Zwei erste Sätze und faule Tricks für die Spannungskurve

/ November 24, 2011/ Plot und Szenen, Schreibtips/ 0Kommentare

Ja, es ist Absicht, dass dieses Bildchen einen grauenvollen Facebook-Smiley zeigt, und hätte ich nicht beide Schriften schon vor langer Zeit von meinem Rechner verbannt, wäre das You!? in Comic Sans oder Papyrus gesetzt, statt in Times. Es ist also ein bedeutungsschwangeres Bildchen. Denn als genau so 08/15 empfinde ich den Spannungstrick, den es repräsentiert.

Wir kennen das glaub ich alle, nicht nur aus alten Schwarz-Weiß-Whodunit-Filmen, sondern auch aus neueren Produktionen. Die Szene, in der ein Protagonist dem Täter begegnet, der Zuschauer diesen aber nur von hinten sieht und nurmehr die berühmten Letzten Worte: „Du!?“ bzw. „Sie!?“ hört, ehe der arme Protagonist unter Gewalteinwirkung sein Leben aushaucht.
Der gleiche Trick passiert, wenn wir nur die behandschuhte Hand des Täters sehen, oder wenn – im Buchäquivalent – nur eine ’schattenhafte Person‘ beschrieben wird, oder ein ‚Gegenstand‘, und die Spannung dann einzig und allein darauf aufbaut, dass der Autor einen Informationsschnipsel bewusst vor uns verbirgt.
Ich fühl mich dann immer, als stünde da jemand vor mir, würde mir etwas unter einem Tuch vor die Nase halten und sagen: „Guck mal, du weißt nicht, was ich hier habe, ist das nicht spannend!!?“ Und ich möchte schreien: „Nein! Nein, ist es nicht, du Pappnase! Du Pfeife! Ich bin doch kein kleines Kind!“

Dieser ‚Kunstgriff‘ ist in meinen Augen einfach nur verlogen. Der Autor erzeugt eine künstliche Frage und versucht dann, den Leser mit dem Fakt zu unterhalten, dass die Antwort nicht offensichtlich ist.
Mein Dogma: Wenn sich ein Spannungsbogen mit einer Ein-Satz-Antwort auflösen lässt, ist das kein Spannungsbogen, sondern ein lahmer kleiner Trick. Es sollte mehrere Seiten der Erzählung brauchen, mehrere Kapitel, um solche Bögen langsam, substanziell und vielschichtig aufzubauen und wieder zu lösen; dazu ist die Erzählung schließlich da.

Was hat das jetzt mit den zwei ersten Sätzen zu tun? Nun ja, ich habe da – angeregt durch einen fragwürdig betitelten, inhaltlich aber durchaus brauchbaren Schreibratgeber, uuuh – eine kleine aber m.E. feine Änderung an dem ersten Satz vorgenommen, mit dem man in ‚Das Kunstwerk‘ dem Maler begegnet.
Die alte Version lautet: Er hat sich ganz in die Musik vertieft, doch der schrille Rufton seines Mobiltelefons holt ihn abrupt in die Wirklichkeit zurück.
Die neue Version lautet: Gerade hat er das letzte Blut vom Tisch gewischt und frische Kleider angezogen, als ihn der schrille Signalton seines Mobiltelefons zusammenzucken lässt.

Der Unterschied ist ziemlich eindeutig und effektiv.
In der alten Version treffen wir auf jemanden, der in einem harmlosen musischen Hobby schwelgt und sich erst über die nächsten paar Seiten als etwas gaga… nein, psychisch instabil… nein, durchgeknallt… nein, ach-du-scheiße-der-ist-ja-total-psycho-lauf-Mädchen-lauf herausstellt.
In der neuen Version erfahren wir gleich als erstes, dass dieser Jemand soeben ein Lebewesen oder Ex-Lebewesen perforiert hat, und die Idee, dass die bei dieser Tätigkeit austretenden Körperflüssigkeiten bis auf die Kleider des Jemand katapultiert wurden, wird zumindest ziemlich nahe gelegt. Das nur leicht absonderliche Verhalten des Jemand wirkt im weiteren Verlauf der Szene fast schon beruhigend, aber der Gedanke bleibt im Hinterkopf und wartet auf Futter.

Auf den ersten Blick sieht das ganz nach dem 08/15-Trick aus, über den ich mich just so aufregte, und diese Sichtweise hat durchaus ihre Berechtigung. Ich habe hier tatsächlich den Besitzer des Blutes unter einem Tuch versteckt und wedle damit fies grinsend vor der Nase des Lesers herum.
Aber das ist nicht das einzige, worauf die Spannung ruht, die den Leser anfangs offen und später latent um Joanna bangen lässt. Das Blut ist ein Primer, ein Zaunpfahl, der gleich zu Anfang winkt und klar macht: Dieser Kerl ist nicht ganz sauber; er ist sogar potentiell gefährlich; du solltest dich fragen, ob das Mädel aus der ersten Szene auch in der letzten Szene der Geschichte noch alle Lebensfunktionen beisammen hat.
Dass das Blut, das der Kerl gelegentlich von irgendwelchen Oberflächen wischen muss, noch das geringste der Probleme des Buches ist, erfährt der Leser noch früh genug – einige ’nur‘ subtil unbehagliche bis bedrohliche Seiten später – aber bis dahin fungiert es als Marker der legitimen, existenziellen Bedrohung, die während der ganzen Geschichte ein Rolle spielen wird.

Verrät das, dass ich meine Leser für kleine Kinder mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne und hypertrophen Langeweiledrüsen halte? Das könnte durchaus sein. Aber mir gefällt die neue Version des ersten Satzes auch viel besser :D Bluuuuuuut, nyahnyahnyah….

Jetzt kommt natürlich der kleine Kritiker in mir an und sagt: „Aber Tine, jetzt guck doch mal, was machen denn die Leser, die es gerade subtil wollen, und die es nicht mögen, wenn etwas nach Gemetzel aussieht?“
Darauf sage ich: „Aber kleiner Kritiker in mir, jetzt guck doch mal, das ist nur ein einziger verkackter Satz in ganz viel Subtilität, und ein Leser, der es sutil mag, wir ganz bestimmt drauf kommen, dass dieser Satz nicht notwendigerweise auf ein Gemetzel hindeutet.“
Darauf der kleine Kritiker in mir: „Äff mich nicht nach, das tut mir weh.“
Und ich dann so: „Ach fick dich, kleiner Kritiker, du nimmst auch nie Rücksicht auf meine Gefühle.“
Und dann geh ich und ess ein Eis.
Fin.

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