Psychologie für Erzählerinnen 01: Kognitive Verzerrungen

/ November 30, 2011

Angeregt von einem Artikel auf schriftzeit.de – unbedingt lesen! – dachte ich mir, fertige ich mal eine kleine Übersicht über die wichtigsten heute bekannten sozialpsychologischen Mechanismen an, denen wir Menschen so unterworfen sind. Im Schreiben fiel mir dann aber auf, dass die Sache für einen einzigen Artikel vielleicht etwas zu umfangreich sein dürfte.
Also habe ich beschlossen, eine weitere Artikelserie anzufangen, in der ich verschiedene Phänomene und Bereiche der Psychologie beleuchte, die für Erzähler besonders relevant sind. Unter jedem dargestellten Phänomen werde ich konkrete Beispiele dafür bringen, wie wir es 1. ausspielen können, um unsere Charaktere vielschichtiger, interessanter und/oder realistischer zu gestalten, und wie wir 2. verhindern können, dass wir als Autoren beim Schreiben diesem Phänomen zum Opfer fallen und unsere Erzählung damit unnötig beschränken.

Einsteigen möchte ich mit der Ursache aller sozialen Probleme, Missverständnisse und Streits, auf die ich bereits in einem früheren Artikel angespielt, die ich aber nicht beim Namen genannt habe. Diesmal steht sie gleich in der Titelzeile: Kognitive Verzerrungen.
Wer sich einen Überblick verschaffen möchte, wieviele derartige Verzerrungen der Psychologie zur Zeit bekannt sind, der möge auf diesen Link hier klicken und verzweifeln; eine weit weniger deprimierende Liste zeigt die deutschsprachige Wiki.
Ich werde mich in diesem Artikel auf die Top 3 beschränken; die Verzerrungen, die sich am häufigsten und in den meisten Lebensbereichen auswirken.

Zuerst aber ein paar allgemeine Erklärungen zum Thema:
Kognitive Verzerrungen sind Denkfehler, die wir alle machen. Und wir machen sie, weil das aktive, bewusste Denken sehr viel Energie und Zeit kostet. Das Gehirn hat im Laufe seiner Evolution sehr leistungsfähige Automatismen entwickelt, die es uns gestatten, den Teil mit dem bewussten Denken einfach zu überspringen und trotzdem bei, wenn schon nicht immer akkuraten, so doch alltagstauglichen Schlüssen, Meinungen und Urteilen anzukommen. Problematisch an diesen Automatismen ist, dass wir sie nicht abstellen können. Sobald wir aufhören, unser Denken zu überwachen und jede noch so kleine Schlussfolgerung zu hinterfragen, greifen sie wieder. Unser Gehirn denkt sozusagen für uns, und es denkt ohne Sinn und Verstand. Gruselige Vorstellung, aber hey, wir kennen es nicht anders. Außerdem haben so ein paar findige Kollegen Die Wissenschaftliche Methode erfunden, mit der wir unsere Denkfehler aufstöbern und sie aus den wirklich wichtigen Fragen immer weiter heraushalten können.

Und jetzt gehts los:

  • Ungeschlagene Nummer 1 unter den Denkverzerrungen ist der Confirmation Bias – die Bestätigungstendenz. Das bedeutet, wir stellen eine einzige Hypothese zur Erklärung eines Phänomens auf („Mein Mann hat gelogen weil er mich betrügt„) und bestätigen dann die Richtigkeit dieser Hypothese, indem wir alles ignorieren, was sie widerlegen könnte, und nur das wahr- und wichtig nehmen, was sie bestätigt.
    Am falschen Ende dieses Denkfehlers zu sitzen, fühlt sich so an: „Ich könnte mich auch mit einer Parkuhr unterhalten.“ Nichts, was du sagst, wird durch diesen Schutzschild für die Überzeugungen deines aufgebrachten Gegenüber hindurch dringen; und wenn es doch einmal etwas hört, wird es das mit einer – aus deiner Sicht – haarsträubenden Begründung wegrationalisieren.

      In Bezug auf das Schreiben ist diese Verzerrung weniger greifbar als die noch folgenden, aber in bestimmten Situationen kann sie uns helfen, die Pläne des Hauptcharakters durchzuziehen, obwohl wir Probleme haben, die Einwände anderer Charaktere sinnvoll zu widerlegen, und das Argument ‚Er ist eben stur‘ nicht mehr zieht.
      Es ist nicht leicht, einen Charakter, den man gern hat, so irrational darzustellen, denn wir wünschen uns sehr, dass dieser Charakter nachvollziehbar handelt. Aber wenn wir uns sehr auf die Innenperspektive des Chara zurückziehen und seinen Rationalisierungen viel Raum geben, wird der Leser den kognitiven Fehler tendenziell teilen.
  • Auf Platz 2 landet der fundamentale Attributionsfehler. Dieser Fehler funktioniert in zwei Richtungen, um unser gutes Selbstbild bestmöglich zu schützen.
    1. Wenn jemand uns gegenüber einen Faux-pas begeht, versagt, scheitert, erklären wir das bevorzugt mit einem inhärenten Fehler dieser Person. Sie bemühe sich nicht genug, sie sei faul, sie sei einfach unfreundlich, sie sei rücksichtslos. Wir sparen uns die Energie, von unserer emotionalen Reaktion auf das Verhalten des anderen zurückzutreten und zu überlegen: Vielleicht hatte er viel um die Ohren und keine Zeit zu lernen, vielleicht war er abgelenkt, vielleicht hat er private Probleme und ist deshalb gereizt – vielleicht gibt es äußere Umstände die das Fehlverhalten der Person perfekt erklären, ohne dass sie dazu ein schlechter Mensch sein muss.
      Diese Energieersparnis hat den schönen Nebeneffekt, dass wir uns dem anderen überlegen fühlen und uns in gerechtem Zorn über ihn echauffieren können.
    2. Wenn wir anderen gegenüber einen Faux-pas begehen, versagen, scheitern, erklären wir das bevorzugt durch äußere Umstände. Wir hatten viel um die Ohren und keine Zeit zu lernen, wir waren abgelenkt, wir hatten private Probleme, die Klausur war zu schwierig, der Rasen zu nass, der Tennisschläger schlecht bespannt, der Schiri ein unqualifizierter, bestochener Drecksack… So sparen wir uns die Demütigung, einsehen zu müssen, dass wir vielleicht doch ein bisschen zu faul waren, dass wir nicht so schlau sind, wie wir gerne wären, dass auch wir total versagen können, dass wir einer Aufgabe nicht gewachsen sein können.
      Diese Energieersparnis führt leider dazu, dass wir aus dem gemachten Fehler nichts lernen und ihn zu gegebener Zeit genau so wiederholen werden; bis der Schmerz des Versagens größer wird als der Schmerz der Selbsterkenntnis.
      Wie erklärt ihr das Scheitern und Fehlverhalten eurer Helden? Internal (Fehler der Person) oder external (schlechte Umstände) attributiert? Wie das Scheitern oder Fehlverhalten ihrer Widersacher? Existiert da ein Ungleichgewicht? Ein erkennbares Schema? Verpasst ihr Gelegenheiten, eure Charaktere eine Entwicklung durchmachen zu lassen, indem ihr ihnen gestattet, ihre Fehler immer wieder external zu attributieren?
    Den ehrenvollen 3. Platz schafft der Erinnerungsfehler. Diese kognitive Verzerrung basiert auf dem Phänomen, dass das menschliche Gedächtnis keine Videokamera ist, die 100% genau alles aufzeichnet, was passiert. Erinnerungen sind vielmehr in Form von Assoziationsketten im Gehirn abgelegt. Jedes Mal, wenn wir uns an etwas erinnern, rekonstruieren wir die Erinnerung aus diesen Assoziationsketten, d.h. wir erzeugen die komplette Erinnerung aus ein paar Stichpunkten, die wir gestern oder vor Wochen schon auf eine Mind-Map gekritzelt haben, zwischen andere Stichpunkte, die zu anderen Erinnerungen gehören; und so kommt es, dass wir unbewusst Assoziationen vermischen, andere, ähnliche Erinnerungen einbeziehen, neue Informationen verwursten, Logik und andere Erfahrungen zurate ziehen, um Lücken auszufüllen, unsere Wünsche, unsere Vorurteile, unsere Ängste, unser Menschenbild verarbeiten, um aus ein paar Informationsfetzen ein Bild zu erzeugen, das so lebendig und real wirkt, dass wir ganz sicher sind, dass es genau so – und nicht anders – gewesen ist.
    Wie lückenhaft, beeinflussbar und bedingt unser Erinnerungsvermögen ist, zeigt sich am besten in der Forschung über Zeugenaussagen und Gegenüberstellungen. Ich persönlich bin darüber zu der Meinung gekommen, dass Zeugenaussagen während der Ermittlungen eine Rolle spielen, bei der späteren Verhandlung aber vollkommen ignoriert werden sollten. Auf die wenigen nützlichen Hinweise von Zeugen kommen so viele falsche, verzerrte Erinnerungen, dass es absolut unverantwortlich ist, ihre Aussagen einen Einfluss auf die Urteilsbildung nehmen zu lassen.

      Wir Autoren haben mit der verzerrten Erinnerung unserer Charaktere aber ein wundervolles, vielseitiges Werkzeug in der Hand, um ohne jede Selbsterkenntnis ihre tieferliegenden Wünsche, Ängste, Hoffnungen, Vorurteile, Träume… darzustellen – nämlich indem wir ihre Erinnerung den tatsächlich erzählten Ereignissen gegenüberstellen. Die Erinnerung verhält sich zur Realität wie eine impressionistische Malerei. Wir können mit Farben und Formen spielen, die Stimmung verändern, die Reihenfolge abwandeln, die Rolle des Charakters in der Situation abwandeln, das Verhalten der anderen überzeichnen oder einschränken, die erinnerte Wortwahl, den Tonfall… Mit einer Erinnerung erschaffen wir die Welt neu, diesmal durch die Psyche des sich erinnernden Charakters betrachtet. Ein mächtiges Instrument.

Ich hoffe, dieser Artikel war verständlich und hat euer Repertoire ein bisschen erweitert.
Fragen, Vorschläge und Korrekturen nehme ich jederzeit gern entgegen.

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3 Kommentare

  1. Klasse Artikel zu einem hochspannenden und für Autoren hochrelevanten Thema, bin gespannt auf die kommenden der Serie.

    Deine Ansicht zu Zeugenaussagen ist krass, aber durchaus vernünftig (habe auch schon mal über das Gedächtnis geforscht …). Was schlägst du als Alternative vor?

    SW

    1. Danke! :) Fühle mich geehrt.

      Zu deiner Frage: Wie ich bereits angedeutet habe, würde ich vorschlagen, Zeugen und ihre Aussagen lediglich in den Ermittlungsprozess einzubeziehen.
      Aus Spuren allein lassen sich nur sehr begrenzt Schlussfolgerungen ziehen – dazu gibt es ein gutes Buch von Musolff/Hoffmann* – das heißt, die Ermittler benötigen jede zusätzliche Information, die sie kriegen können. Zeugen können da durchaus etwas liefern; ohne sie wäre die Arbeit unmöglich.
      Im Prozess der Ermittlung lässt sich aber eben prüfen, ob die Aussagen der Zeugen zutreffend sein können, und werden ansonsten (sofern die Damen und Herren kompetent sind) nur als Richtungsweiser für weitere Nachforschungen angesehen.
      Im späteren Gerichtsverfahren sind nur die Überprüfbaren Fakten relevant – oder sollten es sein – und nicht die durch zigtausendfaches Abspulen, emotionale Belastung und andere Faktoren völlig verfremdete Erinnerungen der Zeugen. Alles faktisch zutreffende, das ein Zeuge aussagen konnte, kann anhand eben dieser gefundenen Fakten dargestellt werden; in der Folge ist der Beitrag, den eine Zeugenbefragung zum Prozess leisten kann, ein rein emotionaler, von den Fakten ablenkender und die Objektivität der Urteilenden beeinträchtigender.
      Damit ist es kein Beitrag mehr, sondern eine Behinderung, die der Gerechtigkeitsfindung – also dem Bestreben sowohl der Opfer als auch der Täter – im Wege stehen.

      ———-
      * Sollte Pflichtlektüre für alle Autoren mit ‚Profilern‘ als Held sein, auch wenn es das Genre wohl vernichten würde :)))

      1. Meine Grammatik ist kaputt…

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