‚Mord im Bergwald‘ und mein generelles Problem mit Krimis

/ Juli 24, 2015

Lang lang ists her, dass ich diesen Post versprochen habe. Ich habe nur in der Zwischenzeit so unglaublich viel am ‚Prinzip der Schönheit‘ gearbeitet, dass ich nicht dazu gekommen bin, ihn zu schreiben.
Vielleicht sollte ich mir einen Tag in der Woche freihalten, um Posts zu schreiben. Für mein Blog wäre das auf jeden Fall gut. Mal gucken, ob ich da Bock zu habe…

Zum Geburtstag haben mir meine Schwiegereltern ‚Mord im Bergwald‘ von Nicola Förg geschenkt. Eigentlich sind Krimis überhaupt nicht mein Ding – die Grund dafür werd ich noch erklären – aber gelesen habe ichs natürlich trotzdem.

Hier kommt meine etwas verquaste Review und ein kleiner Rant über Twists. Als Twist kommt ganz am Schluss noch ein Spoiler.

Alles in Allem weiß ich nicht so wirklich, ob mir das Buch gefallen hat oder nicht. Ein Buch ist ja immer mehr als sein Genre, und auch wenn einem die typischen Genre-Eigenheiten nicht gefallen, gibt es immer noch Plot- und Stilelemente und Charaktere, die man trotzdem gut finden kann.
Bei Mord im Bergwald ist es irgendwie ein ziemliches Durcheinander von Stellen, die gut gearbeitet waren, und anderen, bei denen ich mich gefragt habe, ob die Lektorin in der Diskussion darüber ‚gewonnen‘ oder ‚verloren‘ hat.
Es gibt Dialoge, die sich ganz gut lesen, und dann welche, die unglaublich hölzern sind und überhaupt nicht fließen. Es gibt Charaktere, die nett gezeichnet sind und gut rüberkommen, und dann welche, die bloß Abziehbildchen sind, oder Instanzen, in denen ein ansonsten ausgewogen entwickelter Charakter total flach wird. Es gibt Stellen, da zeigt die Autorin schön, wie eine Chara ist, und dann kommentiert sie das ganze nochmal, damit die Leserschaft nicht auf die Idee kommt, den Chara anders zu bewerten als sie das vorgesehen hat.
Es ist ein ständiges Hin- und Her zwischen guten Stellen und schlechten Stellen, und das frustriert mich, weil die guten Stellen zeigen, dass es doch eigentlich geht, und die schlechten Stellen an Anfängerfehlern kranken.
Bei diesem Buch hat sie die Lektorin eindeutig entweder zu oft oder zu selten durchgesetzt.

Daneben kommt dann das generelle Problem von Krimis, nämlich dass es immer erstmal mindestens eine falsche Spur gibt, der nachgegangen wird. Das ist natürlich realistisch, denn so ist das, wenn man vor einem Rätsel steht und sich die Lösung zusammensuchen muss.
Und natürlich kann man den Ermittlungsprozess so gestalten, dass man nach und nach mehr über das Opfer und sein Umfeld erfährt, und dass gezeigt wird, wie die Ermittlerinnen und die Angehörigen des Opfers mit den Dingen umgehen, die da ans Licht kommen.
Die Sache ist halt, dass zumindest in den Krimis, die ich gelesen habe, so ein totaler Fokus auf dem Twist lag. Enthüllungen! Verstrickungen! Wer hätte das nur gedacht! Die Schwester des Opfers ist die Cousine des Chefs der drogenhandelnden Zuhälterin, die früher mal eine Nonne war, oder umgekehrt (außerdem hat die seriengemordete Zwillingstante der Ermittlerin bei ihr Koks gekauft, was die Sache so persönlich werden lässt!).
Und sowas macht mich überhaupt nicht an. Ich weiß nicht warum, aber ich fühle mich von Plottwists jedes mal nach Strich und Faden verarscht.
Da wird eine Geschichte aufgebaut, Zusammenhänge entwickelt, ein Bild kristallisiert sich heraus, und dann BÄM! Verarscht, war doch alles ganz anders, hahaha.
Ich möchte gern, dass mir Geschichten aufrichtig erzählt werden. Ich möchte darauf vertrauen können, dass die Welt im Großen und Ganzen so ist, wie sie mir von Anfang an dargestellt wird, oder wenn nicht, dass sich die Wahrheit langsam herauskristallisiert, dass von Anfang an klar ist, dass da noch etwas anderes vorgeht, und dass ich als Leserin an diesem Prozess der langsamen Realisation teilhaben kann. Ich will nicht, dass mir etwas plötzlich vor den Bug geknallt wird. Das reißt mich bloß raus und nervt, weil ich dann von jetzt auf hopp ein komplett neues Bild entwerfen muss.

Es gibt bei Twists den Spruch ‚Überraschend, doch unausweichlich‘. Und wenn etwas unausweichlich ist, dann zeichnet es sich im Vorhinein ab, weil sich die Kausalität ja in diese Richtung hin aufbauen muss.
Wenn das extrem trickreich gemacht ist, sind beide ‚Versionen‘ der Realität so plausibel, dass die Leserschaft gar nicht merkt, dass sich da ein Twist anbahnt, und kann dann beim zweiten Lesen staunen. Ich finde das nicht besonders unterhaltsam, weil es letztendlich ein Gimmick ist, und es – zumindest in den Beispielen die ich gesehen habe – nicht um die Story an sich geht, sondern darum, dass man diesen Twist hinbekommen hat.
Wenn es gut1 gemacht ist, merkt man als Leserin, dass sich da was zusammenbraut, auch wenn die Charaktere es vielleicht selbst nicht mitkriegen. Sowas find ich gut. Da kann ich mitfiebern. Aber der Twist muss dann schon auch wirklich tief gehen, und nicht bloß ein ‚Ist mein Schwager nun ein netter Kerl oder ein Mafia-Boss?‘.
Meistens ist es halt schlecht gemacht und so ein Buh, haha, erwischt, das mehr des Effekts halber eingebaut wurde und letztendlich die Geschichte ruiniert.

Der Twist bei ‚Mord im Bergwald‘ ist, dass eigentlich der Zwilling des Opfers hatte umgebracht werden sollen, und auf Seite 162 von 218 springt die Story auf einmal aus dem sorgfältig ausgearbeiteten Almbauermilieu hinaus und handelt von einem vernachlässigbar kleine Militärskandal mit Charakteren, über die wir praktisch nichts erfahren.
Das hat so was von ‚Wär doch langweilig, wenn es wirklich einer von den Bauern war. Was ist das Gegenteil von gemütlichen Almbauern? Ich weiß! Militär!‘
Am Ende hat es sich für mich gelesen, als wäre die Geschichte auf Seite 162 vorbei, und dann kommt noch irgendwas anderes, das damit eigentlich nichts zu tun hat.

Das Fazit ist, dass ich gerne einen Krimi schreiben würde, aber einen, bei dem die Hintergründe der Tat so aufgedeckt werden, wie man in jedem anderen Roman die Lebensgeschichte der Charaktere aufdeckt. Schön organisch und mit Fokus nicht auf das klassische ‚Was passiert?‘ sondern auf das ‚Wie gehen sie damit um?‘

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1: Wobei mein persönlicher Geschmack selbstverständlich das Maß aller Dinge ist.

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2 Kommentare

  1. Lustigerweise kuke ich ja ganz gerne Krimiserien im Fernsehen, so Criminal Minds, Navy CIS, Castle, Mentalist, CSI und wie sie alle heißen – da finde ich ironischerweise gerade diese Voraussehbarkeit „aha Verdächtiger Nummer 1, der wars also schonmal nicht, das wäre zu offensichtlich, oh, diese scheinbar unwichtige Person haben wir jetzt 2 Sekunden im Full-Shot mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck gesehen – die war’s!“ total Hirnentspannend…ich nutze gern den Fernseher zur Hirnentspannung, ich gebe das ganz offen zu.;-)

    Aber in Büchern macht mich das total agressiv, ich finde in diesem Medium haben so flache Plots und lahme Charaktere einfach nix zu suchen, da kann man soviel mehr machen und soviel subtiler vorgehen (gut, könnte man im Medium Serie auch, aber nur begrenzt, wenn man nicht mit Erzähler Voiceovers arbeiten will und ich haaaaasse Erzähler-Voiceovers, aber das nur am Rande;-).

    Ich muss daher leider sagen, ich lese es nicht gern und ich würde es auch nicht schreiben wollen, das wäre mir viel zu anstrengend.;-)

    1. Oh, also, so Serien mit ‚Profiler‘-Element seh ich mir ziemlich gern an. Es regt mich zwar regelmäßig etwas auf, wie unrealistisch und schlecht recherchiert das immer ist, aber ich fühle mich gut unterhalten, wenn der Fokus beim ‚Wer ist der Täter?‘ darauf liegt, rauszufinden, was die Persönlichkeit des Täters ist, sein Problem, seine Mission, usw. und nicht bloß irgend ein Motiv im Rahmen bourgeoiser niedriger Beweggründe oder – wie beim letzten Tatort, den ich zufällig gesehen habe – einen Ausrutscher eines ansonsten gut angepassten Sozipathen aufzudecken.
      Krimis mit einem Opfer sind auch immer so langweilig partikular. Diese eine Person, diese eine Tat, dieser eine Moment. Und wenn es um was bestimmtes ging, besteht ja nichtmal die Gefahr, dass der Täter das gleiche nochmal macht. Bei skurrilen oder Serientaten hingegen geht es um die ganze Erlebenswelt eines Täters, für den ein Mord nicht das letzte Mittel der Wahl zum Erreichen irgend eines Ziels ist, sondern ein Stück weit Selbstzweck.

      Da fällt mir auf, das hat die Förg in ‚Mord im Bergwald‘ versucht, anzuschneiden, indem sie den Täter am Ende so ein bisschen derangiert und amokig hat rüberkommen lassen.

      Was mich an Krimis übrigens auch nervt, ist das Fehlen der Gerichtsverhandlung am Ende. Ich will nicht nur wissen, wer es war und warum, sondern wie das ganze vom Rechtssystem gewertet wird, und mit welchem Strafmaß es reagiert.
      Das wärs doch mal, zweiteilige Krimis, bei denen der erste Teil den Fall soweit aufklärt, dass man jemanden festnehmen kann, die tieferen, komplexeren Zusammenhänge, Motive usw. aber erst während der Gerichtsverhandlung im zweiten Teil aufgedeckt werden. Das fänd ich sexy. Das würd ich mir angucken.

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