Veronika beschließt zu sterben, oder: Warum nur, Paulo Coelho, warum??

/ April 17, 2012/ Alle Posts mit Feminismus, Meine Schreibe und ich, Reviews, Schlecht erzählt

(Zur Abwechslung nochmal ein rein weiblicher Post – in dem ich ordentlich über einen unschuldigen kleinen Bestesellerautor vom Leder ziehe.)

Wups, da war der Server offline und der Post wurde in der Mitte abgeschnitten. Hier ist er in voller Länge:

Ich habe das Buch immer noch nicht zuende gehört, aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger will ich es. Natürlich könnte es sein, dass am Ende die alles rettende Pointe kommt, die Paulo Coelhos Ehre in meinen Augen wiederherstellt. Aber würde ich ihm nach all dem schlechten Schrieb, durch den er mich bisher geschickt hat, die Ehrenrettung gönnen? Oder besser gesagt: Kann es überhaupt eine Pointe geben, die so gut ist, dass sie Veronikas Geschichte den *Entnervt Stöhn*-Faktor nimmt?

Als ich das Buch seinerzeit zum ersten Mal zur Hand nahm, tat ich das, weil mich der Titel ansprach. Jemand will sich umbringen, na das ist doch mal interessant. Ich bin bei dieser ersten Lesung bis zu dem Punkt gekommen, an dem Setka nicht nur am Rande über Astralreisen erzählt, als wären sie ein reales Phänomen, nein, sie hält ein regelrechtes Referat darüber. Der Bullshit hat mir den Spaß verdorben; wobei ‚Spaß‘ da sehr relativ ist.
Es gibt vor diesem Faux-pas nämlich noch eine ganze Reihe anderer Probleme mit dem Text, die ich z.T. erst benennen kann, seit ich selber entsprechende Erfahrungen gesammelt habe, sowohl beim Schreiben als auch in Sachen Psychologie. Je benennbarer wurde, was mich an dem Text so nervt, desto stärker wurde auch der Wunsch, das ganze mal aufzuschreiben. Jetzt ist es endlich so weit.

Meine Meinung über ‚Veronika beschließt zu sterben‘ von Paulo Coelho, zusammengefasst in neun großen Schnitzern:

Faux-pas #1: Das doppelte Self-Insert

Ich dachte, ich spinne. Sowas erwartet frau nicht außerhalb von Fanfiction.de, und schon gar nicht derart unverblümt. Aber es ist wahr: Paulo Coelho schreibt sich selbst in seine Geschichte hinein und lässt Veronika daran denken, dass sie den Autor mal wo gesehen hat und von seinem Agenten (oder sowas) zum Essen eingeladen wurde.
Sicher, wir alle schreiben uns selbst, schreiben über uns selbst, verraten unser Denken, Wollen, Erleben, Empfinden mit jeder erzählerischen Entscheidung, die wir treffen; aber das ist eine Unvermeidbarkeit, die in der Natur der Beziehung zwischen der Autorin und ihrer Geschichte liegt.
Warum geht jemand den bewussten, vermeidbaren Schritt darüber hinaus? Warum kontaminiert eine Erzählerin die Welt ihrer Charaktere mit ihrer direkten Gegenwart?
Und es ist nicht einmal so, als hinge an diesem Detail der Geschichte irgend etwas. Die mangelnde Bekanntheit Sloveniens hätte Coelho auch anders aufs Tapet bringen können – warum er sie überhaupt aufs Tapet bringt, ist sowieso rätselhaft. Von dem Krieg, den er in die Geschichte einflicht, haben jedenfalls genügend Leute gehört. Ich meine, sogar ich hab davon gehört!

Etwas später tut ers nochmal…

Faux-pas #2: ‚Wie ich von dieser Geschichte erfuhr.‘

… und zwar um zu erzählen, wie ‚Paulo Coelho‘ (er sagt nicht ‚ich‘, er spricht von sich in der dritten Person) von Veronikas Geschichte erfährt.
Oh! Mann! Ich meine, das Buch ist weder vom vorletzten Jahrhundert, noch ist es ein Erstlingswerk. Der Autor ist also ohne jede Entschuldigung für die Verwendung dieses plumpsten und mit Abstand lächerlichsten aller Mittel, um einer Geschichte einen Touch von ‚basierend auf realen Tatsachen‘ zu geben.
Vorwort, Paulo. Es gibt etwas, das nennt sich ‚Vorwort‘, und da hättest du ganz wunderbar und in erster Person Singular davon erzählen können, wie dich deine Eltern dreimal in die Klapse geschoben haben, weil du dringend ‚Künstler‘ werden wolltest. Du hättest nicht die Geschichte mit dir selbst kontaminieren müssen, hättest nicht einen völlig deplatzierten Einschub bar jeder inhaltlicher Konsequenz machen müssen… Und wirklich, am Ende darauf hinzuweisen, dass dies die einzige Erwähnung bleiben wird, von Paulo und seiner Freundin, die ebenfalls Veronika heißt, und deren Namen du zu ändern erwägtest blah blah blah, dieser ganze Tanz macht es kein Stück besser. Im Gegenteil. Er zeigt, dass du das Problem gesehen hast, dir aber dachtest, dass es irgendwie pfiffig wäre, alles so drin zu lassen. Aber es ist nicht pfiffig, Paulo, nicht wenn du mich fragst. Es ist plump und überflüssig.

Faux-pas #3: Auktoriale Erzählerin

Ja, die auktoriale Erzählerin hat ihren Platz in der Literatur. Es gibt Geschichten, die profitieren davon, und damals, als auktorial voll in war, wurden sogar ganze Romane verfasst, denen diese Erzählweise Charme und Reiz verleiht.
Aber gut auktorial zu schreiben, ist schwer. Aus dem einfachen Grund, dass diese Erzählhaltung einen dazu verleitet, Abkürzungen zu nehmen und zu behaupten, anstatt zu zeigen. Wo frau in anderer Erzählweise über verschiedene Szenen Eigenschaften ihrer Charaktere etablieren muss, geht sie auktorial einfach in und sagt: „Und genau so war Veronika schon immer.“
Sehen wir noch ein Problem? Oh ja. Auktoriales Erzählen verleitet dazu, die eigenen Charaktere abzuurteilen und ihnen Labels aufzudrücken. Das kann man natürlich auch in den anderen Erzählweisen, aber da braucht es eben mehr als einen kleinen, bei der Überarbeitung leicht zu übersehenden Satz, um die Heldin an ihrer Rolle als ‚passives‘ Geschöpf mit ‚weiblicher Natur‘ festzunageln (und ja, so onkelhaft und herablassend beschreibt Coelho seine Heldin tatsächlich; als ‚immer schon passiv‘ und von ihrer ‚weiblichen Natur‘ dazu dispositioniert, lieber Tabletten zu schlucken, als sich mit Kawumm das Hirn wegzupusten – ich meine, ja, er hat anscheinend mal von den Statistiken gehört, die diese Tendenz tatsächlich zeigen, aber es macht einen Unterschied, ob er die Heldin stillschweigend den Zahlen gehorchen lässt, oder ob er herausposaunt, dass sie sich ja nur mit Tabletten den Rest geben will, weil sie eben eine Frau ist, und Frauen sich nunmal mit Tabletten umbringen).

Paulo Coelho ist also der auktorialen Erzählweise definitiv nicht gewachsen. Er haut destruktive Pauschalurteile über seine Charaktere raus, dass es nicht mehr schön ist.
Und wäre es gewollt, vielleicht fände ich es sogar ganz sinnig, aber ich traue ihm nicht zu, dass es gewollt ist, denn die vielen Nebenwirkungen, die der folgende Effekt hat, gehen der Intention zuwider, die ich eigentlich in der Geschichte zu erkennen meine.
Welcher Effekt? Der hier: Als Leserin fühlte ich mich eingespannt in eine Bewertungsmaschine, von außen gelenkt, fremdbestimmt, übergangen, so wie sich zumindest Veronika – nach Behauptung von Coelho, zeigen tut er es ja nicht – in der Welt außerhalb der Klapse fühlt.
Die übelste Nebenwirkung ist, dass die Charaktere nur eine fremdbestimmte, übergestülpte Persönlichkeit und auch Identität haben; Coelho behauptet und erklärt, wie sie sind, und das ist alles, was sie sind. Es kommt kein Eigenleben auf, nichts geschieht aus den Charakteren selbst heraus, weil Coelho alles eigenständige gleich wieder auktorial zu Tode kommentiert und so dem offensichtlichen Konstrukt ‚Veronika‘ oder ‚Setka‘ einverleibt.

Ich bin der Ansicht, dass Charakteren, damit sie leben können, eine Würde zugestanden werden muss, die Erlaubnis, sich selbst erklären zu dürfen, Deutungshoheit über ihr eigenes Erleben zu behalten. Man muss sie wie reale, vollständige Menschen respektieren, damit sie als solche erscheinen können.
Und auch wenn man sie nackt in ihrer eigenen Kotze liegend zeigt – oder gerade dann – muss man ihnen allein das Wort geben und ihnen gestatten, für sich selbst zu sprechen, anstatt ihnen zuzumuten, auch noch zugunsten des auktorialen Zeige- und Erklärbedürfnisses ihrer eigenen Perspektive entkleidet zu werden.

Coelho hat keinen Respekt vor seinen Charakteren. Nicht vor Veronika, nicht vor Setka, nicht vor Eduard. Er macht sie nicht nur nackig – wie jede Autorin das tut, wenn sie Innenleben darstellt – er nimmt sich dann auch noch einen Zeigestock und stolziert vor ihnen auf und ab, um auf ihre intimsten Anatomien zu deuten und ihre Gefühle in Grund und Boden zu erklären.
Und in welchem Zusammenhang tut er das? Im Zusammenhang mit der versuchten Demonstration einer Hypothese, (die wohlwollend interpretiert besagt), dass Menschen extrem darunter leiden, wenn ihnen von außen ein Leben aufgezwungen wird, das ihnen nicht den Raum gibt, sich selbst zu entfalten.
Coelho tut als Autor seinen Charakteren etwas an, das er der Gesellschaft als zentrale Missetat vorwirft. Das ist bestenfalls ungeschichtes Erzählen; schlimmstenfalls stellt sich Coelho als Schwätzer bloß, der sich mit seiner Psychiatrie à la Coelho (siehe Faux-pas #5) gefällt und gerne darin sonnen würde, wie toll seine selbstgebauten Charaktere doch dem entsprechen, was er unbedingt als Punkt rüberbringen will.

Faux-pas #4: Die Motive der (Möchtegern-)Selbstmörder

Wir erfahren, dass Veronika eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben ist, sich aber irgendwie langweilt, weil alles so routinemäßig ist. Außerdem hat sie keine Lust, später mal unglücklich verheiratet zu sein. Überhaupt wäre sie lieber Pianistin geworden, ist aber ’schon immer‘ zu ‚passiv‘ gewesen, um etwas anderes zu tun als das, was ihre Mutter ihr rät. Also bringt sie sich um.
What. The. Fuck!?
An dem Punkt dachte ich mir noch ‚Okay, vielleicht hat er es nur schlecht erklärt, vielleicht kommt noch irgendwas…‘ Irgendwas kam, und es war die – in wirklich unglaublich unglaubwürdig gestellter Sprache als wörtliche Rede erzählte – Geschichte von der Verwandten einer Pflegerin, die sich umgebracht hat, weil sie einfach zu schlaff war, um irgendwas aus ihrem Leben zu machen (als ihr Mann mal fremdgeht, blüht sie kurz auf weil sie da um was kämpfen muss, aber kaum ist er wieder treu, geht ihr die Luft aus und sie vegetiert wieder vor sich hin). Ja, ganz im Ernst. Coelho schreibt eine Person, die aus purer Langeweile und Erschlaffung die extremste Maßnahme ergreift, zu der ein Mensch fähig ist.

Whoah. What??? Ich raffs echt immer noch nicht.
Die einzige logische Erklärung, die mir einfällt: Coelho hat sich seit seinen drei Aufenthalten in der Klapse nie wieder mit Psychologie beschäftigt und zehrt einzig von dem kindlich-naiven Verständnis von Depression und Suizid, das er vor Jahrzehnten mal entwickelt und nie hinterfrag hat.

Alte Schwedin. Mich erstaunt auch der Mangel an Empathie hier. Ich meine, jeder kann verstehen, dass Selbstmord ein extremer Schritt ist. Jeder weiß aus Erfahrung, dass extremen Schritten extreme Erfahrungen und Gefühle vorausgehen. Gut, Langeweile ist für ein Kind sicher eine Grenzerfahrung, aber Paulo Coleho war kein Kind mehr, als er dieses Buch geschrieben hat.

Fürs Protokoll: Leute bringen sich um, weil sie extreme, unerträgliche, nicht linderbar erscheinende psychische oder physische Schmerzen erleiden. Leute bringen sich um, wenn es außer Schmerz nichts mehr auf der Welt zu geben scheint.
Veronika hingegen sinniert während ihres Suizidversuchs über die relative Unbekanntheit Sloveniens und malt sich größenwahnsinnig aus, welchen Eindruck ihr Selbstmord haben wird, wenn man ihn nebst eines Protestschreibens über die relative Unbekanntheit Sloveniens entdecken wird. Es ist – das gebe ich zu – durchaus möglich, dass sich jemand so verhält; aber diese Person leidet dann unter einer ganz krassen Persönlichkeitsstörung, oder wahlweise auch Schizophrenie. Davon deutet Coleho bei Veronika aber nichts an. Er versagt ihr sogar explizit, jemals depressiv gewesen zu sein. Sie bringt sich tatsächlich nur und ausschließlich aus Langeweile bzw. in der Zukunft erwarteter Langeweile und Unzufriedenheit um.

Den Fehler mit Veronikas unpassenden Gedanken bemerkt Coelho sogar; allerdings ist er auch hier anscheined so davon überzeugt, dass das pfiffig ist, dass er sich darauf zurückzieht, nur platt zu fragen: ‚Sollte sie nicht über etwas anderes nachdenken?‘
Paulo, heißer Tip: Wenn du dich sowas fragen musst, ja, sollte sie in der Tat über etwas anderes nachdenken! Markieren, entfernen, neu schreiben. So werden gute Geschichten gemacht.

Faux-pas #5: Schizophrenie à la Coelho

Dieser Punkt stützt meinen Verdacht, dass Coelho das mit der Recherche einfach mal übersprungen hat, weil er dachte, nach drei Aufenthalten in der Klapse wäre er sowas wie ‚vorgebildet‘ in Sachen Psychologie.
Wow, irrt er sich da. Schizophrenie beschreibt der gute Mann als einen ‚Rückzug‘ in eine ‚Traumwelt‘ weil die Realität zu langweilig oder kompliziert ist. Das ist fast schon kriminell falsch.
Ganz im Ernst, Schizophrene haben schon genug mit Stigma zu kämpfen; und dann kommt auch noch dieser ignorante Arsch von Coelho an und behauptet Schizophrenie wäre so eine Art Schutzreaktion, für die sich die Erkrankten ursprünglich mal bewusst entschieden haben.
Ich fass es nicht!
Schizophrenie ist eine schreckliche Krankheit, die bei 2/3 der Betroffenen unheilbar verläuft und das Gehirn mit jedem Schub mehr zerstört, während die Welt vor den Augen des Patienten langsam in einem undurchschaubaren, oft grauenerregend bedrohlichen Chaos versinkt. Die ‚Traumwelt‘ der Schizophrenie ist kein hübscher, sicherer Ort, an den man flüchtet, sondern ein Ort, vor dem man flüchten will. Hat sich mal jemand die Selbstmordrate von Schizophreniekranken angesehen? 10–15 %! So hoch ist auch der Anteil der Menschen, die ihre Anorexie nicht überleben. Und diese Zahl gibt nur die durchgezogenen, geschafften, erfolgreichen Selbstmordversuche wieder; die Leute, die am liebsten tot wären, aber beim Versuch scheitern, sind da noch gar nicht aufgeführt.

Faux-pas #6: Psychiatrie à la Coelho

Auf seinen vage erinnerten Kindheitserlebnissen baut Coelho überhaupt den ganzen Psychiatriebetrieb in Veronikas Klapse auf. Im Großen und Ganzen beschreibt er eine Welt, die von ihrer Bevölkerung her mit einer psychosomatischen Station vergleichbar ist, gemischt mit ein bisschen teilgeschlossener Psychiatrie. In dieser Welt beschwört er nun ein Wunder der sozial entspannten, anarchisch anmutenden Freiheit herauf, in der Menschen so viel glücklicher sind als draußen; ja er behauptet sogar, allein das Betreten der Klinik, das Abfallen der Zwänge, führe schon dazu, dass sich die Patienten besser fühlten.
Bull. Shit.
Das erste, was den meisten passiert, wenn sie eine Klinik betreten, ist der Absturz in ein bedrückendes Loch, bestehend aus der Erkenntnis, dass sie tatsächlich so fertig mit den Nerven und so lebensunfähig geworden sind, dass sie in eine psychiatrische Klinik aufgenommen werden müssen. Sie erkennen: Ich bin wirklich und wahrhaftig psychisch krank; es gibt jetzt keine Möglichkeit mehr, das vor mir selbst zu verblümen oder zu leugnen. Ich bin krank und kann mir selbst nicht mehr helfen.
Das zweite, was den meisten passiert, ist, dass sie durch den Wegfall des äußeren Zwanges, gesunder und leistungsfähiger wirken zu müssen als sie sind, all ihre gespielte Stärke als eben nur gespielt erkennen und sich brutal bewusst werden, wie dreckig es ihnen tatsächlich geht, wie schwach sie sich tatsächlich fühlen, wie sehr sie alles ‚da draußen‘ (das die anderen alle mit Links aus dem Ärmel schütteln) tatsächlich überfordert.
Die ersten Tage, manchmal Wochen, in einer Klinik sind oft durch diesen Prozesse bestimmt. Die Erkenntnis, psychisch am Ende zu sein. Niemand fühlt sich da besser oder befreit. Eine psychiatrische Klinik ist kein Ferienressort mit Wasserrutsche, sondern eine Krebsstation für die Psyche.

Und trotz des Wegfalls gewisser äußerer Zwänge (das Funktionieren- und Stark-sein-Müssen) ist eine psychiatrische Klinik keine Welt außerhalb der Welt. Sie ist nichtmal dahingehend verschieden, dass ‚drinnen‘ mehr Verständnis für Macken vorherrscht; die Leute, die in eine Psychatrie kommen, sind die gleichen wie die, die weiterhin draußen rumrennen, mit dem kleinen Unterschied, dass es ihnen beschissen genug für eine Einweisung geht.
Das soziale System von ‚draußen‘ wird ungefiltert und unhinterfragt nach ‚drinnen‘ getragen. Sicher, hier und da ist das mal Thema, hier und da versucht mal jemand eine erste Emanzipation von diesem oder jenem sozialen Zwang, hier und da wird mal groß gejodelt, wieviel verständnisvoller und warmherziger ‚wir‘ doch wären, bloß weil ‚wir‘ einen Ratsch an der Kappe haben (was eben totaler Bullshit ist; psychische Krankheit verpasst einem keine magischen Fähigkeiten, sie verhilft einem höchstens zu einer eine Spur weniger rudimentären sozialpsychologischen Bildung als sie die Mehrheit genossen hat). Aber das alles bleibt weitgehend oberflächlich. Es findet keine Neudefinition von Gesellschaft statt, es gibt keine neue Charta der Rechte, man ist nicht umgeben von erleuchteten Indira Ghandis, die alle anderen so sein lassen können, wie sie sind.
In der Klinik sitzen genau so viele Spießerinnen, analretentive Selbstzelebranteninnen, Histrionikerinnen und nie erwachsen gewordene Papas-Lieblinge wie draußen. Nur dass sie ‚drinnen‘ noch eine Therapeutin haben, die berufswegen verpflichtet ist, ‚auf der Seite der Patientin‘ zu stehen, was dem Individuum sicher gut tut, aber der einen oder anderen einen egomanischen Höheflug verpasst, dessen Nachwehen ihrer sozialen Umwelt früher oder später noch ganz fürchterlich auf den femininen Sack gehen werden.

Diese ganze Romantisierung von psychischer Krankheit regt mich echt auf, und das fand ich auch an K-Pax schon zum Kotzen. Dieser Quatsch von wegen ‚Verrückte Leute sind so viel klarsichtiger als wir Normalen‘. Ihr ‚Gesunden‘ verniedlicht und romantisiert Leid. Macht euch das mal bitte klar.
Ich meine, wer käme auf die Idee zu behaupten ‚Krebskranke sind so viel klarsichtiger als Gesunde‘ oder ‚Eine HIV-Infektion macht einen so viel verständiger‘. Die Geschmacklosigkeit ist offensichtlich; aber sobald es um unsichtbares, psychisches Leid geht, hört der Respekt auf.

Ja, ja, ich versteh schon, ihr wollt euch gerne einbilden, dass ihr auch ‚klarsichtig‘ seid, weil ihr bemerkt, dass die Irren ‚klarsichtiger‘ sind. Aber Leute. Glaubt mir. Es ist nichts, absolut gar nichts, klarsichtig an psychischer Krankheit. Es ist eher das Gegenteil. Die Sicht von Irren ist versperrt, durch Scheiße aus der Vergangenheit, durch eingeschliffene Denkfehler, durch ein beschädigtes Gehirn, durch unkontrollierbare, unpassende Emotionen, durch das ständige Gefühl des Überlebenskampfes – und das alles gleichzeitig und meistens in der Richtung, in der die eigentlich angenehmen Dinge des Lebens liegen.
Doch nicht nur das: Psychische Krankheit legt einem Fußfesseln an, raubt Energie, beschneidet elementarste Fähigkeiten des Handelns und Erlebens.
Man bezeichnet es ja nicht aus Jux als Krankheit verdammte Scheiße!

Faux-pas #7: Frau muss bloß mal merken, was sie am Leben eigentlich hat

Veronika war so gelangweilt, dass sie sich umbringen wollte. Dann musste sie eine Woche auf den Tod warten und fand – schwupps – die Freude am Leben wieder. Denn Veronika ist ein Wunderwesen, eine Person, die nicht krank ist, sondern wirklich nur gelangweilt und zu dämlich (‚passiv‘), um sich in ihrer Freizeit hin und wieder mal an ein Klavier zu setzen.

Ich meine, so in sich ist es schon plausibel. Wer Langeweile und Passivität als einziges Problem hat, dem ist sicher mit ein bisschen Feel-Good Hokuspokus zu helfen.
Aber echte, reale Leute, die sich aus echten, realen Gründen umbringen wollen, haben echte, reale Krankheiten, die sich nicht in Wohlgefallen auflösen, bloß weil frau nochmal Klavier spielt und dann vor Publikum masturbiert. Ja, das passiert in echt so in dem Buch. Und Coelho erwähnt sogar die Kinsey-Studie, war aber zu faul, den Namen nachzuschlagen, weshalb sie nur ‚eine Studie‘ bleibt und seine Leser mit dem Gefühl da sitzen, dass sich der Spaßvogel sicher auch das aus den Rippen geschnitten hat.

Und dann kommt der Psychiater zu Wort:

Faux-pas #8: Der Psychiater

Nein, ich will gar nicht darauf eingehen, dass sich der Onkel Psychoter gegen sämtliche seiner Hippokratischen Eide versündigt. Ich will auf die Hypothese von Coelho eingehen, die er dem guten Doktor in den Mund legt.
‚Verbitterung‘. Ausgelöst dadurch, dass man lieber exotisch ficken würde, sich aber nicht traut, den Partner drum zu bitten. Wobei sich ‚ficken‘ durch jedes beliebige Verb und ‚Partner‘ durch jedes beliebige sozial konnotierte Nomen ersetzen kann. Mehr oder weniger. Ich hab keinen Bock, mir für diesen Mist ein anständiges Bild auszudenken.
Jedenfalls hält auch der Psychiater Langeweile und Unerfülltsein irgendwie für den Grund, warum sich viele Leute umbringen.

Hieran nerven mich zwei Punkte.
Erstens: Verbitterung wegen Langeweile? Hat der Mann schonmal jemanden getroffen, der tatsächlich verbittert war? Jemanden wie mich? Langweile macht nicht verbittert. Verreckende Kinder machen verbittert. Im Zusammenhang mit Mari erwähnt Coelho sogar mal welche, aber es würde mich wundern, wenn er sich nach seinem Abgleiten in eine weitere Runde nicht-recherchierter pseudopsychologischer Zerklärungen noch daran erinnern und es wieder aufgreifen würde.
Zweitens: Leute bringen sich auch nicht aus Verbitterung um. Verbitterung ist unangenehm, sie zersetzt die Hoffnung und kompliziert Krankheitsverläufe; aber sie allein verursacht nicht den unerträglichen Schmerz, der für einen Suizid notwendig ist.

Faux-pas #9: Fehler und Widersprüche

Veronika sagt: „Selbstmord verlangt, zuerst an sich und dann an andere zu denken.“ Dann erzählt sie lang und breit, wie sie bei ihrer Suizidplanung an das Wohlbefinden ihrer Eltern denk, ihrer Freunde, der Nonnen (bei denen sie ein Zimmer gemietet hat). Die Behauptung, Selbstmord wäre selbstsüchtig, hab ich ja sowieso gefressen; aber immerhin zeigt Coelho hier mal was.

Es wird erzählt, dass Veronika lange und umständlich an der Beschaffung ihrer Schlaftabletten arbeiten musste.
Dann wird erzählt, wie Veronika allein durch fortgesetztes Jammern über Einschlafprobleme mal eben von zwei verschiedenen Freunden jeweils zwei Packungen Schlafmedikation geschenkt bekommt.
Dann wird erzählt, dass sich Veronika über die ständigen Beruhigungsmittel in der Klinik beschwert, da sie doch ’nie Schlafprobleme hatte‘.
Ja wie denn nun? Hat sie das Zeug nun illegal bekommen? Oder ist es ihr in den Schoß gefallen? Oder hat sie gar keine Schlafprobleme? Oder soll etwa fortgesetztes verlogenes Jammern die ‚harte Arbeit‘ sein? Und wie krass muss sie gejammert haben, wenn gleich zwei Freunde die Umstände auf sich nehmen, auf legalem oder illegalem Wege Schlaftabletten für sie zu organisieren? Aber vor allem: Wie absolut hilflos muss sie sich ihren Freunden dargestellt haben – oder wie bescheuert müssen sie sein – dass sie Veronika die Beschaffung abgenommen haben, anstatt ihr zu sagen „Dann geh halt und besorg dir Schlaftabletten, Herrgottnochmal, dein Gejammer ist echt nicht mehr auszuhalten!“

Und vögelt sie nun rum oder nicht?

Es gab genau eine Stelle in dem Buch, an der ich das Gefül hatte, dass Coelho mal etwas ordentlich recherchiertes vom Stapel lässt. Und zwar als Setka erzählt, dass sie schönes Wetter nicht mag, weil sie sich dann ausgeschlossen und fehl am Platz fühlt. Ich gehe mal davon aus, dass ihm das jemand erzählt und ihn damit so beeindruckt hat, dass er es sich gemerkt hat.

Zum Abschluss muss ich leider sagen, dass Coelho genau so aussieht wie er in ‚Veronika‘ schreibt. Aber 100% genau so. Ich möcht ne Torte nach ihm werfen. Und nach der geschmacklosen, ignoranten Person, die zugestimmt hat, ‚Veronika‘ zu verlegen.

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