So Finster Die Nacht – Noch Mehr Vampire

/ November 11, 2012/ Reviews, Schlecht erzählt/ 2Kommentare


(Review der schwedischen Originalverfilmung: Klick
Review des amerikanischen Remake: Klack
Direktvergleich der Versionen: Äh… Kluck?)

Vorgestern kam das Buch an, auf dem der schwedische Film ‚Let the right one in‘ und sein amerikanisches Remake ‚Let me in‘ basieren.
Es ist echt interessant, die drei Versionen zu vergleichen. Vor allem, da der Autor – Lindqvist – auch das Drehbuch für die Originalversion geschrieben hat. Es wird natürlich alles durch die Regie und den Schnittraum nochmal verändert, aber für die Dauer dieses Posts tun wir mal alle so als hätten wir von sowas noch nie gehört, und als wäre alles an dem Film 100% genau so wie Lindqvist das wollte.

Spoiler auf vier Uhr.

Das Buch gefällt mir ehrlich gesagt nicht so gut wie der Film. Also, das Original. Als ich sah, wie dick das Buch ist – 636 Seiten – hab ich mich schon gefragt, wie der Mann es geschafft hat, die Geschichte auf diesen Umfang aufzublasen. Ich hatte mit höchstens der Hälfte gerechnet. Das stellte sich dann als richtiger Gedanke heraus, weil die zusätzlichen Seiten nicht mit sonderlich viel erzählerisch wertvollem gefüllt sind.
Außerdem sind einige der Stellen, die mir am Remake nicht so gefallen haben, direkt aus dem Buch übernommen.

Der Stil ist ganz nett, liest sich leicht und ist erfreulich arm an Metaphern und Vergleichen. Emotionales Hin-und-Her und plötzliche Umschwünge erzählt Lindqvist ziemlich flüssig und überzeugend, aber was er überhaupt nicht kann, sind schnelle, actionreiche Szenen. Der Angriff der Killerkatzen plätschert z.B. ziemlich dahin.
Virginia, die Vampirfrau, erzählt er recht schön aus, auch wenn er ein paar Punkte übergeht, die ich gern behandelt gesehen hätte. Lacke hingegen bleibt substanzlos, obwohl ihm ähnlich viel Raum gegeben wird wie Virginia, und er langweilt; ich hab das Gefühl, dass seine Hauptaufgabe ist, seine Freunde als Feiglinge zu entlarven und sich darüber zu beklagen. Ich hätte stattdessen lieber noch was mehr über den Katzenmann erfahren.

Diese Prioritätensetzung ist einer der großen Schwachpunkte des Buches. Es wird super viel erzählt, das für die Geschichte an sich irrelevant ist. Also, was mir am Originalfilm besser gefällt als am Remake – nämlich dass da auch die Nebencharas ein Gesicht und Beziehungen bekommen – ist im Buch total auf die Spitze getrieben. Z.B. wird einem Typen, der nur dazu da ist, dass der untoten Håkan in annagen kann, eine ganze Berufsphilosophie und Familiengeschichte angedichtet; und dann wird nichtmal drauf eingeangen, dass er rein technisch gesehen auch untot enden müsste. Ein Typ, dessen einziger Zweck ist, den untoten Håkan fast über den Haufen zu fahren und dann die Bullen zu rufen, bekommt ein ganzes Liebesleben angedichtet, und ein Eichhörnchen (nichts gegen Eichhörnchen, ich liebe Eichhörnchen) darf sich über vier Seiten darüber aufregen, dass in seinem Wald haufenweise Bullen mit Hunden herumrennen, nur um am Ende anzudeuten, dass Håkan sich wohl einbuddelt über Tag.

Sowas nervt mich. Ich meine, es ist ja schön, wenn Lindqvist sich mit NCs Mühe geben will und so, aber ein eigener Charakter, der nur auftaucht, um mit seinem Auto rumzuschliddern und dann einen Anruf zu machen? Sowas kann man alles zusammenfassend, rückblickend und indirekt erzählen. Und ja, ich versteh schon, dass es möglicherweise den Blick darauf lenken soll, wie viele Leben sich hier und da an einem Eckchen überschneiden, und wie wir alle vielleicht Teil einer irren Geschichte sind und es nichtmal wissen. Aber diese Idee ist nicht so cool, dass ich sie unbedingt in mehr als einem Buch lesen muss. Und beim Schreiben geht es – m.E. – nicht darum, zu zeigen, wie super kreativ man doch ist, dass man mal eben drei Seiten raushaut für einen Wegwerfcharakter, sondern darum, das zu erzählen, worum es eigentlich geht.
Das ist auch das einzige, das mich an ‚Der Virtuose‘ etwas genervt hat; diese ganze Geschichte um Faustina. Die klebt da wie ein falsch gefärbter Stein im Mosaik und ich denk mir, das Buch ist so oder so sehr kurz, da muss man nicht auf die Weise noch künstlich zehn Seiten reinhämmern.
Bei der Hebamme in ‚Schlafes Bruder‘ ist das irgendwie anders. Vielleicht weil die Szene ganz am Anfang auftaucht.
Aber naja. Wer ein Buch schreiben will, das mir rundum gefällt, sollte sowas eher nicht machen. Ich will was lesen, bei dem die eigentliche Geschichte ganz klar rausgearbeitet und detailreich und mit Tiefe auserzählt wird (dazu mehr ab dem übernächsten Absatz).

Kommen wir zu Eli, Oskar und Håkan.

Eli bleibt in dem Buch irgendwie farblos. Es gibt zwar ein oder zwei Szene aus seiner Perspektive, aber die meisten Zeit weiß man über ihn nur was er Oskar erzählt. Seine Entstehungsgeschichte wird nur grob angedeutet, nichts davon so wirklich erklärt (ich warte so halb auf eine Fortsetzung à la ‚The Vampire Elias‘). Das steht jetzt zwar scheinbar im Widerspruch zu meiner Kritik am Remake, dass die dort jeden Scheiß nochmal wortwörtlich aussprechen, aber wirklich nur scheinbar: Ich hätte Eli wirklich gerne näher kennengelernt, und auch Oskar hätte sicher davor profitiert, mehr über ihn zu erfahren.
Elis Historie mit Håkan ist sehr sehr merkwürdig. Sie taucht eines Tages bei ihm auf und das wars. Er ist da schon erwachsen und alles. Ich finde die Idee vom Remake nett, dass Eli auch Håkan als Kind kennengelernt hat. Es hätte noch eine weitere kindliche Perspektive auf Eli und das Vampirsein öffnen können, hätte Oskar kontrastieren und damit indirekt weiter ausgestalten können.
Es bleibt so viel Interessantes unerzählt, in dem Buch. Und stattdessen bekommen Wegwerfcharaktere ein Familienleben. Das ärgert mich richtiggehend. So viele offene Fragen, so viel Relevantes, das der Autor einfach verschweigt. Vollständig verschweigt.

Oskar ist in dem Buch emotional sehr ähnlich wie im Remake – verängstigt, gedemütigt, unterwürfig – aber gleichzeitig so gewaltbereit wie im Original (zieht mit dem Messer in den Wald, um Bäume abzustechen und sich vorzustellen, das wären seine Peiniger). Er macht eine gewisse Entwicklung durch, fängt an, sich zu wehren und so, aber… er kommt nicht dazu, das ganze wirklich auszuleben. Es bleibt irgendwie theoretisch.
Das passiv-masochistische Element, das im Originalfilm so zentral rüberkommt, besteht im Buch überhaupt nicht.

Håkan wird als sehr menschlich beschrieben, in einem positiven Sinne; seine Pädophilie bringt ihn in unethische Situationen und kommt seiner menschlichen Güte in die Quere, aber er schafft es doch, dem Apex des Verbrechens auszuweichen; sein moralisches Pferdchen verweigert sozusagen vor der letzten Hürde – allerdings nicht weil er generell Hemmungen Sex mit Kindern gegenüber hat, sondern weil er Prostitution und Gewalt in diesem Zusammenhang ablehnt.
Ich finde es dem Charakter ziemlich abträglich, dass er am Ende als Untoter (nicht als Vampir wie Eli!) rumläuft, mit einem ewigen Stände, nur darauf programmiert, diesen irgendwie zwischen Elis Hinterbacken zu maneuvrieren. Das hat so was von billigem Schockeffekt. Und, ja, die Szene, als er mit Tommy im Schutzkeller eingesperrt ist, ist nett und unterhaltsam, aber das macht den Verlust nicht wirklich wett. Auch weil seine Geschichte – Håkans und die von Tommy – nie wirklich zuende erzählt wird. Das letzte, was wir von Håkan hören ist, dass ein Forscher sein immer noch zuckendes Hackfleisch gern für weitere Studien behalten würde. Ist das die Rache am Kinderschänder? Ich weiß es nicht. Ich finde jedenfalls, dass es dem Charakter nicht gerecht wird.

Fazit:
Der Originalfilm erzählt alles, was erzählt werden muss, damit die Geschichte rüberkommt. Das Buch erweist dem Leser einen Bärendienst, indem es irrelevantes Zeug labert, anstatt die eigentliche Geschichte tiefer auszuarbeiten. Letzendlich denke ich, hat sich Lindqvist so sehr daran aufgehängt, Blackeberg und Trostlosigkeit zu erzählen, dass er darüber Eli, Oskar und Håkan so ein bisschen aus den Augen verloren hat.
Schade.

P.S: Warum steht auf Buchcovern der Name der Autoren immer größer drauf als der Titel???

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