Warum ich Bücher toll finde: Solaris

/ November 23, 2011/ Gut erzählt, Reviews/ 1Kommentare

Ich bin an sich ein totaler Stilfaschist. Wenn ich ein Buch anfange und mir sticht irgendwas ins Auge, das sich unschön liest, hat die Geschichte schon echt schlechte Karten, zuende gelesen zu werden. Das ist auch ein Stück weit Selbstschutz, weil ich mir bei jedem dickeren Fehler an die Stirn fasse, und die ist irgendwann wundgescheuert. Kleiner Witz am Rande.

Es gibt da allerdings eine prominente Ausnahme, und das ist ‚Solaris‘ von Stanisłav Lem.
Ich bin beim Zappen über die gleichnamige Filmadaption mit dem Clooney-Schorsch gestolpert und fand die Sache mit den Alien-Klonen total super. In der Hoffnung auf mehr Gemetzel und psychologische Ausnahmesituationen hab ich dann dem Buch hinterhergegooglet und es mir bestellt. Ein Stück weit wurde ich enttäuscht (kein zusätzliches Gemetzel) aber was mir der gute Herr Lem stattdessen vorsetzte… totally worth it.

Der Erzählstil von Lem hat so einige Ecken und Kanten. Es ist schwer, der Handlung zu folgen. Vielleicht hat der Übersetzer Mist gebaut, vielleicht ist es Absicht. Auf jeden Fall liest sich die Sache so wie sich ein Legostein im Mund anfühlt. Allerdings nur dann, wenn es darum geht, die Charaktere und ihr Verhalten darzustellen.
Sobald das Aussehen, die Physik und vor allem die Forschungsgeschichte von Solaris erzählt werden… Wow! Ein Unterschied wie sonstwas.
Ich vermute, dass man ein kleiner Wissenschaftsgeek sein und sich mit der Geschichte zumindest einer wissenschaftlichen Disziplin bzw. Forschungsrichtung näher auseinandergesetzt haben muss, um das so feststellen und wertschätzen zu können, aber (glaubt mir, wenn ich euch sage) der Mann hats sowas von drauf! Nicht nur ist Solaris ein unglaublich faszinierender, tiefgehend dargestellter Ort. In der Konstruktion der Solarisforschung hat Lem so viele von den Bedingtheiten, Absonderlichkeiten, Brüchen, Irrwegen, Konflikten, Fehlschlägen und Erfolgen kreativ reproduziert, die man in realen Forschungsgeschichten auch findet… Es ist auf der einen Seite total anrührend, das zu lesen und zu denken „Hihi, sowas ist bei der Entwicklung der Neurochirurgie auch passiert!“, auf der anderen Seite gibt es immer wieder Aha-Momente, die einem die Augen öffnen für gewisse Schemata, die sich durch die Geschichte menschlicher Wissbegier ziehen.
Wenn man derartig gelagerte Interessen hat, ist es wirklich ein Erlebnis, ‚Solaris‘ zu lesen, und die anstrengenderen Passagen dazwischen nimmt man gern in Kauf.

Vor allem, weil Lem alles Charakterzentrierte zwar drahtig, kantig und verworren erzählt, das Geschehen aber – sobald man begreift, was vorgeht – überaus faszinierend ist. Lem verarbeitet hier eine brisante Thematik: Was macht ein Individuum aus? Was macht diesen einen ganz bestimmten Menschen aus? Was genau ist überhaupt ein Mensch? Wieviel Menschlichkeit braucht etwas, damit es für sich Menschenrechte in Anspruch nehmen kann? Wie weit geht das Recht der Anderen, auf diesen Anspruch einzuwirken?
Dazu kommen Fragen zum Umgang mit Trauer und Verlust, Sehnsüchten, Ängsten, Schuld…
Neben dem rein sachlichen Aspekt der fiktiven Wissenschaftshistorie greift Lem tief in die Kiste des Emotionalen und wirft mit seinem Gedankenexperiment Fragen auf, die zwar ohne Konsequenz für die real existente Gesellschaft sind, die einen aber in Sachen Menschenbild und Selbsterkenntnis durchaus weiterbringen können.

Wenn der Inhalt einer Geschichte nur stark genug ist, kann das also auch mich über einen unbeholfen wirkenden Stil hinwegtrösten und für ein Buch einnehmen.
Mal ganz abgesehen davon, dass ich jedem Autor das Recht zugestehe, ‚eigenwillig‘ zu schreiben und auf das Wohlbefinden seiner Leser zu pfeifen :D

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