Kapitel 1+2

Weil ich hinter der Uralt-Version nicht mehr so 100%ig stehen kann, stell ich mal den Teil hier hin, den ich bereits ausgearbeitet habe. Ist eine ziemliche Rohfassung und an einigen Stellen holpern die Charaktere noch ganz gewaltig, aber ich hoffe mal, sie macht trotzdem Spaß.

Mein Herr und Meister

— 1
Es ist die Nacht von Samstag auf Sonntag. Erschöpft von neun Stunden Arbeit lehnt Mia in der Tür zur Küche und sieht zu Tisch Vier hinüber. Der Kerl, der dort sitzt, ist eigentlich einer von denen, die nur alle paar Wochen mal mit einer Freundin oder einem Date auftauchen. Dann war er ein paar Wochen lang jeden Samstag da, jedes mal mit einer anderen Begleitung, und den Samstag hat er zwar beibehalten, aber jetzt kommt er nur noch allein, trinkt Bier oder Rotwein und Espresso, arbeitet an seinem Laptop, beobachtet die Leute, beobachtet Mia – zumindest fühlte sie sich ein paar Mal von ihm beobachtet.
Heute hat er zuerst an der Bar gesessen, Wasser getrunken und geduldig darauf gewartet, dass einer von Mias Tischen frei wird. Das hat er auch letzte Woche schon gemacht, nur dass es ihr nicht komisch vorkam, weil viel los war. Heute ist sein Verhalten als gezielte Aktion erkennbar. Als Absicht. Und es lässt Mia zögern.
Der Kerl ist von der angenehmen Sorte Gast – freundlich, geduldig, hält nicht von der Arbeit ab, grapscht und baggert nicht, gibt Trinkgeld, sogar bei kleinen Bestellungen – und sie spürte im Umgang mit ihm diese gewisse Aufregung, wie immer, wenn ein Mann, der ihr gefällt, freundlich mit ihr umgeht. Aber was der Kerl jetzt macht, offensichtlich ihre Nähe zu suchen, das fühlt sich bedrohlich an. Was, wenn er tatsächlich etwas von ihr will und sie nicht weiß, was sie tun soll? Sie kennt ihn ja nichtmal. Was, wenn er etwas von ihr will, das sie nicht will?
„Falb, du wirst nicht für’s Rumstehen bezahlt!“ Die Stimme ihres Chefs, die sie erschrocken zusammenzucken lässt.
„Tut mir leid.“ murmelt sie und beeilt sich, zu Tisch Vier zu kommen. „‚Nabend, was darf ich bringen?“
„Hey.“ Der Kerl mustert ihr Gesicht mit aufmerksamen, unverfrorenen grauen Augen. „Ist alles in Ordnung?“
„Klar, und bei dir?“ Angestrengt starrt sie auf den Block in ihren Händen. „Noch ein Wasser oder lieber ein Glas Wein?“
„Du siehst fertig aus.“
„Ich bin seit neun Stunden hier.“
„Sicher, dass es nur das ist?“
Mia beißt die Zähne zusammen. „Absolut. Würdest du jetzt bitte was bestellen?“
„Einen Espresso.“
„Einfach, doppelt oder Herzinfarkt?“
„Doppelt, schwarz, ohne Zucker. Ich heiß übrigens Julian. Julian Seidel.“
„Aha.“ Hektisch versucht Mia, seine Bestellung gegen den Widerstand ihres fast leeren Kulis auf den Block zu kritzeln. „Möchten Sie auch was essen? Die heiße Küche ist schon zu, aber Salat und Schnittchen könnten sie noch bekommen.“
„Nein, danke, ich nehm nur den Espresso.“
„Doppelt ohne alles, kommt sofort.“ erwidert Mia kurz, dreht sich um, marschierte in die Küche und drückt sich neben der Tür herum, bis Ilona vorbei kommt. „Ilo, übernimmst du Tisch Vier für mich? Der Typ geht mir auf den Sack.“
„Du meinst deinen Stalker?“
„Er ist nicht mein Stalker.“
„Doch, er ist dein Stalker. Ein ganz schön perverser, wenn er auf sowas wie dich steht. Du musst doch bemerkt haben, wie er dir immer lüstern hinterherstarrt.“
Bemüht, nicht zu zeigen, wie sehr Ilonas Hohn sie trifft, kreuzt Mia die Arme vor der Brust. „Er ist schwul.“
„Ja, das würde Sinn machen. Er hält dich für einen Kerl und will deinen Arsch entjungfern.“
„Er hat nichts für mich übrig.“
„Oh Mia, Mia, armes Kleines.“ Ilona setzt eine übertriebene, verträumte Mine auf und schwärmt: „Er verzehrt sich nach deiner tittenlosen kleinen Wenigkeit, mit jeder Faser seines schönen, schwulen Stalkerkörpers. Er will dich in den Arsch ficken.“ Sie legt einen Arm um Mias Schulter und schiebt sie zurück in den Schankraum hinaus, um mit dem Finger auf Julian zu zeigen, der zum Glück gerade in irgend etwas an seinem Laptop vertieft ist. „Und jetzt sieh ihn dir an. Sieh dir dieses Prachtexemplar an, Mia. So einen sahnst du nur einmal ab. Einmal und nie wieder.“
Gegen ihren Willen mustert Mia Julian tatsächlich. Sein schwarzes Cordjackett, seine Dachdeckerhose, seine schwarzen Lederstiefel, sein langes, hellbraunes Haar, den Ring an seinem linken Daumen, das Piercing in dem kleinen Knorpelfortsatz vor seinem rechten Gehörgang.
„Dieser Mann,“ verkündet Ilona, „ist dein Ticket ins Land der Entjungferten. Und wahrscheinlich sieht er sich in diesem Moment seinen geheimen Porno-Ordner an und stellt sich vor, die Schwänze auf den Bildern wären deiner.“
Mia beißt die Zähne zusammen und windet sich aus Ilonas Griff. „Also übernimmst du jetzt den Tisch?“ fragt sie tonlos.
„Mia! Du willst wirklich, dass ich das Abenteuer deines Lebens verhindere? Stell es dir doch nur mal vor, dein ganz ureigener schwuler Stalker lauert dir draußen auf, zerrt dich in seinen rostigen Lieferwagen, klebt dir liebevoll den Mund zu und dann hast du endlich auch mal Sex. Andere Mädchen träumen von sowas.“
„Übernimm.“ sagt Mia mit gezwungener Ruhe. „Bitte. Den. Tisch.“
Ilona stößt ein schweres, gespielt mitleidiges Seufzen aus. „Ist ja gut. Kostverächter.“
„Doppelter Espresso ohne alles.“ Mia lächelt erleichtert. „Danke.“
„Du bist so ein Opfer, Kindchen, es ist zum Heulen.“

Am nächsten Samstag ist Julian wieder da, doch diesmal wartet er – demonstrativ, wie es ihr scheint – an der Bar auf einen Tisch, der nicht von Mia bedient wird, und setzt sich schließlich an die Sechs.
Mias Blick fällt auf ihn, jedes Mal, wenn sie die Küche verlässt. Zuerst fühlt sie dabei Erleichterung, als wäre ihr etwas sehr unangenehmes erspart geblieben, aber mehr und mehr mischt sich Enttäuschung darunter. Verzweiflung. Sie versucht, es darauf zu schieben, dass sie seit Ewigkeiten schon keine Nacht mehr als vier Stunden geschlafen hat, dass sie mit ihren Hausarbeiten fast genau so weit im Rückstand ist wie mit dem Lernstoff für ihre Klausuren, dass sie sich in ihrem Nanotech-Kurs endlich mal getraut hat, eine Frage zu stellen, die aber so dämlich war, dass sie es sofort bereut hat, und dass sie es natürlich wie immer verpeilt hat, für Sonntag etwas zu essen einzukaufen. Dazu der Fakt, dass auch Ilona Julians Verhalten bemerkt hat— Wahrscheinlich wäre gerade jeder Grund recht, um anzufangen zu heulen.
Dann kommt der Moment, in dem sie mit einem leeren Tablett die Küche verlässt und Julian in ihre Richtung sieht. Er bemerkt sie. Er lächelt, als würde er sich freuen, sie zu sehen, nickt ihr kurz zu und es fühlt sich an wie ein Schlag, aber nicht körperlich. Ein Schlag mitten in irgendwelche Gefühle, von denen sie nicht gewusst hatte, dass sie sie zu allem Überfluss auch noch hat.
„Chef?“ Blass lehnt sie sich neben die Kasse bei der Bar.
„Was willst du?“
„Mir ist super schlecht. Kann ich früher gehen?“
Ein garstiger Blick.
„Ich hab siebenundzwanzig Überstunden!“
„Und wer übernimmt deine Tische?“
„Ich weiß nicht, aber mir ist wirklich schlecht.“
Ihr Chef verdreht die Augen. „Dann geh halt abkassieren. Ist sowieso nichts mehr los.“
„Danke, Chef.“
„Kassensturz machst du hier, klar?“ Der Chef deutet auf die Arbeitsfläche hinter der Bar.
„Okay.“ Damit schlurft sie los, um mit der Rechnung in mehrere Gespräche zu platzen und Julian mit dem Blick zu meiden, so gut es geht.

Kaum hat sie die Kneipe durch den Hinterausgang verlassen, bricht sie in Tränen aus. Neben einem Müllcontainer zusammengekauert heult sie still vor sich hin, während sie sich innerlich anmotzt, dass sie verdammtnochmal kein solches Drama veranstalten soll, bloß weil sie zu blöd ist, ihr Leben auf die Reihe zu kriegen.
Als sie sich wieder etwas beruhigt hat, putzt sie sich die Nase, wischt ihr Gesicht trocken und schleicht aus der Seitengasse. Zuhause wird sie ausgiebig duschen, sich in ihrem Bett verkriechen und ihr Kissen vollheulen, bis sie endlich einschläft.
So zumindest sieht ihr Plan aus. Aber als sie auf den hell erleuchteten Bürgersteig der Hauptstraße hinaustritt, wartet dort Julian auf sie, bequem an einen schwarzen Porsche gelehnt.
Erschrocken zieht Mia den Kopf ein und will an ihm vorbei hasten, doch er ist schneller.
„Hey, kann ich kurz mit dir reden?“ Er berührt ihren Oberarm, lässt sie aber sofort wieder los, als Mia herumfährt, um ihn anzuknurren.
„Lass mich in Ruhe!“
„Entschuldige.“ Beschwichtigend hebt er die Hände. „Ich will dich nur fragen, ob alles okay ist, weil du-“ Er runzelt die Stirn. „Hast du geweint?“
„Hundert Punkte. Glückwunsch. Es geht mir beschissen und ich wär grad lieber tot. Darf ich jetzt gehen?“
„Scheiße. Hast du jemanden, der auf dich aufpassen kann?“
„Was?“
„Du sagst, du wärst lieber tot. Vielleicht solltest du dann besser nicht alleine sein.“
Mia presst die Lippen zusammen. „Das hab ich bloß so gesagt. Ich kann auf mich selber aufpassen.“
„Bist du sicher?“
„Ja.“ Sie will das Wort hart und entschieden aussprechen, aber es hat mehr von einem Wimmern und weckt in ihr den Impuls, sich selbst zu ohrfeigen. Beschämt schließt sie die Augen und lässt sie vor lauter Müdigkeit einfach zu, während sie weiterspricht. „Ich geh jetzt heim.“
„Wie heißt du eigentlich?“
„Sag ich nicht.“
„Wir könnten uns wieder reinsetzen und ich spendier dir ne Cola.“
„Ich kann nicht, ich hab gesagt, mir wär schlecht.“
„Dann setzen wir uns woanders rein, es gibt doch zig Kneipen hier. Oder ich komm mit zu dir. Oder du rollst dich auf meiner Couch zusammen. Wir könnten nen Film gucken, um dich abzulenken.“
„Ich will alleine sein und weinen und irgendwann einschlafen.“
Warten, Schweigen, mehrere Atemzüge lang, erst unterbrochen, als Julian die Schultern hebt.
„Bist du sicher, dass es das ist, was du jetzt brauchst?“ fragt er leise.
Biestig sieht Mia ihn an, doch die Herablassung, die sie erwartet, kann sie in Julians Gesicht nicht entdecken. Er sieht ernst aus. Besorgt. Vielleicht etwas unsicher.
„Ich hätte gern die Gewissheit, dass du dir nichts antust, wenn ich dich jetzt alleine lasse.“ erklärt er.
Gereizt wirft Mia die Hände in die Luft, wendet sich ab, stampft ein paar Schritte davon, bleibt stehen, dreht sich wieder zu Julian um und reibt sich über die Augen. Sie sucht nach etwas, das sie sagen könnte, aber ihr fällt nichts ein. Also steht sie wieder nur stumm da, während winzige Schneeflocken durch das Licht der Straßenlaterne taumeln und auf dem Bürgersteig und den Schultern von Julians Mantel landen.
Vielleicht will sie testen, ob er irgendwann ungeduldig wird, die Maske der Fürsorgleichkeit fallen lässt und seine wahren Absichten zeigt. Vielleicht will sie, dass er vor ihrer Unbeweglichkeit kapituliert.
Doch weder das eine, noch das andere geschieht. Und schließlich dreht sie sich um und geht.
„Pass auf dich auf, okay?“ ruft Julian ihr hinterher. „Sei lieb zu dir.“
Sie hört seine Schritte, dann wird die Fahrertür seines Autos geöffnet und geschlossen.
Unsicher bleibt Mia stehen. Sei lieb zu dir. Sowas sagt man doch nicht. Nicht zu wildfremden, hässlichen, grantigen Mädchen, die einen gerade vor den Kopf gestoßen haben. Sei lieb zu dir. „Sei du doch lieb zu mir.“ murmelt sie in ihren Schal. „Arschloch.“ Sie starrt auf das Heckfenster seines Wagens, in dem gerade das Kabinenlicht ausgegangen ist, so dass nur noch der bläuliche Schein eines Handydisplays auf die Konturen des Fahrersitzes fällt.
Sie macht einen Schritt auf den Porsche zu. Sehr langsam. Noch einen, noch einen, mitten zwischen der Hoffnung, dass er losfährt, ehe sie die Beifahrertür erreicht, und panischer Angst vor genau der selben Sache. Ihr Herz rast. Noch ein Schritt, noch ein Schritt, das Display wird ausgeschaltet, ein schnellerer Schritt, der Motor wird gestartet, sie hastet los, ihre Hand berührt den Türgriff, sie steigt ein.
„Hallo.“ sagt Julian mit einem kurzen, überraschten Blick zu ihr und schaltet den Motor wieder aus. „Schön dich zu sehen. Hast du was bestimmtes vor?“
Mia senkt den Kopf. „Ich komm mit zu dir. Wenn ich darf.“
„Klar darfst du.“ Er lächelt. „Schnall dich an.“

Sie kann sich später nicht erinnern, auf der Fahrt Angst, oder auch nur Bedenken gehabt zu haben. Zum Teil sicher weil die Bemühungen des sonderbaren Kerls, seriös zu erscheinen, gefruchtet haben. Vor allem aber weil ihr egal ist, was mit ihr passiert. Wenn der Kerl sie vergewaltigt, hätte sie wenigstens mal einen offiziell anerkannten Grund, sich beschissen zu fühlen. Und wenn er sie umbringt, nimmt er ihr bloß Arbeit ab.
Die Tachonadel an der gesetzlichen Höchstgeschwindigkeit festgeklebt verlässt der Porsche die Innenstadt, überquert erst die Stadt-, dann die nahe Landesgrenze und biegt schließlich in einen Außenbezirk voller offener Felder und schöner, villenartiger Häuser ein. Vor einem solchen hält der Wagen schließlich an. Der Fahrer heißt sie, sitzen zu bleiben, damit er ihr die Tür kann.
‚Schnösel.‘ denkt Mia dabei; aber sie kann doch nicht verhindern, dass es ihr gefällt, zur Abwechslung mal zuvorkommend behandelt zu werden.
Auch die Haustür hält er ihr auf, ehe er sie eine knarzende Treppe hinauf in den ersten – und obersten – Stock dirigiert. Als er den Schalter betätigte, wird der Hauptraum seiner riesigen Einzimmerwohnung in warmes, gelbliches Licht getaucht. Das Zentrum des Raumes markieren zwei breite weißen Futonsofas. Dazwischen steht ein Glastisch auf einem großen runden Flokati, der helle Bodendielen verdeckt. Unter den leicht schrägen Fenstern verlaufen meterweise einförmige Kommoden und Regale, die sich an der rechten Wand – deutlich höher aufragend – um einen Schreibtisch drängen und links ein Doppelbett einrahmen.
„Zieh die Schuhe aus.“ weist Julian sie an, während er ihre Jacke an eine Edelstahlgarderobe neben der Tür hängte. „Was möchtest du trinken, Weißweinschorle oder Sekt mit Orangensaft?“
„Orangensaft ohne alles.“
„Gut. Setz dich.“ Er deutet auf die Sofas, ehe er in der Küche verschwindet.
Anstatt zu gehorchen, sieht sich Mia die zum Teil sehr großen, silbern gerahmten Schwarz-Weiß-Fotografien an, die die Wand zur Straße hin zieren. Es sind ausnahmslos Aktaufnahmen, sowohl von Frauen als auch von Männern, die – soweit sie das beurteilen kann – von den Posen der teils gefesselten oder sogar geknebelten Modelle und deren dramatischer Ausleuchtung leben. Nichts an den Bildern wirkt auf sie pornographisch, trotzdem ist ihr der Anblick unangenehm; so sitzt sie schließlich doch auf dem Sofa, als ihr Gastgeber mit zwei gefüllten Gläsern aus der Küche zurückkehrt.
„Was studierst du?“ fragt er, nachdem er leise, bassbetonte Hintergrundmusik angestellt und ihr gegenüber Platz genommen hat.
„Mineralogie.“
„Warum?“
„Keine Ahnung. Weil ich dachte, es würde mich interessieren?“ Misstrauisch nimmt sie das Glas, das er vor ihr abgestellt hat, und schnuppert daran, ehe sie ein paar große Schlucke nimmt. Wenn er K.O.-Tropfen reingetan hat, sollte ihr das nur recht sein.
„Du wirkst total unglücklich.“
Mia schnaubt. „Woher wissen Sie überhaupt wie ich heiße?“ wechselt sie das Thema.
„Das hat mir deine Kollegin verraten.“
„Die mit den…?“ Sie deutet mit einer Hand füllige Oberweite an.
„Genau die.“
„Blöde Schlampe.“ murmelt Mia in ihr Glas. „Wenn Sie mich umgebracht haben, könnten Sie mir den Gefallen tun und ihr meine rechte Hand mit ausgestrecktem Mittelfinger zukommen lassen? Ich schreib Ihnen die Adresse auf.“
Julian lacht. „Du glaubst wirklich, ich hätte vor, dir was anzutun.“ Kopfschüttelnd nimmt er einen Schluck von seiner Weißweinschorle, ehe er sich auf dem Sofa zurücklehnt, seine schwarz besockten Füße auf den Tisch legt und das Kinn auf die Faust stützt. „Warum lässt dich das so kalt?“
„Warum sollte es nicht? Hat Ihnen meine Kollegin nicht erzählt, wie nutzlos und blöd ich bin, und dass mich nichtmal unsere besoffenen Stammgäste ficken wollen, weil ich so wenig Arsch und Titten habe, dass es ein Wunder wäre, wenn sie mich überhaupt für eine Frau halten würden?“ Sie verzieht den Mund. „Würden Sie mich freiwillig ficken, bevor Sie mich umbringen?“
„Klar.“
Ruckartig hebt Mia den Blick, um Julian anzusehen. Doch sein Gesicht ist unbewegt, und gerade nippt er an seinem Glas, so ruhig, als würde er ganz normalen Smalltalk machen.
„Aber nur mit Gummi.“ erklärt Mia, wobei ihre Stimme hart und trocken klingt.
Julian verschluckt sich beinahe und setzt sich hastig auf. Es dauerte einen Moment, bis Mia begreift, dass er über irgend etwas an ihrer Forderung lachen musste.
„Natürlich nur mit Gummi.“ versichert er ihr, ehe sie Zeit hat, sich über ihn zu ärgern. „Ich werde dir nichts tun. Ganz ernsthaft.“ Er stellt sein Glas ab und lässt sich zurück an die Lehne des Sofas sinken. „Ich will dich nur kennenlernen. Und wenn du Sex willst, habe ich nichts dagegen.“
„Nur mit Gummi.“ wiederholt Mia.
„Nur mit Gummi.“ Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf. „Arbeitest du schon lange in dieser Kneipe?“
„Seit zwei Jahren.“
„Respekt. Ich hab mal aushilfsweise gekellnert; war die Hölle. Mein Kurzzeitgedächtnis ist viel zu schlecht.“
„Man gewöhnt sich dran.“ meint Mia schulterzuckend. „Außerdem bestellen die Leute eh immer das gleiche. Bier, Bier, Jägermeister, Kaffee, Bier, Vodka, Bier, Kotzeimer. Du mit deinem einzelnen Espresso bist ein richtiger Exot.“

Hier lässt sich das Phänomen des berüchtigten ‚tine hat mitten im Überarbeiten die Lust verloren, sich mit irgendwas anderem beschäftigt und darüber vergessen, dass da ja noch was zu tun war‘ beobachten. Aber keine Panik. Denkt euch einfach selber aus, wie dieses Gespräch weitergeht, bis Julian aufsteht.

Aus dem Regal, in dem auch die Musikanlage untergebracht ist, holt er eine große Glasschale mit Deckel, in der dutzende bunt verpackte Kondome wie Bonbons liegen. „Such dir eins aus. Wenn du aufstehst und es mir bringst, werde ich das als Aufforderung und Einwilligung verstehen. Wenn du es dir anders überlegst, ist es auch in Ordnung.“
Zögernd nimmt Mia das Gefäß entgegen und beginnt, darin herumzugraben. „Du machst sowas wohl öfter…“
„Nicht so oft wie du denkst.“
„Glaub ich dir nicht.“ Ein rot eingeschweißtes Kondom klemmt zwischen ihren Fingern, als sie ihre Hand wieder aus der Schale hervorzieht. „Warum schleppst du eigentlich sowas wie mich ab? Ilona ist dir fast auf den Schoß gestiegen und die sieht viel besser aus als ich.“
„Finde ich nicht. Frauen, die das Gesicht tapezieren und ihre Möpse bis unters Kinn hochschnüren, sind nicht so mein Ding. Als Strich auf der Fickliste, okay – Fastfood ist Fastfood. Aber damit sich nicht nur mein Schwanz für eine Frau interessiert, braucht sie subtilere Qualitäten.“
„Und welche wären das?“ Sie fährt mit den Fingerspitzen über den gezackten Rand des nächsten Kondompäckchens und dreht es ein paar mal hin und her, ehe sie es in die Schale zurückfallen lässt, um ein anderes herauszusuchen.
„Das ist ganz unterschiedlich.“
„Was sind meine subtilen Qualitäten?“
„Hm.“ Julian mustert sie nachdenklich, während sich in Mia ein paradoxes Triumphgefühl einstellt. Wusste sie es doch. Er labert nur. In Wirklichkeit–
„Verlorensein — Stille — Verletzlichkeit — Poesie.“ unterbricht Julian ihre Gedanken. Er macht eine längere Pause, in der Mia ihn mit zusammengezogenen Brauen ansieht.
„Poesie.“ sagt sie, ehe er seine Aufzählung fortsetzen kann. „Verarsch mich nur.“
„Ich verarsch dich nicht.“
Poesie!“
„Existenzialistische Poesie.“
„Du bist ein Schwachkopf.“ Mia grummelt und senkt den Blick wieder auf die bunten Quadrate in der Schale. „Wie alt bist du eigentlich?“
„Neunundzwanzig. Und du?“
„Einundzwanzig. Wer hat die Fotos da an der Wand gemacht?“
„Ich.“
„Dein Hobby?“ Sie kneift ihr weitsichtigeres Auge zu, um den Aufdruck auf dem grünen Pappumschlag des nächsten Kondoms lesen zu können. ‚1 gerippte, latexfreie Lümmeltüte mit frechem Kiwi-Aroma. Extra feucht und mega reißfest.‚ Das Mindesthaltbarkeitsdatum liegt einige Jahre in der Zukunft.
„Ich habe Fotografie und Design in Berlin studiert. Seitdem arbeite ich hauptsächlich als Freelancer für verschiedene Szenemagazine und Kataloge.“
„Was für eine Szene?“
„Vorwiegend BDSM und verschiedene Fetischrichtungen, aber ich fotografiere auch auf Drag- und Gay-Pride-Events, und in den letzten Jahren habe ich viel in der Vanilla-Schwulenszene gearbeitet.“
Mia hält inne, um sich ein paar Sekunden lang den Kopf über das Akronym zu zerbrechen, dann nimmt sie sich das nächste Kondom vor. „Was heißt BDSM und was sind Vanilla-Schwule?“
„Vanilla ist der englische Begriff für Blümchensex. Und BDSM steht für ‚Bondage und Disziplin, Dominanz und Submission, und Sadismus und Masochismus‘.“
„Bondage heißt fesseln?“
„Ja. Disziplin bezieht sich auf Spiele mit Verhaltenskontrolle, Dominanz und Submission auf Spiele mit Machtgefälle, und Sadismus und Masochismus auf Spiele mit Schmerz.“
Mia hatte sich sich eigentlich schon für ein schwarz verpacktes Kondom entschieden, legt es jetzt aber in die Schüssel zurück, weil ihr Julians Erklärung nicht gefällt. „Stehst du auf sowas?“ erkundigt sie sich mit abschätzigem Unterton.
„Ja.“
„Ich nicht.“
„Okay.“
„Ich will sowas auf keinen Fall machen.“
Julian lächelt. „Ist okay. Es wird nichts passieren, das du nicht willst.“
Mia hütet sich, seinen Gesichtsausdruck zu erwidern. Dann nimmt sie das schwarze Kondom in die Hand und stellte die Schale vor sich auf den Tisch. Eine Weile fingert sie schweigend an den spitzen Kanten der Folie herum. Auch Julian sagt nichts mehr. Er fläzt nur auf dem Sofa, die Füße wieder hochgelegt, die Hände zur Hälfte in die Hosentaschen gesteckt, die Augen seit Mias Entscheidung geschlossen.
Die Stille gefällt ihr. Es ist selten, dass sie mal einen Menschen trifft, der nicht der Meinung zu sein scheint, dass es zwangsläufig unbehaglicher wird, sobald keiner mehr redet. Dass sie zudem unbeobachtet ist, lässt etwas von der Spannung abfallen, die bisher in ihren Kiefermuskeln gesessen hat. Als die Musikanlage ebenfalls für einige Sekunden schweigt, steht sie auf.
Langsam geht sie am hintersten der hohen Regale vorbei. Auf den oberen Brettern stapeln sich Bildbände von Akt- und Fetischfotografen, darunter reihen sich englische Sachbücher aneinander, die BDSM und andere, wohl damit verwandte Themen behandeln, mit deren Bezeichnungen Mia aber nichts anfangen kann.
Auf ihrer Augenhöhe stehen zahlreiche zerlesene Bücher von und über de Sade neben einem schmalen Band mit dem Titel ‚Die Venus im Pelz‘ von Leopold von Sacher-Masoch. Im erste Moment wundert sich Mia über diese Zusammenstellung, aber das Wort ‚Masochismus‚ auf dem nächsten Buchrücken beantwortet ihre Frage. Die tiefergelegenen Regalbretter tragen moderne erotische Literatur, ein paar Schuber mit pornografischen Comics, eine Auswahl von DVDs, deren Titel zum Teil eindeutig nach Porno klingen, und schließlich eine lange Reihe unverfänglicher Romane – einige davon hat Mia selbst gelesen und für nicht übel befunden -, die sich auf der anderen Seite des Schreibtischs fortsetzt.
Auf die Belletristik folgen Sachbücher, erst eine thematisch durchmischte Liste populärwissenschaftlicher Schriften, dann Lehrbücher über Fotografie, digitale Bildbearbeitung, Design und berufliche Selbständigkeit, und schließlich ein Ordner mit der Aufschrift ‚Copyright-Geficke – Creative Commons‚, gefolgt von einigen deutlich benutzter aussehenden, die mit Dingen beschriftet sind wie ‚Verträge/Rechnung, A – F‚, ‚Telefon/Netz‚, ‚KK, Versicherungen‚, ‚Bank‚ und ‚…könnte sich dir eines Tages als nützlich erweisen‚.
Der Schreibtisch zwischen den Regalen ist aufgeräumt, bis auf ein paar herumliegende Stifte, einen karierten Notizblock mit ein paar Zahlenfolgen darauf und einen aufgeschlagenen, randvollen Terminkalender, dessen Ledercover schon bessere Tage gesehen hat; selbst der ausladende Bildschirm von Julians iMac ist frei von Staub, und die Tastatur weist kaum einen Kaffefleck auf. Die zwei Regalbretter direkt über dem Schreibtisch enthalten große graue Pappkisten, beschriftet mit dem Wort ‚Archiv‚ und einer oder mehreren Jahreszahlen von 1989 bis heute.
Nachdenklich wendet sich Mia nun noch einmal der Wand mit den Fotografien zu. Die eine oder andere sieht sie sich genauer an, in dem Versuch, aus ihnen etwas über den Mann herauszulesen, der sie gemacht hat. Er scheint ein gutes Gefühl für Formen und Details zu haben. Die Bilder vermitteln Atmosphäre, mal leicht, mal bedrückend, mal kalt, mal verwirrend. Einige wirken abstrakt, bis Mia erkennt, welche Körperregionen abgebildet sind, wo ein Körper aufhört und der andere anfängt, was Haut ist und was Kostüm, Requisite, Spiegelung oder Hintergrund.
Schließlich sieht sie Julian selbst an. Er trägt heute einen groben, weit geschnittenen Strickpullover und schlabberige Bluejeans, so dass sie über seinen Körperbau nichts neues herausfinden kann. Aber sein Gesicht gefällt ihr. Seine Stirn ist eher breit, genau wie sein Kiefer, aber er wirkt trotzdem nicht bullig, so dass seine fast schon zierliche Nase immer noch gut dazu passt. Die Brauen über seinen eher eng stehenden Augen wirken, als würden sie regelmäßig in Form gezupft. Auch sein Mund hat etwas ansatzweise feminines und trägt einen Ausdruck entspannter Zufriedenheit.
Sofort wirft Mia einen kritischen Blick auf seinen Schritt, aber soweit sie das beurteilen kann, hat er keinen Ständer. Gut für ihn.
Insgesamt wirkt er sympathisch. Ein bisschen sexfixiert und versaut vielleicht. Außerdem ist er geduldig, und aus irgend einem Grund fühlt sich das wundervoll an. Er sitzt da, in aller Seelenruhe wartend, so lange wie sie ihn eben warten lässt.
All das ändert natürlich nichts daran, dass sie der Meinung ist, dass er sie nur verarscht oder ihre Ahnungslosigkeit ausnutzt, um sich auf ihre Kosten einen schnellen Fick zu gönnen. Aber wenn das die Spielregeln für hässliche Mädchen sind, dann ist es eben so. Dieses ganze Blahblah von wegen Sex und Liebe und Jungfräulichkeit ist doch sowieso Schwachsinn. Irgend ein Romantiker hat sich das mal aus dem Hirn gedrückt, und weil es sich beim Denken so schön flauschig anfühlt und trotzdem genügend Leute vom Vögeln abhält, ist es zum hochgeschätzten Kulturgut gemacht worden. Wems gefällt. Aber Mias Körper gehört immer noch Mia, und wenn das Mistding mal zu etwas anderem als Beleidigtwerden taugt, kann ihr das nur recht sein. Oder nicht? Es gibt immerhin eine Menge weniger ansprechender Szenarien für eine Entjungferung als das, in dem sie sich gerade befindet.
Langsam nähert sie sich dem Sofa und lässt sich schließlich mit der Hüfte gegen die Rückenlehne sinken, nur eine halbe Armlänge von Julian entfernt. Im selben Moment schwindet ihre Entschlusskraft wieder. Will sie sich wirklich ausziehen und von ihm an Stellen anfassen lassen, die außer ihr selbst noch nie jemand berührt hat? Will sie sich enthemmt und nackt unter ihm winden? ‚Sei halt nicht so verdammt prüde!‚ motzt sie sich selbst in Gedanken an. ‚Der hat in seinem Leben schon mehr Muschis beglückt als du jemals – was auch immer. Und dir kann es doch am Arsch vorbeigehen, wenn er sich über dich amüsiert. Deinen Spaß hattest du trotzdem.
Die schwarze Folie hat längst die Wärme ihrer Hand angenommen, als sie das Kondom vorsichtig auf Julians Schulter legt. Seine Finger kommen ihren ruhig entgegen, um dieses verabredete ‚Ja‘ anzunehmen. Dann legt er den Kopf auf den Rand der Rückenlehne und sieht Mia an. „Jetzt sofort, oder willst du erst noch was reden?“
„Nein. Ähm. Ich muss nur mal auf Klo vorher.“
„Diese Tür da.“ Er deutet auf den Durchgang rechts neben den Regalen.
„Okay.“ Mit unterdrückter Hast geht Mia ins Bad und schließt die Tür hinter sich ab. Sie meidet den Blick in den Spiegel; auf ihr dreieckiges Gesicht mit dem spitzen Kinn und den zu dichten Augenbrauen, ihre platte Nase, ihren schlechtgelaunten Mund, das splissige Resultat des Versuchs, ihre Haare über Schulterlänge wachsen zu lassen — Macht es sie zu einem Flittchen, mit einem wildfremden Mann in die Kiste zu steigen? Nein. Ihre löchrige, ausgeleierte Unterhose, ihre unrasierten Beine, die unter ihrer Jeans in einer abgetragenen braunen Wollstrumpfhose stecken, ihre stoppeligen, verschwitzten Achselhöhlen, ihre buschigen Schamhaare und ihre lächerlichen kleinen Brüste machen sie viel eher zu einem armseligen hässlichen Entlein – einem richtigen hässlichen Entlein, keinem adoptierten Schwanenküken, dessen Hackfresse in Wirklichkeit nur eine vorübergehende Laune der Natur ist.
Das Gefühl der Unzulänglichkeit wächst, während sie eilig pinkelt, ihre Slipeinlage entsorgt und sich dann nach einem Waschlappen umsieht. Julian wird sich über sie scheckig lachen. Und sofern er in ihrer Gegenwart überhaupt einen hochkriegt, wird sich die Sache ganz schnell wieder erledigt haben, sobald er sie nackt sieht.
Aber was solls! Dann kann sie ihn einen Schlappschwanz nennen und der Witz geht auf seine Kosten.
Sie atmet durch, in der Absicht, selbstbewusst das Wohnzimmer zu betreten. Aber kaum ist die Badezimmertür offen, hat sie wieder ihre gewohnte geduckte Haltung eingenommen. Mit gesenktem Blick schlurft sie über die Schwelle.
Julian hat sich in der Zwischenzeit im Schneidersitz auf das Bett gehockt, die Finger über seinen gekreuzten Knöcheln verschränkt. Als Mia aus dem Bad schleicht, streckt er ihr eine Hand entgegen. „Komm her.“ In seinem Lächeln liegt ein Ausdruck, den selbst Mia als Vorfreude interpretiert.
Mit zusammengepressten Lippen folgt sie seiner Aufforderung. „Ich bin total hässlich und meine Unterwäsche auch.“ murmelt sie unglücklich, als sie sich mit krummem Rücken neben ihn auf den Rand des Bettes gesetzt hat.
„Also mir gefällst du.“ Sacht fährt er mit den Fingerspitzen ihre Wirbelsäule hinauf und hinunter. „Wo möchtest du besonders gern berührt werden?“
Mia zuckt mit den Schultern.
„Wo möchtest du nicht berührt werden?“
Wieder zuckt sie mit den Schultern. „Ich weiß nicht.“
„Sag es mir, wenn dir etwas, das ich tue, unangenehm ist.“ erklärt Julian leise. „Sag einfach das Wort ‚Gelb‚, dann werde ich sofort damit aufhören. Und wenn du abbrechen willst, sagst du ‚Rot‘, dann ist alles sofort es vorbei, ohne Fragen, ohne Verhandlung, ohne Diskussion.“ Er lehnt sich vor, um Mia ernst anzusehen. „Auf ‚Nein‘ oder ‚Stop‘ werde ich nicht reagieren, auch nicht wenn du schreist; nur auf ‚Gelb‘ und ‚Rot‘. Das sind unsere Safeworte. Hast du das verstanden?“
Mia nickt schwach. „Gelb und Rot.“
„Gut.“ Zufrieden rutscht er hinter sie, um mit sanften, kreisenden Bewegungen ihren Rücken und ihre Schultern zu streicheln. „Wenn dir etwas besonders gut gefällt, darfst du leise stöhnen.“
Wider Willen muss Mia griemeln. „Ich werds mir merken.“
Nach und nach wandern Julians Hände tiefer, streichen sacht über ihre Seiten, Hüften und Oberschenkel, dann über ihren Bauch und ihre Brüste, die sich unter dem Stoff ihrer Kleidung kaum abzeichnen. Alles geht sehr langsam vor sich, so als hätte er nicht wirklich die Absicht, mit ihr zu schlafen, sondern würde sich liebend gern damit begnügen, ein bisschen zu schmusen. Dieser Gedanke behagt Mia, während sie sich zögernd an Julians Oberkörper anlehnt. Sie fühlt sich überraschend sicher, und es ist schön, gestreichelt zu werden, obwohl die Berührung von einem Fremden kommt. Es ist ein zärtlicher, freundlicher Fremder, und seine warmen Hände ruhen für eine ganze Weile auf ihren Brüsten, so als wollte er sie vor allen Bosheiten der Welt beschützen.
Ein unerwarteter Stoßseufzer entschlüpft Mias Mund, als die warmen Hände wieder abwärts streichen.
„Fühlst du dich wohl?“
„Hmmm.“
„Dann zieh ich dich jetzt aus.“ flüsterte er, seine Lippen so dicht an ihrem Nacken, dass sie ihre Bewegungen fühlen kann, und eine Kribbeln huscht über ihre Haut.
Sie hat nichts dagegen, gar nichts, dass er ihr Pullover, T-Shirt und Unterhemd in einem abstreift. Wenn es bedeutet, dass er ihren ganzen mickrigen Körper mit seinen Händen beschützt, darf er sie auch bis auf die Knochen ausziehen.
Als eine seiner Fingerspitzen bei der Wanderung über Mias Bauch in ihren Nabel gleitet und dort verweilt, steigt zum ersten mal Erregung in ihr auf. Bald machen sich Julians Finger wieder auf die Reise, diesmal zu Mias Brüsten. Sie blinzelt, um für einen Moment zuzusehen, wie er mit ihren Brustwarzen spielt. Statt sich wie sonst dafür zu schämen, dass die dreisten Schwestern auf jede noch so kleine Reizung reagieren, fühlt sie sich fast ein bisschen stolz. Es sind dreiste, lüsterne Schwestern, wie sie nun einmal zu einer erwachsenen Frau gehören.
„Mia…“
„Hmh?“
„Nimm die Beine auseinander.“
Julians sanft geflüstertem Befehl folgen die Nägel seiner Rechten, die über Mias Oberschenkel zu ihrem Knie und dann an der Innennaht ihrer Jeans entlang zu ihrem Schritt gleiten. Er lässt seine Hand da liegen, ehe er die andere dazu nimmt, um Knopf und Reißverschluss zu öffnen.
Mia stößt leise die Luft aus, als ihr Bauch und ihre Leiste nicht mehr von Stoff eingezwängt werden. Und endlich traut sie sich, nach Julians Bein zu tasten, um seine Liebkosungen schüchtern zu erwidern. Sie fühlt sich ungewohnt. Sonderbar weit und offen, irgendwie — frei. Es ist schön, sich einreden zu können, leidenschaftlich und begehrenswert zu sein, vielleicht sogar feminin; vollkommen und gut, wenigstens in dieser einen Hinsicht.
Mit einem leisen, hungrigen Knurren legt Julian seine Arme einmal ganz fest um Mias Bauch und schmiegt sein Gesicht an ihren Nacken. Eine Sekunde später lässt er sie schon wieder los, um mit dramatisch inszenierter Ungeschicklichkeit an ihrem Hosenbund herumzuzerren.
Mia kichert lautlos, während sie ihm zu Hilfe kommt. Kaum ist sie nackt, umfasst Julian wieder ihre Taille, um sie in die Mitte des Bettes zu ziehen. „Komm, knie dich hin.“ trägt er ihr auf und kniet sich seinerseits ebenfalls auf die weiche Baumwolldecke, so dass sich Mias Beine zwischen seinen gespreizten Oberschenkeln befinden.
Er lächelt, aber in seinem Blick liegt eine gewisse Ernsthaftigkeit, während er sie mustert und schließlich ihre Hände zu seinen Hüften führt. Ein kleines bisschen eingeschüchtert zieht Mia ihm erst seinen Pulli, dann sein T-Shirt aus. Der warme Oberkörper darunter wirkt sportlich, auch wenn Julians Muskeln nicht übermäßig ausgeprägt sind, und Mia gefallen die kleinen Speckpolster, die rechts und links von seiner Jeans hochgedrückt werden.
Zögernd berührt sie seine Brust. Mitten darauf prangt eine Tätowierung; ein Art handtellergroßes Yin-Yang-Symbol, das sich aus drei geschwungenen Flächen zusammensetzt. Die Brustwarzen schräg darunter sind gepierct, und während Mia Julian streichelt, pirschen sich ihre Finger an die mit Kugeln verschlossenen Stahlstifte heran. „Bedeutet dein Tattoo irgendwas?“
„Ja.“
„Was denn?“
„Rate.“
„Hmmm.“ Mia schließt die Augen, als Julian ihre Berührungen auf ihrer Brust nachzuahmen beginnt. „Ich komm nicht drauf.“
„Was habe ich dir denn vorhin über mich erzählt?“
Sie blinzelt. „Dass du fotografierst. Ist das ein Shutter? Von einer Kamera?“
„Das wäre auch eine Möglichkeit. Aber nein.“ Er schüttelt den Kopf. „Was hab ich dir noch erzählt?“
„Dass du auf BSD — BD — Dings…“
„BDSM.“
„Dass du auf sowas stehst. Hat das Tattoo damit zu tun?“
„Genau.“
„Huh.“ Mia verlagert ihr Gewicht auf die linke Seite. „Du stehst da wirklich sehr drauf, oder? — Was genau bedeutet es?“ Ihr kleiner Finger streift das rechte Piercing und Julian gibt einen wohligen Laut von sich. Ermutigt macht Mia das gleiche mit dem linken Piercing und dann mit beiden gleichzeitig.
Julian knurrt. „Erklär ich dir nachher. Mach meine Hose auf.“
„Hm. Na gut.“ Gehorsam rückt Mia näher an ihn heran und fährt über seinen Bauch, hinab zu der Stelle, wo eine Spur aus feinen dunklen Härchen unter seinen Hosenbund abtaucht. Seine Gürtelschnalle klimpert, er zieht den Bauch ein, damit es Mia leichter fällt, den Knopf aufzubekommen, sie spürt große Wärme und schließlich drückt sich etwas hartes gegen die Rücken der Finger ihrer linken Hand.
Du hast soeben einen Penis berührt.‚ denkt sie angetan. ‚Story des Tages: Mia Falb berührt Penis von hübschem Mann. Steifen Penis von hübschem Mann.‚ Vorsichtig bewegt sie ihre Hand von einer Seite zur anderen, um das fremdartige Organ in Julians Boxershorts unauffällig zu streicheln. Doch bald wird sie mutiger, auch weil Julian sich jetzt vorbeugt und ihre Brüste küsst. Kurz zieht er sie zu sich auf den Schoß, knetet ihren unteren Rücken und ihren Hintern, presst sich an sie, während er gierig an ihrem Hals knabbert, dann schiebt er sie wieder von sich und seine Hose rutscht vom Fußende des Bettes.
„Leg dich hin.“ fordert er Mia auf.
Die nickt, sieht sich aber gleichzeitig um, ob er das Kondom auf dem Nachttisch neben dem Bett deponiert hat. Als sie es entdeckt, schnappt sie es und reicht es Julian. „Erst das noch.“
Artig nimmt er das schwarze Päckchen von ihr entgegen, und sie schaut interessiert zu, wie er es aufreißt und sich das Gummi überstreift.
„So.“ Julian legt sich neben ihr auf die Seite. „Gehts dir gut?“
„Hmm.“
„Das ist schön.“ Er lächelt. „Mach die Augen zu.“ Sanft erkunden jetzt seine linke Hand, seine Lippen und seine Zunge Mias Oberkörper, ihre Seiten, ihren Bauch. Er hält sich lange an ihrem Nabel auf, drückt seine Zungenspitze hinein und saugt leicht an der umgebenden Haut, während seine Finger ganz langsam zwischen ihre Beine hinabgleiten, anfangs nur über ihre Haare streichen, dann über die winzige Kapuze ihrer Klitoris, am Rand ihrer kleinen Schamlippen entlang bis zu ihrem Damm und wieder zurück, erst trocken, dann mit Spucke, jedes mal ein wenig mehr Druck ausübend, bis er ihre Lippen schließlich auseinanderdrückt. Von jetzt an lässt er Mias Gesicht nicht mehr aus den Augen, um jede Regung aufzufangen; die kleinen Bewegungen ihrer Nasenflügel, als sein Mittelfinger im rosigen Zentrum ihres Geschlechts Kreise zieht, das Zurücksinken ihres Kopfes, als er sich für eine Weile ganz ihrer Klitoris widmet, das Zucken ihres Mundes, als er mit dem Finger ein Stück in sie eindringt.
Schließlich lässt er sich wieder neben sie sinken, seine Linke ruhig auf ihren Bauch gelegt. „Bist du soweit?“ Er klingt nicht ungeduldig, sondern sehr liebevoll, und irgendwas in Mias Magengegend krampft sich zusammen. „Du darfst es dir auch anders überlegen, ich bin dann nicht böse. Ich finger dich einfach bist du kommst.“ Er grinst.
„Nein.“ Ächzend dreht sich Mia zu ihm und packt ihn am Oberarm, um ihn auf sich zu ziehen. „Komm her, fick mich.“
Julian lacht. „Ist ja gut — Warte, warte.“ Er hockt sich zwischen ihre Knie und reckt sich nach dem Gleitmittelspender auf dem Nachttisch, um ein paar Hübe davon zu nehmen. Großzügig verteilt er das farblose Zeug erst auf seinem Kondom, dann zwischen Mias Beinen. „So.“
Mia beißt sich auf die Unterlippe, um zu verhindern, dass sie grinst. Sie hat jetzt Sex. Einen One-Night-Stand noch dazu. Sie lässt sich total frivol und sittenlos von einem wildfremden Kerl entjungfern. Und es fühlt sich nicht komisch an. Irgendwie hat dieser ausnehmend hübsche Mann sie dermaßen um den Finger gewickelt und einfach nur stinkend geil gemacht, dass sie sich gerade nichts schöneres vorstellen kann, als nackt vor ihm auf dem Rücken zu liegen und überall von ihm angefasst zu werden.
Sie schließt die Augen, als sich das große, feuchte, warme Etwas seines Schwanzes zwischen ihre Schamlippen schiebt. Julian beugt sich über sie, um ihre Brustwarzen zu beknabbern, und aus einem Instinkt heraus legt sie die Arme um seinen Nacken, während sie darauf wartet, dass es weh tut. Doch bis auf ein leichtes Dehnungsgefühl geschieht nichts.
Einen Augenblick später hält Julian inne. „Alles gut?“
„Ja.“
„Soll ich weitermachen?“
„Jajaja.“
„Okay.“ In seiner Stimme ist deutliches Amüsement zu hören und er dringt vorsichtig tiefer, zieht sich etwas zurück, dringt tiefer, zieht sich zurück — „Jetzt bin ich ganz in dir drin.“ flüstert er schließlich zwischen zwei Küssen gegen ihren Hals. „Spürst du mich?“
„Hm.“ Mia nickt und tastet nach seiner Hand, die er mit sanftem Druck dicht oberhalb ihres Schambeins auf ihren Bauch gelegt hat. Sie hatte es sich anders vorgestellt. Großartiger. Nicht wie eine Wurst mit Pelle, die als vage wahrnehmbarer Fremdkörper in ihr steckt. Aber irgendwie — irgendwie ist es trotzdem — nett.
Sie gibt ein verhaltenes Seufzen von sich, als Julian wieder anfängt, seine Hüften zu bewegen, und dabei mit zwei Fingern ihre großen Schamlippen so zusammen und nach unten drückt, dass ihre Klitoris vom Auf-und-Ab seines Bauches massiert wird. „Hmh…“ macht sie so leise es geht, ihre Knöchel hinter Julians Rücken überkreuzend, um sich an ihn zu pressen. Langsam fühlt es sich wieder so an wie beim Vorspiel, und nach einer Weile breitet sich das Gefühl immer weiter in ihren Unterleib hinein aus. Als Julian dann noch immer stärker an ihren Brustwarzen saugt, so stark, dass es weh tut, baut sich ohne viel Vorwarnung ein Orgasmus in ihr auf. „Hmh!“ macht sie wieder, etwas lauter diesmal. „Ahh…“ Sie gräbt ihre Finger in Julians Seiten, und dann kann sie nur noch die Zähne zusammenbeißen, ihre Stirn an Julians Schulter gedrückt.
Dem fahren ihre kleinen Laute und die flachen, scharfen Atemzüge, mit denen sie kommt, direkt in den Schritt. Und als Mia ihren Klammergriff um seinen Hüften wieder löst, lässt er sich gehen und beendet die Sache mit ein paar heftigen Stößen.
Verschwitzt setzt er sich danach auf. „Das Gummi hat überlebt.“ teilt er Mia mit, während er seine Beine über die Bettkante schiebt und Mia sich mit unterdrückter Hast in eine Decke wickelt. „Alles klar bei dir?“
Mia nickt kurz und reibt sich das Gesicht.
„Soll ich dir auch was zu trinken holen?“
Sie schüttelt den Kopf, darum bemüht, nicht zu offensichtlich zuzusehen, wie Julian sich das jetzt mit Sperma gefüllte Kondom abzieht.
Als er wenig später aus dem Badezimmer zurückkommt, stellt sie sich schlafend und rührt sich nicht mehr, bis er sich mit der zweiten Bettdecke auf eins der Sofas verzieht.

— 2
Das Röcheln der Espressomaschine weckt Mia am nächsten Morgen, aber sie lässt die Augen geschlossen, verwundert, dass sie überhaupt geschlafen hat. Sie hört zu, wie sich Julian durch die Wohnung bewegt, in der Küche herumkramt, schließlich an seinem Rechner platznimmt, ein wenig herumklickt – was soll sie zu ihm sagen? Was sagt man nach einem One-Night-Stand? Was sagt man, nachdem man von irgend einem dahergelaufenen Typen entjungfert wurde? Am besten gar nichts. Irgendwann wird er nochmal auf Klo müssen, und dann wird sie in ihre Klamotten springen und hier verschwinden.
Ungeduldig hört sie ihm weiter zu, bis er plötzlich neben dem Bett hockt, nach feuchten Haaren und seinem Ledermantel riechend.
„Hey Süße.“ Er streicht mit dem Daumen über ihren Handrücken. „Mia — Hey Schlafmütze.“
Mia grummelt leise. „Was is?“
„Guten Morgen.“
„Hm.“
„Wie gehts dir?“
„Weiß ich nich, ich schlaf noch.“
Julian lacht. „Ist gut. Ich muss jetzt weg, ich hab noch nen Termin, den ich nicht absagen kann. Aber so um achtzehn Uhr bin ich wieder hier. Bist du dann noch da?“
„Weiß ich nicht.“
„Ich fänds schön. So wirklich viel gequatscht haben wir ja noch nicht.“
„Hm.“
„Du hast ein Studententicket, oder?“
„M-hm.“
„Die nächste Bushaltestelle ist sozusagen hier vor der Haustür. Schnellenwind heißt sie.“ Er stützt die Ellenbogen auf seine Oberschenkel. „Den Fahrplan kannst du im Netz nachgucken. Und bis dahin fühl dich hier ganz wie zuhause – nur klau mir nichts, okay?“ Er lächelt frech.
„Versprochen.“
„Ich hab dir meine Telefonnummer aufgeschrieben, falls du sie haben willst. Liegt auf dem Schreibtisch.“
Mia zieht die Nase hoch und gähnt, während Julian sie ansieht.
„Ich würd mich echt freuen, wenn du heute Abend noch da wärst.“
„Okay. Bis dann.“
„Bis dann.“
Als Julian endlich, endlich die Wohnung verlassen hat, reibt sich Mia schnaufend das Gesicht. Was für ein Freak!
Hastig steht sie auf, zieht sich an und geht zum Rechner, um den nächsten Bus herauszusuchen. Dann läuft sie aus dem Haus. Julians Telefonnummer lässt sie auf dem Schreibtisch zurück.

Die nächsten Tage sind der Horror. Auf dem Weg von Julian zu sich nach hause fühlte sie sich erbärmlich. Schmutzig. Dumm. Doch kurz vor dem Studentenwohnheim kippte ihre Stimmung und sie kam sich großartig vor, reif, erwachsen und verrucht. In ihrem winzigen Zimmer wiederum wartete schon die übliche Hoffnungslosigkeit auf sie. Kaum hatte Mia die Tür hinter sich geschlossen, hätte sie am liebsten angefangen zu heulen. Ein affiger tätowierter Porschefahrer hatte sie abgeschleppt und lachte sich jetzt mit seinen Kumpels einen Ast darüber, wie leicht es gewesen war, diese hässliche, prüde Schnitte zum ersten Fick ihres Lebens zu bewegen.
Am Dienstag quält sie sich wider besseres Wissen zur Arbeit und erträgt Ilonas Kommentare. „Der rostige Lieferwagen ist also ein cooles, teures Sportkarösschen. Da war es sicher nicht schmerzhaft für dich; hast du sein kleines Schwänzchen überhaupt gespürt? — Habt ihr denn auch Kondome benutzt? Oder gibt es für seine ‚Größe‘ keine? XXS, ha. — Hat er sich auch ordentlich bemüht, seine fehlenden Zentimeter durch gute Technik auszugleichen? Das Erste Mal ist doch so wichtig für ein Mädchen!“
Mia ist kurz davor, handgreiflich zu werden, als plötzlich auch noch Julian vor ihr steht. „Hey.“
Sie ist so schockiert, dass sie eine Sekunde braucht, um zu reagieren. „Was willst du hier?“
„Nur mal gucken wie es dir geht.“
„Es geht mir super. Jetzt zieh Leine.“ Nervös sieht sie zur Küche, aus der natürlich gerade Ilona mit einem Tablett auf der Hand herausspaziert. „Los, verpiss dich!“
„Hey, ganz ruhig.“ Julian hebt beschwichtigend die Hände.
„Du kannst mich mal!“ Damit packt Mia ihn am Arm und schiebt ihn vor sich her zum Ausgang. „Tschüss! Und komm bloß nicht wieder her. Ich will dich hier nie wieder sehen!“
„Ja, ist ja gut, tschüss.“
Kaum hat sie Julian auf die Straße hinausbugsiert, macht Mia auf den Hacken kehrt.
„Na Herzchen, das sind ja ganz neue Moden.“ trällert Ilona, als Mia an ihr vorbeistampft.
Ohne nachzudenken fährt Mia herum, packt Ilona am Kragen und zieht sie auf Augenhöhe zu sich herunter. „Halt. Die. Klappe!“
„Sag mal, gehts noch?“ Ilonas Gesichtsausdruck wird angepisst. „Nimm doch nicht jeden Scheiß gleich persönlich.“ Rüde packt sie Mias Handgelenk und macht sich los.
„Meine Damen!“ unterbricht der Chef die beiden von der Kasse aus, ehe Mia etwas wirklich dummes tun kann. „Arbeiten, zack-zack!“
„Halt einfach mal die Klappe. Okay?“
„Jaja, Bitch.“ Ilona zupft ihre Bluse zurecht. „Ich halt die Klappe.“
Arbeiten, zack-zack! Falb, du löst Simón an der Spüle ab.“
Mia senkt den Kopf. „Sofort, Chef.“

Wieder daheim hockt sich Mia an ihren Schreibtisch und lässt den Kopf auf die Kante sinken. Am liebsten würde sie mal wieder nur noch heulen. Was bildet sich dieses verfluchte Arschloch von Julian ein, einfach an ihrem Arbeitsplatz aufzutauchen und sie bloßzustellen!
Zornig setzt sie sich auf und hackt Julians Namen in die Suchmaschine.
Seine Homepage sieht professionell aus. Auf der ‚About‘-Seite sind einige Fotos von ihm bei der Arbeit zu sehen und sein Portfolio ist umfangreich. Außerdem führt ein Link zu seinem DeviantArt-Profil. Das Bild, das dort als Featured zu sehen ist, lässt Mia die Stirn runzeln. Sie öffnet ihr eigenes Profil in einem neuen Tab, um einen Blick in ihre Favoritenliste zu werfen. Tatsächlich, das Bild befindet sich darunter. Julian hat sich sogar auf ihrem Profil dafür bedankt und etwas nettes über die Kritzeleien gesagt, die sie hin und wieder auf DA postet.
Zurück auf Julians Profilseite klickt sie auf seine Gallery, um sich anzusehen, was er seit ihrer Stippvisite vor ein paar Monaten so alles hochgeladen hat. Als sie den Titel seiner neusten Veröffentlichung sieht, wird sie blass: ‚Existencialistic Poetry‚.
„Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ Mia klickt auf das Thumbnail. „Lade, du dämlich Seite, lade!“ Ihr Fuß klopft ungeduldig auf das Linoleum. „Na endlich.“ Hastig scrollt sie nach unten, bis sie die Angaben zu dem Bild sehen kann. ‚Submitted: 1d 5h ago‚.
Das ist ihre Hand, ihr Arm, ihre Schulter, ihr Haar, das da unter Julians Bettwäsche herausspitzt!
„Ich glaub es hakt!“ Die Augen zu Schlitzen verengt wendet Mia ihre Aufmerksamkeit dem Textfeld unter dem Bild zu, in dem die ‚Künstler‘ Erklärungen zu ihren ‚Werken‘ abgeben können. Wenn dieser kleine Pisser sie hier auch noch bloßstellt — Doch da steht nur ‚Vanished‚.
Trotzdem noch schäumend vor Wut durchkämmt Mia die zwei Dutzend Kommentare von anderen Usern, die sich zu dem Bild bereits angesammelt haben. Die meisten beinhalten nur nichtssagendes Lob, doch einer erkundigt sich: ‚Ist das die Schnecke aus der Kneipe?‘ Julians Antwort: ‚Dummerchen, Schnecken haben keine Arme :D
Mia schnaubt. Um sich wenigstens ein bisschen zu beruhigen springt sie auf, putzt sich die Zähne und steigt in ihre Schlafklamotten. Zurück am Schreibtisch stützt sie das Kinn in die Hand und klickt auf ‚Send a Note‚.
Subject‚ — „Hm…“ Nach einigem Hin und Her setzt sie bloß einen Bindestrich in die Betreffzeile. Also weiter zum Nachrichtentext.
Hallo Julian.‚ — Nein. Sie markiert alles und drückt die Löschen-Taste.
Was sollte dein Besuch heute bei mir auf der Arbeit?‘ — Nein.
Bist du schwer von Begriff, oder warum rennst du mir noch immer hinterher?‚ — Nein.
Du Arschloch, warum warst du heute bei mir bei der Arbeit?! War es nicht deutlich genug, dass ich gegangen bin?‚ Das gefällt ihr schon eher. Der Mauszeiger schwebt unentschlossen über dem ‚Send‚-Button. Schließlich entfernt Mia die Anrede und schickt die Nachricht ab, ehe sie es sich noch einmal anders überlegen kann.
„So.“ Mit zusammengepressten Lippen fährt sie ihren Rechner herunter und legt sich ins Bett. Als am nächsten Morgen ihr Wecker klingelt, hat sie gerade einmal drei Stunden geschlafen.

Das nächste mal wird sie um halb zwei nachmittags wach und starrt geschockt auf die Uhr. Ihr Kartographiekurs! Ihre Vorlesung mit Anwesenheitspflicht! Stöhnend lässt sich sich zurück ins Kissen sinken. Ihre Fehlstunden für dieses Semester wären damit aufgebraucht. Mia reibt sich das Gesicht und vergräbt sich wieder unter ihrer Bettdecke. Wenn sie eh verschlafen hat, kann sie auch gleich liegen bleiben bis sie zur Arbeit muss.
Doch gerade als sie es sich wieder bequem gemacht hat, erinnert sie sich an die Nachricht, die sie gestern an Julian geschickt hat. Sie stöhnt. Jetzt wird sie natürlich keine Ruhe finden, ehe sie weiß, ob er geantwortet hat. Aber will sie es wirklich wissen? Wirklich wirklich? Der Typ hat doch eh nur irgend eine lahme Ausrede zu bieten. Oder einen blöden Spruch. Vielleicht ne Einladung. Zum Reden. Nein, sie sollte die Sache abhaken.
Zehn Minuten später hat sie aber doch ihren Laptop zu sich aufs Bett geholt und wartet darauf, dass DeviantArt endlich läd. Eine neue Nachricht — von Julian — ‚Mia? Tut mir wirklich leid, ich hatte nicht drüber nachgedacht, dass es dir peinlich sein könnte, mit mir gesehen zu werden. Geht es dir denn gut? Das will ich nur wissen, dann lass ich dich wieder in Ruhe wenn du das wirklich willst, versprochen.
P.S.: Wenn du möchtest, dass ich das Bild von dir lösche, sag es einfach.

Mia stößt die Luft aus. Damit hatte sie jetzt nicht gerechnet. Nachdenklich den Mund verzogen trommelt sie mit den Fingern auf ihrer Tastatur herum. Kann er das alles ernst meinen?
Sie versucht, sich genau an ihr Gespräch mit ihm zu erinnern. Er hat nach ihrem Studium gefragt, warum sie Mineralogie studiert, wie alt sie ist — er hat gefragt, warum sie so ruhig ist, obwohl sie denkt, er wolle ihr etwas antun.
Hat sie das wirklich gedacht? Ihr Blick irrt eine Weile über die Unordnung auf dem Boden ihres Zimmers. Sie hatte es gehofft. Nicht wirklich, aber irgendwie doch. Aber statt ihrer Erwartung gerecht zu werden, war Julian zärtlich zu ihr. Geduldig, freundlich, warm und zärtlich. Er hat ihre Brüste mit seinen Händen bedeckt und sie hat sich sicher gefühlt.
Mia schluckt. Ein Teil von ihr – das merkt sie jetzt – würde am liebsten sofort in den Bus steigen, zu Julian fahren, sich an sein Bein klammern und ihn nie wieder loslassen. Ein anderer Teil will ihm sagen wie schlecht es ihr geht, damit er zu ihr kommt und sie tröstet. Und ein dritter Teil will ihm irgendwas an den Kopf schmeißen, damit er sich mitsamt seiner beschissenen Softiemasche verpisst.
Ich weiß nicht, was ich sagen soll.‚ tippt sie langsam. ‚Ich weiß nicht, was ich denken soll. Was genau willst du eigentlich von mir?
Fünf Minuten nachdem sie die Nachricht abgeschickt hat – sie stöbert gerade in den ‚Daily Deviations‘ herum – ist auch schon eine Antwort von Julian da.
Ich will gucken, was es bei dir so zu wollen gibt. Klingt doof, ich weiß.
Ich bin noch eine Weile online, falls du Lust hast, was zu chatten.

Es folgt seine private Email-Adresse und eine Liste von Chatservices, bei denen er mit dieser Adresse angemeldet ist.
Mia verzieht den Mund. Was für ein Freak. Er will ‚gucken, was es bei ihr zu wollen gibt‘. Ist das normal? Sowas ist doch nicht normal.
Sie grummelt, windet sich ein bisschen, flucht, doch schließlich öffnet sie den Chat-Client, den sie vor Ewigkeiten mal aus irgend einem Grund auf ihren Rechner gezogen hat – ‚Es ist eine neuere Version verfügbar. Möchten Sie jetzt installieren und neustarten?‚ – und sucht nach Julian.
Mia: Hallo.
MasterJ: Wer da?
Mia: Mia.
MasterJ: Hey :)
Mia: Und jetzt?
***MasterJ lacht.
MasterJ: Tja, was jetzt?
Ich stopfe mich gerade mit gebratenen Nudeln voll, und du?
Mia: Ich nicht.
Was meinst du mit, du willst gucken, was es bei mir zu wollen gibt?
MasterJ: Hm…
Ich habe dich gesehen, und irgendwie hast du mir gefallen. Ich hab dich nicht mehr aus meinem Kopf gekriegt. Sowas passiert mir nicht oft. Die meisten Frauen, die ich treffe, sind so blahblah, ganz nett, aber ich denke nicht länger über sie nach.
Aber über dich habe ich nachgedacht. Ich weiß nicht warum.
Mia: Das sagt mir jetzt gar nichts.
MasterJ: Ich mag dich.
Mia: Du kennst mich überhaupt nicht.
MasterJ: Genau.
Mia: Was ‚genau‘?
MasterJ: Genau das ist mein Punkt“
^!
Mia: Versteh ich nicht.
***MasterJ lacht.
MasterJ: Ich finde dich anziehend und möchte mehr über dich erfahren.
Mia: Hast du den Spruch geübt?
MasterJ: Vielleicht habe ich mich auch geirrt…
Mia: Haha.
Niemand findet mich einfach so anziehend und interessiert sich für mich.
***MasterJ heißt jetzt Niemand
Niemand: So besser?
***Niemand heißt jetzt MasterJ
Hör zu, wenn ich dir auf die Nerven gehe, sag es mir im Klartext, dann verzieh ich mich.
Mia: Ich weiß einfach nicht, was ich mit dir anfangen soll. Ich glaub dir kein Wort.
MasterJ: Warum nicht?
Mia: Weil ich ein mickriges, tittenloses, pickeliges Weib bin, das immer miesgelaunt vor sich hin starrt und am liebsten niemals mit irgendwem reden würde.
MasterJ: Ich find dich hübsch.
Mia: Du bist bekloppt.
MasterJ: Ich mein das ernst.
Und wenn ich mich für so minderwertig halten würde wie du, wäre ich auch miesgelaunt und würde mich nicht mit anderen Leuten auseinandersetzen wollen.
MasterJ: Noch da?
Mia: Ja.
MasterJ: Ich fands schön mit dir.
Mia: Du bist doof.
MasterJ: Selber.
Mia: Blödkopf.
MasterJ: Selber!
Mia: Doofer Blödkopf.
MasterJ: Selber!!!!!1!!
Mia: Sag mir deine Telefonnummer.
MasterJ: 0176-2323-1957
Mia: Danke.
Damit schließt sie die Chatanwendung und klappt den Laptop zu.
„Null Eins Sieben Sechs, Zwo Drei Zwo Drei, Eins Neun Fünf Sieben.“ wiederholt sie ein paar mal, bis sie sicher ist, dass sie die Zahlenfolge vorerst nicht vergessen wird. Dann rollt sie sich auf der Seite zusammen, schließt die Augen und stellt sich vor, Julian würde ihren Rücken streicheln.

„Ja, dir auch. Tschüss.“ Mia legt auf, wirft das Telefon neben sich aufs Bett und gibt einen Würgelaut von sich. Dann steht sie blinzelnd auf, um ein Fenster zu öffnen, in der Hoffnung, dass die kalte Luft sie beruhigt.
Draußen ist es bereits dunkel und im orangefarbenen Licht der Straßenlaternen wirbeln kleine Schneeflocken durcheinander. Die Fensterbank ist eisig unter Mias Hintern und ihren Füßen. Der Wind sticht durch die Maschen ihres beigen Strickpullovers. Bald friert sie, aber das Frieren fühlt sich gut an. Es fühlt sich richtig an. Die kleine Mia, ganz allein in der Unwirtlichkeit der Welt.
Das Gebüsch zwischen Haus und Gehsteig ist von einer feinen Puderschicht überzogen, die im Licht glitzert, wenn die Zweige für einen Moment zur Ruhe kommen. Auf der Straße ist schon nicht mehr viel los. Vereinzelte Passanten, hin und wieder ein Grüppchen, das sich laut unterhält.
Mia legt den Kopf in den Nacken, um die nahe Straßenlaterne durch ihre Atemwölkchen hindurch zu betrachten. Dabei entdeckt sie einen Stern, und noch einen — sie stützt sich auf der äußeren Fensterbank ab, um sich seitwärts aus dem Fenster zu lehnen und zwischen Gebüsch und Hauswand in den Himmel zu sehen. Noch ein Stern. Sie kneift ihr kurzsichtiges Auge zu. Drei, vier, fünf — sieben.
Bibbernd zieht sie den Kopf wieder ein und kreuzt die Arme vor der Brust. Heute nacht sollen es minus zwanzig Grad werden. Sie könnte einfach das Fenster offen lassen — oder auch nicht. Sie schnieft und bläst weiter Atemwölkchen in Richtung der Laterne, bis sie so durchgefroren ist, dass sie ihre Finger kaum noch bewegen kann.
Der Heizkörper sprotzelt und gluckert als hätte er Durchfall, als Mia ihn auf die höchste Stufe stellt, aber er wird warm und ihre Hände beginnen zu kribbeln. Sie wirft einen Blick in den Kühlschrank – leer – auf die Uhr – erst halb sechs – auf ihren Rechner – alle Bookmarks schon abgesurft. Sie könnte sich eine Pizza holen, immerhin hat sie heute Geburtstag. Zögernd tippt sie mit dem Daumennagel gegen ihre Unterlippe. Eine Tiefkühlpizza vielleicht. Aber um die aufzubacken, müsste sie die versiffte Gemeinschaftsküche benutzen.
„Hmpf.“ Sie lässt sich aufs Bett fallen, verzieht schmerzgepeinigt das Gesicht und holt ihr Telefon unter ihrer Wirbelsäule hervor. „Scheißteil.“ Zum Glück hat sie mittlerweile fast alle Geburtstagstelefonate abgehakt; nur ihre Mutter fehlt noch. Wie aufs Stichwort beginnt das Telefon in diesem Moment zu klingeln. ‚Anruf: Mutter Festnetz‚ Ergeben stöpselt Mia das Ladegerät ein und drückt die grüne Taste.

„Seidel, hallo…“
„Hallo Julian.“
„Hey. Wer spricht denn da?“
„Mia.“
„Oh, hi Mia!“ Er klingt, als würde er sich freuen sie zu hören, und Mia muss sich sehr zusammenreißen, um nicht wieder anzufangen zu weinen.
„Stör ich?“ fragt sie mit betont leicht klingender Stimme.
„Es geht so, ich bin grad unterwegs zu einer Geburtstagsfeier bei Freunden.“
„Achso, dann ruf ich morgen nochmal an.“
„Ein bisschen quatschen können wir schon, ich bin grad erst losgefahren. Also, was los?“
„Ach, nichts, eigentlich. Mir war langweilig.“
Julian lacht. „Und jetzt soll ich dich unterhalten?“
„Genau.“
„Das tu ich doch gern — Gehts dir gut?“
„Hm?“ Ihre Stimme klingt gepresst und sie wischt sich hastig über die Augen.
„Obs dir gut geht.“
„Klar.“ Sie schnieft.
„Du klingst erkältet.“
Mia schnieft noch einmal, während sie verzweifelt versucht, ihre Stimme unter Kontrolle zu kriegen. „Wirklich?“
„Weinst du? — Mia? — Hey, was ist denn los?“
„Ach, meine–“ Sie stößt die Luft aus. „Meine Mutter hat angerufen.“
„Ist was in deiner Familie passiert?“
„Nein, sie hat — sie hat einfach nur angerufen und jetzt gehts mir — total mies.“ Angestrengt unterdrückt sie ein Schluchzen.
„Ihr kommt wohl nicht so gut miteinander klar?“
„Doch, aber–“ Sie bricht ab.
„Hast du denn niemanden, mit dem du darüber reden kannst?“
„Dich…“ flüstert Mia flehentlich.
„Nein, ich meine, eine beste Freundin oder Geschwister oder sowas.“
„Hab ich nicht.“
„Du hast keine beste Freundin?“
„M-mh.“ Mia schüttelt den Kopf und schluchzt eine Weile still vor sich hin, während von Julians Seite lediglich das Brummen seines Porsche zu hören ist.
„Hast du schon zu Abend gegessen?“ erkundigt er sich schließlich.
„Nein. Warum?“
„Ich hol mir ne Pizza. Wenn du willst, bring ich dir eine mit.“
„Aber du wolltest doch zu ner Feier.“
„Habs mir anders überlegt. Also, willst du auch ne Pizza?“
Verwirrt setzt Mia sich auf. „Ich — ich hab kein Geld da.“
„Auch das noch. Was für eine willst du?“
„Ich kann dir das erst nächsten Monat zurückgeben.“
„Letzte Chance: Was für eine Pizza willst du?“
„Spinat.“
„Okay. Und deine Adresse lautet?“
„Willst du wirklich nicht zu der Feier gehen?“ vergewissert sich Mia noch einmal.
„Nope. Feiern stinkt.“
Sie seufzt. Dann diktiert sie Julian ihre Adresse, die Knie dicht unters Kinn gezogen.
„Ich bin so in ner Dreiviertelstunde bei dir, okay?“
„Okay.“
„Also bis dann.“
„Ja, bis dann…“

Die Uhr an ihrem Mobiltelefon immer im Auge klaubt Mia die schmutzige Wäsche vom Boden, räumt den Müll von ihrem Schreibtisch und holt mit ihrem Handstaubsauger die Wollmäuse aus den Zimmerecken. Schon ist die Dreiviertelstunde rum, aber von Julian noch keine Spur zu sehen. Fünfzig Minuten – kein Julian. Fünfundfünfzig Minuten – immer noch nichts.
Mia bemüht sich, tapfer weiter aufzuräumen – ihr Bett ist schon seit Ewigkeiten nicht mehr frisch bezogen worden und ihr weniges Geschirr ist samt und sonders dreckig – aber das Gefühl, dass er es sich noch einmal anders überlegt hat, wird schnell erdrückend. Als es schließlich doch an ihrer Türe klopft, muss sie sich mühsam vom Boden hochwuchten und die Tränen aus ihrem Gesicht wischen. Langsam geht sie zum Bett hinüber, zwischen dessen Fußende und der Zarge kaum ein halber Meter liegt.
Es klopft noch einmal. „Mia? Ich bins, Jan — Julian.“
„Hey.“ Sie öffnet die Tür einen Spalt breit.
„Hey.“ Er lächelt. „Darf ich reinkommen?“
„Ich weiß nicht.“
„Deine Pizza wird kalt.“
Mia schnieft und legt den Kopf an den Türrahmen.
„Du siehst total blass aus.“
„Hm.“
„Na gut.“ Julian lehnt sich an die Wand neben der Tür und öffnet den oberen Pizzakarton. „Mmmh, leckerer Spinat.“ Er tauscht die Kartons, um wiederum den oberen zu öffnen. „Und das hier ist meine.“ Lange Käsefäden ziehend nimmt er ein Stück heraus und klappt den Deckel wieder zu. „Was ist denn das Problem mit deiner Mutter?“
„Mag ich nicht drüber reden.“
„Okay. Worüber dann?“ Vorsichtig beißt er von seiner Pizza ab. „Oah, heiß.“
„Ich weiß nicht — Ich war heute nicht bei der Arbeit.“
„Bist du doch krank?“
„Nein — Ich hab Geburtstag.“
Julian sieht sie überrascht an. „Na dann alles Gute. Warum feierst du nicht?“
„Mit wem denn? Ich krieg bloß ein paar beschissene Anrufe, und allen, die mir gratulieren, bin ich in Wirklichkeit scheißegal. Das nervt.“
„Aber wenn sie dir gratulieren, kannst du ihnen doch nicht egal sein.“ wendet Julian ein.
„Denkst du? Den Rest des Jahres ignorieren sie mich. Die gratulieren nur, weil man das halt so macht. Darauf kann ich verzichten. Das ist wie Weihnachtsstimmung. Alles fake. Den Rest des Jahres schlagen sie sich in den vollen Zügen die Köpfe ein, aber Weihnachten, Weihnachten sind sie alle so in Stimmung und voll milder Vergebung, weil es das Datum vorschreibt. Das ist doch ekelhaft.“
„Hm.“ Nachdenklich kaut Julian auf seiner Pizza herum. „Ja — Wenn du es so erklärst, klingt es tatsächlich ziemlich verlogen.“
„Findest dus nicht verlogen?“
„Doch, aber ich glaube, die Leute haben gute Gründe dafür.“
„Ach ja?“
„Von den Leuten, die ich kenne, wissen die wenigsten, wie man konstruktiv mit Konflikten umgeht; Frieden bedeutet also, den Ärger runterzuschlucken. Das ganze Jahr über wäre das einfach zu anstrengend. Also tut mans nur über Weihnachten, wenn sich auch alle anderen Mühe geben.“
„Hm — Willst du reinkommen?“ Mia öffnet die Tür ein kleines Stück weiter.
„Darf ich?“
Nickend geht sie beiseite, so dass Julian ihr Zimmer betreten kann.
„Wow, das ist ja extrem winzig.“ meint er, während er sich umsieht. Rechts von ihm zwängt sich Mias Bett in eine Ecke. Darüber sind zwei mit Büchern beladene Regalbretter angebracht. Zwischen das Bett und die gegenüberliegende Wand ist ein Kleiderschrank geklemmt. Zu Julians Linker führt ein schmaler Durchgang in ein Bad. Im dem Winkel daneben befindet sich eine Art Küchenzeile, bestehend aus einem Waschbecken, einem Minikühlschrank, einem Wasserkocher und einem Toaster. Unter den Fenstern zur Staße ist eine kleine, herunterklappbare Platte angebracht, die als Schreibtisch fungiert. Der dazugehörige Stuhl passt gerade noch so in den Raum. „Wieviele Quadratmeter sind das? Zehn?“
„Inklusive Bad.“
„Kriegst du da keine Platzangst?“
Mia lacht trocken. „Manchmal.“
„Wieviel zahlst du an Miete?“ Er schließt die Tür hinter sich und reicht Mia die Pizzaschachteln. „Halt mal kurz.“
„Zweihundert.“
„Zweihundert für nen Schuhkarton.“ Kopfschüttelnd hängt er seinen Mantel neben Mias Jacke an die Badezimmertür und schnürt seine Stiefel auf. „Ich dachte immer, meine Studentenbude wäre klein gewesen, aber das hier…“
„Wieviel Quadratmeter hatte die?“
„Weiß ich gar nicht mehr. Fünfzehn, zwanzig, sowas in dem Dreh.“
„Hm.“ Mia gibt ihm seine Pizza zurück. „Du kannst dich an den Schreibtisch setzen.“
„Okay. Guten Appetit.“
„Danke. Und danke, dass du gekommen bist.“ Sie produziert ein gequältes, entschuldigendes Lächeln. „Wenn — wenn du doch lieber zu der Feier gehen willst…“
„Nein, außer mir waren sowieso nur Langweiler eingeladen.“ entgegnet Julian wegwerfend.
Zweifelnd sieht Mia ihn an und er muss lachen.
„Was?“
„Du machst dich über mich lustig.“
Er beißt von seiner Pizza ab und schüttelt kauend den Mund. „M-mh.“
„Bist du böse weil ich dich zuerst nicht reingelassen hab?“
„Nein.“
„Wirklich nicht?“
„Sehe ich aus, als wäre ich dir böse?“
Mia wirkt verschüchtert, während sie mit den Schultern zuckt, den Blick fest auf ihre Pizza gerichtet. „Ich weiß nicht.“
„Iss.“ Er sieht zu, wie Mia gehorsam ein Achtel in die Hand nimmt und davon abbeißt. „Gut?“
„Ja. Lecker. Hast du die unten an der Ecke geholt?“
„M-hm.“
„Dann kriegst du sieben Euro von mir zurück, ja?“
„Nein.“ Julian maneuvriert einen von einem Käsefaden baumelnden Champignon in seinen Mund.
„Sind die wieder teurer geworden?“
„Nein, ich schenk dir die Pizza zum Geburtstag.“
„Ich will aber kein Geburtstagsgeschenk.“
„Zu spät.“ Julian grinst. „Nun iss schon!“
Seufzend fügt sich Mia in ihr Schicksal; auch weil ihr Magen mittlerweile aufgewacht ist und sich sogar etwas Appetit in ihr regt. „Danke.“
Danach sagt sie erst einmal nichts mehr und Julian scheint es nicht zu stören.
„Achso, willst du was trinken?“ meldet sich Mia nach einer Weile. „Ich hab wohl nur Leitungswasser da…“
„Macht nichts. Bleib sitzen. Willst du auch was?“
„Ja, bitte.“
Als er sich wieder hingesetzt hat, deutet er auf das in buntes, ‚Happy Birthday!‘ verkündendes Papier eingewickelte Päckchen, das halb unter dem Bett hervorragt. „Auch son Geburtstagsgeschenk, das du nicht willst?“
„Hm.“
„Aber vielleicht ist was tolles drin!“
Mia grunzt. „Das ist von meiner Ma. Da ist nichts tolles drin.“
„Bestimmt nicht?“ Julian hebt das Päckchen auf und lehnt sich wieder auf seinem Platz zurück. „Ist das schon so ramponiert bei dir angekommen?“
„Nein. Ich habs durch die Gegend getreten.“
„Oh Mann.“ Er lacht. „Du bist dir deiner Sache echt verdammt sicher.“
„Vierundzwanzig Jahre Erfahrung.“
„Darf ichs aufmachen?“
„Es gehört dir. Warte.“ Sie springt auf, um mit dem Fuß ein paar weitere Päckchen und einige Briefumschläge aus ihrem Kleiderschrank zu bugsieren. „Das hier auch. Alles deins.“
„Du spinnst doch.“
„Eigentlich wollte ich den Scheiß für meinen Nachmieter hierlassen, aber wenn du dich schon freiwillig meldest.“ Mit Schwung setzt sie sich wieder aufs Bett. „Na komm, mach sie auf. Aber zuerst die Karte lesen!“
Julian schüttelt den Kopf und zückt sein Butterflymesser, um damit das Paketband zu zerschneiden. „Du verrücktes Huhn.“
„Bohk-bohk-bohk.“
„Alsooo — Hier steht: ‚Meine liebe Tochter, ich weiß, dass Du Dich —‚“ Er runzelt die Stirn, während er sich bemüht, das nächste Wort zu entziffern. „‚selbst aufgegeben hast, aber mein Mutter — herz weigert sich, den Wunsch nach — einem En — Enkelkind aufzugeben. Außerdem sperrst Du Dich ja gegen jeden meiner Versuche, etwas über Deine — Interessen zu erfahren, oder ü — überhaupt an Deinem Leben teil — zuhaben. So schenke ich Dir wieder einmal etwas, von dem ich — weiß, dass Du es auf jeden Fall ge — brauchen kannst. Beste Wünsche zu Deinem Geburtstag, Deine Mutter.‚“ Julian hebt eine Augenbraue. „Charmant.“
„Warts ab, es wird noch besser.“
„Okay.“ Er legt das Messer beiseite, mit dem er beim Lesen herumgespielt hat, um die vielen kleinen, in loses Papier geschlagenen Gegenstände weiter unten im Päckchen auszuwickeln. „Ein — was ist das?“ Er dreht das erste Geschenk in der Hand. „Aha, Concealer — Foundation — Puder — Aknecreme — nochmal Aknecreme.“ Seufzend wirft er alles zurück in den Karton. „Hast recht, ist ein beschissenes Geschenk.“
„Sag ich doch.“ murmelt Mia, den Blick starr zur Seite gerichtet.
„Deine Mutter hat nen Schaden.“
„Danke.“
Julian stellt den Karton auf den Boden und hockt sich neben Mia aufs Bett. „War ne gute Idee, das Teil einfach nicht aufzumachen.“
„Tja. Aber du musst natürlich alles ruinieren.“
„Hey.“ Er lehnt sich gegen sie. „Werd nicht frech.“
„Ich werd nicht frech, ich sage nur die Wahrheit.“ erwidert sie, während sie sich gegen den Druck seines Körpers stemmt.
„Ach ja?“
„Ja!“
Ach ja?“
„Jaaa.“
„Hm.“ Mittlerweile liegt er seitlich auf ihr, und er nutzt die Gelegenheit, um Mia zu kitzeln.
Die kreischt und springt vom Bett. „Nicht kitzeln! Nicht kitzeln!!“
Julian lacht und macht Anstalten, ebenfalls aufzustehen.
„Nein, bitte, ganz im Ernst! Rot!“
„Oho.“ Er lässt sich zurück an die Wand sinken. „Na dann.“

Tadaaaaaaa!