Schriftstellerin werden Teil 2: Was ich darüber denke

/ September 22, 2013/ InspirationsHandwerk, Schreibtips/ 6Kommentare

brande2(Der Rest der Serie: Teil 0, Teil 1, Teil 2, Teil 3)

Als ich angefangen habe, ‚Schriftsteller werden‘ von Dorothea Brande zu lesen, war ich skeptisch[er als sonst]. Brande schreibt darüber ‚wie Schriftsteller so sind‘ und ‚was ihre Probleme sind‘, und solche generalisierten Aussagen mag ich nicht, vor allem wenn es keine wissenschaftlichen Studien gibt, auf denen sie basieren. Persönliche Beobachtungen sind immer so verzerrt und vollgestopft mit Vorurteilen.
Brande hat sich mit den vollmundigen Pauschalurteilen aber relativ zurückgehalten, so dass ich ihre Behauptungen, wenn schon nicht glauben, so doch wenigstens respektieren konnte.
Zwischendrin dachte ich dann: ‚Whoah, wie großartig ist das denn?‘
Am Ende dachte ich wieder: ‚Meh.‘
Aber gehen wir mal der Reihe nach vor.

Kunstschaffende an sich
An Brandes Metapher vom Bewussten und Unbewussten beim kreativen Arbeiten hab ich nichts auszusetzen. Jede Person, die sich kreativ betätigt, kennt diese Momente, in denen die Ideen nur so hervorsprudeln. Wie man dieses Phänomen nun nennt, ist letztenendes schnuppe.
Die Vorstellung, mein Unbewusstes dahingehend zu knechten, dass ich ihm beibringe, dann zu springen, wenn ich es ihm sage, war mir hingegen erstmal zuwider. Zum Glück geht es bei den festgelegten Schreibzeiten aber auch gar nicht darum, Kreativität auf Kommando zu erzwingen, sondern darum, dem Unbewussten einen geschützten Rahmen zu geben, in dem es unbehelligt von jeder Kritik tun darf, was es sowieso immer tun will: Sich kreativ ausdrücken.

Das war ein total neuartiges Konzept für mich. Bisher stand ich unter dem Eindruck, dass kreative Ergüsse etwas fast schon mystisches sind, das nur auftritt, wenn das Wetter passt und im Hintergrund eine Bleistiftelfe genau fünfmal niest (in dieser Hinsicht ging ich mit Elisabeth Gilbert d’accord – Link).
Die Wahrheit ist aber, dass nicht das Unbewusste so selten den Mund auf macht, sondern dass das Bewusste mit seinem Perfektionismus nicht weiß, wann es die Klappe halten muss.
Wer kreativ ist, ist immer kreativ. Man brauch nur zu lernen, sich zu entspannen und darauf zu vertrauen, dass wir auch (und gerade) ohne bewusstes Zutun in der Lage sind, gute Ideen zu produzieren.
Das Optimieren und Aufpolieren, das das Bewusste so gern betreibt, macht man einfach danach, wenn man überhaupt erst mal einen Text dastehen hat, den man verbessern kann.

Natürlich gibt es immer mal bessere und schlechtere Tage, was die Erzählfreude des Unbewussten bzw. unsere mentale Entspannung angeht. Aber für dieses Problem hat Brande ja auch gleich eine Lösung parat. Nämlich die, jeden Tag aufs neue gut für sich und sein Unbewusstes zu sorgen.
Mind = BLOWN.

Leben wie eine Schriftstellerin
Das war der Teil mit dem ‚Whoah!‘.
Wie auch mein WordPressprofil zeigt (evtl. nicht mehr lange), sieht mein Selbstverständnis in Sachen Schreiben bisher so aus, dass ich hauptberuflich eine gescheiterte Existenz bin, die nebenher Geschichten schreibt, um sich einreden zu können, dass sie nicht vollständig nutzlos ist.
Aber das ist völlig verkehrt rum. Ich schreibe nämlich hauptberuflich. So.
Dass ich damit (derzeit noch?) kein Geld verdiene, macht mein Schriftstellerin-Sein nicht weniger legitim. Und dass ich einen Output von ca. 15 Seiten pro Monat habe (plus ömme Blogposts hier und da), ist definitiv kein Zeichen des Scheiterns.
Das einzige, was noch zwischen mir und dieser Identität steht, sind meine eigene Anerkennung, dass ich tatsächlich Schriftstellerin bin, und die Formalisierung eines ganz bewusst geregelten Arbeitstages, in dessen Zentrum das Schreiben steht.
Einen ersten groben Plan hab ich schonmal entworfen. Dabei stehen allerdings keine Uhrzeiten, sondern die Reihenfolge im Mittelpunkt. Ich brauche eine gewisse Flexibilität, weil ich mich sonst stresse, aber die in Stein gemeißelte Abfolge verhindert, dass ich mich vor irgend etwas drücke, oder gar das Internet zu etwas anderem als Recherche nutze, ehe mein Arbeitstag offiziell rum ist.

Ich glaube, ich habe gerade so einen Hau-ruck-Moment, in dem ich – so ich den Schwung denn richtig nutze – meinen Scheiß endlich mal auf die Reihe kriege und in einer Weise Ernst mache, die mir tatsächlich etwas bedeutet.

Was den Vorschlag für einen Arbeitsablauf angeht – erst alles im Kopf durchprokeln, dann gären lassen, dann schreiben – ist schon ein Stück weit auch meine Vorgehensweise. Allerdings kriege ich super schnell das Gefühl, vollkommen den Überblick zu verlieren, wodurch ich mich überwältigt fühle und mental dicht mache. Komplexere Szenen und weitreichendere Zusammenhänge kann ich also nur bearbeiten, wenn ich die ganzen Informationen zumindest stichpunktartig auf ein Stück Papier auslagern und da sortieren kann.
Im Ernst, wenn ich etwas aufschreibe, fühlt sich das sooo erleichternd an. Außerdem findet mein Unbewusstes es immer sehr stimulierend, wenn ich von Hand schreibe – was dazu führt, dass auf meinen Zetteln mit schematischen Darstellungen von Szenen und Dispos immer Kästchen an den Rand gemalt sind, in denen Sachen stehen, die mit dem, was ich eigentlich gerade bearbeite, überhaupt nichts zu tun haben1.
Ich hab auch in meiner Vorabiklausur in Pädagogik eine halbe Seite Notizen fürs Kuwe geschrieben… -.- Trotzdem ne 2 gekriegt. Yeah! :D

Kritisch lesen ist glaub ich so eine Sache, der man sich schon als Proto-Schriftstellerin kaum entziehen kann.
Ich muss sagen, dass mir meine Schreiberei ein enormes Stück weit die Erzählungen anderer Leute vermiest hat. Filme, Bücher, Serien – klar, es gibt immer noch einige, die ich größtenteils mag oder sogar außer Konkurrenz laufen lasse, aber es muss echt ziemlich viel Finesse aufgefahren werden (aber nicht zuviel, sonst versteh ich wieder nix :D), damit mein Bewusstes mal nicht dazwischenquatscht (hab es trotzdem ganz doll viel lieb *bussi*).
Dass ich von anderleuts Arbeit etwas lerne, passiert so auch ständig. Das sind vor allem Dinge, die ich in meinen Geschichten ausdrücklich nicht machen will, und zu denen ich mir dann ‚bessere‘ Alternativen überlege.
tvtropes.org (eine deutsche Version gibt es auch: Link) ist übrigens ein guter Ort, um mal nachzusehen, welche erzählerischen Schemata, Standardcharaktere und Stereotypen man in einer Geschichte benutzt, diese kritisch zu hinterfragen und unter Umständen Änderungen vorzunehmen, die unbeabsichtigte Aussagen oder Konnotationen wieder entfernt.

Rausgehen und Leute gucken… Zählt das Internet als ‚Leute gucken‘? Ich sag mal ‚Ja, natürlich doch!‘ Blogs, Youtube, Aggregatoren – wenn man weiß, wie man danach suchen muss, bietet das Internet unendlich viele informative, persönliche Einblicke in alle möglichen Lebensumstände, Identitäten, Überzeugungen usw.
Und das sind alles Dinge, die einem irgendwelche Passanten nicht bieten.

Rausgehen und sich bewegen, ist wiederum eine tolle Sache. Ich schreibe auch gern unterwegs. Einmal weil mich das Schreiben von den Leuten ablenkt, vor allem aber weil draußen all die Ausreden, mit denen ich mich vor dem Schreiben drücke, wegfallen.
Jetzt muss ich es nur noch schaffen, mich davon zu überzeugen, dass ich tatsächlich so leidenschaftlich schreibe, dass ich nur zu diesem Zweck meinen unterirdischen, zombie- und veloziraptorsicheren Atombun… äh, meine Wohnung verlasse.

Zwei Punkte mit denen ich überhaupt nichts anfangen kann, sind der mit der eigenen Perspektive und der, dass Banalität eine oberflächliche Sache ist.
Nichts gegen eigene Perspektiven; man hat ja sonst keine. Und ich hab auch lauter starke Ansichten, die in meinen Geschichten zum Tragen kommen. Aber ein anderer, nicht unerheblicher Teil meiner Schreibarbeit beschäftigt sich damit, meinen Kopf aus meinem eigenen Hintern zu zerren (meine Technik, menschliche Korrektness Teil 1 und 2 und ein Beispiel dafür, wie man es so richtig vergeigt [ab Punkt 3 der Liste gehts los]), damit ich am Ende eben nicht nur lauter kleine Karikaturen meiner eigenen Vorurteile und beschränkten Erfahrungsräume geschaffen habe. Ich möchte richtige Charaktere schreiben, die so weit wie möglich von mir unabhängig sind. Personen, die ich nicht als Sprachrohre missbrauche, sondern die wenn dann zufällig eine Meinung mit mir teilen.
Wenn ich meine Perspektiven oder Meinung raushauen will, schreibe ich einen Sachtext. Das ist um Längen ehrlicher.
Dann der Punkt mit der Banalität… Alles was Menschen tun und empfinden, ist in meinen Augen banal. Es mag schön sein oder komplex oder interessant oder überraschend, aber es ist immer auch banal. Egal wie tief man bohrt. Turtles all the way down.
Und es kotzt mich nur weniges stärker an als wenn jemand versucht, diese Banalität zu leugnen und das allgemein Menschliche zu einem poetischen Gesamtkunstwerk hochzustilisieren.
Denn jetzt mal im Ernst: Was ist so schlimm an Banalität?
Stehen wir doch dazu. Umarmen wir den Fakt, dass wir uns von allen anderen fressenden, scheißenden und fickenden Tieren auf diesem Planeten nur dadurch unterscheiden, dass wir in der Lage sind, uns für etwas besseres zu halten.
Schöne, komplexe, interessante und überraschende Dinge sind auch dann noch schön, komplex, interessant und überraschend, wenn sie nicht mit irgend einem überheblichen Öl der Bedeutsamkeit gesalbt wurden.

Empfindsam wie eine Schriftstellerin
Aus Selbstschutz verheimlichen, dass ich schreibe? Uhmmm… Wha?
Sowas in der Richtung hat auch Gilbert gesagt. Das heißt, es ist anscheinend eine bis in die 30er Jahre des 20.Jhdt. zurückreichende Tradition in den USA, frisch gebackene Schriftstellerinnen durch das Bestärken von Selbstzweifeln emotional fertig zu machen. Wie auch in dem Artikel zu lesen ist, hab ich da ganz andere Erfahrungen gemacht.
Außerdem rät Brande, dass ich kein Wort über meine ungeschriebenen Geschichten verlieren sollte? Das geht mal gar nicht.
Gut, es gibt mindestens eine Schriftstellerin, auf die Brandes Ansicht tatsächlich zutrifft (nämlich sie selbst), aber auch hier hab ich vollkommen andere Erfahrungen gemacht.
Als ich seinerzeit an der Urversion von ‚Das Prinzip der Schönheit’/’Das Kunstwerk‘ geschrieben habe, war die besteste aller Elas gerade dabei, ihren ‚Rosenfriedhof‘ zu verfassen. In einem dieser Monate haben wir geschlagene 48 Stunden (in Worten: achtundvierzig) miteinander telefoniert; hauptsächlich, um dabei über unsere jeweiligen Projekte zu reden. Wir haben uns auch zum kreativen Im-Kreis-laufen in meinem Zimmer getroffen und gemeinsam Probleme bearbeitet. Wir beide wären niemals so schnell so weit mit unseren Geschichten gekommen, wenn wir nicht immer wieder miteinander darüber gesprochen hätten.
So wie mein Unbewusstes in Wallung kommt, sobald ich einen Stift über ein Blatt Papier schleife, wird es unternehmungslustig, wenn ich in meinem Kopf das veranstalte, was nötig ist, um einem anderen Menschen eine Idee mitzuteilen, bzw. meine Probleme mit einer Idee zu erklären. Ela geht es genau so, und dass wir damit mitnichten alleine sind, zeigt auch die sozialpsychologische Forschung. Bei Aufgaben, die Kreativität verlangen, sind Kleinstgruppen nämlich deutlich produktiver und findiger als Einzelpersonen.
Das Beispiel Galore dafür sind meine cooperativen Projekte mit Corinna Manns. Niemand könnte alleine in so kurzer Zeit so viel so guten Stoff raushauen.

Als Randnotiz: Ela und ich haben nicht nur über unseren Probleme gebrütet, wir haben auch Ideen ausgetauscht – d.h. Ela hatte Ideen, die ich in meinem Buch verwendet habe, und ich hatte Ideen, die sie in ihrem Buch verwendet hat.
Und dieser Fakt ist einer der Gründe, warum ich die gegenwärtige Copyright-Kultur so scheiße finde. Patente und CR wurden seinerzeit erfunden, um denen, die das Produkt erfunden haben, ein paar Jahre Zeit zu geben, ihre Ausgaben wieder reinzuholen. Nach dieser kurzen Zeit sollte die Idee ins Gemeingut übergehen und als Grundlage für neue Ideen und Erfindungen dienen.
Doch Riesen wie Disney (der sich übrigens ungehemmt an gemeinfreiem Material – z.B. Märchen – bedient hat, um sein erzählerisches Imperium aufzubauen) waren nicht der Meinung, dass die Entwicklung neuer Ideen besonders viel wert ist, wenn sie selbst nicht davon profitieren. So entstand die moderne Version des ‚Geistigen Eigentums‘ und mit ihm ein Klima, in dem jeder gern von Gemeingut profitiert, aber auf Teufel komm raus nichts zum gemeinfreien Ideenpool beitragen will.
Die Gegenbewegung besteht unter anderem aus der Creative Commons (all meine Arbeiten sind mit einer by-nc-nd-Creative-Commons-Lizenz ausgestattet) und Konzepten wie dem Copyleft.
Ich denke, die Copyright-Bonzen verstehen nicht, dass es auch ein Form von Profit ist, dem Gemeingut etwas beizusteuern. Wir brauchen Kultur und deren Weiterentwicklung, und beides funktioniert nur, wenn Ideen kein bis in alle Ewigkeit eifersüchtig gehüteter Besitz sind, sondern als Treibstoff und Inspiration für die nächste Generation dienen.

Die Schreibübung, aus der Schriftstellerinnen gemacht werden
Ich hab bereits mehrere Morgenschriebe hinter mir und es lief zigmal besser als ich erwartet hätte. Die bewusste Kontrolle über eine Geschichte vorübergehend aufzugeben, ist irgendwie cool.
Ich denke mal, zum Plotten einzelner Abschnitte einer längeren Geschichte ist die Methode auch nicht schlecht, aber das muss ich noch ausprobieren. Fürs erste will ich mal so viele meiner Kurzprojekte wie möglich durch die Morgenschriebbehandlung jagen.
Ich hab nämlich gemogelt, mehr oder weniger. Ich hatte schon im Voraus eine nur zwei oder drei Tage alte Schnapsidee in Form von einem ziemlich durchgeknallten Satz, die ich meinem Unbewussten zum Spielen vorgeworfen habe. Außerhalb der Morgenschriebzeit hab ich aber nicht darüber nachgedacht.
Ich weiß noch nicht, ob ich mir für morgen auch wieder im voraus was aussuche, oder ob ich mal komplett ad libbe, um zu sehen, wie das so läuft. (Update: Habe ein bisschen am Konzept von ‚Werdewesen‘ und ‚Mein Herr und Meister‘ gearbeitet; war sehr erfrischend.)
Eine detailliertere Version meiner Erfahrungen berichte ich im nächsten Post.

Das ‚Meh‘ am Ende
Das rührte vor allem daher, dass Brande auf den letzten Seiten mit dem überaus schwammig definierten Begriff des ‚Genialen‘ ankommt und dass sie das ganze Buch über alle paar Sätze ins Schwafeln gerät. Ich mag es nicht, wenn Leute ewig nicht zum Punkt kommen, schon gar nicht in Sachbüchern.

Naja. Warten wir mal gespannt ab, ob Brandes Methode mich zur SchriftstellerinTM macht, oder ob das ganze in drei Wochen nur noch eine weitere peinlich vergeigte Aktion meiner existenziell gescheiterten Wenigkeit gewesen ist.

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1 Da fällt mir ein, ich hatte ja die Skizze zeigen wollen, mit der ich mein Problem mit dem ersten Telefonat von Judite und Joanna gelöst habe. Da sind auch wieder Kästchen am Rand. Ich muss es nur mal einscannen. Oder hatte ich das schon gemacht? *grübel* Nope.

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