CleanReader – Ja bitte.

/ März 30, 2015/ Alle Posts mit Feminismus, Randgedanken/ 2Kommentare

headerfinaliconresizedEs gibt da einen neuen E-Reader, der es Leserinnen erlaubt, bestimmte ‚obszöne‘ Worte in einem Text als ‚familenfreundliche‘ Variation anzeigen zu lassen.
Es gibt außerdem Autorinnen, die das total anstößig finden.

Ich persönlich denke, dass jede Person das Recht hat, die eigene Medienerfahrung auf die eigenen Bedürfnisse zuzuschneiden.

Finde ich es albern, dass es Leute gibt, die das Wort ‚ficken‘ oder ‚Vagina‘ nicht lesen wollen? Aber absolut. Aber meine Meinung ist meine Meinung, und es kommt niemand zu Schaden, wenn jemand mit einer Software das Wort ‚ficken‘ als ‚liebemachen‘ darstellen lässt.

‚Du kannst doch nicht einfach meine Worte ändern!‘ sagen manche Autorinnen. Doch. Kann ich.
Die Leute, die CleanReader benutzen, kaufen dein Buch in der Form, wie du es veröffentlicht hast. Sie zahlen den Preis dafür, den du verlangst. Sobald das Buch ihnen gehört, können sie damit tun und lassen, was sie wollen. Sie könnten dein Buch in Print kaufen und eine Freundin jedes ‚böse‘ Wort schwärzen lassen. Und es ist ihr Recht, das zu tun. Sie könnten es auch auf ihr Klo legen und sich den Hintern mit den Seiten abwischen, oder mit Edding ‚Arschloch‘ auf jede Seite schreiben.
Oder sie lassen von einer Software bestimmte Worte als andere Worte darstellen, weil sie die Geschichte gern lesen wollen, sich aber von bestimmten Worten belästigt fühlen.

Und, mal ehrlich, wer sich als Autorin über die Andersdarstellung einzelner Worte durch Software aufregt, hat vergessen, dass die gesamte verdammte Geschichte durch jede einzelne Leserin in jeder Hinsicht gedeutet wird, und zwar in sicher 90% der Einzelfälle nicht so, wie die Autorin den Text eigentlich intendiert hatte.
Die Geschichte im Kopf der Leserin hat nur oberflächlich was mit der Geschichte im Kopf der Autorin zu tun. Sich vor diesem Hintergrund über einzelne Worte aufzuregen, finde ich genau so albern wie Aufreger über ‚ficken‘.

Ich finde, dieser CleanReader ist sogar eine großartige Idee für Leute, die mit Triggern zu tun haben. Man stelle sich das vor:
Menschen mit Traumata, Drogenproblemen, Esstörung oder ähnlichem könnten mit einem entsprechend ausgestatteten CleanReader einfach so jedes Buch kaufen und lesen, ohne sich Sorgen darüber machen zu müssen, dass ihr Leseabend durch eine Panikattacke ruiniert wird.

Der CleanReader hat das Potenzial, Texte für viele Menschen zugänglicher zu machen. Und ist das nicht, was wir Autorinnen wollen? Dass mehr Menschen unsere Bücher lesen – und zwar ohne dass wir dazu irgend etwas an unserer Schreibe ändern müssen?
Mit CleanReader werden Demographien zugänglich, die vorher wegen unserer Vorliebe für Gossensprache unsere Bücher gemieden haben, und das, ohne dass wir auch nur auf ein einziges ‚verdammter Wichser‘ verzichten müssen.

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