PdS 09: Anjali – vom Klischee zum Charakter

/ Mai 18, 2014/ Alle Posts mit Feminismus, Das Prinzip der Schönheit, Meine Schreibe und ich/ 0Kommentare

Anjali – in der Urfassung hieß sie noch Nalini1 – hat als Funktionscharakter angefangen. Denn irgendwie musste es sich ereignen, dass Louis/der Maler
1. begreift, dass er seinerzeit Spoiler Spoiler Spoiler und
2. eine intensive Ehrfurcht vor jedweder weiblich identifizierten Person entwickelt.

Folglich hatte sie auch all die typischen Funktionscharakterprobleme, die ich hier mal kurz aufzählen möchte:

1. Sie hatte kein Leben und keine Interessen außerhalb ihrer Funktion in der Geschichte.
2. Sie hatte keine Eigenschaften, die nichts mit ihrer Funktion zu tun haben.
3. Ihre Persönlichkeit basierte auf einem unreflektierten Klischee.
4. Die Beziehung zu Louis, die ihrer Funktion zugrundeliegt, wurde nie angebahnt, entwickelt oder auch nur erklärt.
5. Ihre Beziehung zu Louis, hatte über die Funktion hinaus keine Relevanz, weder für sie selbst, noch für ihn.

Dass Funktionscharaktere problematisch sind, war mir bekannt, aber mir war lange nicht klar, dass Anjali einer war (ich weiß, ich weiß *sfz*).
Dann fiel mir eines Tages auf, dass Louis keinen Grund hat, sich einer Schaustellergruppe anzuschließen, eher im Gegenteil, und dass diese Episode eigentlich nur stattfindet, weil sie zum klassischen Phantom-der-Oper-Ereignisfundus gehört. Mist! Und während ich so darüber nachdachte, wie ich die Sache retten könnte, bemerkte ich, dass es auch für Anjali nicht den geringsten Grund gibt, irgend etwas mit Louis zu tun haben zu wollen. Doppelmist!

Für Louis fand ich schnell eine Lösung2, aber für Anjali? Während ich über sie nachdachte, wurde mir immer peinlicher zumute, weil sie wirklich sehr sehr weit unter Niveau war und ich nicht nur so viel Potenzial ungenutzt gelassen, sondern auch mit richtig beschissenen Ideen verschwendet hatte.

Hier eine kurze Beschreibung der Katastrophe:
Anjali war eine krude Abwandlung der Khanum3 aus Susan Kays ‚Phantom‚, gepaart mit dem Zerrbild der Feministin als Person, die auf Männer herabsieht und ihre Macht daraus bezieht, sie zu demütigen4. Sie war fast schon psychopathisch dahingehend, dass sie Louis nicht als Person behandelt hat, sondern als Spielzeug, dem sie ihren Stempel aufdrücken kann. Dazu kam eine sexuelle Spannung, die zwar ganz gut dazu gepasst hat, dass Louis‘ Pubertät zu der Zeit beschlossen hat, doch mal Symptome zu entwickeln, die aber ansonsten auch nur Teil eines affigen Machtkampfes war, von dem niemand wusste, warum um alles in der Welt Anjali ihn überhaupt angezettelt hat.
Und neben ‚Omg, warum, warum nur?‘ stellt sich außerdem die Frage, wie es sein konnte, dass sich Louis, das Schneckchen mit dem Stacheldrahthaus, mit jemand so aggressivem, bedrohlichem umgeben hat. Ich meine, der zieht den Kopf ein und dann geht da nix mehr.

Ich stand mehr oder weniger ganz am Anfang der Charakterentwicklung. Weil, das da oben ist kein Charakter. Das da oben ist Mist.
Hab ich mich also hingesetzt und geguckt, was ich habe. Sprich: 1. Über welchen Vorwandt kann ich Anjali und Louis ins Gespräch kommen lassen, 2. was würde dieser Vorwandt über Anjali aussagen und 3. wie kann ich die Sache von da aus weiterentwickeln?

Der Vorwandt ist jetzt Louis‘ Fähigkeit, zu zeichnen. Die ist leicht zu beobachten, weil er eine Zeit lang (ungefragt) alles zeichnet, was Brüste hat (ja, auch a-/demi-/nicht-anfassen-/es-ist-alles-furchtbar-kompliziert-sexuelle Teenager können die Ästhetik von Brüsten zu schätzen wissen). Sie fragt ihn, ob er für eine Feier in der Gruppe ihr Mehndi macht. Er sagt ja.
-> Das ist als Ausgangspunkt für die Beziehung geeignet, weil es weder auf Anjalis noch auf Louis‘ Seite irgend ein konkretes, persönliches Interesse am Anderen nötig macht.

Während Louis an Anjalis Händen arbeitet, kommen sie ins Gespräch (soweit man mit Teenager!Louis ins Gespräch kommen kann) und Anjali stellt Ähnlichkeiten zwischen ihm und sich fest. Ähnlichkeiten, die sie beide wiederum vom Rest der Gruppe unterscheiden.
-> Das zeigt, 1. dass Anjali sich eben doch für ihn persönlich interessiert – sie nimmt ihn wahr, denkt über ihn nach, findet sich in ihm wieder – aber seine offenkundig einsiedlerisch veranlagte Art soweit respektiert, dass sie auf eine legitime, ungezwungene Gelegenheit wartet, um abzuchecken, ob das Interesse beidseitig ist. 2. gibt es den beiden einen Grund, miteinander zu interagieren, und zwar auf Augenhöhe; sie haben Gemeinsamkeit, es gibt das Potenzial von Zusammengehörigkeit, von Gegenseitigkeit.

Dieses bisschen Text verleiht Anjali schon zehnmal mehr Persönlichkeit als sie ursprünglich hatte. Und es ist alles darin angelegt, was ich für die weitere Entwicklung von Anjali und der Beziehung zwischen ihr und Louis brauche.

Die beiden haben in der nächsten Zeit regelmäßig Kontakt und fühlen sich wohl miteinander (andernfalls würde sich keine_r von beiden mit der_m anderen abgeben). Vertrauen wird aufgebaut. Schließlich beginnt Anjali, über ihren Glauben in Sachen Frauen und Göttlichkeit zu sprechen, und Louis erzählt einen Teil seiner traumatischen Kindheit (auch über Anjalis Origin Story erfahren wir etwas).
-> Da haben wir einen legitimen, tiefergehenden Grund dafür, dass Louis Anjalis Ansichten nicht nur ernst nimmt, sondern gegen seinen – auch traumabasierten – Widerstand5 ein Stück weit als wahr akzeptiert: Gegenseitige Wertschätzung und Vertrauen. Außerdem lernen wir, dass Anjali zwar selbstbewusst und durchsetzungsfreudig ist, aber eben auch verletzlich und (wie wir alle) das Kind einer zutiefst patriarchalischen Kultur – deshalb trägt sie ihre Überzeugungen nicht offen zur Schau, sondern vertraut sie einem würdigen Gegenüber an.

Louis wird depressiv und zieht sich zurück. Anjali bemerkt das. Sie glaubt, zu wissen, was los ist (es nimmt ihn mit, über seine Vergangenheit gesprochen zu haben) und will für Louis da sein. Also schleppt sie ihn in den Wald und führt mit ihm ein Ritual durch, das Geschwister und enge Freund_innen üblicherweise an Raksha Bandhan machen, um ihre Zuneigung und Verbundenheit zu zeigen.
-> Mehr Verbundenheit und Anjali in der Rolle einer liebe- und verständnisvollen Freundin.

Anjali wandelt das Ritual ab. Statt Süßigkeiten gibts am Ende ein Pfeifchen mit Haschisch und Opium. Und dann wird geredet. Worüber Teenagerinnen halt so reden möchten, wenn sie so ein kleines bisschen auf ihren besten Freund stehen, aber nicht sicher sind, ob er überhaupt Interesse an Frauen allgemein und an ihr im Speziellen hat: Sex, Knutschen, Brüste…
-> Oh ja, Verliebtheit. Alle verlieben sich in Louis. Er hat da so was an sich. Das Hauptcharakter-in-Geschichte-mit-romantischen-Elementen-Syndrom. Außerdem fühlt sich Anjali wohl bei ihm, vertraut ihm, fühlt sich respektiert, gesehen, ernstgenommen und all so schöne Dinge. Das führt nicht zwangsläufig zur Verknallung – Stichwort ‚Friendzone‚ *facepalm* – aber in Anjalis Fall geht es doch in die Richtung.

Louis ist nicht so wirklich interessiert, aber auch nicht so wirklich abgeneigt. Es geht also ums (rein hypothetische) Küssen, dem (rein hypothetisch) die Maske im Weg steht, und das Louis auch nicht will, weil hrngnbpfläh und keiner soll sein Gesicht sehen, ups jetzt ist seine Coverstory6 aufgeflogen, Dinge passieren in seinem Kopf, Dinge, die nur er selbst versteht, und dann setzt er die Maske ab. Anjali zeigt sich interessiert, aber er will gehen, geht dann doch nicht und pennt ein. Opiate halt.
-> Eine undramatische Demaskierung muss auch mal sein. Und ein Publikum, das – okay, es ist auch high – nicht gleich das Handtuch wirft.

Louis wird noch depressiver weil er sich zwar keine Hoffnungen gemacht hatte und auch nicht wirklich Hoffnungen haben wollte, aber wenn er welche gehabt haben wollen hätte könnte würde vielleicht, dann wären die jetzt annihiliert.
Anjali lässt ihm zuerst Raum, wanzt sich dann aber wieder ran – ermutigt davon, dass Louis ja nicht so wirklich abgeneigt war und sie auch nicht aktiv wegstößt. Louis wundert sich. Dann passieren Dinge und schließlich Spoiler Spoiler Spoiler.
-> Tadaaaaaaaaaa.

Aus der persönlichkeitsarmen Furie, die gern Gleichaltrige demütigt, wird eine selbstbewusste, resolute und liebevolle junge Frau, die ihre Selbstwerdung, eine für sie wichtige Freundschaft mit einem nicht gerade einfachen jungen Mann und ihre ersten romantischen und sexuellen Gefühle navigiert.

Ich bin jetzt ziemlich glücklich mit diesem Teil der Geschichte. Ein bisschen muss ich noch an den Details feilen und ich hab das nagende Gefühl, dass ich irgendwas vergessen habe, aber so ist das ja immer. Ich mag Anjali jedenfalls; in ihren Interaktionen mit Louis bekommen wir nicht nur von ihm, sondern auch von ihr viel zu sehen, und das obwohl alles aus seiner (ahnungslosen, begriffstutzigen) Sicht erzählt ist.


1 Weil ich zu der Zeit noch kein Internet hatte und das der einzige hindi Frauenname war, den meinem vielgereisten Großvater spontan einfiel

2 Er hat zwar keine klassische musikalische Ausbildung genossen, aber er hat dennoch ein auf mitteleuropäische Musik eingestelltes Ohr. Hindustanische und karnatische Musik kann so ein Ohr – oder besser gesagt Hirn – erstmal nicht zuordnen (weil es nach Mustern sucht, die es da so nicht gibt). Louis ist aber nunmal Louis, und er will diese Musik verstehen. Da er weder Hindi sprechen, noch Devangari lesen und auf die Schnelle auch keine französischen Übersetzungen auftreiben kann, beschließt er, in den sauren Apfel zu beißen und sich von *grusel* Menschen die Musik durch praktisches Beispiel nahebringen zu lassen.

3 Die Mutter des Shahs, die so ein komisches Phantasie-Sex-Ding mit Erik/dem Phantom fährt, das er überhaupt nicht versteht, das sich aber wunderbar eignet, um ihm weh zu tun.

4 Traurig, ich weiß, aber ich habe viel dazugelernt.

5 Er hat auf seine jungen Jahre bereits eine Karriere als Frauenmörder hinter sich (es ist kompliziert).

6 Er behauptet, er würde die Maske aus religiösen Gründen tragen, was man ihm soweit durchgehen lässt.


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