutschen -in die neue Grundform, oder wird die ursprünglich männliche/neutrale Form übernommen, weil sie vor allem im Plural einfach kürzer ist? Was wird aus ‚jemand‘ und ‚man‘? Was wird aus ‚Familie‘, wenn wir eine rein weibliche Bevölkerung haben, von der 90% weder lesbisch noch bi sind, so dass Kinder entweder nur noch von alleinstehenden aufgezogen werden, oder sich Paare oder Grüppchen aus Freundinnen und/oder Verwandten bilden, die sich die Kindererziehung teilen?
Die Frage, wie sich die Sexualität von Heteras verhalten würde, wenn es nicht einen einzigen Mann mehr gäbe, finde ich auch ziemlich spannend – Akif Pirinçi schlägt in ‚Yin‘ vor, dass sich einfach an die Gegebenheiten angepasst wird und frau halt mit Frau vorlieb nimmt, aber ich glaube nicht, dass sich Sexualität so einfach gesellschaftlich beeinflussen lässt; immerhin sind Homos für die längste Zeit in einer repressiv heteronormativen Gesellschaft aufgewachsen, ohne dass sie davon weniger schwul/lesbisch geworden wären, und Asexuellen kann man noch so viel sexualisierte Werbung vorspielen, sie entwickeln trotzdem kein Interesse. Ich denke, dass sich letztendlich Heteras nicht mehr von masturbierenden Asexuellen (auch Asexualität ist ein Spektrum) unterscheiden lassen würden. Naja, aber da dieser Aspekt in der Geschichte nicht explizit Platz gefunden hat, vertiefe ich das hier mal nicht weiter.
Hundert Jahre später wird das Sterben aller Männer in der gleichen Weise erwähnt wie die Spanische Grippe, und es hat natürlich einen Platz in der Verschwörungstheorie gefunden. Ansonsten– ist da nur eine Welt ohne Männer. Alles funktioniert trotzdem weiter. Nichts ist großartig zusammengebrochen, das erste Generationenschiff hat planmäßig abgelegt, die Politik hat ein neues Ressort – Generationenpolitik – aber sonst– Es gibt halt keine Kerle mehr. Fertsch.
Was dir ganzen erklärungsbedürftigen Begriffe angeht – siehe die Fußnoten – war ich erst ein bisschen hin- und hergerissen. Aber letztendlich geht es hier um eine ferne, fremde Zukunft, und die Klobigkeit, die durch die Fußnoten entsteht, macht den Umfang der Veränderungen, die zwischen heute und der Dystopie stattgefunden haben, nochmal deutlicher spürbar.

Wir sind notorisch schlecht darin, die Entwicklung von Technologie und Wissenschaft vorherzusagen. Tendenziell überschätzen wir kurzfristige Entwicklungen und unterschätzen, was sich langfristig tut. Außerdem hat niemand das Internet, Touchscreens und Wifi vorhergesehen. Oder wozu sich Twitter entwickeln würde.
Hologrammtechnik wird zur Zeit auch beforscht, aber steht nicht mehr so im Mittelpunkt des Interesses; wir denken jetzt eher so in Richtung Augmented Reality, mit Projektion direkt auf die Retina und sowas, so dass ein HoloCell eher altbacken wirkt. Aber wer kann sagen, ob die Hologramme nicht Google Glass in einer Wolke aus Staub zurücklassen? Vor allem wenn wir einbeziehen, wie sich die Vorstellung von Privatsphäre verändern könnte. Was heute noch keinen was angeht, dessen offenes Herzeigen könnte in Zukunft zum guten Ton gehören, z.B. mit wem genau wir uns gerade unterhalten.
Auch wireless könnte unter bestimmten Bedingungen nicht mehr die Technologie der Wahl sein. Sicher, wenn wir Satelliteninternet zum Standard machen, ist zumindest der Weg zwischen Satellit und Erde kabellos, aber wenn wir anfangen, direkten Kontakt zum Hirn herzustellen, könnte die zum Datenempfang nötige Hardware einfach zu groß sein, um sich bequem zwischen Dura und Schädelknochen klemmen zu lassen. Hinzu kommt die Überlegung, ob es sinnvoll ist, das Gehirn jederzeit anfunken zu können (das Ausschalten per Software ließe sich sicher umgehen) – in der Takeshi Kovacs-Trilogie wird der stets offene Kanal ins Hirn z.B. ausgenutzt, um Leute mit Werbung zu bestrahlen; den Kontakt erst durch physisches Einstöpseln herzustellen, gibt dem User mehr Kontrolle. Deshalb wird der direkte Internetkontakt à la Matrix durch Einstöpseln hergestellt, und der weitere Datentransfers über ein externes Gerät – das HoloCell – abgewickelt

Und dann konnte ich es noch nicht lassen, globalpolitische Schnipsel einzusprenkeln. Dabei habe ich mir Mühe gegeben, nicht dem zu entsprechen, was man so landläufig erwarten würde. Alaska trennt sich von den USA, die sich wiederum mit allen südamerkanischen Staaten und Kanada zu einer einzigen Großmacht zusammenschließen. Das gleiche passiert in Afrika, und zwar früher als in Amerika, was daran erkennbar ist, dass Afrika das PAU-Akronym abgegeriffen hat, während Amerika ein Binnen-m verwenden muss, um sich von der PAU zu unterscheiden (EDIT: Ich hätte recherchieren sollen. Schon zur Zeit, als ich die Geschichte geschrieben habe, waren bis auf Marokko sämtliche Staaten Afrikas Mitglied der Afrikanischen Union; die AU hat also keinen Rattenschwanz von Beitrittsverhandlungen wie die EU und somit auch keinen Grund, ihren Namen in Zusammenhang mit irgend einem gigantischen Verhandlungsdurchbruch zum zweiten Mal zu ändern; sicher, es hätte einen Bruch in der Geschichte geben können, so wie als die AU aus der OAU entstand, aber mein Ziel war es, Afrika als eine stabile, progressive Region der Welt darzustellen). Pan-Afrika hat außerdem eine eigene Marskolonie, was darauf hinweist, dass die Region einen enormen Aufschwung erlebt und in Sachen Technologie den Stand der ‚Ersten Welt‘ eingeholt hat. Über Asien wird kein Wort verloren; die global-ökonomische Dominanz von China – aber auch Japan und Indien – die derzeit prognostiziert wird, konnte sich anscheinend nicht halten.
Aber ein indischer Name taucht in der Geschichte auf, und ein arabischer, was eine starke kulturelle Durchmischung in Europa anzeigen soll.
Und zuguterletzt grüßt man sich mit Shalom. Weil. Punkt.

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