Schlecht erzählt: Grey’s Anatomy

/ Dezember 17, 2011/ Alle Posts mit Feminismus, Reviews, Schlecht erzählt/ 6Kommentare

Serien sind erzählerisch meistens Müll, was sie aber nicht daran hindert, erfolgreich zu sein. Da Erfolg gern mit Qualität gleichgesetzt wird (siehe ‚Bestseller‘, ‚Blockbuster‘, ‚Platz 1 der deutschen Charts‘), orientiert sich auch manch ein Erzähler, der aufrichtig ‚gut‘ arbeiten möchte, an dem, was über so-und-so-viele Staffeln die Leute dazu bringt, sich trotz Werbepausen vor dem angeschalteten Fernseher aufzuhalten.

Gerade mache ich einen – werbefreien – Grey’s Anatomy-Marathon. Bis zum Ende der dritten Staffel bin ich bereits gekommen, aber seit einigen Folgen geht mir die Puste aus. Die Gründe für mein schwindendes Interesse lauten wie folgt (Spoileralarm):

1. Meredith „Armes Kleines“ Grey und Dr. McOpferlamm
Die beiden zentralen Charaktere der Serie sind zwei nahezu identische Persönlichkeiten. Auf der einen Seite Meredith Grey, deren Rolle nur daraus besteht, zu leiden, weil sie den zunächst noch verheirateten Dr. McOpferlamm (aka Dr. McDreamy aka Dr. Shepard) nicht haben kann. Auf der anderen Seite eben jener McOpferlamm, der bis weit in die 3. Staffel hinein einzig und allein damit beschäftigt ist, sich selbst und Meredith zu quälen, indem er still lamentierend an seiner Ehe hängt – über deren Motive und Inhalte der Zuschauer übrigens niemals etwas erfährt. Er hängt daran, denn ‚klammern‚ wäre eine aktive Handlung, und dazu ist das Opferlamm nur in absoluten Ausnahmefällen fähig.
Aus irgend einem Grund sind sämtliche anderen Charaktere farbiger, lebendiger, mehrdimensionaler und entwicklungsfreudiger als die beiden, um die es in der Serie hauptsächlich gehen soll. Warum? Vielleicht weil das still leidende Schmachten beim Publikum gut ankommt und die Autoren es unbedingt behalten wollen? Weil der Kerl, der McOpferlamm spielt, nur diesen einen leidenden Gesichtsausdruck hat, aber auf einem Vertrag über sieben Staffeln sitzt? Weil sie denken, sie brauchen diese SM-Nummer als roten Faden, der die Staffeln zusammenhält?
Mit einem einzelnen statischen Opfercharakter käme die Serie gut zurecht. Hätte einer von den beiden (Meredith/Shepard), mir egal wer, Biss und Entschlusskraft, wäre die ganze Sache kein Problem; man könnte sogar schön zeigen, wie der knackige Charakter sein lasches Gegenstück ein bisschen auf Touren bringt. Aber zwei Opfer, die zusammen im eigenen Saft herum dümpeln? Schlechte Idee

2. Der Cliffhanger Faux-pas
In der zweiten Staffel, so um Folge 17 rum wird in einer Doppelfolge ein Typ mit einem scharfen Explosivgeschoss in der Brust eingeliefert. Die Doppelfolge endet damit, dass Meredith mit der Hand die Blutung in der Brust des Typen zuhält und sich fragt, wie sie so unbedacht sein konnte, in diese Situation zu geraten. Zur selben Zeit wird Baileys Ehemann an einer schweren Kopfverletzung operiert, und Bailey selbst ist mit ihren Wehen beschäftigt.
‚Ui, eine Tripelfolge‘ dachte ich. Doch statt dass die Auflösung der Situation erzählt wird, ist in der Folge darauf alles schon passiert. Baileys Mann und Baby sind wohlauf, Meredith ist nicht explodiert und schon wieder ganz die alte, die OP-Räume müssen nicht renoviert werden. Sehr viel später wird mal angedeutet, wie unsere leidende Heldin mit heiler Haut davongekommen ist, aber die Details kennen wir auch eine Staffel später noch nicht.
Warum wird die Sache nicht auserzählt? Die Doppelfolge wirkt wie ein stilistisch überfrachteter Einschub; in jeder anderen Serie wäre das eine Musical-Folge oder eine im Film Noir-Stil gewesen, in der Geschichte und Charakteren zusätzlicher Charme verliehen wird und man der Serie gestattet, sich selbst kritisch-humoristisch zu reflektieren.
Es wirkt, als hätten sich die Autoren ein Loch gegraben, aus dem sie nicht mehr herausfinden. Also überspringen sie den Teil, in dem sie rauskommen, einfach und erzählen danach weiter.

3. Anerzählte Patienten
Grey’s Anatomy verzichtet auf etwas, das ich als Ally-McBeal-Syndrom bezeichnen möchte; nämlich darauf, dass sich die beruflichen Fälle einer jeden Folge inhaltlich mit den persönlichen Problemen der Hauptcharaktere decken. Das ist nett, denn es gestaltet die Folgen inhaltlich dichter und macht das Privatleben der Arzt-Charaktere von ihrem Berufsleben unabhängiger.
Trotzdem ist die Art, wie Patienten in GA dargestellt werden, problematisch. Man erfährt ein paar Stichworte über die Diagnose, ein paar Stichworte über den Behandlungsverlauf und vielleicht sogar ein paar Stichworte über den sozialen Hintergrund des Patienten. Die Geschichte seiner Erkrankung und Therapie wird jedoch nie zu einem befriedigenden Abschluss gebracht. Es gibt bisher zwei Patienten, die über mehrere Folgen hinweg auftauchen; alle anderen sind binnen einer einzigen Folge abgehandelt.
Das entspricht natürlich dem, wie Chirurgen ihre Patienten erleben; als kurze, bruchstückhafte Personen, die vor allem aus einer Diagnose und einer OP-Planung bestehen. Dieser Punkt ist für das Leben der Arzt-Charaktere sicher relevant, aber trotz seiner aufdringlichen Präsenz in der Geschichte wird er nie direkt angesprochen, nie reflektiert, nie aufgearbeitet. Die Steilvorlage rast sozusagen durch jede Folge, führt dabei dazu, dass tausend Gelegenheiten für interessante Charakterabrisse ungenutzt bleiben, und wird nie genutzt.
Dieser ganze Aspekt lässt die Patienten wie eine lästige Notwendigkeit wirken. So Marke „Naja, die Charaktere sind Chirurgen, und an irgendwas müssen sie ja rumschneiden.“

4. Jeder mit jedem
Nach und nach kommt in der Serie das Gefühl auf, dass den Autoren nichts mehr einfällt, als alle Leute kreuz und quer miteinander ins Bett gehen zu lassen. Die Verzweiflung geht sogar so weit, dass sie eine komplett neue Praxis mit neuen Charakteren einführen, die alle miteinander ins Bett gingen, gehen oder gehen wollen.
Das ist der Punkt, an dem man aufhören sollte. Leider sind Serienautoren – auch die Autoren von Romanserien – notorisch bekannt dafür, dass sie den Zeitpunkt für den Absprung verpassen und nach einem wirklich tollen, konsumierenswerten Anfang in Beliebigkeit oder Wiederholung versacken. Immer tragisch, sowas zu beobachten.
Man sollte sich nicht vom Erfolg dazu verführen lassen, seinen Gaul zu Tode zu reiten und nachher noch drauf rumzuschlagen.

5. Schlechte Recherche
Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig Zeit bei dieser Serie in die Recherche gesteckt wurde. So wie die Autoren den Patienten kaum Interesse entgegenbringen, stehen sie auch den medizinischen Fakten ziemlich gleichgültig gegenüber. Das Setting der Serie wird damit völlig austauschbar. Die Ereignisse könnten genau so gut in einer Anwaltskanzlei, einem x-beliebigen Bürokomplex, auf einer einsamen Insel oder in einer inzestgeschädigten Dorfgemeinde stattfinden.
Ich hab fast den Eindruck, dass das Berufsfeld Chirurgie nur gewählt wurde, weil Arztserien ‚immer gut ankommen‘. Wie lieblos.

6. Die Schlusspredigt
Vielleicht liegt es an mir, aber kann es sein, dass Merediths Schlusspredigten während der zweiten Staffel zu 90% identischen Inhalt haben? Und wozu das Ganze überhaupt? Die Story ist nicht tiefschürfend, es gibt schlicht keinen Inhalt, dessen hintergründige Bedeutung man für die weniger cleveren unter den Zuschauern nochmal explizit erklären müsste. Und so zu tun, als wäre es anders, wirkt albern und gewollt.
Das Übelste ist, dass die Predigerin, Meredith, wie bereits gesagt eine der beiden Charaktere in der Geschichte ist, die vollkommen unverändert auf der anderen Seite jeden Ereignisses herauskommen.

7. Passiv-aggressiver Overkill
Passive Aggressivität, Schuldgefühle und emotionale Erpressung sind drei Handlungsstrategien, die sämtliche Charaktere aufzeigen. Die einen etwas mehr, die anderen etwas weniger, aber jeder Konflikt wird mit diesen Mitteln ausgetragen. Das verrät uns einiges über die Drehbuchautoren, und ich kann euch sagen, ich möchte diesen Leuten niemals begegnen.
Ich möchte hier nochmal auf meinen Artikel in Sachen Self-Inserts hinweisen. Grey’s Anatomy ist wirklich ein perfektes Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Autor sein eigenes Verhalten bzw. seine Meinung über das Verhalten anderer Menschen nicht kritisch reflektiert und seine Charaktere bewusst von sich verschieden gestaltet.

8. Merediths Nahtoderfahrung
Da Meredith Grey der Hauptcharakter ist, war es mir nicht vergönnt, auf ihren Ausstieg aus der Serie zu hoffen, als sie ihren Gelegenheitsselbstmord durchzuziehen versucht hat. Die Autoren konnten sich natürlich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, eine Pseudoreflektion von Meredith durchzuführen, indem sie ihr ein paar andere verstorbene Charaktere ins halbtote Hirn schicken, die die Kleine darauf aufmerksam machen, dass sie viel zu zufrieden damit ist, tot zu sein. Mehr passiert nicht. Die Gelegenheit, subtil eingefügte Hinweise auf ihre latente Suizidalität abzuarbeiten, sie ein bisschen Nabelschau betreiben zu lassen, ihrem Charakter echte Schwere zu geben, wurde von den Autoren einfach sausen gelassen. Stattdessen darf Meri nochmal ihre ebenfalls tote Mutter herzen. Oh Mann.
Allerdings ist bezeichnend, dass nicht versucht wird, Meredith zum Leben zu überreden, indem man auf ihre Fähigkeit, Leben zu retten hinweist, oder ihre für das Glück tausender Menschen wichtige Karriere vorwegnimmt. Nein, man sagt ihr, dass ihr Ableben der Strohhalm wäre, der den Kamelen ihrer Kollegen den Rücken brechen würde. Und ein Strohhalm ist sie tatsächlich.
Ebenfalls bezeichnend ist die ‚Wendung‘, die ihre Entscheidung für das Leben für Meredith einläutet: Sie beschließt, in ihrer Beziehung zu Dr. McOpferlamm mehr zu kommunizieren. Große Leistung, Meri. Wie wärs, wenn du stattdessen eine Therapie anfangen würdest?

9. Lieblos, lieblos, lieblos
Nach Merediths Quasi-Suizid bemerkt McOpferlamm, dass seine Geliebte ein menschlicher Mühlstein um seinen Hals ist. Als Konsequenz sagt er ihr, dass sie ihm zu anstrengend ist. Kann er sie auch gleich wieder ins Wasser schubsen.
Es ist erstaunlich, wie lieblos und wegwerfend die Charaktere in dieser Serie meist miteinander umgehen, und abgesehen von ein paar hellen Momenten bei Izzi und Alex passiert nichts, das das kontrastiert.
Wie die ständigen passiv-aggressiven Konfliktstrategien der Charaktere lässt auch dieser alles andere überlagernde Zug der Charaktere an ein Self-Insert denken.

10. Die Macht der Worte
Ein letztes Self-Insert finden wir in den eindringlichen Worten und singulären Erfahrungen, die stets ausreichen, um bei den meisten Charakteren – denen, die weder Meredith noch ihr Lämmchen sind – eine Wendung, eine Kurzschlussreaktion, eine Entwicklung oder eine Entscheidung anzustoßen. Alle Charaktere sind leicht zu beeinflussen, wankelmütig, impulsiv, und sie springen sofort auf emotionale Erpressung und die Manipulation ihrer Schuldgefühle an.

Das sind die zehn Hauptgründe dafür, dass mir Grey’s Anatomy langsam langweilig wird. Sie sind nicht sonderlich ausgiebig analysiert, aber ich hoffe, das eine oder andere war doch informativ für euch.

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