Recherche als Zeichen des Respekts

/ Dezember 8, 2011

Aus einem aktuellen Anlass…

Als Autor hat man meiner Ansicht nach ein gewisses Maß an sozialer Verantwortung. Damit meine ich nicht, dass alle Charaktere immer nur vorbildlich und politisch korrekt dargestellt werden sollten, im Gegenteil. Ich meine damit, dass Charaktere wenn irgend möglich gerade nicht verfremdet, idealisiert und verzerrt geschrieben werden sollten.
Jedes Weltbild, jede Meinung ist subjektiv, aber jeder Mensch hat ein Recht darauf, dass seine subjektive Meinung und sein Erleben, halbwegs akkurat wiedergegeben werden. Unabhängig davon, ob man diese Meinung teilt oder auch nur respektiert. Der Mensch in seinem Erleben verdient Respekt.

Gerade wenn es um Krankheitsbilder, Negativerfahrungen, Krisen und dergleichen geht, wirkt es auf Betroffene wie ein Akt der Respektlosigkeit und der Anmaßung, wenn der entsprechende Charakter lediglich eine Karikatur des tatsächlichen Erlebens zeigt, wenn seine Sichtweise auf gesellschaftliche Erwartungen und Werte zugeschnitten wird, und wenn ihm eine Entwicklung zugeschrieben wird, die einen Verrat an den tatsächlichen Interessen der Betroffenen darstellt.

Ein Autor zieht die Wut, Enttäuschung und Verachtung der Betroffenen auf sich, wenn er darauf verzichtet, ihre Sicht durch eine halbwegs gut recherchierte Darstellungsweise zu würdigen und die Vielfalt des Erlebens darzustellen, die in jeder Rand- und Exotengruppe der Gesellschaft existiert.

EDIT: Mittlerweile habe ich einen Artikel zu einem super krassen Negativbeispiel verfasst: Paulo Coleho – Veronika beschließt zu sterben

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3 Kommentare

  1. Wichtiger Hinweis. Aber ich frage mich, wie realistisch das ist, jemanden nicht verzerrt, verfremdet, idealisiert darstellen zu wollen. Selbst bei Zitaten wird das schwer, da ja bereits die Auswahl des Zitats eine subjektive Verfremdung darstellt. Meine Meinung als Autor weicht, selbst wenn ich mich noch so bemühe, mit ziemlicher Sicherheit vom Selbstbild des Betroffenen ab. Ganz abgesehen davon, was jeder einzelne Leser wiederum davon hält.

    Versuchen, klar, bemühen sollte sich Autor schon.

    Und was ist der aktuelle Anlass?

    1. Ich denke, ich habe mich da etwas unklar ausgedrückt. Ich versuchs nochmal.

      „“Meine Meinung als Autor weicht, selbst wenn ich mich noch so bemühe, mit ziemlicher Sicherheit vom Selbstbild des Betroffenen ab.““
      Natürlich; auch weil es so viele Selbstbilder wie Betroffene gibt. Aber diese Selbstbilder haben Gründe, da stecken Lebensphilosophien hinter, medizinische Fakten, sozialpolitische Überzeugungen usw. Der Realismus und das Nicht-Idealisierte kommen dann zustande, wenn man sich als Autor mit diesen ganzen Hintergründen auseinandersetzt, die verschiedenen Meinungen zu verstehen versucht, und aus dem Gelernten dann den einen oder anderen Charakter synthetisiert.

      Es ist im Prinzip so, wie wenn man z.B. ein irisches Fischerdörfchen entwerfen will. Man sieht sich an, wie sehen reale Fischerdörfchen so aus, welche Strukturen sind funktional, welche sind zufällig, wie spiegeln sich Notwendigkeit und Historizität in den Gassen und Häusern usw. Das Dörfchen, das man dann entwirft, ist immer noch fiktiv, aber es ist durch die Recherche realistisch geworden. Es entspricht der Lebenswirklichkeit irischer Fischer.

      Macht das klarer, was ich meine?

      Der aktuelle Anlass ist privater Natur, deshalb möchte ich deine Frage diesbezüglich nicht beantworten.

      1. Ich weiß, was du meinst. Ich habe mal einen Liebesroman gelesen, der in Australien spielt und denke, dass ich dabei einiges über Australien gelernt habe. Wenn die Autorin das nur erfunden hat, was ich nun als Wissen bezeichne, dann würde ich es ihr sehr übel nehmen und würde mich belogen fühlen.

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