Die Teenagerin als Echter Mensch: A World Beyond

/ Juni 11, 2015/ Alle Posts mit Feminismus, Gut erzählt, Reviews/ 2Kommentare

Ein Foto von Britt Robertson mit roter NASA-Kappe.

Britt Robertson als Echter Mensch Casey Newton

Gestern haben mein Mann und ich endlich mal unsere ewig alten Kinogutscheine eingelöst und waren im Deluxe-Kinosaal – kann ich nur empfehlen, weil es zwar dekadent ist, aber soooo bequem. Ohne Scheiß, war großartig, besser als unser Sofa zuhause!

Wir standen vor der Entscheidung, entweder ‚Mad Max: Fury Road‚ zu gucken (der von PZ Myers empfohlen wurde) oder ‚A World Beyond‚. Da uns beiden der Trailer von Ersterem nicht so zugesagt hat, wurde es dann ‚A World Beyond‘. Weil Science-Fiction mit einer Teenagerin als Hauptcharakter, das fand ich interessant.

Der Eindruck beim und kurz nach dem Gucken war alles in allem positiv. Es gab viele witzige Stellen, und auch wenn die Story nicht so super logisch und lückenfrei war, war sie (nach einem langsamen Start) doch ganz unterhaltsam, und die Message… naja, war halt eine Message. Die Charaktere fand ich nett, besonders Casey, die Teenagerin, die überaus kompetent rüberkam.

Dann vorhin hab ich Ela von dem Film erzählt, und dabei hatte ich eine irre Erkenntnis, die ich hier gern teilen würde.

Und zwar ist Casey Newton ein absolut großartiger Charakter und das Script geht sowas von super mit ihr um, dass ich echt mit offenem Mund hier sitze und einfach nur noch angetan bin.
Natürlich fragt ihr euch jetzt, warum mir das nicht gleich aufgefallen ist, aber darauf kann ich antworten: Wenn etwas schlechtes, an das man sich gewöhnt hat, auf einmal wegfällt, merkt man es halt nicht immer gleich. Und so ist mir erst in der Reflektion aufgefallen, dass es den ganzen Film über nicht eine einzige Situation gab, in der ich denken musste: „Hallooooo Sexismus!“ oder „Hallooooo Ageismus!“ Nicht. Eine. Einzige.

Casey Newton ist eine Teenagerin UND eine vollwertige Person. Sie ist clever, gebildet und furchtlos, sie hat eine gute Beziehung zu ihrem NASA-Ingenieur-Vater und ihrem kleinen Bruder, sie ist unabhängig, sie ist engagiert, sie hat Überzeugungen und wird aktiv, um sie durchzusetzen, sie hat Kraft, Ideen, Sturheit, Selbstvertrauen und Humor. Aber sie ist kein Übermensch. Sie hat in gefährlichen Situationen Angst, sie fühlt Unsicherheit. Und als man ihr sagt, dass sie die Welt retten soll, kommt nicht sowas wie: „Aber ich bin doch erst 15!“, sondern stattdessen: „Wie soll den ein Mensch alleine die Welt retten?!“
Caseys Traum von Kindheit an, ist es, die Sterne zu besuchen, und sie sabotiert Kräne, um zu verhindern, dass eine NASA-Abschussrampe abgerissen wird. Sie fährt Motorad, hat einen Störsender, und erzählt ihrem kleinen Bruder liebevoll von ihren Hoffnungen für die Zukunft. Und ihr kleiner Bruder sieht zu ihr auf, vertraut ihr und lässt sich von ihrer Begeisterung anstecken.
Casey folgt einem klaren Weg, im Gegensatz zum typischen Abziehbildchen vom sprunghaften, hysterischen, wankelmütigen Zickenteenie, den uns die Medien so gern präsentieren. Sie weiß, was sie kann, sie weiß, was sie will, aber sie weiß auch, wenn sie überfordert wird. Sie weint, wenn sie Angst hat, sie macht sich Gedanken über ihren Vater und will, dass er gut von ihr denkt, aber das alles wird nicht als negative Schwäche portraitiert, sondern als eine ganz natürliche Schwelle der Verletzlichkeit, die selbst der stärkste Charakter hat.
Casey ist ein Mädchen, das sich jede und jeder bedenkenlos zum Vorbild nehmen kann.

Und das ist nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte sind der Cloony-Schorsch als Frank Walker – einem altgewordenen Wunderkind – und Dr. House als Nix, dem Präsidenten einer futuristischen Gesellschaft in einer anderen Dimension, die an der Menschheit parasitiert, indem sie die klügsten und kreativsten Menschen zu sich rüber holt (und sich dann darüber wundert, dass die Welt der Menschen den Bach runter geht…).
Und diese andere Hälfte, diese erwachsenen Männer, stellen nicht für einen einzigen Moment, nicht in einer einzigen Szene, Caseys Daseinsberechtigung in Frage. Nicht ein einziges Mal will man sie wegschicken, weil sie ’nur ein Mädchen‘ oder ’nur ein Kind‘ oder ‚zu jung‘ ist. Caseys Rolle in der Story ist ein Fakt. Ihre Fähigkeit, zumindest zu versuchen, diese Rolle auszufüllen, ist ein Fakt. Casey ist eine vollwertige, gleichberechtigte Person unter vollwertigen, gleichberechtigten Personen. Sie muss nicht um Anerkennung kämpfen, nur darum, dass Frank sich motiviert, ihr zu helfen. Es geht nicht darum, dass sie ein Mädchen ist, das erstgenommen werden will, sie ist ein Mädchen, das ernstgenommen wird.

Nennt mich weich, aber ich krieg hier gerade eine Gänsehaut. Ohne Scheiß. Wie oft wird diese Geschichte erzählt, in der eine junge Frau ihre Menschlichkeit gegen ältere Männer durchsetzen muss? Wie oft wird es uns ins Hirn geprügelt, dass das die Realität zu sein hat, dass sich junge Frauen erst beweisen müssen, dass sie kämpfen müssen, und dass es alte Männer sind, denen die universelle Quelle der Anerkennung gehört? Wie oft wird diese Scheiße an die Wand geschmissen, und wie oft bleibt sie da kleben, als wäre es ein Naturgesetz?

In ‚A World Beyond‘ braucht Casey nicht für ihre Menschlichkeit zu kämpfen. Sie hat sie schon. Und so kann sie alle Energie und alle Zeit in den eigentlichen Kampf stecken, nämlich den Weltuntergang zu verhindern.

Leute. Wie viel weiter wären wir als Spezies, wenn wir auf unsere Hierarchien verzichten würden? Wenn Menschen einfach ihr Ding machen könnten, ohne dabei (oder dafür) auch noch gegen ein unterdrückerisches Schweinesystem kämpfen zu müssen? Wenn Frauen Menschen wären, wenn Behinderte Menschen wären, wenn Nicht-Weiße Menschen wären, wenn Lesben, Schwule, Bi- und Asexuelle Menschen wären, wenn Transexuelle Menschen wären, und nicht bloß eine minderwertige Abweichung vom Idealen Menschen, die ihren Wert in einer Tour vor der Jury der Weißen, Körperidealen Cis-Het-Männer beweisen muss?

Was für eine himmelschreiende Energieverschwendung, die uns alle beraubt und unser aller Leben ärmer macht.

Seht euch ‚A World Beyond‘ an. Nicht zwingend wegen der Story, aber auf jeden Fall wegen Casey und den anderen Charakteren, die Caseys Menschlichkeit als Fakt des Lebens akzeptieren, und wenn ihr nachher über den Film redet, erwähnt diesen sonderbaren Umstand, dass Casey einfach ihr Ding machen kann, als wäre es etwas völlig normales, dass Teenagerinnen eine Daseinsberechtigung haben.

Dieser Film ist so eine unglaublich erfrischende Abwechslung!!

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