Schreibwahnsinnige Montagsfragen – Folge 02

/ September 3, 2014/ Die Psyche der Verfasserin, Meine Schreibe und ich/ 2Kommentare

Warum auch nicht? Ich meine, es ist ja nicht so, als hätte ich zig angefangene, halbfertige Artikel zu allen möglichen faszinierenden Themen auf Halde liegen, aber weder die Energie noch die Motivation, einen davon auch mal fertig zu schreiben.
Tatsächlich habe ich die vergangen beiden Tage damit zugebracht, das ‚Thalía Bleue‚ mit SweetHome3D zu bauen und mich darüber zu grämen, dass ich die Scheißidee nicht mehr aus dem Kopf kriege, einen Subplot mit Pädophilie und Mord einzubauen. Ich meine, ich werde ihn nicht einbauen. Mord ja, aber Pädophilie? Nope. No. Nein. Nouuuu. Näh.

Naja, für ein bisschen Montagsfragen reicht es, und so präsentiere ich hier Folge 2:

Die "Montagsfrage für Autoren" von Schreibwahnsinn - Nach einem Konzept von Paperthin

Die „Montagsfrage für Autoren“ von Schreibwahnsinn – Nach einem Konzept von Paperthin



Schreibst du chronologisch Szene für Szene? und Wie ausführlich planst/plottest du deine Geschichten?

Im allgemeinen schreibe ich schon los (chronologisch), während ich noch plotte (das Gegenteil von chronologisch). Ich brauche eine konkrete Vorstellung von den ersten Ereignissen der Geschichte, von den Charakteren, und eine ungefähre Richtung, ehe ich loslege, ein paar Wegmarken in der Ferne, sozusagen. Aber die späteren Kapitel nehmen erst nach und nach konkrete Gestalt an, während ich mir über alles klarer werde und weitere Ideen sammle.

Schreibst du nach Lust und Laune oder setzt du dir tägliche/wöchentliche Ziele?

Ich habe einen ganzen Roman in Planung, dessen Prämisse ist, dass Ziele dein Leben ruinieren, von daher… :D Außerdem bin ich durch meine chronische Krankheit darauf angewiesen, mich meiner Tagesform entsprechend zu verhalten und meine Grenzen zu respektieren.
Also, nein, ich setze mir keine Ziele, außer so viel zu schreiben, wie halt gerade möglich ist. Manchmal ist das nur ein Morgenschrieb, manchmal mehr, manchmal weniger.

Lässt du das Manuskript vor dem Überarbeiten erstmal liegen oder legst du gleich los? und und Lässt du deine Texte bereits während des Schreibens betalesen?
Ich überarbeite schon, noch bevor das Rohmanuskript fertig ist, weil sich während des Schreibens so viel entwickelt – die Charaktere vor allem – und ich eine immer klarere Sicht dessen bekomme, was und wie ich genau erzählen will, so dass der Anfang überhaupt nicht mehr passt, noch bevor ich das dritte oder vierte Kapitel geschrieben habe.
Außerdem brauche ich auch während der Entwicklung schon Feedback und Input von außen, so dass ich Leute lesen lasse, sobald ich einen Meilenstein innerhalb der Geschichte erreicht habe.

Wer darf deine Texte als Erstes lesen?
Wer auch immer sich erbarmt oder freiwillig meldet. Ich hab zwar meine feste Beta, aber ich will so viel Feedback wie möglich von so vielen verschiedenen Leuten wie möglich.

Hast du schon einmal ein Projekt abgebrochen und weshalb? und In welchem Alter hast du mit dem Schreiben begonnen?
Mein allererstes Romanprojekt, falls man es schon als ‚Projekt‘ bezeichnen kann. Das war eine Robintochter Crusoe-Story, für die ich aber abgesehen von dem Setting keinerlei Ideen hatte, so dass ich nach ein oder zwei Wochen aufgegeben hab. Da war ich vierzehn oder sowas.
Meine erste eigenständige Geschichte hab ich in der dritten Klasse geschrieben, aber da war ich noch der Meinung, dass ich nie die nötige Geduld haben könnte, um einen ganzen Roman zu schreiben, auch wenn meine Grundschullehrerin sehr zuversichtlich war, dass ich mal Autorin werden würde.
Zwischen dieser ersten Geschichte, dem abgebrochenen Projekt und ‚Das Kunstwerk‚ habe ich ein paar Kurzgeschichten geschrieben, aber mehr so weils mich gejuckt hat, und nicht weil es mir etwas bedeutet hat, Dinge zu erzählen.
Das kam erst mit ‚Das Kunstwerk‘ im Sommer 1999; da war ich sechzehn. Seitdem ist Schreiben für mich das wichtigste in meinem Leben.

Hast du in deinen Charakteren „wiederkehrende Typen“? und Was ist typisch für deine Charaktere?
Ich habe immer mindestens einen Hauptcharakter, dem es beschissen geht, der aus verschiedensten Gründen zur Depression neigt und der jemanden braucht, der ihm hilft, nicht mehr nur im eigenen Saft zu schmoren, sondern seine Probleme zu erkennen, sie zu benennen und sie entweder zu lösen, oder einen anderen Umgang damit zu finden. Man braucht einfach Input, um seine Glaubenssätze über sich selbst und seine Historie in Frage stellen zu können, und man braucht Validierung von außen, um seiner eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen.
Einen roten Faden für alle meine Charaktere gibt es glaub ich nicht, wenn man mal davon absieht, dass sie alle meinem persönlichen Menschenbild entsprechen. Sie funktionieren alle so, wie ich denke, dass Menschen nunmal funktionieren: Sie sind überzeugt, immer entweder das richtige oder das einzig mögliche zu tun, sie wollen ihre Werte und ihr Bild von der Welt und sich selbst aufrecht erhalten, aber ihr Bedürfnis nach Sicherheit und Geliebtwerden ist so stark, dass sie in diesem Bereich vermeintliche Opfer bringen, um einen Zustand zu erreichen, der zumindest oberflächlich genügend Ahnlichkeit mit Sicherheit und Geliebtwerden hat, dass es ihnen möglich ist, zu überleben. Die Geschichte handelt dann davon, dass sie erkennen, dass sie wesentlich mehr als oberflächliche Ähnlichkeit verdient haben, und dass sie daraus den Mut entwickeln, Risiken einzugehen, indem sie Bedürfniserfüllung und Respekt von ihrer Partner_in einfordern.

Wie intensiv recherchierst du?
Als hingen mein Leben und das gesamte Gelingen eines Projektes davon ab. Ich recherchiere aber auch sehr gerne. Fakten geben einem so ein solides Gerüst, in dem man seine Geschichte aufspannen kann, und ich finde immer wieder sehr inspirierende Sachen, während ich das Internet z.B. nach der Dekade durchforste, in dem das Konzept der ‚Selbstverwirklichung‘ in Frankreich ins allgemeine Bewusstsein eingetreten ist.

Wer ist dein absoluter Lieblingscharakter aus deinen Schreibprojekten?
Welches meiner Kinder mag ich am liebsten? So eine grausame Frage.
Ich könnte auch nicht sagen, welcher meiner Hauptcharakter mir am nächsten ist. Zu allen habe ich eine intime Beziehung, aber alle sind mir auch ein Stück fremd. Alle haben ein großes Stück von mir in sich und sind ein Ausdruck meines Selbst, aber alle sind auch unabhängig von mir und entwickeln sich ohne mein Zutun.
Am liebsten kuscheln würd ich aber mit Louis.

Wie viele Notizbücher besitzt du und wofür benutzt du sie? und Wie viele Ideen schlummern in deinen Notizbüchern?
Wie viele? Viele. Sehr viele. Und es werden immer mehr.
Ich benutze Notizbücher, um von Hand Szenen zu schreiben, um Ideen zu sammeln und zu ordnen, um Probleme zu lösen, Szenen zu planen, Pro-Contra-Listen zu machen, Charakterdispos auszuknobeln… Alles was halt so neben dem Tippen und Überarbeiten an Schreibarbeit anfällt. Ich hab mir auch ein eigenes Mehrwegnotizbuch gebastelt. Anleitung hier.
Und Ideen? Um die zehn Romanideen und dutzende von Ansätzen für Kurzgeschichten, Phanfiction verschiedenster Länge, eine Oper, zwei Computerspiele, ein Rollenspielabenteuer…
Jedenfalls wesentlich mehr als ich in diesem Leben werde schreiben können.

Suchst du Bilder für deine Charaktere (z.B. Schauspieler, Models etc.)?
Immer. Aber die wenigsten meiner Charas sehen aus wie jemand, den ich kenne. Ich durchforste gern mal das Internet und mache eine Bildersuche für einen Vornamen oder eine Beschreibung und gucke, was ich so auftreiben kann. Manchmal ist es dann so, dass ich ein Foto sehe, das perfekt passt – z.B. das von Manon, ich wär fast hinten über gekippt, als ich das gefunden habe, und Tamée sieht auch 100% genau so aus – aber meistens finde ich nur welche, die so wirken, wie der betreffende Charakter wirken soll, aber nicht genau so aussehen. Lélé z.B. ist so süß und wuschelig wie die Frau im Foto, aber sie hat ein längeres Gesicht, eine längere Nase, mehr Sommersprossen und einen breiteren Mund. Vielleicht sollte ich mal einfach mit Photoshop drangehen, aber dabei kommt sowieso auch nicht raus, was ich meine.
_manon_coll

In welchem Genre könntest du niemals schreiben?

Alle Genres, die plotgetrieben sind. Plotgetrieben kann ich überhaupt nicht. Ich brauche Charaktere und ihre diversen Beziehungen im Zentrum des Geschehens.

Was war das erste Projekt, das du fertig gestellt hast?
Das kommt darauf an, was mit ‚fertiggestellt‘ gemeint ist.
Wenn nur gemeint ist, dass man fest davon überzeugt ist, die letzte Seite geschrieben und alles ausreichend überarbeitet zu haben, ist der Rohentwurf von ‚Das Prinzip der Schönheit‚ mein erstes fertiges Werk. Ich arbeite das ganze Buch halt grad drüber, mit all meiner zusätzlichen Erfahrung, und wenn ich fertig bin, wird es doppelt so lang sein wie vorher und hoffentlich zehnmal so gut.
Wenn Veröffentlichungstauglichkeit gemeint ist, würde ich sagen, dass die Anthologie ‚Perlen für die Säue‚, die ich gemeinsam mit Ela geschrieben habe, das erste ‚fertige‘ Werk ist. An Soloprojekten wäre das ‚Skeptizismuskit für Einsteigerinnen‚ das erste fertiggestellte (wobei die zweite, überarbeitete Auflage demnächst kommt).

Liest du Schreibratgeber?

Ich besitze zwei Schreibratgeber. Einmal den unglücklich betitelten von Roentgen und dann Dorothea Brandes ‚Schriftstellerin werden‚. Ersterer war ganz unterhaltsam, aber viel neues habe ich nicht gelernt; für völlige Anfänger_innen ist das Buch aber sicher interessant. Letzteres hat mir sehr weitergeholfen, einfach durch die Erkenntnis, dass Inspiration dann passiert, wenn ich mich hinsetze und anfange einfach mal drauflos zu schreiben. Nach ein paar Sätzen wird etwas Brauchbares daraus.
Ich lese auch öfter mal Schreibtipps im Internet, und die eine oder andere neue Perspektive oder hilfreiche Fragestellung war schonmal dabei.
Ich persönlich denke, dass es sinnvoll ist, erstmal auf eigene Faust zu schreiben und aus den eigenen Mitteln zu schöpfen, aber diese Herangehensweise ist sicher nicht die einzige und nicht für alle das richtige. Sich Input zu holen, ist hingegen nicht optional, sofern man seine Schreibe gezielt weiterentwickeln will. Man muss nicht unbedingt quasi-akademische Schreibratgeber lesen, aber anderleuts Gedanken über das Schreiben allgemein, über Charaktere, über den Aufbau von Geschichten, über Werkzeuge und Hilfsmittel, Routinen usw. sind ein sehr wichtiger Aspekt der Entwicklung einer eigenen Schreibidentität, eines eigenen Stils und einer eigenen Arbeitsweise.

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