#storyausschnittchallenge: Tag 5 – Der Antagonist

/ August 16, 2019

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Das ist ein bisschen kniffelig (nicht wirklich) weil der Antagonist in meiner Story – mit einer vorübergehenden Ausnahme – kein Charakter und auch keine Naturgewalt oder sowas ist, sondern in den Protagonisten selbst liegt.
Wir müssen also ‘Antagonist’ umdefinieren. Wie wäre es hiermit:

Der Antagonist ist etwas, das den Charakter daran hindert, ganz und gar er selbst zu sein.

Mit ‘ganz und gar er selbst’ ist gemeint, dass er seine eigenen Bedürfnisse erkennt, versteht und sie in einem Maße durchsetzt, dass er sich wohl, sicher und wertgeschätzt fühlen und in der Folge frei entfalten – er selbst sein – kann.

Für Joanna ist natürlich Louis anfänglich ein Antagonist, weil sie nach hause will und er sie nicht gehen lässt.
Aber sie ist sich auch nicht all ihrer Bedürfnisse so wirklich bewusst. Wenn man in einer Situation steckt, in der man ständig Kompromisse machen und darum kämpfen muss, dass die andere Person ihren Teil der Abmachung einhält, hat man einfach nicht die Gelegenheit, festzustellen, wenn einem etwas so richtig gut tut. Im Grunde ist also ihre nicht so dolle Beziehung zu ihrem Freund Nicolas einer ihrer Antagonisten. Nicht Nico, mit Nico muss sie sich zwar auch auseinandersetzen, aber die beiden interagieren zu sehr auf die Distanz und Nico hat zu wenig Einfluss, als dass er ihr so wirklich im Weg stehen könnte.
Dann ist da noch der fehlende Freiraum, den sie in ihrem Alltag hat, um ihre eigene musikalische Identität zu entwickeln und einen Entschluss zu fassen, was sie denn später als fertig ausgebildete Cellistin mal machen will. Sie weiß nur, dass sie nicht auftreten will und dass sie keinen Bock mehr auf ihr Studium hat. Die Möglichkeit, die Uni erstmal auf Eis zu legen, macht ihr plötzlich den Kopf frei für andere Möglichkeiten, die sie dann auch erkundet.

Man sagt gern, dass manche Leute ihr eigener größter Feind sind, aber das sehe ich nicht so. Ich glaube nicht, dass man sich selbst authentisch hassen kann – die Leute, bei denen es angebracht wäre, sind nicht dazu in der Lage, genug zu reflektieren, um Selbsthass zu entwickeln, und die, die sich zu hassen glauben, haben das von außen beigebracht bekommen. Und wenn man sich immerzu selbst sabotiert, dann nicht, weil man sich scheitern sehen will, sondern weil man Angst davor hat, dass es gut läuft, weil dann passieren schlimme Dinge. Selbstsabotage ist also eine Form von Selbstschutz.
Nach dieser Vorrede: Man könnte meinen, dass Louis sein eigener größter Feind ist.
Aber seine Feinde sind Angst, ‘Selbsthass’ und Zweifel.
Er hat Angst vor dem Schicksal, Angst davor, etwas schlimmes zu tun, Angst, gesehen zu werden, Angst, berührt zu werden, Angst vor seinem eigenen Gesicht… Und diese Angst treibt ihn vor sich her.
Selbsthass. Er hat durchaus einen nachvollziehbaren Grund, sich nicht so geil zu finden, weil er mal wirklich in extremer Weise verkackt hat. Aber die ‘Schuld’, die eigentliche kausale Kette beginnt da, wo es niemand für nötig hielt, ihm gewisse Dinge beizubringen. Und er ist mittlerweile in einer Situation, in der es okay wäre, wenn er sich selbst vergibt und aufhört, sich ständig selber fertig zu machen. Um, you know, nicht mehr ganz so depressiv zu sein und vielleicht auch mal ein paar angenehme Dinge zu empfinden, für mehr als fünf Minuten.
Zweifel sind deshalb sein Feind, weil sie ihn davon abhalten, an eine Zukunft für sich zu glauben. Muss ich das noch näher erklären? Ich glaub nicht.

Sérafine sabotiert sich selbst. Weil sie Angst hat, dass Louis etwas passiert, wenn sie es nicht tut. Wenn sie aufhört, sich an ihn zu klammern.
Sie zweifelt daran, dass es für sie wirklich ein Leben außerhalb von Louis’ Schwerkraft für sie geben kann. Dass sie Liebe finden, glücklich sein kann.
Und ihr Fatalismus bringt sie dazu, selbst dann noch wieder ihre gewohnte Reißleine zu ziehen, wenn sie eigentlich ganz guten Grund hat, anzunehmen, dass sie doch ihr Glück finden könnte.

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