Mai 072012
 

Stile trennen die Menschen voneinander.
Erforsche deine eigene Erfahrung.
Nimm auf, was nützlich ist.
Lehne ab, was nutzlos ist.
Füge hinzu, was essentiell dein Eigen ist.

- Bruce Lee


Der Mann spricht über Kampfkunst, aber ich denke, was er da sagt, ist eine für alle Lebensbereiche nützliche (Binsen)Weisheit; auch für das Erzählen.

Es gibt bewährte erzählerische Systeme (Genres, Erzählperspektiven, Stilmittel usw.), an denen man sich orientieren kann, die man besser oder schlechter finden kann, durch die man sich von anderen Autorinnen unterscheiden kann, auf die man sich versteifen kann.
Dieses Versteifen und Unterschieden ist ein Phänomen, das ich persönlich nur aus Literaturforen kenne, aber es existiert anscheinend auch in den ‘höheren’ Literatenkreisen. Da heißt es, so oder so habe man zu schreiben, damit es ‘gut’ ist; dieser oder jener Stil sei unmöglich; dieser oder jener Standard müsse erfüllt werden.
Damit knoten sich die Leute gegenseitig die Schnürsenkel zusammen und verdammen einander dazu, entweder nur genormte Tippelschrittchen zu machen, oder voll auf die Schnauze zu fliegen.

Mit dem Entschluss “Ich schreibe jetzt Genre X in Stil Y!” schränkt man sich selbst ein, und auch wenn man zwischen Genres und Stilen springt, beschränkt man sich selbst auf einen ganz bestimmten Erfahrungsspielraum. Nämlich den Raum innerhalb der Systeme. Man verdammt sich dazu, nichts außerhalb der ausgetretenen Pfade zu erfahren, und Fehler werden immer nur an Standard X gemessen, nicht an der eigenen Erfahrung dessen, was sich beim Schreiben gut anfühlt, was Spaß macht, was in den eigenen Ohren gut klingt.
Natürlich, die Systeme sind bewährt, man kann sich darauf verlassen, dass sie funktionieren, und man braucht sie nur mit einem gewissen Maß an Originalität zu füllen, um von den – ich sag jetzt mal polemisch – ‘Wächtern der Systeme’ zumindest als ‘eine von uns’ anerkannt zu werden.
Aber hier ist wieder die Frage, die ich so gern stelle: Schreibst du, um Erfolg zu haben, oder schreibst du, um zu schreiben? Schreibst du für die anderen, oder schreibst du für dich?

Es ist eine durchaus exzellente Idee, sich in den Systemen umzusehen. Diese Dinge haben sich ja nicht ohne Grund entwickelt.
Sie bilden außerdem ein komplexes Vokabular, an dem man sich bedienen kann, bieten Konnotationen, Implikationen und Erwartungen, mit denen man seine Ausdruchsweise erweitern und kreativ spielen kann.
Sie zeigen einem auch Tricks, die einfach funktionieren, bieten eine Struktur an, an der man sich orientieren kann, geben einem Zugriff auf die gesammelte Erfahrung tausender anderer Autorinnen, von denen man in kurzer Zeit lernen kann, was man im Selbstversuch vielleicht niemals rausfinden würde.

Aber die brave, unkritische Übernahme irgendwelcher Traditionen ist nicht klug. Die Art, wie Geschichten klingen, wandelt sich, einfach dadurch, dass sich der kulturelle Kontext wandelt, vor dem wir sie wahrnehmen. Vor 10 Jahren waren Dinge modern und innovativ, die heute schon wieder ausgelatschter, langweiliger Standard sind. Solche welken Blüten der Literaturgeschichte – sag ich mal – die heute einfach nicht mehr so knallen wie damals, muss man nicht unbedingt übernehmen. Man kann sie ablehnen. Einfach so.
Und das gilt eben nicht nur für zu modern und dadurch langweilig gewordene Dinge – ein Urteil, das oft dem Konsens von Konsumenten und/oder ‘Systemwächtern’ entspringt – sondern für alles, was der Autorin einfach nicht gefällt, was nicht klingt.

Und damit sind wir am letzten Punkt angekommen. Bei dem Eigenen der Autorin.
Das muss nichts von Grund auf völlig neu erfundenes sein – der Berg an schonmal gemachten Dingen wächst täglich – man kann Bewährtes neu kombinieren, etwas abwandeln, mal bewusst gegen die Regeln spielen und sehen, ob es nicht trotzdem klingt. Wohin treibt einen die eigene Phantasie, die eigene Kreativität? Wie wird aus diesen ganzen Informationen und Erfahrungen, die ich gesammelt habe, meine eigene Erzählweise?
Das muss nichts Niedagewesenes sein. Aber es sollte sich wie etwas Eigenes anfühlen, wie mein eigener, von mir so entwickelter, von mir als angenehm, stimmig und gut empfundener Erzählstil.

Jedes Genre, das heute altehrwürdig und angesehen ist, wurde irgenwann mal von einer handvoll unorthodoxer Außenseiter begründet; und weil das, was diese unorthodoxen Außenseiter abseits des Mainstream produziert haben, trotz aller Regelbrüche und Experimente so gut ankam, wurde es dem Mainstream einverleibt.

Fazit: Begründet neue Genres. Begründet neue Stile. Oder versucht es zumindest. Wenn ihr Bock dazu habt. Ansonsten lasst es. Mir egal. Ich habe Bruce Lee auf meiner Seite, mich ficht gar nichts an. Hah. :D

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Mai 062012
 

Ich gucke gerade eine Doku über Kunsttransporte auf arte.
Es ist echt unglaublich, wieviel Geld da im Klo runtergespült wird. Ganz im Ernst, kein vom Menschen geschaffenes Ding, dessen einzige Funktion ist, an einer Wand zu hängen/in einem Raum rumzustehen und angeglotzt zu werden, kann millionen von Dollar wert sein! Das ist doch absurd ohne Ende.
Man stelle sich vor, die Leute würden die Kohle, anstatt sie aus Jux zu verbrennen – aka in Kunstwerken anzulegen – in nachhaltige soziale und wissenschaftliche Projekte investieren.

Ohne Kunst* wäre die Welt besser dran.

Realistisch gesehen würden die Leute die freigewordene Kohle aber eher für andere Statusobjekte ausgeben. Dann was will ich mit humanistischem Verhalten, wenn ich mir mit Goldstaub den Arsch pudern kann?

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*ohne die pekuniäre Überhöhung von Kunst; nicht ohne Kunst als Ausdrucksmittel.
Danke, Ehemann, für diese Korrektur ;)

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Mai 042012
 

Wer hats geschrieben? (Der Kontext)

Erst raten, dann gucken. Zeigen

Zeitlos verschärft. Sollten viel mehr Leute so machen. Minus den Stunt.
Ich glaub, ich hätte Kuni vom Balkon geschmissen oder sowas. Hol dir deinen scheiß Handschuh selber.
Liebe ist nie bedingungslos, aber so offensichtlich und zu dem Preis? Naaahahaha. Nope.

P.S: Warum zur Hölle hassen Bildbearbeitungsprogramme eigentlich Text so sehr?

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Diese Spoilerbox ist übrigens nur so hässlich, weil die Einstellungen von meinem Blog-Theme die Einstellungen von dem Plugin kaputt machen. Und ich bin zu feige, um mit Codeschnipseln rumzuhantieren, um das zu reparieren. Weil es könnte alles noch schlimmer werden. Und so schlimm ist es ja nichtmal.

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Apr 212012
 

Ursprünglich sieht das Finale der Geschichte-in-der-Geschichte rund um den Bildhauer und seine Widersacher so aus, dass der Psychiater ganz allein auf seine Nemesis trifft. Es wurde nie explizit erklärt, warum das so ist, aber es lässt sich rauslesen, dass das wohl eine der Spielregeln darstellt, die sich der kleine Stinker ausgedacht hat.
Das nette an dieser Variante war, dass ich Bergerac ungebremst sein Rollenverständnis raushängen lassen konnte, und dass es wesentlich einfacher ist, alle Charaktere für den Leser präsent zu halten, wenn nur zwei statt drei oder mehr in der Szene rumlaufen.
Das Problem war aber, dass die Szene eine Schusswaffe braucht, sowie jemanden der sie gut genug bedienen kann, um die Treffsicherheit fest einplanen zu können. Es ist natürlich schon möglich, dass ein der Verbrechensbekämpfung verschriebener Psycho-Onkel durch die Mühen geht, sich Zulassung, Waffe und Übungsstunden am Schießstand zu besorgen – so hatte ich die Sache ursprünglich gelöst – aber irgendwie war mir das letztendlich zu sehr USA und Hollywood.
Hinzu kommt, dass es reizvoll ist, Bergerac und seine beiden Polizeikollegen mal live und nicht nur nacherzählt interagieren zu lassen. Das ganze dann auch noch unter Stress, so dass sie einander anpflaumen können, aber mit verteilten Rollen, weshalb Proulx den armen Bergerac besonders gefressen hat und Travert eigentlich nur seinen verdammten Job machen will.

Aus einem Kerl, der das Mädchen retten will, werden also drei Kerle, die das Mädchen retten wollen, und von denen zwei berufswegen nicht nur bewaffnet, sondern auch halbwegs treffsicher sind.
Zwei aktive Kanonen sind aber wiederum problematisch, und ich fände es doch etwas anstrengend, die drei Herren immer explizit räumlich zusammenzuhalten und volles Rohr ihr Bewegungsrepertoire ausschöpfen zu lassen.
Also nehm ich die Handschellen (jetzt ergibt das Artikelbild* auf einmal Sinn, was? :D) und knote die drei Kerle aneinander, mit dem Psychiater in der Mitte. So wird er nochmal ein Nümmerchen mehr gedemütigt, kann nicht vorstürmen oder sonstwelche Dummheiten machen, muss sich schön hilflos fühlen und geht den beiden anderen auf den Sack, wenn er versucht zu gestikulieren. Außerdem hat in der vorgesehenen Konfiguration nur Travert seine Schusshand frei, was das Problem der doppelten Knarre effektiv löst.

Die drei Herren werden durch die Handschellen wieder zu einem einzigen erzählerischen Item was ihren Aufenthaltsort und ihre waffentechnische Handlungsfähigkeit angeht. Ich stelle mir vor, dass sie wie ein dreiköpfiger Riese wirken, dessen Köpfe miteinander zanken, während er sich unbeholfen durchs Dickicht wälzt und ständig irgendwo anstößt.

Schaun wir mal, wie das wird. Bis jetzt ist der neue Spaß erst 1,2 Seiten lang und ich geh gerade die alte Version nach Schlagwörtern durch bzw. gucke, welche Dialogteile ich wie übernehmen und was ich komplett neu aufbauen muss; aber es ist schon sehr unterhaltsam zu schreiben.
Worauf ich jetzt achten muss, ist, dass ich nicht zu sehr in Richtung Slapstick ausrutsche. Gerade weil es sich in dieser Szene so anbietet, möchte ich nur ganz gezielt einzelne gewollt witzige Punkte einbauen, deren Wirkung ich aber sofort wieder mit der wenig glanzvollen oder gar stromlinienförmigen Realität breche.

Es macht mich immer voll an, mit Erwartungen zu spielen. Und es gibt so viele Vorlagen für Showdowns zwischen Held und Nemesis, so viele ungeschriebene Regeln, die man ganz kapriziös mal befolgen, mal brechen, mal ignorieren kann. Hach. Die Un-Realität der erzähltechnisch optimierten Geschichte mit der sperrigen, realen Realität zusammenkloppen und gucken, was dabei abbröselt.

Sowas erzeugt auch Spannung. Jede nicht erfüllte, sondern kreativ umschiffte Erwartung des Lesers erhöht sein Gefühl, die Handlung nicht vorhersehen zu können und auf alles gefasst sein zu müssen.

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*Ihr würdet mir nicht glauben, wenn ich euch sage, was das most random Bild war, das mir bei der Suche nach ‘handcuffs’ und verschiedensten Adjektiven sexueller Konnotation mit ‘safe search’ aus untergekommen ist. Es war nicht eine einzige Handschelle auf dem Bild zu sehen. Nicht eine.

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Apr 192012
 

Es gibt ja durchaus Möglichkeiten, Schimpfwörter in anderen Sprachen aufzutreiben. Das Problem ist, dass es kaum vernünftige, authentische Schimpfwortketten zu finden gibt.
Wenn ich mir so mein eigenes Fluchverhalten ansehe, beruhigt mich das zwar ein bisschen, weil es sich durch Redundanz und weitgehend anarchische Semantik auszeichnet, so dass ich zumindest eine Rechtfertigung habe, wenn ich einem Charakter etwas zusammenschustere, das nicht ganz dem klassischen Fluchschema der Zielsprache folgt.
Aber das Fluchen ist Teil des poetischen Sprachraums, und man kann das wenigste direkt übersetzen; man muss gefühlte Entsprechungen suchen, die aber vor allem aus kompletten Fluchausdrücken bestehen, deren Sinn und Saftigkeit nicht unbedingt erhalten bleibt, wenn man sie rekombiniert.

Wenn ich zum Beispiel eine Französin “Verfickte Drecksscheiße” sagen lassen will, reicht ein einfaches ‘Putain de merde’ nicht aus, weil es die Redundanz nicht enthält. Aber kann ich einfach ‘Chiante putain de merde’ nehmen, wobei ‘chiante’ – beschissen – das ‘merde’ – Scheiße – anstelle des ‘Drecks-’ dupliziert? Und ist das ‘verfickt’ über das Wort ‘putain’ – Hure – semantisch enthalten? Hat ‘putain’ die gleiche Feuerkraft wie ‘verfickt’? Ich weiß es nicht! Und das macht mich grad wahnsinnig.

Ich brauche dringend eine Fluchsuchmaschine – oder Charaktere mit weniger vulgärem Mundwerk.

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Apr 172012
 

Endlich hab ich mal auch noch eine Seite über Sérafine und eine über Joanna geschrieben.
Irgendwie ist es komisch. Die Beschreibung von Louis beinhaltet einen kurzen Abriss seines Lebens bevor die eigentlich Geschichte anfängt, während ich Sérafine und Joanna vor allem in ihrem Verhältnis zu Louis beschreibe. Ist das un-feministisch? Es wirkt irgendwie schon so.
Für Sérafine gilt, dass ihr Leben tatsächlich um Louis kreist. Er ist alles was sie hat, auch weil sie immer wieder aktiv dafür sorgt, dass er ohne jedwede Konkurrenz über ihre Zeit verfügen kann. Sie fängt erst ein Stück weit in die Geschichte hinein damit an, eigenständig zu werden.
Joannas Leben wiederum hat überhaupt nichts mit Louis zu tun, ehe sie an einem willkürlichen Punkt in seinen Wahn hineingezogen wird. Deshalb hat sie zwar viel zu erzählen, aber immer nur in Momenten, wenn Louis’ Verhalten einen Anlass dazu gibt.
Bedeutet das, dass ‘Das Kunstwerk’ Louis’ Geschichte ist? Aber für Joanna und Sérafine verändert sich über die Kapitel hinweg genau so viel.
Ach naja, wie auch immer. Die Artikel hab ich jedenfalls jetzt geschrieben und darf mir stolz dafür auf die Schulter klopfen, dass ich das nach dem langen Rant über Coelho noch auf die Reihe gekriegt hab.
Seid gewarnt: Vielleicht sind die Artikel total scheiße und ich bin nur zu weichgekocht, um es zu merken.

Ich hoffe, dieser Post lenkt nicht von meinem ausführlichen Rant über Coelho ab. *rumhack rumhack rumhack*

EDIT: Den Grundriss von Louis’ bescheidener Bleibe hab ich jetzt auch noch gepostet, unter Orte.

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Apr 172012
 

(Zur Abwechslung nochmal ein rein weiblicher Post – in dem ich ordentlich über einen unschuldigen kleinen Bestesellerautor vom Leder ziehe.)

Wups, da war der Server offline und der Post wurde in der Mitte abgeschnitten. Hier ist er in voller Länge:

Ich habe das Buch immer noch nicht zuende gehört, aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger will ich es. Natürlich könnte es sein, dass am Ende die alles rettende Pointe kommt, die Paulo Coelhos Ehre in meinen Augen wiederherstellt. Aber würde ich ihm nach all dem schlechten Schrieb, durch den er mich bisher geschickt hat, die Ehrenrettung gönnen? Oder besser gesagt: Kann es überhaupt eine Pointe geben, die so gut ist, dass sie Veronikas Geschichte den *Entnervt Stöhn*-Faktor nimmt?

Als ich das Buch seinerzeit zum ersten Mal zur Hand nahm, tat ich das, weil mich der Titel ansprach. Jemand will sich umbringen, na das ist doch mal interessant. Ich bin bei dieser ersten Lesung bis zu dem Punkt gekommen, an dem Setka nicht nur am Rande über Astralreisen erzählt, als wären sie ein reales Phänomen, nein, sie hält ein regelrechtes Referat darüber. Der Bullshit hat mir den Spaß verdorben; wobei ‘Spaß’ da sehr relativ ist.
Es gibt vor diesem Faux-pas nämlich noch eine ganze Reihe anderer Probleme mit dem Text, die ich z.T. erst benennen kann, seit ich selber entsprechende Erfahrungen gesammelt habe, sowohl beim Schreiben als auch in Sachen Psychologie. Je benennbarer wurde, was mich an dem Text so nervt, desto stärker wurde auch der Wunsch, das ganze mal aufzuschreiben. Jetzt ist es endlich so weit.

Meine Meinung über ‘Veronika beschließt zu sterben’ von Paulo Coelho, zusammengefasst in neun großen Schnitzern:

Faux-pas #1: Das doppelte Self-Insert

Ich dachte, ich spinne. Sowas erwartet frau nicht außerhalb von Fanfiction.de, und schon gar nicht derart unverblümt. Aber es ist wahr: Paulo Coelho schreibt sich selbst in seine Geschichte hinein und lässt Veronika daran denken, dass sie den Autor mal wo gesehen hat und von seinem Agenten (oder sowas) zum Essen eingeladen wurde.
Sicher, wir alle schreiben uns selbst, schreiben über uns selbst, verraten unser Denken, Wollen, Erleben, Empfinden mit jeder erzählerischen Entscheidung, die wir treffen; aber das ist eine Unvermeidbarkeit, die in der Natur der Beziehung zwischen der Autorin und ihrer Geschichte liegt.
Warum geht jemand den bewussten, vermeidbaren Schritt darüber hinaus? Warum kontaminiert eine Erzählerin die Welt ihrer Charaktere mit ihrer direkten Gegenwart?
Und es ist nicht einmal so, als hinge an diesem Detail der Geschichte irgend etwas. Die mangelnde Bekanntheit Sloveniens hätte Coelho auch anders aufs Tapet bringen können – warum er sie überhaupt aufs Tapet bringt, ist sowieso rätselhaft. Von dem Krieg, den er in die Geschichte einflicht, haben jedenfalls genügend Leute gehört. Ich meine, sogar ich hab davon gehört!

Etwas später tut ers nochmal…

Faux-pas #2: ‘Wie ich von dieser Geschichte erfuhr.’

… und zwar um zu erzählen, wie ‘Paulo Coelho’ (er sagt nicht ‘ich’, er spricht von sich in der dritten Person) von Veronikas Geschichte erfährt.
Oh! Mann! Ich meine, das Buch ist weder vom vorletzten Jahrhundert, noch ist es ein Erstlingswerk. Der Autor ist also ohne jede Entschuldigung für die Verwendung dieses plumpsten und mit Abstand dämlichsten aller Mittel, um einer Geschichte einen Touch von ‘basierend auf realen Tatsachen’ zu geben.
Vorwort, Paulo. Es gibt etwas, das nennt sich ‘Vorwort’, und da hättest du ganz wunderbar und in erster Person Singular davon erzählen können, wie dich deine Eltern dreimal in die Klapse geschoben haben, weil du dringend ‘Künstler’ werden wolltest. Du hättest nicht die Geschichte mit dir selbst kontaminieren müssen, hättest nicht einen völlig deplatzierten Einschub bar jeder inhaltlicher Konsequenz machen müssen… Und wirklich, am Ende darauf hinzuweisen, dass dies die einzige Erwähnung bleiben wird, von Paulo und seiner Freundin, die ebenfalls Veronika heißt, und deren Namen du zu ändern erwägtest blah blah blah, dieser ganze Tanz macht es kein Stück besser. Im Gegenteil. Er zeigt, dass du das Problem gesehen hast, dir aber dachtest, dass es irgendwie pfiffig wäre, alles so drin zu lassen. Aber es ist nicht pfiffig, Paulo, nicht wenn du mich fragst. Es ist plump und überflüssig.

Faux-pas #3: Auktoriale Erzählerin

Ja, die auktoriale Erzählerin hat ihren Platz in der Literatur. Es gibt Geschichten, die profitieren davon, und damals, als auktorial voll in war, wurden sogar ganze Romane verfasst, denen diese Erzählweise Charme und Reiz verleiht.
Aber gut auktorial zu schreiben, ist schwer. Aus dem einfachen Grund, dass diese Erzählhaltung einen dazu verleitet, Abkürzungen zu nehmen und zu behaupten, anstatt zu zeigen. Wo frau in anderer Erzählweise über verschiedene Szenen Eigenschaften ihrer Charaktere etablieren muss, geht sie auktorial einfach in und sagt: “Und genau so war Veronika schon immer.”
Sehen wir noch ein Problem? Oh ja. Auktoriales Erzählen verleitet dazu, die eigenen Charaktere abzuurteilen und ihnen Labels aufzudrücken. Das kann man natürlich auch in den anderen Erzählweisen, aber da braucht es eben mehr als einen kleinen, bei der Überarbeitung leicht zu übersehenden Satz, um die Heldin an ihrer Rolle als ‘passives’ Geschöpf mit ‘weiblicher Natur’ festzunageln (und ja, so onkelhaft und herablassend beschreibt Coelho seine Heldin tatsächlich; als ‘immer schon passiv’ und von ihrer ‘weiblichen Natur’ dazu dispositioniert, lieber Tabletten zu schlucken, als sich mit Kawumm das Hirn wegzupusten – ich meine, ja, er hat anscheinend mal von den Statistiken gehört, die diese Tendenz tatsächlich zeigen, aber es macht einen Unterschied, ob er die Heldin stillschweigend den Zahlen gehorchen lässt, oder ob er herausposaunt, dass sie sich ja nur mit Tabletten den Rest geben will, weil sie eben eine Frau ist, und Frauen sich nunmal mit Tabletten umbringen).

Paulo Coelho ist also der auktorialen Erzählweise definitiv nicht gewachsen. Er haut destruktive Pauschalurteile über seine Charaktere raus, dass es nicht mehr schön ist.
Und wäre es gewollt, vielleicht fände ich es sogar ganz sinnig, aber ich traue ihm nicht zu, dass es gewollt ist, denn die vielen Nebenwirkungen, die der folgende Effekt hat, gehen der Intention zuwider, die ich eigentlich in der Geschichte zu erkennen meine.
Welcher Effekt? Der hier: Als Leserin fühlte ich mich eingespannt in eine Bewertungsmaschine, von außen gelenkt, fremdbestimmt, übergangen, so wie sich zumindest Veronika – nach Behauptung von Coelho, zeigen tut er es ja nicht – in der Welt außerhalb der Klapse fühlt.
Die übelste Nebenwirkung ist, dass die Charaktere nur eine fremdbestimmte, übergestülpte Persönlichkeit und auch Identität haben; Coelho behauptet und erklärt, wie sie sind, und das ist alles, was sie sind. Es kommt kein Eigenleben auf, nichts geschieht aus den Charakteren selbst heraus, weil Coelho alles eigenständige gleich wieder auktorial zu Tode kommentiert und so dem offensichtlichen Konstrukt ‘Veronika’ oder ‘Setka’ einverleibt.

Ich bin der Ansicht, dass Charakteren, damit sie leben können, eine Würde zugestanden werden muss, die Erlaubnis, sich selbst erklären zu dürfen, Deutungshoheit über ihr eigenes Erleben zu behalten. Man muss sie wie reale, vollständige Menschen respektieren, damit sie als solche erscheinen können.
Und auch wenn man sie nackt in ihrer eigenen Kotze liegend zeigt – oder gerade dann – muss man ihnen allein das Wort geben und ihnen gestatten, für sich selbst zu sprechen, anstatt ihnen zuzumuten, auch noch zugunsten des auktorialen Zeige- und Erklärbedürfnisses ihrer eigenen Perspektive entkleidet zu werden.

Coelho hat keinen Respekt vor seinen Charakteren. Nicht vor Veronika, nicht vor Setka, nicht vor Eduard. Er macht sie nicht nur nackig – wie jede Autorin das tut, wenn sie Innenleben darstellt – er nimmt sich dann auch noch einen Zeigestock und stolziert vor ihnen auf und ab, um auf ihre intimsten Anatomien zu deuten und ihre Gefühle in Grund und Boden zu erklären.
Und in welchem Zusammenhang tut er das? Im Zusammenhang mit der versuchten Demonstration einer Hypothese, (die wohlwollend interpretiert besagt), dass Menschen extrem darunter leiden, wenn ihnen von außen ein Leben aufgezwungen wird, das ihnen nicht den Raum gibt, sich selbst zu entfalten.
Coelho tut als Autor seinen Charakteren etwas an, das er der Gesellschaft als zentrale Missetat vorwirft. Das ist bestenfalls ungeschichtes Erzählen; schlimmstenfalls stellt sich Coelho als Schwätzer bloß, der sich mit seiner Psychiatrie à la Coelho (siehe Faux-pas #5) gefällt und gerne darin sonnen würde, wie toll seine selbstgebauten Charaktere doch dem entsprechen, was er unbedingt als Punkt rüberbringen will.

Faux-pas #4: Die Motive der (Möchtegern-)Selbstmörder

Wir erfahren, dass Veronika eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Leben ist, sich aber irgendwie langweilt, weil alles so routinemäßig ist. Außerdem hat sie keine Lust, später mal unglücklich verheiratet zu sein. Überhaupt wäre sie lieber Pianistin geworden, ist aber ‘schon immer’ zu ‘passiv’ gewesen, um etwas anderes zu tun als das, was ihre Mutter ihr rät. Also bringt sie sich um.
What. The. Fuck!?
An dem Punkt dachte ich mir noch ‘Okay, vielleicht hat er es nur blöd erklärt, vielleicht kommt noch irgendwas…’ Irgendwas kam, und es war die – in wirklich unglaublich unglaubwürdig gestellter Sprache als wörtliche Rede erzählte – Geschichte von der Verwandten einer Pflegerin, die sich umgebracht hat, weil sie einfach zu schlaff war, um irgendwas aus ihrem Leben zu machen (als ihr Mann mal fremdgeht, blüht sie kurz auf weil sie da um was kämpfen muss, aber kaum ist er wieder treu, geht ihr die Luft aus und sie vegetiert wieder vor sich hin). Ja, ganz im Ernst. Coelho schreibt eine Person, die aus purer Langeweile und Erschlaffung die extremste Maßnahme ergreift, zu der ein Mensch fähig ist.

Whoah. What??? Ich raffs echt immer noch nicht.
Die einzige logische Erklärung, die mir einfällt: Coelho hat sich seit seinen drei Aufenthalten in der Klapse nie wieder mit Psychologie beschäftigt und zehrt einzig von dem kindlich-naiven Verständnis von Depression und Suizid, das er vor Jahrzehnten mal entwickelt und nie hinterfrag hat.

Alte Schwedin. Mich erstaunt auch der Mangel an Empathie hier. Ich meine, jeder kann verstehen, dass Selbstmord ein extremer Schritt ist. Jeder weiß aus Erfahrung, dass extremen Schritten extreme Erfahrungen und Gefühle vorausgehen. Gut, Langeweile ist für ein Kind sicher eine Grenzerfahrung, aber Paulo Coleho war kein Kind mehr, als er dieses Buch geschrieben hat.

Fürs Protokoll: Leute bringen sich um, weil sie extreme, unerträgliche, nicht linderbar erscheinende psychische oder physische Schmerzen erleiden. Leute bringen sich um, wenn es außer Schmerz nichts mehr auf der Welt zu geben scheint.
Veronika hingegen sinniert während ihres Suizidversuchs über die relative Unbekanntheit Sloveniens und malt sich größenwahnsinnig aus, welchen Eindruck ihr Selbstmord haben wird, wenn man ihn nebst eines Protestschreibens über die relative Unbekanntheit Sloveniens entdecken wird. Es ist – das gebe ich zu – durchaus möglich, dass sich jemand so verhält; aber diese Person leidet dann unter einer ganz krassen Persönlichkeitsstörung, oder wahlweise auch Schizophrenie. Davon deutet Coleho bei Veronika aber nichts an. Er versagt ihr sogar explizit, jemals depressiv gewesen zu sein. Sie bringt sich tatsächlich nur und ausschließlich aus Langeweile bzw. in der Zukunft erwarteter Langeweile und Unzufriedenheit um.

Den Fehler mit Veronikas unpassenden Gedanken bemerkt Coelho sogar; allerdings ist er auch hier anscheined so davon überzeugt, dass das pfiffig ist, dass er sich darauf zurückzieht, nur blöd zu fragen: ‘Sollte sie nicht über etwas anderes nachdenken?’
Paulo, heißer Tip: Wenn du dich sowas fragen musst, ja, sollte sie in der Tat über etwas anderes nachdenken! Markieren, entfernen, neu schreiben. So werden gute Geschichten gemacht.

Faux-pas #5: Schizophrenie à la Coelho

Dieser Punkt stützt meinen Verdacht, dass Coelho das mit der Recherche einfach mal übersprungen hat, weil er dachte, nach drei Aufenthalten in der Klapse wäre er sowas wie ‘vorgebildet’ in Sachen Psychologie.
Wow, irrt er sich da. Schizophrenie beschreibt der gute Mann als einen ‘Rückzug’ in eine ‘Traumwelt’ weil die Realität zu langweilig oder kompliziert ist. Das ist fast schon kriminell falsch.
Ganz im Ernst, Schizophrene haben schon genug mit Stigma zu kämpfen; und dann kommt auch noch dieser Spack von Coelho an und behauptet Schizophrenie wäre so eine Art Schutzreaktion, für die sich die Erkrankten ursprünglich mal bewusst entschieden haben.
Ich fass es nicht!
Schizophrenie ist eine schreckliche Krankheit, die bei 2/3 der Betroffenen unheilbar verläuft und das Gehirn mit jedem Schub mehr zerstört, während die Welt vor den Augen des Patienten langsam in einem undurchschaubaren, oft grauenerregend bedrohlichen Chaos versinkt. Die ‘Traumwelt’ der Schizophrenie ist kein hübscher, sicherer Ort, an den man flüchtet, sondern ein Ort, vor dem man flüchten will. Hat sich mal jemand die Selbstmordrate von Schizophreniekranken angesehen? 10–15 %! So hoch ist auch der Anteil der Menschen, die ihre Anorexie nicht überleben. Und diese Zahl gibt nur die durchgezogenen, geschafften, erfolgreichen Selbstmordversuche wieder; die Leute, die am liebsten tot wären, aber beim Versuch scheitern, sind da noch gar nicht aufgeführt.

Faux-pas #6: Psychiatrie à la Coelho

Auf seinen vage erinnerten Kindheitserlebnissen baut Coelho überhaupt den ganzen Psychiatriebetrieb in Veronikas Klapse auf. Im Großen und Ganzen beschreibt er eine Welt, die von ihrer Bevölkerung her mit einer psychosomatischen Station vergleichbar ist, gemischt mit ein bisschen teilgeschlossener Psychiatrie. In dieser Welt beschwört er nun ein Wunder der sozial entspannten, anarchisch anmutenden Freiheit herauf, in der Menschen so viel glücklicher sind als draußen; ja er behauptet sogar, allein das Betreten der Klinik, das Abfallen der Zwänge, führe schon dazu, dass sich die Patienten besser fühlten.
Bull. Shit.
Das erste, was den meisten passiert, wenn sie eine Klinik betreten, ist der Absturz in ein bedrückendes Loch, bestehend aus der Erkenntnis, dass sie tatsächlich so fertig mit den Nerven und so lebensunfähig geworden sind, dass sie in eine psychiatrische Klinik aufgenommen werden müssen. Sie erkennen: Ich bin wirklich und wahrhaftig psychisch krank; es gibt jetzt keine Möglichkeit mehr, das vor mir selbst zu verblümen oder zu leugnen. Ich bin krank und kann mir selbst nicht mehr helfen.
Das zweite, was den meisten passiert, ist, dass sie durch den Wegfall des äußeren Zwanges, gesunder und leistungsfähiger wirken zu müssen als sie sind, all ihre gespielte Stärke als eben nur gespielt erkennen und sich brutal bewusst werden, wie dreckig es ihnen tatsächlich geht, wie schwach sie sich tatsächlich fühlen, wie sehr sie alles ‘da draußen’ (das die anderen alle mit Links aus dem Ärmel schütteln) tatsächlich überfordert.
Die ersten Tage, manchmal Wochen, in einer Klinik sind oft durch diesen Prozesse bestimmt. Die Erkenntnis, psychisch am Ende zu sein. Niemand fühlt sich da besser oder befreit. Eine psychiatrische Klinik ist kein Ferienressort mit Wasserrutsche, sondern eine Krebsstation für die Psyche.

Und trotz des Wegfalls gewisser äußerer Zwänge (das Funktionieren- und Stark-sein-Müssen) ist eine psychiatrische Klinik keine Welt außerhalb der Welt. Sie ist nichtmal dahingehend verschieden, dass ‘drinnen’ mehr Verständnis für Macken vorherrscht; die Leute, die in eine Psychatrie kommen, sind die gleichen wie die, die weiterhin draußen rumrennen, mit dem kleinen Unterschied, dass es ihnen beschissen genug für eine Einweisung geht.
Das soziale System von ‘draußen’ wird ungefiltert und unhinterfragt nach ‘drinnen’ getragen. Sicher, hier und da ist das mal Thema, hier und da versucht mal jemand eine erste Emanzipation von diesem oder jenem sozialen Zwang, hier und da wird mal groß gejodelt, wieviel verständnisvoller und warmherziger ‘wir’ doch wären, bloß weil ‘wir’ einen Ratsch an der Kappe haben (was eben totaler Bullshit ist; psychische Krankheit verpasst einem keine magischen Fähigkeiten, sie verhilft einem höchstens zu einer eine Spur weniger rudimentären sozialpsychologischen Bildung als sie die Mehrheit genossen hat). Aber das alles bleibt weitgehend oberflächlich. Es findet keine Neudefinition von Gesellschaft statt, es gibt keine neue Charta der Rechte, man ist nicht umgeben von erleuchteten Indira Ghandis, die alle anderen so sein lassen können, wie sie sind.
In der Klinik sitzen genau so viele Spießerinnen, analretentive Selbstzelebranteninnen, Histrionikerinnen und nie erwachsen gewordene Papas-Lieblinge wie draußen. Nur dass sie ‘drinnen’ noch eine Therapeutin haben, die berufswegen verpflichtet ist, ‘auf der Seite der Patientin’ zu stehen, was dem Individuum sicher gut tut, aber der einen oder anderen einen egomanischen Höheflug verpasst, dessen Nachwehen ihrer sozialen Umwelt früher oder später noch ganz fürchterlich auf den femininen Sack gehen werden.

Diese ganze Romantisierung von psychischer Krankheit regt mich echt auf, und das fand ich auch an K-Pax schon zum Kotzen. Dieser Schwachsinn von wegen ‘Verrückte Leute sind so viel klarsichtiger als wir Normalen’. Ihr ‘Gesunden’ verniedlicht und romantisiert Leid. Macht euch das mal bitte klar.
Ich meine, wer käme auf die Idee zu behaupten ‘Krebskranke sind so viel klarsichtiger als Gesunde’ oder ‘Eine HIV-Infektion macht einen so viel verständiger’. Die Geschmacklosigkeit ist offensichtlich; aber sobald es um unsichtbares, psychisches Leid geht, hört der Respekt auf.

Ja, ja, ich versteh schon, ihr wollt euch gerne einbilden, dass ihr auch ‘klarsichtig’ seid, weil ihr bemerkt, dass die Irren ‘klarsichtiger’ sind. Aber Leute. Glaubt mir. Es ist nichts, absolut gar nichts, klarsichtig an psychischer Krankheit. Es ist eher das Gegenteil. Die Sicht von Irren ist versperrt, durch Scheiße aus der Vergangenheit, durch eingeschliffene Denkfehler, durch ein beschädigtes Gehirn, durch unkontrollierbare, unpassende Emotionen, durch das ständige Gefühl des Überlebenskampfes – und das alles gleichzeitig und meistens in der Richtung, in der die eigentlich angenehmen Dinge des Lebens liegen.
Doch nicht nur das: Psychische Krankheit legt einem Fußfesseln an, raubt Energie, beschneidet elementarste Fähigkeiten des Handelns und Erlebens.
Man bezeichnet es ja nicht aus Jux als Krankheit verdammte Scheiße!

Faux-pas #7: Frau muss bloß mal merken, was sie am Leben eigentlich hat

Veronika war so gelangweilt, dass sie sich umbringen wollte. Dann musste sie eine Woche auf den Tod warten und fand – schwupps – die Freude am Leben wieder. Denn Veronika ist ein Wunderwesen, eine Person, die nicht krank ist, sondern wirklich nur gelangweilt und zu dämlich (‘passiv’), um sich in ihrer Freizeit hin und wieder mal an ein Klavier zu setzen.

Ich meine, so in sich ist es schon plausibel. Wer Langeweile und Passivität als einziges Problem hat, dem ist sicher mit ein bisschen Feel-Good Hokuspokus zu helfen.
Aber echte, reale Leute, die sich aus echten, realen Gründen umbringen wollen, haben echte, reale Krankheiten, die sich nicht in Wohlgefallen auflösen, bloß weil frau nochmal Klavier spielt und dann vor Publikum masturbiert. Ja, das passiert in echt so in dem Buch. Und Coelho erwähnt sogar die Kinsey-Studie, war aber zu faul, den Namen nachzuschlagen, weshalb sie nur ‘eine Studie’ bleibt und seine Leser mit dem Gefühl da sitzen, dass sich der Spaßvogel sicher auch das aus den Rippen geschnitten hat.

Und dann kommt der Psychiater zu Wort:

Faux-pas #8: Der Psychiater

Nein, ich will gar nicht darauf eingehen, dass sich der Onkel Psychoter gegen sämtliche seiner Hippokratischen Eide versündigt. Ich will auf die Hypothese von Coelho eingehen, die er dem guten Doktor in den Mund legt.
‘Verbitterung’. Ausgelöst dadurch, dass man lieber exotisch ficken würde, sich aber nicht traut, den Partner drum zu bitten. Wobei sich ‘ficken’ durch jedes beliebige Verb und ‘Partner’ durch jedes beliebige sozial konnotierte Nomen ersetzen kann. Mehr oder weniger. Ich hab keinen Bock, mir für diesen Mist ein anständiges Bild auszudenken.
Jedenfalls hält auch der Psychiater Langeweile und Unerfülltsein irgendwie für den Grund, warum sich viele Leute umbringen.

Hieran nerven mich zwei Punkte.
Erstens: Verbitterung wegen Langeweile? Hat der Mann schonmal jemanden getroffen, der tatsächlich verbittert war? Jemanden wie mich? Langweile macht nicht verbittert. Verreckende Kinder machen verbittert. Im Zusammenhang mit Mari erwähnt Coelho sogar mal welche, aber es würde mich wundern, wenn er sich nach seinem Abgleiten in eine weitere Runde nicht-recherchierter pseudopsychologischer Zerklärungen noch daran erinnern und es wieder aufgreifen würde.
Zweitens: Leute bringen sich auch nicht aus Verbitterung um. Verbitterung ist unangenehm, sie zersetzt die Hoffnung und kompliziert Krankheitsverläufe; aber sie allein verursacht nicht den unerträglichen Schmerz, der für einen Suizid notwendig ist.

Faux-pas #9: Fehler und Widersprüche

Veronika sagt: “Selbstmord verlangt, zuerst an sich und dann an andere zu denken.” Dann erzählt sie lang und breit, wie sie bei ihrer Suizidplanung an das Wohlbefinden ihrer Eltern denk, ihrer Freunde, der Nonnen (bei denen sie ein Zimmer gemietet hat). Die Behauptung, Selbstmord wäre selbstsüchtig, hab ich ja sowieso gefressen; aber immerhin zeigt Coelho hier mal was.

Es wird erzählt, dass Veronika lange und umständlich an der Beschaffung ihrer Schlaftabletten arbeiten musste.
Dann wird erzählt, wie Veronika allein durch fortgesetztes Jammern über Einschlafprobleme mal eben von zwei verschiedenen Freunden jeweils zwei Packungen Schlafmedikation geschenkt bekommt.
Dann wird erzählt, dass sich Veronika über die ständigen Beruhigungsmittel in der Klinik beschwert, da sie doch ‘nie Schlafprobleme hatte’.
Ja wie denn nun? Hat sie das Zeug nun illegal bekommen? Oder ist es ihr in den Schoß gefallen? Oder hat sie gar keine Schlafprobleme? Oder soll etwa fortgesetztes verlogenes Jammern die ‘harte Arbeit’ sein? Und wie krass muss sie gejammert haben, wenn gleich zwei Freunde die Umstände auf sich nehmen, auf legalem oder illegalem Wege Schlaftabletten für sie zu organisieren? Aber vor allem: Wie absolut hilflos muss sie sich ihren Freunden dargestellt haben – oder wie bescheuert müssen sie sein – dass sie Veronika die Beschaffung abgenommen haben, anstatt ihr zu sagen “Dann geh halt und besorg dir Schlaftabletten, Herrgottnochmal, dein Gejammer ist echt nicht mehr auszuhalten!”

Und vögelt sie nun rum oder nicht?

Es gab genau eine Stelle in dem Buch, an der ich das Gefül hatte, dass Coelho mal etwas ordentlich recherchiertes vom Stapel lässt. Und zwar als Setka erzählt, dass sie schönes Wetter nicht mag, weil sie sich dann ausgeschlossen und fehl am Platz fühlt. Ich gehe mal davon aus, dass ihm das jemand erzählt und ihn damit so beeindruckt hat, dass er es sich gemerkt hat.

Zum Abschluss muss ich leider sagen, dass Coelho genau so aussieht wie er in ‘Veronika’ schreibt. Aber 100% genau so. Ich möcht ne Torte nach ihm werfen. Und nach der geschmacklosen Idiotin, die zugestimmt hat, ‘Veronika’ zu verlegen.

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Mrz 312012
 

Hiermit strecke ich jedem die Zunge raus, der jemals zu mir meinte: “Hmm, naaaa, Präsens, das stößt aber doch sicher viele Leser ab.”
Haaaaaaa! Right in the taste buds, Leute!

Und das wars auch schon.

In den nächsten Tagen echauffier ich mich aber nochmal ausgibiger über was. Ich muss es nur erst zuende hören *sfz*

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Mrz 112012
 

Romantisch im Feuerschein. Da Ela auf ihrem Blog einen Artikel über diesen Streifen geschrieben hat, dachte ich mir, mach ich doch auch einen. Hatte ich sowieso machen wollen, dann aber verpeilt.

Spoilers galore ab… jetzt.

3 in 1
Gefallen hat mir an dem Streifen, dass so viele Rätsel bestanden.
1. Wo ist der Held gerade eigentlich?
2. Wie ist er dahin gekommen?
3. Wer hat die Bombe wo platziert?
Die drei Stories laufen parallel ab, haben zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliches Gewicht, das war hübsch abwechslungsreich.
Die ‘große’ Rahmengeschichte fand ich auch nett. Ein halber Marine in einer Box als Weltenretter. Originell. Gestört haben mich aber die unten raushängenden Därme. Kein Medizinier würde das einfach so offen rumliegen lassen; die Gefahr von Austrocknung und Infektion wäre einfach zu groß. Wozu gibt es schließlich skin-grafts, künstliches Gewebe und… Plastikfolie?

Die Tuse
Es gibt natürlich eine Tuse in dem Film. Es gibt immer eine Tuse. Hübsch, charmant, edgy, wir wissen von den ersten 10 Sekunden Dialog an, dass der Held sie am Ende kriegt, auch wenn er zu Anfang vorbildlich auf seine Aufgabe fokussiert bleibt.
Was mich an der Tuse nervt, ist folgendes: Sie steht auf den Kerl, dessen Körper Jack in Besitz genommen hat. Auf den indirekt als langweilig und lahm dargestellten Lehrer; das gesteht sie später. Aber als Jack auftaucht, mit einer völlig anderen Persönlichkeit, da steht die Tuse auf einmal auf ihn. WTF? Wieviel gegensätzlicher können zwei Typen denn sein?

Realismus
Ja, ich weiß schon. Aber hier hats mich wirklich sehr gestört. Wie zur Hölle soll das alles funktionieren? Wie soll man aus den Erinnerungen einer einzigen Person eine ganze Welt rekonstruieren, die Informationen enthält, von denen diese Person überhaupt kein Wissen hatte? Puh-lease! Und Parabolische Gleichungen mit Quantentheorie reichen da nicht als Technobabbel.

Der Bösewicht und die Weltrettung
Wir haben ein bisschen ein Bru-ha in dem Film, weil der Bösewicht kein fernöstlich assoziierter Kerl ist, wie natürlich alle erwarten seit 9/11 (es wird aber doch erstmal noch einer verprügelt), sondern… ein böser Nerd. Ja, Leute, ein käsebleicher, teigiger Kerl, der selber eine Atombombe bauen kann, und das auch tut, weil die Welt so schlecht ist und zerstört werden muss, damit man sie wieder aufbauen kann. Aber klar doch.
Da frage ich mich auch, was der Film uns jetzt sagen will.
“Terroranschläge sind böse”, das ist schonmal klar.
Außerdem: “Einfach aus seinem problematischen Leben in ein anderes rüberspringen, einem toten Geschichtslehrer eine hübsche Tuse abstauben, und schon ‘ist alles wieder gut’”.
Nicht zu vergessen: “Wenn man zig Versuche hat, um ein immerzu identisches Problem zu lösen, sollte man nicht zwischendurch aufgeben”.
Das läuft insgesamt raus auf: “Mit Hightech den Status quo der Welt zu retten und ein ‘glückliches’ Individuum mitten in der globalen Scheiße zu werden, ist viel besser, als die grausame Realität anzuerkennen und den Status quo mit Hightech zu zerstören, um auf den Misstand aufmerksam zu machen und Veränderung zu erzwingen.”
Im Ernst jetzt? Wenn du meinst, Drehbuchautor. Wenn du meinst…
Mich kotzt diese biblische Erzählweise an. Ihr wisst schon, die, in der Hiobs Frau, seine Kinder, seine Sklaven und sein gesamtes Vieh umgebracht werden, ohne dass das irgendwie Eingang in die übergreifende ethische Fragestellung findet. Hier geht es nur und ausschließlich um das Leid und die Interessen der Hauptfigur; alle anderen Charaktere und ihre Schicksale sind lediglich eine Kulisse..

Immer diese letzten Worte
Wenn ich eins hasse, dann die. Immer Klischee. Seufz. Ein Streit zum Abschied, und Sohnemann kann an nichts anderes denken, als an eine Entschuldigung für Daddy. Und dann lernen wir bei dem Telefonat auch noch, dass Daddy Jack ‘nicht genug gezeigt hat’, dass er ihn liebt. Wenn Eltern sowas sagen, bedeutet das im Klartext: ‘Ich hab ihn wie Scheiße behandelt.’ Aber dem sozial stabilisierenden Klischee gehorchend weiß Sohnemann natürlich trotzdem, dass Daddy ihn geliebt hat – nur leider nicht genug, um über seine Gewaltrechtfertigungsstrategien hinwegzukommen und seine eigenen psychischen Probleme zu lösen, anstatt sie an dem Kind auszulassen.
Die angemessene Reaktion von Jack aus meiner Sicht? “Gut, dass ich dem alten Arsch doch noch die Meinung geigen konnte, bevor ich abgetreten bin.” Aber das wäre ja subversiv.

Das ignorierte Opfer + das ziemlich dämliche Ende
Was ist eigentlich mit dem Lehrer? Hm? Der wurde durch Jack ersetzt. Einfach so. Ausgelöscht. Jack hat ein ganzes Leben von einem anderen Menschen übernommen. Was für ein Leben? Das eines Geschichtslehrers. Ist Jack ein Geschichtslehrer? Nein. Einen Job hat er also schonmal nicht mehr, ist nur eine Frage der Zeit. Sein neuer Körper könnte hochtrainiert werden, aber wir wissen alle sehr gut, dass Jack psychisch nicht mehr für den Dienst an der Waffe geeignet ist.
Stattdessen gibt es Therapie für die Posttraumatische Belastungsstörung – falls Jack sich das von seinem Job als Burgerbrater überhaupt leisten kann; in ein Therapieprogramm für Veteranen kommt er jedenfalls nicht rein, als Geschichtslehrer. Die PTBS unseres Helden war so stark symptomatisch, dass sie unseren Jack in den Selbstmord getrieben hat… der sich dann aber zum ‘Neuanfang’ entwickelt. Wer nur ein bisschen über Depression und PTBS weiß, fasst sich hier – wie oben bereits angedeutet – seufzend an den Kopf. Neuanfang. Ja aber klar doch… Also muss er seiner Tuse neben seinem urplötzlichen Persönlichkeits- und Kompetenzprofilwandel auch noch all seine urplötzlich auftauchenden Symptome erklären – falls die Tuse überhaupt Lust auf den ganzen Ärger hat, der mit PTBS einher geht.
Und wird er dann überhaupt noch Lust auf die Tuse haben? Er kennt sie ja erst seit insgesamt vielleicht 60 Minuten, während denen er nicht gerade sonderlich inhaltsvolle Gespräche mit ihr geführt hat. Und die radikale Ehrlichkeit, die ihn so charmiert hat, wird als Basis für eine langfristige Beziehung kaum ausreichen.
Wird sie ihn vor dem Jobproblem retten, indem sie ihn mit nach Indien schleppt? Psychisch krank ist er dann immer noch, und weiter weg von einer Therapie als je zuvor.
Aber trotzdem ist alles gut (sagt Jack).
Außer für den Lehrer. Der ist nämlich als einziger wirklich bei dem Bombenanschlag draufgegangen, und niemand nimmt es auch nur zur Kenntnis.

Das wäre soweit alles, was ich noch so an Kritikpunkten im Gedächtnis habe.

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Mrz 082012
 

Es ist viel passiert, seit Mädchen und Frauen das Eigentum ihrer Väter/Brüder/Ehemänner waren.

Aber solange es noch als degradierend erlebt wird, wenn ein Mann etwas ‘typisch weibliches’ tut, zugleich aber positiv verstärkt wird, wenn eine Frau etwas ‘typisch männliches’ macht, haben wir noch immer Patriarchat und Sexismus in Europa.

Und von den Zuständen, unter denen Mädchen und Frauen in anderen Regionen dieser Welt leben müssen (wie war das mit dem Eigentum?), will ich gar nicht anfangen.

Es bleibt weiterhin wichtig, sich dagegen zu wehren, dass Menschen auf Grund ihrer Genitalien auf ein bestimmtes Set von Verhaltensweisen beschränkt werden. Das gilt für alle Geschlechter und Gender, weiblich, männlich, intersex, cis, trans, queer. Jeder Mensch verdient die Freiheit, die eigene geschlechtliche Identität zu definieren und zu leben, ohne Angst vor Ablehnung, Ausgrenzung und Gewalt.

EDIT: Oh, außerdem… Wie verhindert man am besten Vergewaltigung? … Na? … Indem man nicht vergewaltigt!
Also, Männer, solltet ihr das Bedürfnis fühlen, mit einer Frau intim zu werden, und sie sagt “Nein” oder ist zu betrunken, um sich zu äußern? Habt keinen Sex mit ihr! Egal ob ihr Rock sooo kurz ist, egal ob ihr Ausschnitt bis zum Bauchnabel geht (die meisten Frauen werden in Jeans und Pullover vergewaltigt, nur so nebenbei bemerkt…), habt einfach keinen Sex mit ihr. Lasst die Hose an, geht nach hause und wichst euch stattdessen eins. Schon habt ihr ganz alleine und Kraft eures blanken Willens eine Vergewaltigung verhindert und könnt euch stolz auf die Schulter klopfen.

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