10Tipps 03 – Ich vs Hilary Mantel

/ November 29, 2013/ 10 Tipps, Schreibtips/ 3Kommentare

Nachdem mein NaNoWriMo-Versuch mein Gehirn so gründlich durchgebraten hat, dass ich bis heute gebraucht habe, um mich halbwegs davon zu erholen (irgendwie peinlich, diese schwächliche Grundkonstitution), dachte ich mir, steig ich mit was einfachem wieder ein und poste einen Artikel, den ich sowieso schon größtenteils fertig geschrieben hatte. Teil 3 meiner kleinen Workflow-Serie, die eigentlich einen anderen Namen bräuchte. Wie wäre es mit…. 10Tipps?

Hier also zehn Schreibtipps von Hilary Mantel

1. Meinst du es ernst? Dann engagier einen Buchhalter.
Den versteht man nur, wenn man auf 2. gehört hat.

2. Lies ‚Schriftsteller werden‘ von Dorthea Brande. Dann tu, was sie dir sagt.
Done and done.

3. Schreib ein Buch, das du selbst gerne lesen würdest. Denn wenn du es nicht lesen würdest, warum sollte es jemand anderes wollen? Märkte und Publikümmer sind außerdem kurzlebig und könnten längst ausgestorben sein, wenn dein Epos endlich fertig ist.
Witzigerweise ist das genau das, was mich zum Schreiben gebracht hat. Ich wollte dringend ein bestimmtes Buch lesen, das ich aber nicht gefunden habe, also hab ichs selber geschrieben.
Was ich über Publikümmer und Märkte denke, habe ich an anderer Stelle schon ausführlich dargelegt.

4. Wenn du eine gute Idee hast, geh nicht davon aus, dass sie in Prosaform erzählt werden muss. Vielleicht funktioniert sie besser als Theaterstück, Drehbuch oder Gedicht.
Ich hab da eine angefangene Oper bei mir rumfliegen. Nur das Libretto, versteht sich. Bisher hab ich noch keine Möglichkeit gefunden, die Musik aus meinem Hirn in ein anderes Medium zu transferieren. Ich treff Töne meistens nur durch Zufall. Dann hab ich ein angefangenes Rollenspielabenteuer, ein angefangenes Hidden-Object-Game (wobei beides die gleiche Geschichte behandelt) und zwei angefangene Ideen für Comics (kann hier jemand zeichnen?).
Mit Gedichten hab ich es überhaupt nicht. Allerdings hab ich letzte Woche ein paar Tage lang Slam Poetry auf youtube gehört und dann ein bisschen recherchiert, was Poesie eigentlich will und soll und all sowas. Bisher hab ich das nämlich nie verstanden. Gerade denke ich, dass Poesie extrem selbstabsorbiert ist. Andererseits muss das lyrische Ich ja nicht dem Ich der Autorin entsprechen.
Mal gucken, vielleicht nehm ich mir mal ein paar Writing Prompts zur Brust. Es gibt da eine Seite mit Prompts für kreatives Journaling, die sind ganz interessant.

5. Sei dir bewusst, dass alles, was vor ‚Kapitel Eins‘ passiert, von der Leserschaft übersprungen werden kann. Pack also keine essenziell wichtige Information in den Prolog.
Ich glaube nicht an Prologe. Jedenfalls nicht an solche, die separate Einführung von Charakteren und Schauplätzen beihnalten, wie sie Camus in ‚Die Pest‘ verbricht, oder elend lange Vorreden wie in ‚Schiffbruch mit Tiger‘, wo man sich erstmal durch die Lebensgeschichte von Pi quälen muss, ehe einem verraten wird, warum um alles in der Welt einen Pis Lebensgeschichte überhaupt interessieren sollte, oder in dem von mir so innig verabscheuten Konglomerat aus vorurteilsverseuchter Fehlinformation namens ‚Veronika beschließt zu sterben‘, wo Coelho erstmal den „Lasst mich euch erzählen, wie ich von der Geschichte erfuhr, die ich jetzt aus zweiter Hand in einer Detailliertheit wiedergebe, die diesen billigen Versuch, euch Realismus vorzugaukeln, noch sinnfreier macht, als er es eh schon war.“-Märchenonkel spielt, wofür ich ihn gern schlagen würde, denn die Historie der Geschichte interessiert mich einen Scheißdreck, ehe ich nicht weiß, ob die Geschichte selbst auch nur ansatzweise interessant ist.
HULK SMASH!!!
Im Ernst, solche Infodumps zum Einstieg gehen mir tierisch auf die Nerven, und ich weiß nicht, warum sowas nicht rauseditiert wird, wenn schon Autor_innen der Meinung sind, dass so viele Leute den Prolog eh nicht lesen, dass es keinen Grund gibt, ihn vermittels relevanter Information lesenswert zu machen. Auch ein Infodump von Coelho oder Martel ist ein Infodump! Echt. Das darf man ruhig zugeben.
Jetzt muss ich allerdings zugeben, dass mein Sci-Fi-Roman einen (kurzen) Prolog hat. Darin wird PIAs erste Aktivierung aus ihrer Sicht beschrieben. Dieser Prolog gibt wichtige Informationen darüber, wie Robotik und künstliches Bewusstsein im Universum dieses Romans funktionieren, und fungiert als Grundlage für alles weitere. Deshalb, und nur deshalb, gibt es diesen Prolog. Und wenn er keine von anfang an klar erkennbare Relevanz für die Geschichte hätte, würde ich ihn kicken und die Information an einer anderen Stelle einbauen.

6. Erste Absätze können oft gestrichen werden.
Stimmt. Interessant. Ich hab den ersten Satz bzw. die ersten paar Ereignisse von ‚Das Prinzip der Schönheit‘ gestrichen. Die Geschichte fängt jetzt damit an, dass die Einfahrt eng, dunkel, verwildert und steil vor Joanna liegt und sie nicht sicher ist, ob ihre Karre den Weg nach oben schafft.
Gefällt mir viel besser so. Ich war selber überrascht. Der erste Satz – Joanna geht vom Gas und dreht das Radio leiser, um sich ganz auf den Waldrand zu konzentrieren – war einer der ältesten Teile der Geschichte, unverändert seit 1999.
Ich glaube, ich habe/hatte so eine gewisse erlernte Hilflosigkeit, wenn es um die erste Szene von PdS geht. Ich hab diese erste Szene so oft überarbeitet, und immer war sie nachher noch genau so scheiße wie davor. Irgendwann bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass erste Szenen einfach scheiße sind, Punkt.
Ich hab keine Ahnung, ob die erste Szene durch diese letzte Änderung besser geworden ist oder nicht (ich hab auch den letzten Absatz gekillt, weil die Beschreibung der Lichtung besser in die Perspektive des Maler passt, und Joanna schon so viel Landschaft beschreibt) aber sie ist etwas, das ich noch nicht probiert hatte. Jedenfalls nicht an der erstenx Szene.

7. Fokussiere deine erzählerische Energie auf die Veränderung. Details bemerkt man (der Charakter) normalerweise nur, wenn sich etwas an ihnen ändert oder man einen neuen Ort besichtigt. Einzelheiten einfach so einzuwerfen, wirkt gezwungen.
Ja zum letzten Satz, aber hmhrmhng zu allem davor.
Ich denke, das eigentliche Problem ist, dass manche Autor_innen zu ungeduldig sind. Sie wollen alle Details gleich in den Kopf der Leserschaft knüppeln, anstatt ihr zu gestatten, die Welt der Geschichte langsam und organisch kennenzulernen.
Vielleicht haben diese Autor_innen Angst, dass nicht quasi vom ersten Satz an das richtige, facettenreiche Bild von einer Ära, einem Ort oder einer Person bei den Leser_innen ankommt. Aber ein komplexes Bild braucht Zeit, um zu entstehen; die Leserschaft braucht Zeit, um die Informationen aufzunehmen. Außerdem ist es so, dass die meisten Einzelheiten von konsistenten Charakteren und Umgebungen sowieso in die selbe Richtung deuten. D.h. wenn ich einen aufmüpfigen weiblichen Charakter in einer sexuell repressiven Zeit schreibe, brauche ich nicht sofort im Detail zu schildern, wogegen der Charakter so alles rebelliert und was die neusten Erfindungen zur Verhinderung adoleszenter Masturbation sind. Es reicht, mit ein paar groben Strichen anzudeuten ‚Hier ist jemand eigensinnig und selbstbewusst, und die Gesellschaft ist steif und reserviert‘. All die vielen schönen Details können auch später kommen, wenn die Geschichte an einem Moment anlangt, in dem die eigensinnige, selbstbewusste Person offen die Motive ihrer Rebellion ausspricht, oder die Herren Eltern darüber diskutieren, diesen oder jenen Anti-Selbstbefummelungsaparillo aus der Zeitung zu bestellen.
Es ist auch völlig in Ordnung, Leerstellen zu lassen, wenn die Alternative dazu ist, dass man Charaktere in einer unnatürlichen Weise über etwas sprechen lässt (so wie: Person A zu Person B: „Jetzt sind wir also hier in dieser Bar, in der wir auf das A-Team warten sollen, damit es uns hilft, unser Hotel vor dem bösen Bürgermeister zu retten.“).
Ich folgere: Wenn etwas für die Geschichte relevant ist, wird sich auch eine organische Gelegenheit finden, diesen Punkt anzusprechen. Alles, was in die Handlung hineingezwungen werden müsste, kann gestrichen werden.
Außerdem ist „Zeigen, nicht behaupten“ auch hier ein netter Merksatz.

8. Eine Beschreibung muss sich ihren Platz in der Geschichte verdienen. Sie darf nicht reine Verzierung sein. Außerdem ist es gut, Dinge aus der Perspektive eines Charakters zu beschreiben, weil dessen gefärbte Sicht gleich noch etwas über ihn selbst verrät und organisch in die Handlung eingebettet ist.
Jupp. Außerdem ist es meiner Ansicht nach eine gute Idee, sich auf Oberbegriffe zu beschränken, vor allem bei Ortsbeschreibungen. Ein Tipp, dem ich selbst leider nicht immer folge. Der Drang, der Leserschaft alles ganz genau zu zeigen, ist ziemlich groß, vor allem wenn das, was man da beschreibt, besonders schön ist.

9. Wenn du feststeckst, steh auf und tu was anderes. Ausgenommen mit Leuten reden. Leute stopfen fremde Worte in deinen Kopf. Fremde Worte böse. Raum für eigene Worte gut.
Dorothea Brande, everybody!
Wobei ich dahingehend schuldig bin, dass ich in meinen Hirnabkühlpausen gern mal Dinge lese oder einen Podcast höre. Das stopft alles fremde Worte in meinen Kopf. Oder auch nicht. Meine Phantasie ist ziemlich dominant. Ich drifte eher gedanklich weg, weil meine eigenen Worte so laut und hartnäckig sind.

10. Sei auf alles vorbereitet. Jede Geschichte stellt andere Anforderungen und kann dir Grund geben, die eine oder andere Regel zu brechen. Bis auf die erste: Du kannst deine Seele nicht der Literatur übereignen, wenn du über deine Steuererklärung nachdenken muss.
Jupp. Aber Steuererklärung ist nur einmal im Jahr. Da kann man sich ruhig mal ein paar Tage Zeit nehmen, z.B. wenn man eh eine Schreibpause machen wollte.
EDIT: Hieraus wird irgendwie überhaupt nicht klar, was ich allgemein zu diesem Statement denke. Deshalb zitier ich mal meine Antwort auf Elas Kommentar zu der Sache:
[Es spricht] so viel Privilegiertheit daraus[…]. Ich meine, wer kann sich bitte einen Steuerberater leisten, und dann auch noch, wenn man entschlossen ist, außer dem Schreiben nichts anderes zu tun? Sicher, Alleinstehende können hungernde Künstler werden, wenn sie das wollen, aber es gibt auch Menschen, die haben nicht nur sich selbst zu versorgen, oder sind schlicht nicht bereit, sich auf Hartz IV vom Staat emotional misshandeln zu lassen, nur um ‘ernsthaft’ schreiben zu können.
Dazu kommt, dass – um mal ein beliebtes Klischee zu bedienen – sogar der Dichterfürst höchstselbst als Staatsbediensteter berufstätig war und sagte: “Meine Schriftstellerei subordiniert sich dem Leben.” und er erlaubte sich “… manchmal ein Übung in dem Talente, das mir eigen ist.”
Also wenn selbst Gott, äh, Goethe, zu beschäftigt damit war, ein real existierender, auf Nahrung, Kleider und Unterkunft angewiesener Mensch zu sein, um sich vollzeitig dem Schreiben zu widmen, ist es sicher kein Zeichen mangelnder Tauglichkeit, wenn unsereins ebenso vorgeht.
Wenn man den (international erfolgreichen) Machern des Podcasts ‘Writing Excuses’ Glauben schenken darf, kriegt man sowieso mehr getan, wenn die Zeit, die man zum Schreiben hat, begrenzt und kostbar ist.

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