Triggerwarnungen und ‚Seelenfrieden‘ – Jemand versteht das Problem nicht

/ Mai 20, 2014/ Alle Posts mit Feminismus, Psychologie für Erzählerinnen/ 5Kommentare

EDIT: Hier ein Erfahrungsbericht darüber, wie Trigger-Warnungen die Welt für Menschen mit Triggern sicherer machen: Yes, Trigger Warnings Do Help Me: Here’s How

Triggerwarnung - Details siehe Spoiler

Benennung verschiedener traumatisierender Situationen (nochmal extra gespoilert oder verfremdet), Symptomaufzählung PTSD (häufigste Triggerworte verfremdet)

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In diesem Artikel hier erklärt WELT-Autor Wieland Freund, dass Triggerwarnungen nichts mit dem „Schutz von Minderheiten“ zu tun haben – wohl da psychisch kranke Menschen in seinen Augen keine schutzbedürftige Minderheit sind – und dass es nichts mit „moralisch-ethisch[en]“ Idealen zu tun hat, die Welt von Literatur und Film für diese Minderheit sicherer und zugänglicher zu gestalten.

Um meinen Zorn über diese ignorante, ableistische Haltung verständlich zu machen, hier ein kleiner Crashkurs zum Thema

Posttraumatische Belastungsstörung, Trigger und Stressoren

Was ist PTBS?
Eine Posttraumatische Belastungsstörung ist das Resultat einer Hirnschädigung.
Ja, wirklich. Man kann mit praxisrelevanter Zuverlässigkeit mittels eines MRT-Scans das Gehirn einer traumatisierten Person von dem einer nicht-traumatisierten unterscheiden.
Ein traumatisiertes Gehirn ist ständig in Alarmbereitschaft. Ein traumatisiertes Gehirn findet nicht mehr aus dem panischen Überlebensmodus in einen alltagstauglichen Grundzustand zurück. Ein traumatisiertes Gehirn hat Schwierigkeiten, bestimmte Erinnerungen von aktuellem Erleben zu unterscheiden. Ein traumatisiertes Gehirn wartet nur auf die nächste lebensbedrohliche Attacke.

Wie entsteht diese Hirnschädigung?
Lebewesen sind davon abhängig, sich zu merken, wo ihnen Gefahr droht. So abhängig, dass sich negative Erinnerungen viel stärker verankern als positive. Und wie alle körperlichen Mechanismen kann auch diese Neigung aus dem Ruder laufen und nach hinten losgehen.
Wenn also ein Mensch einer nicht-alltäglichen Situation ausgesetzt ist, in der er über längere Zeit direkt mit großen körperlichen und/ oder emotionalen Schmerzen und/oder dem Tod bedroht wird und absolut nichts1 tun kann, um sich zu schützen oder gar zu retten, schüttet der Körper Unmengen an Stresshormonen aus, während sich die Todesangst als Erinnerung in die Synapsen frisst.
Für die meisten Menschen hat ein einmaliges traumatisches Erlebnis kaum längerfristige Folgen, doch kommen verschiedene Risikofaktoren dazu – genetische Veranlagung, bereits bestehende psychische Belastungen, fehlende soziale Unterstützung u.a. – kann auch aus ‚einem einzigen‘ Trauma eine jahrelange, die Lebensqualität stark einschränkende Erkankung entstehen.
Anhaltende traumatische Situationen wiederum – also solche, in denen die eigene körperliche und emotionale Existenz ständig/immer wieder substanziell bedroht ist, oder solche Bedrohungen ständig beobachtet werden – überlebt kaum jemand, ohne auf Jahre und Jahrzehnte hinaus mit Symptomen zu tun zu haben.

Beispiele für traumatisierende Situationen (nicht verfremdet)

Vergewaltigung, häusliche Gewalt, anhaltende körperliche und/oder emotionale Vernachlässigung und/oder Misshandlung (gilt v.a. für Kinder), anhaltende, systematische, gewaltsame2 Diskriminierung, Folter, Kriegs- und Terrorerlebnisse, Unfälle mit Schwerverletzten und/oder Toten (für Verletzte und Beobachter), Geiselnahmen, Entführungen, langjähriger Rettungsdienst

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Welche Symptome hat eine PTBS?
Die häufigsten primären Symptome sind Konzentrationsschwäche, Unruhe, verringerte psychische und physische Belastbarkeit, Ängstlichkeit, Vermeidung bestimmter Situationen/Sinnesreize, Albträume, Ein- und Durchschlafstörungen, sozialer Rückzug, Misstrauen, Reizbarkeit, Ablenkbarkeit, Aggressivität, emotionale Instabilität, Trauer, Selbstzweifel, Selbstbeschuldigung, Gefühl der Hilflosigkeit, emotionale Abkabselung oder Verlust der Fähigkeit, sich emotional zu distanzieren, Gefühl der Isolation, emotionale Taubheit, Flashbacks.
Sekundäre Symptome (also solche, die aus den oben genannten Resultieren) reichen von Depression, S*lbstv*rletzung und -schädigung, Esst*rungen, Selbstmedikation mit ill/legalen Suchtmitteln und T*deswünschen bis hin zum absichtlich herbeigeführten T*d der eigenen Person.

Genau so wie Depression, Schizophrenie und Anorexie verursacht PTBS großes Leid und kostet jeden Tag Menschen das Leben.

Flashbacks und Trigger
Flashbacks sind der Symptom-Klassiker, den wir alle aus dem Fernsehen kennen.
Ein Sinnesreiz/eine Situation (der sogenannte Trigger) löst die Erinnerung an das traumatische Ereignis aus, worauf hin das Gehirn die Bilder, Geräusche, Gerüche und Gefühle so stark wiedergibt, dass es sich für die Betroffenen anfühlt, als würden sie das Trauma erneut erleben.
Solche krassen, dissoziativen Flashbacks sind allerdings eher selten.
Meistens wird ’nur‘ die Todesangst getriggert (Panikattacke), und/oder Bilder, und/oder Geräusche, und/oder Gerüche, und/oder Gefühle.

Für alle, die keine Probleme mit Triggern haben, hier eine anschauliche Analogie:

Splatteriges Analog einer getriggerten Panikattacke (nicht verfremdet)

Stell dir vor, jedes Mal, wenn du das Wort ‚Sommer‘ hörst oder liest, taucht hinter dir ein riesiger, brutal aussehender Mann mit einer Kettensäge auf. Er will dich töten, das weißt du. Und er wird dich töten. Ganz langsam. Zuerst wird er dir die Zehen zerschreddern, dann die Füße. Er wird die Zähne der laufenden Kettensäge an deinem Körper entlang ziehen, Blut und Gewebefetzen werden in alle Richtungen spritzen, du schreist und schreist und schreist, aber niemand kann dich retten, und das letzte, was der Mann tun wird, der letzte Akt der Gewalt, wird die Kettensäge sein, die sich zwischen deine Beine bohrt und deine Eingeweide zerfetzt.
Du spürst den Atem des Mannes in deinem Nacken. Spürst das Knattern der Kettensäge, die Bewegung der Zähne dicht an deinen Knöcheln. Gleich wird er dich in Stücke sägen, gleich… gleich… gleich wirst du unerträglich leiden, und es gibt nichts, was du dagegen tun kannst. Und schließlich wirst du tot sein. Eine verstümmelte, blutige, nicht wiederzuerkennende Leiche…
Sommer.
Aber damit hört es nicht auf. Denn Das Wort Mit S ist kein Ding, das losgelöst von allem anderen existiert. Du hast Assoziationen mit diesem Wort, mit dem Konzept, und auch die können dich die Existenz des Mannes mit der Kettensäge spüren lassen.
Immer wenn sich der Juni nähert, wird dir übel. Sonnencreme? Erinnert dich an… Urlaub? Ferien? Erinnert dich an… Schönes Wetter? Sonnenschein? …

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Neben den Triggern gibt es sogenannte spezifische Stressoren. Das sind Sinnesreize/Situationen, die nicht direkt mit dem Trauma zu tun haben, bei den Betroffenen aber trotzdem Symptome und symptomatisches Verhalten auslösen können.

An diesem Punkt kommen Menschen ins Spiel, die nicht mit PTBS diagnostizierbar sind, aber trotzdem unter spezifischen Stressoren leiden.
Ein Beispiel wäre eine als übergewichtig wahrgenommene Person, die ihr Leben lang wegen ihres Körperbaus gedemütigt und abgewertet wurde; diese Person mit weiterer körperbezogener Demütigung zu konfrontieren – egal ob gegen sie selbst oder eine_n Dritte_n gerichtet – kann ihr Selbstwertgefühl vorübergehend vernichten, Selbsthass hervorbrechen lassen, Selbstschädigendes Verhalten auslösen, Depression verstärken und mindestens einen ansonsten als ‚gut‘ abgehakten Tag vollständig versauen.

Wenn man nun ohnehin schon emotional nicht stabil ist, wenn die Symptome auch ohne aktuellen Anlass ziemlich stark sind, wenn es einem so schlecht geht, dass selbst die enttäuschte Erwartung, es gebe Wildlachs (statt Seelachs) zum Abendessen3, in der Lage ist, einen schluchzend zusammenbrechen zu lassen, dann bedeutet Getriggertwerden, dass es Wochen dauert, ehe man sich so weit erholt hat, dass man wieder in den vorherigen – etwas weniger miesen – Zustand zurückgekehrt ist. Sofern man den eigenen T*deswunsch bis dahin überlebt.
Ein Trigger zur falschen Zeit kann auch der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt und eine erste Akutphase auslöst (t.w. tritt PTBS erst einige Zeit nach dem traumatischen Ereignis auf), die je nach Begleitumständen Wochen, Monate oder Jahre dauern, oder abrupt mit dem selbst herbeigeführten T*d der_s Betroffenen enden kann.

Stellen wir uns jemanden vor, der sich mit einem Buch oder Film davon ablenken will, wie mies er sich fühlt. Und dann springt ihm unerwartet von hinten links ein Trigger in den Nacken.

Gern kommt nun die Reaktion: „Wenn jemand so übersensibel ist, dass er schon vom falschen Abendessen in T*deswünsche gestürzt wird, ist das ganz schön armselig.“
Ähmmmm… Nope.
Denn analog könnte man sagen: „Wenn jemand mit einer offenen Wunde so übersensibel ist, dass er schon aufschreit, wenn man nur in die Nähe davon fasst, ist das ganz schön armselig.“
Der Spruch hier ist auch beliebt: „Wenn jemand nicht verletzt werden will, muss er eben aufhören, verletzlich zu sein.“
Wieder: Ähmmmm… Nope.
Nicht Verletzlichkeit und Schwäche sind das Problem, sondern Menschen, die Verletzlichkeit und Schwäche für etwas schlechtes halten, an dem der_die Betroffene selbst schuld ist. Menschen, die der Meinung sind, dass die Welt allein denen gehört, die bereit und in der Lage sind, entweder anderen aufs Maul zu hauen oder es klaglos auszuhalten, wenn ihnen aufs Maul gehauen wird.

Sicher, es gibt Dinge, die kann man nicht ändern. Z.B. die Schwerkraft, die verhindert, dass Menschen einen größeren Höhenunterschied einfach durch Schweben überwinden. Aber man kann Treppen, Rampen und Fahrstühle bauen, und schon kommen trotzdem alle in den ersten Stock rauf.
Oder auch: Sicher, es gibt Bücher und Filme, in denen Trigger und Stressoren vorkommen. Aber man kann draufschreiben, dass diese Trigger enthalten sind, und schon kommt niemand mehr in die Situation, mitten im Bus oder Kino eine Panikattacke zu kriegen und sich für den Rest der Woche absolut dreckig zu fühlen (oder schlimmeres).

Spoilerei und ‚unmöglich‘ viele Trigger/Stressoren
Ein häufiges Gegenargument gegen Triggerwarnungen ist, dass es für alle unbelasteten Leserinnen das Leseerlebnis schmälert, weil sie dann ja schon vorher wissen, dass irgendwo im Buch jemand v*rg*ewaltigt wird.
Die Sache ist, Triggerwarnungen brauchen nicht zu spoilern. Man schreibt aufs Cover irgendwo ‚Triggerwarnung‘, und auf der letzten Seite des Buches stehen die Details, verfremdet und am besten noch mit Seitenzahl, damit auch Menschen, für die die Trigger relevant sind, gefahrlos die 99% des Buches lesen können, die sie nicht triggern werden.
Ich denke mir, wenn wir an Sachbücher Stichwortverzeichnisse anhängen, damit sie für Menschen zugänglicher werden, die kein fotografisches Gedächtnis oder die Gabe haben, einzelne Worte beim schnellen Blättern zu finden, können wir auch an Romane Verzeichnisse mit häufigen Triggern anhängen.

‚Aber diese Liste würde fast so lang wie das gesamte Buch, weil es zigtausend Dinge gibt, die jemanden triggern könnten.‘
Ja, es ist tatsächlich so, dass alles mögliche ein Trigger oder Stressor sein kann.
Man nehme z.B. einen Autounfall, bei dem eine Person so eingekeilt wird, dass der Nissan-Schriftzug am Heck eines anderen, am Crash beteiligten Wagens in ihrem Sichtfeld liegt. Während sie unter höllischen Schmerzen und in Todesangst da feststeckt, brennt sich die Situation in ihr Gehirn ein, inclusive Nissan-Schrifzug, Benzingeruch, Schreie aus den anderen Fahrzeugwracks, das Jingle des Radiosenders, der im Nissan noch immer läuft…
Diese Person – so traumatisiert – wird in der Zukunft an keinem Nissan mehr vorbeigehen können, ohne Symptome zu bekommen. Werbung für Nissan im Fernsehen? In der Zeitung? Eine Kollegin, die erzählt, dass sie einen Nissan kaufen will? Ein Roman, in dem erwähnt wird, dass die Heldin einen Nissan fährt?
Es ist illusorisch, zu verlangen, dass auf jeden einzelnen möglichen Trigger Rücksicht genommen wird, und es wird auch gar nicht verlangt. In der Diskussion geht es nur um weit verbreitete Trigger, wie Gewaltdarstellungen u.ä.

Empathie
Ich verstehe, dass es vor allem Nicht-Betroffenen schwer fällt, sich mit der Problematik von Triggern zu identifizieren. Selbst ich hatte zwar schon immer eine FSK-Angabe über meinen Geschichten stehen, aber die konkreten Triggerwarnungen sind noch nicht so alt. Das liegt daran, dass die meisten meiner Trigger und Stressoren relativ untypisch und leicht zu vermeiden sind. Ich musste erst unerwartet getriggert werden (von einem ‚Twist‘ am Ende einer Geschichte), um zu verstehen, wie scheiße es ist, ohne jede Warnung in so ein Messer zu laufen.

Fazit
Wir schreiben Bücher, damit andere sie lesen und dabei gut unterhalten werden. Und wir stecken Monate oder Jahre in unsere Bücher.
Ist es wirklich so viel verlangt, einen Tag mehr zu investieren, um ein Buch auch für Menschen genießbar zu machen, die ein darin erwähntes oder beschriebenes, schreckliches Ereignis selbst erleben mussten?


1 Bitte keine Kommentare von wegen ‚Aber wenn einen der_die eigene Partner_in verkloppt, kann man einfach gehen‘. Denkt ihr nicht, dass, wenn man ‚einfach gehen‘ könnte, es keine Gewalt in Partnerschaften mehr gäbe? Täter-Opfer-Beziehungen funktionieren anders als andere soziale Beziehungen. Sie haben eine andere Dynamik, sie sind voll von Gaslighting, Victim Blaming, Invalidierung, emotionaler Manipulation, Drohungen, Selbstwertuntergrabung und Abhängigkeit. Dazu kommt eine Kultur, die der Meinung ist, dass die misshandelte Person ‚einfach gehen‘ könnte, eine Kultur, die ihr damit die Schuld an der eigenen Situation zuschiebt und die sie beschämt, weil sie ‚zu schwach‘ ist, um ‚einfach zu gehen‘.
Wie anders wäre diese Gesellschaft, wenn wir statt die Opfer zu fragen: ‚Warum gehst du nicht einfach?‘ die Täter fragen würden: ‚Warum um alles in der Welt glaubst du, es wäre in Ordnung, einen anderen Menschen zu misshandeln?! Warum um alles in der Welt hast du das Bedürfnis, jemanden zu misshandeln, den du zu lieben behauptest?!‘

2 Diskriminierung ist immer ein Akt der Gewalt, aber es gibt Mikroaggressionen auf der einen Seite und körperliche Attacken bis hin zum Mord auf der anderen.

3 Ja, meine Welt ist schonmal untergegangen, weil ich mich auf Wildlachs gefreut habe, es stattdessen aber Seelachs gab. Es ging mir wirklich extrem beschissen. Aber ich habe überlebt.

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