Ausrufezeichen! Ellipsen… und ihre Nutzlosigkeit

/ August 27, 2013

Ich lese gerade ein paar Geschichten für meine allerliebste Freundin Ela durch, und es macht wirklich großen Spaß. Ich hatte vergessen, wieviel entspannter es ist, sich mit anderleuts Arbeiten auseinanderzusetzen. Ich glaube das liegt daran, dass man beim Betalesen nur Vorschläge macht und Ideen einwirft, während die verantwortungsvolle Entscheidung darüber, was letztendlich mit dem Text passiert, bei jemand anderem liegt.
Ich komme also gerade in den vollen Genuss des Fehlertötens, Dispopolsterns und Formulierungsverhübschens, ohne dabei das eingebildete ‚Optimum‘ erreichen zu müssen, mit dem ich mich bei meinem eigenen Kram immer stresse.
Das Leben kann so schön sein!

Und dieses Ausrufezeichen bringt mich auch schon zum Thema:

Ausrufezeichen – und Ellipsen. (im weiteren Text zu Az/Ell verkürzt)

Artikel dazu gibt es im Netz noch und nöcher, weil es garantiert keine einzige Autor_in (in Schriftsystemen mit einer Form von Az/Ell) gibt, die nicht wenigstens in den ersten paar Jahren ihres Schaffens viel zu viele davon verwendet1.
Diejenigen dieser Artikel, die ich persönlich gelesen habe, behaupten alle eine Version hiervon:

Wenn du Az/Ell brauchst, ist dein Satz nicht stark genug formuliert.

Heute hab ich glaub ich verstanden, warum dieser Satz nicht nur nicht hilfreich, sondern auch noch falsch ist. Und beides aus dem selben Grund.

Ich habe in den vergangenen zwei Tagen gefühlte 50.000 Ausrufezeichen und 23.000 Ellipsen durch einfache Punkte ersetzt. Und bei nicht einem/r einzigen dachte ich mir: ‚Okay, wenn sie diesen Satz stärker formuliert hätte, wäre Az/Ell nicht notwendig gewesen.‘
Stattdessen dachte ich: ‚Warum um alles in der Welt setzt sie da Az/Ell hin?‘
Ich konnte in jedem! einzelnen! Fall! hingehen und den Stein des Anstoßes durch einen simplen Punkt ersetzen. Keine sonstigen Anpassungen nötig.

Es ist nämlich schlicht nicht wahr, dass Autor_innen Az/Ell nur hinter Sätze knallen, die ‚zu schwach formuliert‘ sind. Wir knallen ein Az hinter jeden Satz, mit dem wir besonderen Elan kommunizieren wollen, und eine Ell hinter jeden, der hintersinnig ausläuft, egal wie großartig er formuliert sein mag.
Az/Ell sind entsetzlich verlockend. Sie geben uns ein Gefühl von Kraft und scheinen den Text fast schon magisch mit Dramatik und Intensität zu füllen. In Wahrheit haben sie aber noch weniger erzählerische Bedeutung als ein Komma – denn ein Komma zuviel oder zu wenig kann die Bedeutung eines ganzen Satzes drastisch verändern, während Az/Ell nur zwei weitere Möglichkeiten sind, sein Ende zu markieren.
Das Problem ist nicht mangelnde ‚Sprachgewalt‘2, sondern ein Unterschätzen der eigenen ‚Sprachgewalt‘ und der Bereitwilligkeit der Leser_innen, Betonung auch ohne beides (‚Sprachgewalt‘ und Az/Ell) an die richtige Stelle zu setzen.

Ich glaube, ein besserer Merksatz wäre der folgende:

Niemand wird ein/e fehlende/s Az/Ell vermissen, aber jedem werden die vielen überflüssigen unangenehm ins Auge stechen.
Deshalb: Vertraue deinen Sätzen, für sich selbst zu sprechen, und deiner Leserschaft, dich richtig verstehen zu wollen.

Wenn wir Az/Ell erstmal als die bedeutungslosen kleinen Anhängsel erkannt haben, die sie sind, verlieren sie ihre verführerische Macht.

Noch ein Gedanke zu Ellipsen:
Die drei nicht-magischen Pünktchen werden nicht allein zum Anzeigen von Hintersinn missbraucht. Sie haben auch die legitime Funktion, anzuzeigen, dass ein Satz mittendrin unterbrochen wurde, oder dass eine längere Denkpause stattfindet, die nicht schon wieder per Inquit angezeigt werden kann.
Was könnte nun gegensätzlicher sein? Einmal sind sie mit unausgesprochener Bedeutung aufgeladen, ein anderes mal zeigen sie die verhinderte Vermittlung von Bedeutung, dann wieder sind sie das typographische Äquivalent des Jeopardy Jingles.
Ich finde das beim Lesen immer verwirrend.
In meinen eigenen Texten bin ich deshalb dazu übergegangen, sie durch Striche zu ersetzen:

Hintersinniges Auslaufenlassen—
Unterbrechung-
Gedankenpause. — Fortsetzung.

Ich gehe mal davon aus, dass diese Darstellungsweise auch für andere zuerst ungewohnt und hässlich aussieht, aber für mich macht der Gewinn an Klarheit die kurze Umgewöhnungszeit mehr als wett.

———————-
1 Ich war einst sogar eine von denen, die dreifache Ausrufe- und sogar Fragezeichen verwenden. Es ist nicht leicht, das ganz ohne Schamgefühle zuzugeben. Aber der tiefe Griff in die !!!-Kiste ist genau so natürlich und normal wie das ausgiebige Furzen im Schlaf.

2 Auch so ein völlig überschätztes Ding beim Schreiben. Sprachgewalt. Sprachgewalt ist einfach. Zig große, dramatische Worte hinknallen, ein paar drastische Metaphern dazwischen, ein bisschen Impressionismus, fertig ist die Laube. Es ist viel schwieriger, den gleichen Effekt ohne technische Gewalt zu erreichen, und ich denke, dass viele Autor_innen ihre meiste Zeit mit dem Üben von Subtilität und nicht dem Steigern ihrer ‚Sprachgewalt‘ zubringen.

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2 Kommentare

  1. *g* Tatsächlich wird mir von anderen Beta-Lesern immer mal wieder zurück gemeldet, dass manchmal zuwenig Ausrufezeichen oder Pünktchen verwende – ich schiebe das dann immer auf dich, weil du mir das immer austreibst!;-)

    Ich gebe dir allerdings recht damit, dass die Benutzung beider „Stilmittel“ (also das Ausrufezeichen als Hinweis auf „Oh mein Gott, ist das ein wichtiger Satz!“ und die „magischen drei Punkte“ als Tiefsinn-Marker) sowohl überbenutz, als auch überbewertet werden – leider auch von wohlgelittenen, etablierten Autoren.

    Du kannst dich also beruhigt zurücklehen und dir sicher sein, dass falls ich mich doch ab und zu entscheide ein AZ/Ell so stehen zu lassen, das nicht aus obigen, dämlichen Gründen passiert, sondern ich mir das vorher gut überlegt habe.;-) Obwohl ich alle mir zugetragenen Kommentare und Anmerkungen immer gründlich durchdenke, selbst wenn ich sie nicht umsetze, das gebietet ja schon der Respekt vor der Beta-Arbeit!:-)

    Tatsächlich benutze ich beide Punktionen hauptsächlich in Wörtlicher Rede, aus den Gründen, die du unter Punkt 2 genannt hast – also um eine emotionale Aufgewühltheit beim Sprecher anzuzeigen, oder eine Pause im Redefluss. Zu diesen beiden Zwecken funktionieren für mich persönlich AZ & Ell gut – aber du kannst beruhigt sein, jedes Mal wenn ich sie setze, habe ich vorher deine Stimme im Ohr gehabt und dreimal drüber nachgedacht, ob ich das wirklich so will!;-)

    Ist das schon operante Konditionierung, oder kennen wir uns nur zu lange??;-))

    1. (Irgendwie muss ich mein Blog mal dazu bringen, mir zu mailen, wenn ich einen Kommentar kriege…)

      Hehe, ich nehme die Schuld für ‚fehlende‘ Ausrufezeichen gern auf mich ;)
      Und ich glaube dir, dass du über jedes Ausrufezeichen gut nachgedacht hast. Ich hab auch immer über alle meine Ausrufezeichen gut nachgedacht – auch über die dreifachen :D

      Es gibt halt wie überall beim Schreiben auch bei den Satzzeichen eine Grauzone, in der alles eine Geschmacksfrage ist.

      Ich hab grad mal geguckt, in meiner Standardseitenformatierung haben die Geschichten, die ich für dich durchgesehen habe (in der Version, wie du sie mir geschickt hast) folgende Statistik (pro Seite):
      GS: 3.2 ! ; 2,1 …
      BV: 6.5 ! ; 0.6 …
      AH: 2.7 ! ; 3.1 …
      F : 2.3 ! ; 4.2 …
      Das ist gar nicht so viel wie ich gedacht hatte ;)
      Der Durchschnitt vom Durchschnitt (ohne die beiden Ausreißerwerte von BV) ist 2.7 ! und 3.1 …

      Im Kuwe- äh, Das Prinzip der Schönheit hab ein einen Schnitt von 1.5 ! und 1.2 … ‚Dann‘ hab ich .9 mal pro Seite. (Whoaaaah, ich erinnere mich an Zeiten, da hatte ich sowas wie 10 oder 12 ‚dann‘ pro Seite O.o)

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