Der ätzendste Moment im Leben einer Schriftstellerin…

/ November 19, 2011/ InspirationsHandwerk, Schreibtips/ 0Kommentare

Ein sehr prosaisches Foto von einem Paar Schuhe, das aus Kot unbekannter Herkunft besteht. Nur die Schnürsenkel sind nicht aus Kot. Aber der Rest der Schuhe. Reiner Kot.… ist dieser Moment, in dem sie einen etwas älteren (in meinem Fall vier Jahre) Text ansieht und dabei gleichzeitig:
1. denkt: „Omg, das ist so viel besser geschrieben als ich in Erinnerung hatte! Alter, das ist stellenweise richtig gut! Ist das wirklich von mir??“
2. so viele gravierende Macken und Erzählfehler findet, dass sie weiß, sie wird den kompletten Text überholen und dabei höllisch aufpassen müssen, dass sie die guten Stellen nicht aus Versehen kaputtmacht.

Was denkt die Schriftstellerin dann? Sie denkt: „Hört das denn nie auf? Ich meine, Kleinigkeiten, okay. Hier mal ne krumme Formulierung, da mal ein Patzer, sowas wird man schlicht nicht los, aber diese systematischen Fehler, die wie Fußabdrücke aus Hundekot über den Berberteppich der Erzählung verteilt sind… wieviele Sorten von denen kann es überhaupt geben?? Und warum muss ich alle, wirklich restlos alle davon machen?“
Und dann hockt sie da und schmollt und fühlt sich überfordert und ganz allgemein vom Leben schlecht behandelt.

„Aber ein paar Stellen sind schon echt geil…“ flüstert plötzlich ein Stimmchen.
„Ja, schon.“ seufzt die Schriftstellerin.
„So richtig geil.“
„Jaha. Und?!“
„Das braucht bloß ein bisschen Überarbeitung.“ lockt das Stimmchen. „Komm schon. Du hast es so weit geschafft.“
„Das stimmt doch gar nicht. Meine Texte waren schon immer irgendwie geil und gleichzeitig voller Hundekot.“ widerspricht die Schriftstellerin.
„Ja, irgendwie geil. Aber jetzt sind sie richtig geil. Hast du selber gesagt.“ So nörgelt das Stimmchen tagelang weiter, bis es der Schriftstellerin alle Zweifel ausgeredet hat und sie sich wieder voller Zuversicht an die Verbesserung ihrer Fertigkeiten macht.
Dann ist alles wieder gut. Vorerst. *Gesicht von unten mit Taschenlampe anleucht und mit wilden Augen in die Runde blick*
Denn der nächste ätzendste Moment im Leben einer Schriftstellerin lauert schon irgendwo in einer alten Geschichte, die sie früher oder später wieder in die Hand nehmen wird, um sie auszuarbeiten…

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