Jean-Jacques Rousseau: Emile, oder Über die Erziehung

Ich gestehe, ich stehe auf Rousseau. Er ist ein bloßer Theoretiker, ja, aber was er sich so zusammentheoretisiert, ist einfach schön. So voller Humanismus und Philanthropie. Man könnte fast meinen, er wäre behütet aufgewachsen.

Als Teil meiner Vorbereitung für die Abschlussklausur in Pädagogik habe ich drei kurze Essays geschrieben, die verschiedene Aspekte von Rousseaus ‚Emile‘ zusammenfassend darstellen.

Emile oder Über die Erziehung: Überblick

Rousseaus ‚Emil‘ ist der Entwurf einer Erziehungsutopie, an der die Methoden, Grundsätze und Erkenntnisse erläutert werden, die einen Erzieher bei seiner Arbeit der Meinung des Autors nach leiten sollten. Idealerweise sei die Person des Erziehers bei Knaben mit der des Kindsvaters identisch, die Erziehung der Mädchen solle Aufgabe der Mutter sein; für Knaben solle sie nur während der Säuglingszeit zuständig sein. Ziel der Erziehung sei es, die menschliche Natur des Kindes unverdorben zur Reife kommen zu lassen.

In der Früherziehung sieht Rousseau gesunde Ernährung, einfaches Spielzeug, körperliche Abhärtung und erzieherische Konsequenz vor. Er erkennt den Mechanismus der operanten Konditionierung als Gefahr für explizite Erziehungsziele – auch wenn er ihn nicht benennt und in seiner Wirkung häufig überschätzt. So solle ein Kind nur getröstet werden, wenn es tatsächlich aus Bedrängnis weine und die Möglichkeit bestehe, seinen Schmerz zu lindern; alles andere lehre es nur, zu weinen um Aufmerksamkeit zu bekommen. Die emotionale Bindung von Erzieher und Zögling basiert in Rousseaus Vorstellung auf einer Mischung aus Gewöhnung, erlerntem Vertrauen, Anhänglichkeit und – ab dem Jugendalter – Dankbarkeit, sowie emotionaler Erpressung von Seiten des Erziehers.

Rousseau betrachtet die Kindheit als wertvolle Lebensphase, die angesichts der hohen Kindersterblichkeit seiner Zeit nicht durch Zwang und Vorsorge für ein vielleicht gar nicht eintretendes Erwachsenenalter verdorben werden solle. Alle Lehre solle sich aus dem Moment heraus ergeben und der aus Neugier oder Notwendigkeit resultierenden intrinsischen Motivation des Kindes folgen. Dem Erzieher komme die Aufgabe zu, ein geeignetes Umfeld zu konstruieren und gegebenenfalls zum Eintreten von erwünschten Notwendigkeiten beizutragen.
Neben dem Wert der Kindheit erkennt Rousseau auch die Verschiedenheit des Denkens, sowie der Wahrnehmungs- und Verstehenskapazitäten von Kindern im Vergleich mit der Erwachsener, sowie deren Wandel im Gefolge der organischen Reifung; damit greift er Piaget vor. Auch die später von Kohlberg gewonnenen Erkenntnisse über die Entwicklung von Moral deuten sich in Rousseaus Schrift bereits an. Der Erzieher solle sich der Möglichkeiten und Grenzen des kindlichen Geistes stets bewusst bleiben und seine Erklärungen an das Niveau seines Zöglings anpassen. Auch solle er lieber einen Irrtum zulassen, den er später von einer Erfahrung des Kindes aufklären lässt, als dem Kind eine Erklärung zu geben, die sein Fassungsvermögen übersteigt. Die Absicht dahinter ist, zu verhindern, dass sich das Kind daran gewöhnt, Wortergüsse zu tolerieren, die aus seiner Sicht keinen Sinn ergeben. Die ganze intellektuelle Erziehung in ‚Emil‘ soll autonomes Denken, eine kritische Haltung, sowie die Erfahrung ermöglichen, dass jeder Sachverhalt erklär- und verstehbar ist, solange man sich nur damit beschäftigt und eine taugliche Methodik, sowie das eigene Vorwissen anwendet. Regeln und Instrumente (z.B. der Geometrie) sollen von dem Kind selbst entdeckt bzw. erfunden werden. In der Bildung komme es nicht auf die Quantität, sondern die Qualität an; wer wisse, wie man lernt, könne alles lernen, sollte es notwendig werden. Ein Kind auswendig gelerntes hersagen zu lassen, diene nur dazu, Eltern und Lehrer gut aussehen zu lassen. Der intelligente Eindruck, den das Kind dabei mache, sei nur Schein; es habe keinen Nutzen aus seiner Erziehung ziehen können.
Neben dem grundlegenden Wissens- und Methodenerwerb stellt die Entwicklung der Sinne, des Körpergefühls und der realistischen Einordnung der eigenen Körperdimensionen in den Kontext der Welt ein wichtiges Erziehungsziel in der Zeit der Kindheit dar.

Mit Beginn des Jugendalters ersetzt in Rousseaus Erziehung der Begriff der Nützlichkeit den zuvor für viele Lernanreize zuständigen Begriff der Notwendigkeit. Zur Verinnerlichung des neuen Begriffs orientiert sich der Autor an Defoes Robinson Crusoe. Desweiteren wird der Eintritt des Zöglings in die Gesellschaft vorbereitet, indem ihm die dort wichtigen Phänomene – z.B. Handel mit Geld – erklärt werden. Hier sieht Rousseau es als wichtig an, das Kind durch Anstoßfragen zum Hinterfragen gesellschaftlicher Angelegenheiten anzuregen, um so zu verhindern, dass es deren Verlockungen erliegt. Insgeheim vom Zögling gezogenen Schlüsse sind vom Erzieher so gut wie möglich zu überwachen, um die nun erwachende Urteilsfähigkeit des Zöglings formen zu können.
Rousseau sieht außerdem vor, dass das Kind unabhängig vom Stand ein Handwerk erlernt. Dies soll es 1. unabhängig von der Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung machen, ihm 2. ermöglichen, sich seinen Platz in der Gesellschaft seiner Natur gemäß zu suchen und 3. dafür sorgen, dass der Zögling den wahren Wert materieller Güter und menschlicher Leistungen zu beurteilen lernt.

Die Reifezeit – Pubertät – wird von Rousseau als gefährliche Phase beschrieben. Das Erwachen der Leidenschaften sei durch angemessene Ablenkung so lange wie möglich herauszuzögern, und die beginnende Liebesfähigkeit in Richtung einer sanften, mitleidsvollen Menschenliebe zu lenken. Mit der Fähigkeit zur Empathie gewinne das Verhalten des Zöglings einen moralischen Wert, was ihn zum wahrhaften Menschen mache. Trotz ihres unsteten Gemüts sieht Rousseau Jugendliche als gütigste, großherzigste und liebenswürdigste Menschen an; alle schlechten Eigenschaften gewöhnlicher Jugendlicher seien auf den verderblichen Einfluss der Gesellschaft zurückzuführen.
Das Thema der Sexualität sei vor dem Zögling mit klaren, nüchternen Begriffen zu behandeln, da Euphemismen und Geheimnistuerei nur die Neugier wecken und die Phantasie beflügeln, aus der wiederum die sexuelle Leidenschaft resultiere.
Der Kontakt mit der Gesellschaft solle stets von Analyse und Urteil begleitet sein, was beim Zögling idealerweise zu einem mit Abscheu gemischten Mitleid für die vergesellschaftete Menschheit führe.

Mit Beginn des Mannesalters wandelt sich die Erzieher-Zögling-Beziehung zu einer Freundschaft, in der der Erzieher jedoch dominant bleiben solle. Durch geschickte Manipulation sei der Zögling dazu zu bewegen, sich ganz dem Gutdünken seines Erziehers zu unterwerfen, damit dieser ihn an der emotionalen Kette von den Irrwegen der Gesellschaft fernhalten könne. Das Band sei mit emotionaler Erpressung – dein Scheitern wird das Kreuz meiner alten Tage, ich will doch nur dein Bestes – zu verstärken.
Fleischliche Begierden des Zöglings seien mit harter körperlicher Arbeit zu dämpfen, oder geschickt auf ein phantasiertes Idealbild einer perfekten Frau – „Sophie ist nicht sauber, sondern rein.“ – mit perfekten Fehlerlein zu lenken. Der Zögling werde sich dank seines Ideals von unpassenden, liederlichen Frauen abwenden.

Die Erziehung von Mädchen setzt Rousseau auf das gleiche methodische Fundament wie das der Knaben. Inhaltlich sieht er jedoch Unterschiede vor, die er als naturgemäß beschreibt, da sie der notwendigen Rolle der Frau in der Gesellschaft entsprechen. Diese bestehe in Unterwerfung unter den Mann, Tugendhaftigkeit, Geduld, Zärtlichkeit, dem Ablesen von Wünschen von den Augen anderer, ständige Verfügbarkeit für Arbeiten im Haushalt, das Zeigen eines angenehmen Äußeren, sowie die Fähigkeit zu angenehmer, heiterer Unterhaltung. Trotz ihrer Unterwerfung herrsche die Frau aber über den Mann, da sie ihn mit Witz, Charme, List und gezielt eingesetzter Zuwendung nach ihrem Willen manipulieren und lenken könne. Als liberal in Genderfragen ist Rousseau – vor dem Hintergrund seiner Zeit – weiterhin anzusehen, da er die spezifischen Talente der Frauen als denen der Männer gleichwertig ansieht und sie zum Kern der glücklichen Familie – die wiederum eine glückliche Gesellschaft hervorbringt – erklärt. Den Verstand der Frau sieht er auch als von dem des Mannes verschieden an, jedoch nicht in Bezug auf seine gesamte Leistungsfähigkeit, sondern nur auf die Lagerung seiner spezifischen Stärken und Schwächen. Rousseau besteht darauf, dass Frauen von Männern abhängiger sind als umgekehrt, nichtsdestotrotz ist die Abhängigkeit gegenseitig, da die jeweiligen Fähigkeiten des einen die Fähigkeiten des anderen ergänzen.
Sehr fortschrittlich ist seine Einstellung, dass eine Frau ihr Recht auf sexuelle Selbstbestimmung nicht mit dem Eheversprechen aufgibt; damit setzt er konsequent die Tugendhaftigkeits- und Keuschheitserziehung von Knaben und Mädchen fort, die den ehelichen Verkehr als unantastbare, stark emotional gefärbte Institution beschreibt, um zu verhindern, dass sich die Zöglinge für Sex mit irgendwem hergeben.

Zu kritisieren ist Rousseaus Ansatz vor allem aufgrund des häufigen Einsatzes von Manipulation und emotionaler Erpressung zur Lenkung anderer Menschen. Auch sieht er trotz seiner Betonung von Autonomie und Selbstbestimmung eine vollständige Überformung der Moral des Zöglings mit den Moralvorstellungen des Erziehers vor. Desweiteren betrachtet er es nicht als ethisch verwerflich, auch die Vorstellung des Zöglings von seiner zukünftigen Ehepartnerin aktiv zu bestimmen – womit er evtl. die Wirksamkeit erzieherlicher Schwärmereien überschätzt; auch ist dieser Zug in der Zeit der Vernunftehen möglicherweise als Schadensbegrenzung für das Eheleben des Zöglings gedacht.

Emile: Mensch und Gesellschaft

Rousseaus Anthropologie zeichnet sich durch eine Ambivalenz aus, die nicht nur seine Beschreibung menschlichen Verhaltens, sondern auch seine Darstellung menschlicher Interaktion, der Genese und Aufrechterhaltung gesellschaftlicher Strukturen und natürlich der Erziehung des Menschen durchzieht.

Alles ist von Natur aus gut – so Rousseau – erst durch die Reaktion des Menschen kann ein gutes (oder präziser: nicht böses, nicht destruktives) natürliches Phänomen korrumpiert werden. Der Mensch steht damit in gewisser Weise außerhalb der Natur, da er etwas generieren kann, das der Natur an sich fremd ist. So ist ein Kind, das schreit, um etwas zu bekommen, in Rousseaus Augen nicht tyrannisch, solange kein Erwachsener das Schreien in einen Befehl verwandelt, indem es ihm Folge leistet, anstatt dem Kind dabei zu helfen, sich selbst zu helfen. Macht will nur der, der sie nötig hat, um durch Befehlsgewalt über die Kräfte anderer seine eigenen Schwächen auszugleichen. Erziehung zur Selbständigkeit wird damit zur fundamentalen Voraussetzung für eine Welt, in der alle Menschen – im Rahmen ihrer stereotypen Geschlechterrollen – sozial gleichberechtigt sind (in der also keine Hierarchie von Machthabern und Untergebenen besteht). Das erlegt allen Erziehern eine Verantwortung auf, die über das Wohl eines individuellen Zöglings weit hinausgeht, und in der Konsequenz sind die gesellschaftlichen Zustände, die Rousseau und auch viele seiner Zeitgenossen beklagen, nicht der schlimmen neuen Generation zuzuschreiben, sondern denen, die bei der Erziehung dieser Generation versagt haben.
Seine Betrachtungs- und Interpretationsweise ist dahingehend bemerkenswert, dass er zwar die Freiheit als definierende Eigenschaft des Menschen versteht, zugleich aber auch deren psychologische und kognitive Bedingtheit erkennt und von dort den Bogen zurück in den Bereich von Moral und Verantwortlichkeit schlägt. Wenn also ein Jugendlicher unerwünschtes Verhalten an den Tag legt, so ist er für dieses Verhalten nicht allein verantwortlich; ein Teil der Verantwortung fällt seinen Erziehern zu, die durch die Formung seines Denkens und seiner Persönlichkeit einen Rahmen geschaffen haben, innerhalb dessen er seine menschliche Freiheit durch Entscheidungen verwirklichen kann.

Das Ungleichgewicht von Kräften und Bedürfnissen, das laut Rousseau dazu führt, dass Kinder auf die Hilfe Erwachsener angewiesen sind, und das sich nur während der kurzen Jugendzeit zugunsten der Kräfte umkehrt, ist die Grundlage jeder Gesellschaft. Und obwohl es bei falschem Management ein unschuldiges Kind in einen Tyrannen verwandeln kann, ist es an sich von Natur aus genau so wenig schlecht wie das Kind.
Auch die natürliche Gesellschaft, die sich formiert, wenn sich Menschen zusammenschließen, um durch Arbeits- bzw. Aufgabenteilung in einem gegenseitigen Tauschhandel die Schwächen des jeweils anderen auszugleichen und einander ein Leben in Ruhe und relativem Wohlstand zu ermöglichen, ist eine gute und notwendige Einrichtung. Erst wenn Einzelne ihre Schwächen überkompensieren oder sich von korrumpierten Leidenschaften hinreißen lassen, entartet die Gesellschaft und verwandelt sich von einer einvernehmlichen Gemeinschaftsaktion in ein Ränkespiel, in dem jeder nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist.

Die Leidenschaft, von der Rousseau hier spricht, ist in ihrer Urform – der Selbstliebe – das Streben nach Selbsterhaltung. Auf die Selbstliebe gründet sich jede andere Liebe, da diese vom Menschen denen gegenüber empfunden wird, die (absichtlich) durch Taten zu seinem Wohlergehen beitragen. Aus der instinktiven Bevorzugung angenehmer Dinge wird im Laufe der Kindheit und Jugend eine rationale Zuneigung zu dem, was nützlich ist, und schließlich eine emotionale Bindung an diejenigen, die einem helfen, eigene selbst-liebende Bedürfnisse zu befriedigen.
Der einfachste Weg der selbsterhaltenden Bedürfnisbefriedigung darf für ein Kind jedoch niemals in der Delegation der damit verbundenen Arbeit an andere bestehen. Auch muss ein Kind die Unterscheidung von tatsächlichen Bedürfnissen und nur aus einer Laune erwachsenden Wünschen erlernen. Verwechselt es nämlich beides miteinander, erscheint ihm das Missverhältnis zwischen seinen Bedürfnissen und Kräften noch ungünstiger, als es tatsächlich ist. Außerdem erlernt das Kind eine mit den unabänderlichen Fakten des Lebens unvereinbare Erwartungshaltung, wenn ihm über längere Zeit hinweg kein Wunsch versagt bleibt. Soll es dann eines Tages auf eigenen Füßen stehen, ist es nicht nur unfähig, für die Befriedigung seiner Bedürfnisse zu sorgen, es trifft auch noch auf Unverständnis, wenn es nebensächliche Wünsche wie überlebensnotwendige Bedürfnisse erlebt. Aus diesem Gefühl der Machtlosigkeit erwachsen weitere, destruktive Leidenschaften, die das ohnehin schon tyrannische Geschöpf zu einem noch unangenehmeren Zeitgenossen machen.

Das Gefühl, bzw. die Angst davor, unterlegen und damit machtlos zu sein, sowie das Bedürfnis, die eigene Liebe erwidert zu sehen, diagnostiziert Rousseau als weitere Ursachen für die Entartung der menschlichen Gesellschaft. Beides führt dazu, dass sich ein Mensch mit anderen vergleicht, dass er wetteifert, rivalisiert und sich um die Anerkennung anderer bemüht. Dadurch macht er sich unreflektiert von der Meinung anderer abhängig, gestaltet sein Leben und Verhalten nach den Maßstäben von Fremden aus und sieht, ja erlebt sich selbst schließlich nur noch durch die Wahrnehmung anderer. Mit und mit entfremdet sich der Mensch sich selbst. Er verliert seine Identität an die abschätzige Masse und beginnt die sozusagen leere Hülle seiner Persönlichkeit zu verachten.
Selbsthass und Überdruss werden laut Rousseau leicht mit sorgloser, lebensfroher Feierstimmung verwechselt, doch im Kern seien sie Ausdruck von selbstzerstörerischer Oberflächlichkeit. Hier wird seiner Ansicht nach auch die Wurzel von Moden liegen, die objektiv betrachtet die (Gender)Identität und Menschlichkeit der sie betreibenden Personen entwürdigt.

Schlussendlich stellt Erziehung in Rousseaus Emile das Fundament dar, auf dem der Mensch entweder als sorgfältig reguliertes und gelenktes natürliches Wesen heranwächst, oder sein Glück und seine Identität im Wildwuchs der Leidenschaften verliert.

Emile: Mittel, Methoden und Ziele

Rousseau entwirft in seinem Emile eine Utopie der ‚Erziehung zum Menschen‘. Dies bedeutet basierend auf seiner Anthropologie, dass Erziehung den Menschen zur Freiheit befähigen soll. Der primäre Fokus liegt dabei auf der intellektuellen Unabhängigkeit, an die der Zögling stets auf dem Niveau seiner aktuellen kognitiven Fähigkeiten herangeführt wird.

Rousseau betont in diesem Zusammenhang immer wieder, dass dem Kind auf keinen Fall ‚versehentlich‘ (Stichwort ‚heimlicher Lerhplan‘) beigebracht werden soll, die Antworten einer Person zu akzeptieren, wenn sie sein Begriffsvermögen übersteigen. Auf diese Weise soll verhindert werden, dass das Kind denen Autorität zuschreibt, die es schwindelig reden können. Einzig Reden, deren Inhalt sich dem Kind erschließt, und die es folglich überprüfen und auch beurteilen kann, soll es über sich ergehen lassen. Desweiteren bemerkt Rousseau an, dass es einem Kind nichts nutzt, klug klingende Phrasen auswendig zu lernen und auf Kommando wiedergeben zu können. Dies stelle einen Missbrauch von Kindern zu Unterhaltungszwecken bzw. als Prestigeobjekt dar. Erziehung solle sich aber an das Kind wenden und nicht an die erwachsene Gesellschaft.

Neben dieser Aufforderung zur Unterlassung weist Rousseau den Erzieher an, jedes neue Wissen mit dem Kind zusammen zu erarbeiten. Der Nutzen dieser Vorgehensweise für das Kind liegt zum Einen darin, dass es auf diese Weise nur Dinge lernt, die es wirklich und wahrhaftig von Grund auf verstanden und verinnerlicht hat. Zum Anderen erlebt das Kind so immer wieder, dass es seine Fragen selbst beantworten kann, wenn es einer systematischen, methodischen Vorgehensweise folgt und auf sein bereits gesammeltes Vorwissen aufbaut. Das daraus erwachsende intellektuelle Selbstbewusstsein ist ein weiterer immunisierender Faktor gegen Autoritätshörigkeit und somit ein wichtiges Fundament bleibender intellektueller Unabhängigkeit.
Um das noch in der Entwicklung befindliche kindliche Selbstbewusstsein nicht zu verletzen, ist es laut Rousseau wichtig, dass Erwachsene niemals über die Naivität von Kindern lachen, sie damit beschämen und davon abhalten, Fragen zu stellen oder ihre Erzieher an ihrer Weltsicht und Denkungsweise teilhaben zu lassen. Auch weist er darauf hin, dass Denkfehler der Kinder nicht einfach vom Erzieher bloßgestellt und korrigiert werden sollen. Vielmehr soll der Erzieher es so einrichten, dass das Kind die Gelegenheit bekommt, auf seinen Fehler aufmerksam zu werden und ihn eigenständig zu korrigieren. Das Kind lernt so, dass es fehlbar ist, ohne dass ihm die Erkenntnis von einer scheinbar allwissenden Autorität aufgezwungen wird.

Indem der Zögling weniger mit Inhalten und mehr mit dem Rüstzeug ausgestattet wird, sich selbständig Inhalte zu erarbeiten, sollte es nötig werden, bedeutet Rousseaus Bildung ein Heranbilden von Bildungsfähigkeit und Interesse. Intellektuelle Unabhängigkeit ist dabei nicht sein einziger Hintergedanke: Auch von der Gesellschaft und ihrer Struktur soll der Zögling so weit wie möglich unabhängig gemacht werden.
Dies zum Einen, da Rousseau feststellt, dass es schwer vorherzusagen ist, ob ein Kind tatsächlich mit dem Beruf und in dem Stand seines Vaters zufrieden sein wird, zum Anderen weil zur Zeit der Entstehung von ‚Emile‘ Revolution in der Luft lag und Rousseau nicht nur diese zeitnächste, sondern auch die späteren vorherahnte. Ein universell zum Lernen befähigter Mensch kann sich in jeder Lebenssituation einrichten, während einer, der für den Adelsstand erzogen wurde völlig aufgeschmissen wäre, sollte plötzlich ein kommunistischer Bauernstaat über ihn hereinbrechen.

Ganz im Sinne der Erziehung zur Freiheit soll der Erzieher in Rousseaus Utopie die Gestaltung des Tages ganz vom Interesse und der intrinsischen Motivation des Zöglings abhängig machen. Es geht ihm darum, dem Kind Erfahrungen und Erkenntnisse zu ermöglichen. Da dies nicht gegen den Willen des Zöglings geschehen kann und Zwang sehr häufig Reaktanz in Verhalten und Affekt erzeugt, bleibt dem Erzieher nichts anderes übrig, als sich den unabänderlichen Notwendigkeiten zu fügen.
Allerdings bedeutet dies nicht, dass dem Kind tatsächlich die Kontrolle über seine Erfahrungen überlassen wird. Es verlangt lediglich vom Erzieher, dass er das Kind in dem Glauben lässt, es gehe nach seinem Willen, während er es in Wirklichkeit durch geschickte Manipulation lenkt. Die Mittel hierzu sind vielgestaltig:
Zum Beispiel kann der Erzieher die Umwelt des Kindes so gestalten, dass sich diesem darin nur Handlungsmöglichkeiten eröffnen, die ihm auch erlaubt sind (auf diese Weise kann auch verhindert werden, dass dem Kind ein Verbot erteilt werden muss, was laut Tousseau unweigerlich einen Machtkampf zwischen Kind und Erzieher nach sich ziehen würde). Auch entwirft Rousseau im ‚Emile‘ mehrere Beispiele dafür, wie soziale Situationen inszeniert werden können, um dem Kind die eine oder andere moralische Lektion zu erteilen.
Hier liegt der größte ethische Schwachpunkt von Rousseaus ansonsten sehr annehmbaren Erziehungsentwurf: Die Inszenierung der Welt bedeutet letztendlich, das Kind zu belügen und es nicht in der wahren Realität, sondern in einer moralisch zurechtkastrierten Version der Wirklichkeit aufwachsen zu lassen.

Bei der Moral hört in Rousseaus Utopie die Freiheit auf. Das nicht aus Gründen, die allein in der Moral liegen, sondern aufgrund der emotionalen Komponente, die Moral seiner Ansicht nach hat. Selbständigkeit ist für Rousseau sozusagen nur da möglich, nützlich und erwünscht, wo es sich um objektivierbare Fragestellungen handelt, deren Antworten auf Logik und beobachtbaren Phänomenen basieren. Über eine solche Komponente verfügt seine Definition von Moral zwar auch, aber die Lebensphase, in der die Moral ihre Komponente von Menschlichkeit und Mitgefühl erzählt, ist auch die Phase, in der der Zögling pubertätsbedingt seine Leidenschaften zu entfalten beginnt. Entsprechend machtvoll ist der Einfluss, den alles Emotionale in dieser Zeit auf den Zögling hat.

Dennoch betrachtet Rousseau Gefühle auch in dieser Zeit nicht per se als Gefahr für die Erziehungsunternehmung. Vielmehr identifiziert er sie als weiteres, mächtiges Instrument zu Lenkung des Zöglings. Durch geschickte emotionale Manipulation und Erpressung kann der Erzieher das Kind an sich binden und zu einem aufopferungsvollen Gehorsam bewegen, der auf andere Weise nicht zu erreichen wäre.