Wer erzählt hier eigentlich?

/ Januar 18, 2013/ Schreibtips, Unkategorisiert/ 0Kommentare

Möglicherweise sollte es mir zumindest ein bisschen peinlich sein, aber ich bin ziemlich schamlos was sowas angeht: Anscheinend habe ich nicht die geringste Ahnung, wie sich die von mir bevorzugte Erzählsituation nennt.

Lasst mich meine bisherige Recherche mal nachstellen.

C.SCHUHMANN: DIE SUCHE NACH DEM HEILIGEN GRAH… FUCK OFF

PROLOG: Ich habe mit Absicht nicht Germanistik studiert. Ich glaube, Theaterstücke haben keinen Prolog. Pfsh. Jetzt haben sie einen.

ERSTER AKT: STANZEL

STIMME AUS DEM OFF: Erzählertypologie

ICH sitzt mit dem Rücken zum Saal auf der Bühne, isst Chips.

AUTKORIALER ERZÄHLER (AE) BETRITT DIE BÜHNE

AE: Sanfte Grüße. Ich erzähle in der 3. Person singular, weiß alles und kommentiere die ganze Zeit. Ich habe starke moralische Vorstellungen. Ich demonstriere, dass ich recht habe, indem ich meine Charaktere zu Exempeln degradiere, die der moralischen Bildung des Volkes zugute kommen sollen. Ich schreibe mich nicht explizit als Figur in die Geschichte hinein, sondern bin eher der Gott der Geschichte. Ich stehe nämlich außerhalb ihrer Realität und weiß, wie gesagt, alles; auch was in der Zukunft noch geschehen wird. Aber ich bin nicht größenwahnsinnig.

ICH: Fuck off.

AE: Sowas sagt man nicht.

ICH: Wer ist dieser ‚man‘ und warum wird ihm ständig was verboten? Fuck off.

AE VERLÄSST UNTER MORALISCH AUFGEWÜHLTEM PROTEST DIE BÜHNE

ICH: Der nächste bitte.

ICH-ERZÄHLER (IE) BETRITT DIE BÜHNE

IE: Also, ich… äh… erzähle in der 1. Person singular und…

ICH: Ja ja, passt scho, kennen wir. Der nächste bitte.

NEUTRALER ERZÄHLER (NE) BETRITT DIE BÜHNE

NE: Tach. Ich erzähle in der 3. Person singular, wechsle zwischen den Figuren…

ICH: (nickt) Aha, mhm.

NE: … und hin und wieder lasse ich sie auch in der 1. Person über sich selbst sprechen.

ICH: Baaah. Wieso machst du denn sowas?

NE: (verunsichert) Ich, ähm, ich bin sehr um Neutralität und Sachlichkeit bemüht und finde es unterhaltsam, in Dialogen auf Kennzeichnungen zu verzichten, so dass man irgendwann nicht mehr weiß, wer was sagt.

ICH: Du kleiner Drecksack, du. Nächster!

PERSONALER ERZÄHLER (PE) BETRITT DIE BÜHNE

PE: Hallo. Ich erzähle in der 3. Person singular und beschränke mich dabei auf einen Charakter.

ICH: Und weiter?

PE: Nichts weiter.

ICH: Und warum? Warum nur ein Chara?

PE: Uh— nur- nur so?

ICH: Das ist doch langweilig.

PE: N-nein, manche- manche Geschichten profitieren davon, auf einen einzigen Hauptcharakter zu fokussieren und seine Perspektive über alle Ereignisse zu legen.

ICH: Ja, blahblah, passt scho. Nächster!

STIMME AUS DEM OFF: Das waren alle von Stanzel.

ICH: Schon?

STIMME AUS DEM OFF: Außerdem ist diese Typologie nicht normativ, sondern descriptiv und als Mittel zur Textanalyse gedacht.

ICH: Ach nee. Mach Sachen.

STIMME AUS DEM OFF: Wollte ich nur mal anmerken. Weil du hier so rumstänkerst.

ICH: Buhuhu. Okay, Leute, kurze Pause.

ICH VERLÄSST DIE BÜHNE

ZWEITER AKT: GENETTE

ICH sitzt wieder auf der Bühne. Isst wieder Chips.

STIMME AUS DEM OFF: Erzählerstatus

HELD UND ZEUGE BETRETEN DIE BÜHNE.

HELD: Guten Abend.

ZEUGE: Guten Abend.

ICH: Und weiter?

HELD: Wir sind die Erzähler, die als Teil der Geschichte vorkommen. Ich bin der Held der Geschichte.

ZEUGE: Und ich hab nur zugesehen. Es war ganz schrecklich. Ganz ganz schrecklich.

ICH: Super. Und weiter?

HELD: Uh—

ICH: 1. oder 3. Person?

HELD: (sieht ZEUGE unsicher an)

ZEUGE: Da- darum geht es uns gar nicht.

ICH: Aber mir! (fasst sich an die Stirn) Geht weg. Los. Husch. (an niemand bestimmtes gerichtet) Sind die nächsten Kandidaten auch so Spaßmacher?

STIMME AUS DEM OFF: Mehr oder weniger.

ICH: Will meinen?

STIMME AUS DEM OFF: Will meinen, ja, sind sie.

ICH: Dann sind wir hier fertig. Was für eine Zeitverschwendung.

VORHANG.

Tja.

Was am nächsten an die Sache rankommt, wäre der Personaler Erzähler. Ein Multipersonaler Erzähler vielleicht. Weil ich mich nämlich nicht auf einen einzigen Charakter als Blickpunkt beschränke und allen meinen Hauptcharas immer wieder auf die emotionalen Eingeweide schaue, je nach dem, was gerade für die Erzählung relevant ist, bzw. was die von mir gewünschte Wirkung erzielt. Ich verschweige auch schonmal Sachen bis zum nächsten Monolog, weil ich tiefer ins Detail gehen will, als es im Rahmen einer interaktionslastigen Szene möglich ist.
Zwischendrin erzähle ich auch Nicht-Personal, also aus keiner bestimmten Perspektive. Mehr so wie ein Panoramabild. Wie wenn in einem Film alle beteiligten Charaktere zu sehen sind.

Der Multipersonal-Nicht-Personale Erzähler?

Ich bin für ‚Der Wuselige Erzähler‘.
Der Wuselige Erzähler wuselt zwischen den Charakteren und Perspektiven herum, wie es ihm gerade passt. Das einzige, was konstant bleibt, ist die 3. Person singular, ausgenommen in explizit deklarierten Gedanken der Charaktere, die jedoch auch schon nach einem oder zwei Sätzen wieder ins Personale überführt werden, weil es total unrealistisch ist, wenn Leute detailliert und in der Ich-Form über etwas nachdenken.

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