Schreib nicht schneller als deine Muse küssen kann?

/ Februar 15, 2012/ InspirationsHandwerk, Schreibtips/ 0Kommentare

Gemälde einer geflügelten Frau, die sich über einen Schreiberling beugt und ihm die Stirn küsst.Aber geht das überhaupt?

Ich habe in mir diese Furcht, dass ich, wenn ich zu schnell arbeite, irgend etwas übersehe oder irgend eine Idee nicht habe, die mir noch ein paar Stunden mehr Tagträumerei hätten bescheren können. Ich habe keine Ahnung, wie gerechtfertigt diese Furcht ist.
Auf der einen Seite denke ich mir, sie ist überhaupt nicht gerechtfertigt, denn wenn man das Knutschtempo seiner Muse zu überschreiten versucht, nennt sich das Writer’s Block oder auch Schreibblockade, was sozusagen die Nagelkette auf dem Nürburgring des Schreibens ist. Pengpengpengpeng, Schlidder, Crash, Explosion, 20 Tote, 300 Verletzte, die Veranstalter völlig ratlos, offizielle Untersuchungen laufen, terroristischer Anschlag nicht ausgeschlossen.
Auf der anderen Seite haben wir sicher alle – ich auf jeden Fall – schon mehr als hundertmal die Erfahrung gemacht, dass längeres Nachdenken ausgereiftere Ideen produziert. Und es gibt kein Naturgesetz das vorschreibt, dass ab dem Moment des Niederschreibens einer Idee keine Reifung mehr stattfindet – zu unserem Leidwesen, denn alles, was später noch einfällt, muss unter teils mühsamem Gefummel in das bereits geschriebene hineingearbeitet werden.

Vielleicht habe ich in mir einen kleinen Saboteur. Das könnte durchaus sein.

Seit dem 11.02. schreibe ich jetzt allabendlich so um die drei Stunden lang an einem Kurzschlussprojekt namens ‚MS Henrike‘, das ein Kinderbuch für Erwachsene werden und auf schön surrealistische Weise Konzepte wie Existenzialismus, Geworfensein, Nihilismus, Skeptizismus, Emanzipation und Anarchie erlebbar machen soll. Angeblich begründe ich damit meinen schriftstellerischen Ruhm und ein ansehnliches Vermögen, aber mein Mann redet ja viel, wenn der Tag lang ist. Immerhin ist er über dieses Projekt davon abgekommen, mich zur Prostitution per Chick-Flick überreden zu wollen. Vielleicht weil ich ihn gezwungen habe, an der Entwicklung der Idee mitzuarbeiten? Wer weiß. Ist ja auch egal.
Jedenfalls hat der surrealistische Kinderbuchansatz den Vorteil, dass ich mich weniger verpflichtet fühle, meinen üblichen Perfektionismus aufzublasen, und so kommt es, dass ich in nur vier Tagen und ebensovielen (12->) Stunden zwölf Seiten geschrieben habe. Für den Umfang an nagelneuem Stoff brauch ich normalerweise einen Monat oder sowas. Ich bin der Leonard Cohen zu anderleuts Bob Dylan; aber vielleicht ist das hier ja mein Like A Rolling Stone. Mal sehen, wie lange der Flug dauert. Oooh, the obscure cultural references!
Heute nahm ich mir die nächste Szene vor, starrte meinen Laptop an und dachte nur: „*Erbrech*.“
Aber dann hab ich sie doch geschrieben. Zwischendurch ein bisschen hier, ein bisschen da im Internet gefaulenzt, mich aber immer wieder zusammengerissen und weitergeschrieben. Und jetzt tipp ich auch noch einen relativ sinnfreien Blogpost dazu.
Apropos Blogpost… Ach nein, doch nicht.
Ääääh… ach ja:

Wie ist das so bei euch mit der Weiterschreibangst und -aufschieberei? Habt ihr die gleiche Paranoia? Habt ihr auch so Erschöpfungs- oder Pseudoerschöpfungszustände wenn ihr mehrere Tage hintereinander diszipliniert geschrieben habt? Bzw: Seid ihr auch so stinkend faul?