Schlecht erzählt: Der Hobbit 1 – An Unexpected Journey

/ Januar 19, 2013/ Reviews, Schlecht erzählt/ 4Kommentare

(Teil 1, Teil 2, Teil 3)
Ich hab da eine lange Liste von Dingen zu bemängeln.

Vorausgeschickt aber: Ich habe das Buch vor vielen vielen vielen Jahren mal gelesen und fand es ganz nett. Die LOTR-Bücher habe ich fast bis zu Ende gelesen – bis zu der Szene vor Kankras Höhle. Ab dem Punkt ging mir so dermaßen auf den Sack, dass sich die Charaktere keinen Millimeter weiterentwickeln, dass mir egal war, ob Mittelerde untergeht.
Die LOTR-Filme hingegen find ich klasse, und hin und wieder machen mein Mann und ich einen Marathon mit allen drei Teilen im Extended Cut. Zwölf Stunden glotzen. Großartig!

(EDIT: Außerdem stellt sich raus, dass Peter Jackson mit dem Hobbit in eine bereits laufende – von Guillermo del Toro verlassene – Produktion hineingeschmissen wurde und keine Chance hatte, wirklich in die Story einzusteigen und einen Überblick zu kriegen. Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die Filme so schrottig geworden sind, und ich möchte Peter Jackson und allen anderen an den Filmen beteiligten an dieser Stelle mein Beileid aussprechen dass sie unter solchen Bedingungen arbeiten mussten.)

Doch kommen wir zum Hobbit. Spoiler voraus.

Erstens: Ganz alleine Tolkiens Schuld
LOTR ist ein reines Kriegsdrama (Saving Private Frodo?), während Der Hobbit mehr so ein Märchenfilm mit viel Gekloppe ist. Das liegt natürlich daran, dass Tolkien den Hobbit für Kinder und LOTR für Erwachsene geschrieben hat. Und somit ist es Tolkiens Schuld, dass ich vor dem Hobbit sitze und die ganze Zeit denke: „Warum ist das so kinderfilmmäßig? Ich will keinen Kinderfilm gucken! Warum kloppen sich in diesem Kinderfilm ständig welche?“
Die Zwerge singen ein Lied über Bilbo. Dann die Bergtrolle… oh Mann. Ich meine mich zu erinnern, dass ich schon beim Lesen des Hobbit dachte „WTF, wer schreibt denn so einen billigen Flachwitz-Dialog?“ Und dann der König der Berggnome oder was die waren. Der Hoden unter dessen Kinn ist zwar ziemlich FSK 18, aber die ganze Episode ist klassisches Kindergeschichtenmaterial. Die Helden werden gefangen und ohne großes Prozedere vor den König/Stammeshäuptling geschleppt, der sie dann plätten will. Keinerlei diplomatisches Element, keinerlei Ausgestaltung der Untergebenen (in LOTR wird uns einer der Uruk-hai näher gebracht – der, der Boromir tötet -, und der Kommandeur des Angriffs auf Osgiliath bzw. der vorderen Reihen in der Schlacht um Minas Tirith, der dann später sone kleine Privatfehde mit Éowyn hat), sondern eine totale Reduktion der Handlung auf ihre hervorstechendsten Momente.
Und dann Radagast? Ziemlich Pratchett-esque (Vogelnest im Haar und Kotspur auf der Wange? Eine Karnickelkutsche?), erinnert mich irgendwie an Rincewind – was durchaus charmant wäre, wenn ich nur den Gedanken an LOTR aus dem Hinterkopf bekommen und Den Hobbit als unabhängiges Werk ansehen könnte.

Naja, so wie LOTR und Hobbit als Bücher nicht zusammengepasst haben, passen sie auch als Filme nicht zusammen.
Ich frage mich, ob ich LOTR weniger gut finden würde, wenn ich den Hobbit zuerst gesehen hätte. Aber so wie mich der Reduktionismus von Kinderfilmen nervt, hätte ich den Hobbit in der Reihenfolge zwar etwas mehr zu schätzen gewusst, aber ich hätte LOTR wohl dennoch als überaus erfrischende Überraschung empfunden.
Zukünftigen Generationen würde ich raten, den Hobbit zuerst zu sehen.

Zweitens: Diese Pre- und Sequels immer
Ich habe bei Sequels und Prequels oft das Gefühl, dass sich die Crew angehört hat, was das Publikum am ersten Film toll fand, und dann hingegangen ist, und das, was so toll gefunden wurde, an so vielen Stellen wie möglich in die Sequel reingequetscht hat.
Erste Teile haben manchmal so eine Art erzählerische Unschuld. Es wird ausprobiert, authentisch konstruiert, eine eigene Atmosphäre und ein eigenes Tempo entwickelt, usw. mit dem primären Ziel, ein harmonisches Ganzes mit einer konsistenten Sprache hervorzubringen.
Pre- und Sequels hingegen versuchen meistens, den Erfolg des ersten Teils ganz ganz sicher zu reproduzieren, damit die Leute sich alle freuen, die tollen Sachen aus dem Ersten Teil wiederzusehen. Die Macher schauen nicht mehr durch die Linse des bloßen Erzählens, sondern durch die Linse der Publikumsmeinung und dessen, was schonmal so toll funktioniert hat.

Mein Credo: Auch die Wiederholung von etwas, das gut ankommt, ist eine Wiederholung. Und wenn ich eine Wiederholung will, lese ich die gleiche Geschichte nochmal. Wenn ich eine andere Geschichte lese, will ich auch eine andere Geschichte lesen, und nicht bloß neuen Stoff, der zwischen die Elemente eines altbewährten Rezeptes geklatscht wurde.

Für den Hobbit bedeutet das:
LOTR war die Geschichte eines unwahrscheinlichen kleinen Helden, der seinen depressiven, schweren Schmuck liebenden Kumpel auf so einen Berg rauftragen muss, sowie die Geschichte der Leute, die überraschenderweise auch alles überleben, was ihnen so an Orks und Uruk-hai entgegengeschmissen wird, garniert mit hübschen Landschaftsaufnahmen, hübschen Elben und hübscher Musik.

Im Hobbit findet diese Geschichte nicht nur statt, es wird auch noch lang und breit erklärt, dass sie stattfindet. Denn Gandalf und Galadriel kommentieren nicht nur kurz und bündig die Prüfungen der Hobbitses, nein, Gandalf lässt sich explizit über die überaus ermutigende Hobbitpower des kleinen Bilbo aus, und auch die Zwerge treiben expliziten Heldenkult. Ich hatte stellenweise das Gefühl, einem Motivationstrainer gegenüberzustehen, der will, dass ich mein mickriges kleines Leben als einen bedeutungsvollen Baustein im Kampf des Lichts gegen das Dunkel der Mittelmäßigkeit und des Übergewichts verstehe.

Dazu steht Galadriel dekorativ im Hintergrund rum. Oh, und wenn sie Gandalf zuerst begegnet? Kriegt er von ihr das breite Lächeln, das wir schon in LOTR so erfreulich fanden. Und dann unterhalten sie sich telepathisch. Wie das in LOTR auch schon so effektvoll eingesetzt wurde. Gandalf macht nochmal den ‚Ich-pluster-mich-vor-schwarzem-Hintergrund-auf‘-Trick, mit dem er in ferner Zukunft den alten Bilbo dazu bringen wird, aus seiner Paranoia rauszuschnappen. Und Dr. Watson imitiert gekonnt die witzigen Momente seines gealterten alter Ego.
Ich meine, jaaaa, es sind die gleichen Charaktere mit den gleichen Fähigkeiten, aber sind breites Lächeln, Hirn-zu-Hirn-Funk und Ich-pluster-mich-auf wirklich das einzige was sie draufhaben? Wenn ich LOTR nochmal erleben will, guck ich mir nochmal LOTR an. Wirklich. Mir reicht das vollkommen.

Ela fand die Szene mit dem Mini-Rat in Rivendale merkwürdig und inkonsequenziell. Ich persönlich muss sagen, dass ich die ganze Episode in Rivendale sehr angenehm fand (mal abgesehen davon, dass Elrond die Zwerge auf Elbisch zum Essen einläd und einer gleich vermutet, dass sie beleidig wurden – laaaaaaaaaahm), und dass sie m.E. das eine gelungene Quasizitat aus LOTR darstellt.
Endlich passiert mal was anderes als Klopperei. Endlich kommt das Element der Historizität zum Tragen, das in LOTR so eine wichtige Rolle gespielt hat (vererbte Schwerter, vergangene Schlachten). Endlich kloppt sich mal keiner, und man geht auch nicht nur von A nach B, um sich wieder zu kloppen. UND es kommt sogar eine Frau drin vor. Gigantisch.

Abschließend möchte ich zu diesem Punkt sagen: Wenn mir in den nächsten Tagen noch ein einziger pseudo-philoso-poetischer Spruch um die Ohren gehauen wird, werd ich garstig. Im Ernst, Gandalf. Man kann es auch übertreiben.

Drittens: Sorry, aber… Weltuntergang?
Der Hobbit hat große Schuhe zu füllen. Genauer gesagt, die Schuhe der drohenden Vernichtung von ganz Mittelerde durch einen übermächtigen, super mega bösartigen Zauberer-Gott-Dingens-Whatever mit echt übler Bindehautentzündung.
Es tut mir wirklich leid, aber so ein paar Zwerge, die ihr Gold und ihren Palast wiederhaben wollen, erzeugen einfach nicht das gleiche Drama. Auch nicht, wenn groß und laut darauf gezeigt wird, dass Polen sowas von offen ist*, wenn Sauron Smaug auf seine Seite ziehen kann, und musikalische Zitate aus LOTR die Dramatik steigern soll.

Viertens: Zwerge!!!
Zwerge sind klein, dick, haarig und mehr so der Typ Gesichtsbaracke. Bis auf den Heldenzwerg natürlich, der eher dem traditionellen markig-männlichen Schönheitsideal entspricht, damit man ihn auch ganz sicher in der Rolle akzeptiert (und der eine andere hübsche Zwerg, damit Thorin nicht ganz so raussticht). Aber leider ist auch der Heldenzwerg grad mal ne Handbreit größer als ein Hobbit. Und wenn so einer auf die Oberschenkel von Orks und Trollen eindrischt… Die Proportionen erlauben einfach keine dramatisches, geschmeidiges Kampfgeschehen, und der Bulldozercharme, den Gimli in LOTR verbreitet, konnte nicht reproduziert werden.

Fünftens: 12 Zwerge!!!!!
Wie für eine Kindergeschichte (und Aktionfilme) typisch hat der erste Teil des Hobbit eine Charakter-Schwund-Rate von 0%. Das bedeutet, dass wir die ganze Zeit 12 Zwerge da rumwuseln haben, für die sich die Maskenbildner zwar tolle Frisuren ausgedacht haben, die aber ansonsten – zumindest in der Kinofassung, was der Extended Cut zu bieten hat, werden wir dann sehen – total generisch und inkonsequenziell wie die Lemminge hintereinander her laufen (Sand People ride single file to hide their numbers, irgendwer? :D).
Bei den ganzen bewaffneten Schlägereien, durch die unsere Reisegruppe im ersten Teil hüpft – Berg-Trolle, Orks I, wahllos eingeworfene Steinriesen, Hodenkinn-Trolle, Orks II – hätte man wunderbar die Hälfte der Zwerge killen können (was auch noch logisch wäre, nachdem am Anfang extra erwähnt wird, dass nur ein paar von ihnen Krieger, und die anderen Spielzeugmacher, Kesselflicker, Make-up Artists und Masseure sind; okay, die letzten beiden hab ich mir ausgedacht, aber ist doch wahr) und danach den Raum gehabt, ein bisschen Persönlichkeit für die Überlebenden zu zeichnen.

Die Reisegemeinschaft in LOTR besteht aus Frodo, Sam, Merry, Pippin, Aragorn, Legolas, Boromir, Gimli und Gandalf. Und, ja, jeder dieser Charaktere überlebt mehrere Schlachten, allerdings fällt das nicht so negativ auf, weil sie alle eine Persönlichkeit und damit Signifikanz haben, und außerdem sind sie nur in FOTR ganz alleine unterwegs, während sie in TT und ROK als Teil eines ganzen Heeres unterwegs sind, in dem auf beiden Seiten eine große Zahl von Verlusten erlitten wird.

Sechstens: Jump’n’Run
Ich benutze gerne Videospielvergleiche, um erzählerische Genres zu unterscheiden.
Der Hobbit ist ganz klar ein Jump’n’Run. Die Szenen zwischen den Kämpfen dienen vor allem dazu, den Cast vom Schauplatz des einen Kampfes zum Schauplatz des nächsten Kampfes zu transportieren. Die Kämpfe ereignen sich größtenteils à propos von überhaupt nichts – die Berg-Trolle, die Steinriesen, die Hodenkinn-Trolle und strenggenommen auch die Orks sind bloße Hindernisse, die der Gruppe in den Weg geworfen werden, damit sie länger brauchen, um nach Erebor zu kommen.

LOTR ist mehr eine Aufbausimulation. Außerdem haben die ganzen Schlachten einen Grund. Nämlich Saurons Welteroberungsgelüste. Sie haben also etwas mit der eigentlichen Geschichte zu tun und sind nicht nur so Zeug, das passiert, damit was passiert. Wir können Ursache und Wirkung beobachten, strategisches Handeln und seine Ergebnisse, und nicht nur Falsche-Zeit-falscher-Ort-ups-da-bricht-doch-glatt-der-Boden-weg-just-bevor-Bilbo-weggehen-kann-Ereignisse, die auch noch unnötig in die Länge gezogen werden weil CGI und 3D und das muss man doch nutzen, die ganze Technik, Alter, die geilen Effekte und Klippen und alles in 3D, whoah!
Ich bin keine Cinematophile. Damit mir was auffällt, muss es mir ins Gesicht schreien (oder ich muss gezielt drauf achten), und solange die Story und die Charaktere gut sind, ist mir die Kameraführung total egal. CGI fällt mir wenn dann störend auf, weil sie mies ist. Wenn sie gut ist, ist sie gut. Und wenn sie übertrieben wird, geht sie mir auf den Sack weil CGI dann nunmal keine Geschichte erzählt, sondern nicht-erzählende Szenen endlos in die Länge zieht.

In LOTR wurde CGI benutzt, um notwendige Szenen darstellen zu können. Die Schlachten sind zwar auch immer ziemlich prominent und lang, aber sie haben, wie gesagt, was mit dem Plot zu tun, und dazwischen passieren auch noch relevante andere Dinge.

Siebtens: Gandalf ex machina
Zugegeben, auch LOTR hat eine chronische Deus-ex-machinitis, aber erstens ist es nicht jedes Mal Gandalf, der irgendwie weg war und dann wieder auftaucht, und zweitens passiert zwischendrin noch was anderes als Zeug-aus-dem-Gandalf-uns-rausholen-muss.

Achtens: Die Musik
Die Musik im Hobbit ist unoriginell und langweilig, verglichen mit den LOTR-Filmen. Da wo die Musik supi ist, ist sie aus LOTR recycled. Das ist auf der einen Seite eine gute Idee, weil es die Geschichten miteinander verknüpft und deutlich macht, dass es sich hier um die gleiche Welt handelt.

Andererseits ruft die Musik starke Assoziationen mit LOTR wach und drängt zumindest mir extrem den Vergleich auf. Und wenn dann Thorin seinen quadratischen kleinen Leib durch die Flammen wuchtet, um seine Ehre wiederherzustellen, indem er den bleichen Ork kalt macht, während dazu Musik läuft, die in LOTR die absolute Todesdramatik im Kampf um das Überleben einer ganzen Welt untermalt hat— Ich weiß nicht— Das ist so, als würde man O Fortuna laufen lassen, während ein Hund in Zeitlupe seinen eigenen Schwanz jagt.

Neuntens: Anschlussfehler, gaaaaaarkh!
In LOTR sieht man während der Einführung die Hand des Hobbits, der den Ring findet. Es ist eine kleine, kurzfingrige Hand, die über gelb-braunen Sand tastet und mit allen vier Fingern den Ring greift.
Im Hobbit sehen wir in Gollums Höhle eine wenig wurstfingrige Hand (an einem Hobbit angewachsen), die gezielt mit Pinzettengriff den Ring von einem glatten blau-schwarzen Steinboden aufhebt.
WHAT. THE. FUCK!?!?!?!?!?!?!?!?!
Das kann man doch nicht machen!
Ich meine, okay, ihr wollt farblich Gollums Höhle der eher in rot gehaltenen Welt der Hodenkinn-Trolle gegenüberstellen. Gerne. Dürft ihr. Aber was ist so schwer daran, eine gelbliche Übergangszone mit sandigem Boden einzubauen? Und was ist so schwer daran, Bilbo hinter einem Felsen kauern und sich dann nur zögerlich hervorwagen zu lassen, während er weiterhin aufmerksam Gollum hinterher sieht, so dass er nach dem Ring tasten muss? Haa? Wenn ich mir das ausdenken kann, könnt ihr das auch, Peter Jackson und seine Set Designer. Echt mal. Ihr könnt doch nicht den Spaß mit dem Flattertier, das die Adler ruft, 1 zu 1 mitsamt Musik – und Gandalfs Mimik! – übernehmen, dann aber so ein zentrales Ereignis mal zu 100% umgestalten.

Zehntens: Thorin ist ein Arsch, und wie es dazu kommt
Bilbo rettet Thorin das Leben. Ja. Aus irgend einem Grund ist es ausgerechnet der Hobbit, der als erstes auf die Idee kommt, sich einzumischen, als der bleiche Ork Thorin plattmachen will. Ich meine, klar, irgendwie muss er sich Thorin beweisen, damit der ihn anerkennt, und was wäre da naheliegender als eine kleine Todesverachtende Rettungsaktion? Oh Mann.
Später, als Thorin doch nicht tot ist, kommt der alte Flachwitz von wegen ‚ich tu so als wäre ich sauer, nur um dann rhetorisch umzuschwenken und mich zu bedanken‘. Mensch Thorin. Du warst gerade fast tot, und das erste, was dir einfällt, ist, den Hobbit zu verarschen? Was ist los mit dir??

Fazit:
Och näääääääääääh. Ich hoffe, der Extended Cut ist so gut, dass es sich lohnt, dafür die Kinoversion nochmal durchzustehen.

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*Interessant. Ich hatte befürchtet, dass das ein Nazi-Spruch ist, aber glücklicherweise bezieht er sich aller Wahrscheinlichkeit nach auf die chaotische politische Lage in und um Polen Ende des 18. Jahrhunderts.

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