Fonts und Editoren

/ November 6, 2011/ Schreibtipps, Software und Hardware/ 0Kommentare

Ausschnitt eines Bildschirmfotos, das die minimalistisch eingerichtete Werkzeugleiste eines Texteditor-Programms zeigt (Fonts und Editoren)
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Oder auch: Editoren und Fonts. Wir gehen mal chronologisch vor.

 

Ich und Texteditoren, wir haben ja eine lange gemeinsame Geschichte, so verglichen mit der Länge von Geschichten, die ich mit irgendwas anderem in meinem Leben habe.

Am Anfang war da natürlich Word, so wie am Anfang meiner Beziehung mit dem Internet AOL stand. Jugendsünden. Word und ich, eigentlich müsste ich mit Nostalgie auf diese Zeit zurückblicken. Ich habe ‚Das Kunstwerk‚ mit Word geschrieben. Ach, so viele Stunden habe ich auf das Interfacedesign von Win ’98 gestarrt, in meinem Spieltrieb mit grauenvollen Farbkombinationen ausgestattet. Ich kann mich nicht erinnern, mit dem Programm großartige Probleme gehabt zu haben – abgesehen davon, dass die Auto-Safe-Funktion nicht funktioniert hat, weshalb mich mein wegen kaputtem Lüfter ständig abrauschender Rechner bald in die rasende Verzweiflung getrieben hat.
Man stelle sich vor, man sitzt an einer Szene, die man konstruieren muss, weil sie von alleine nicht fließt. Der Gang der Ereignisse, des Gesprächs, der Gedanken, alles hängt von bestimmten Worten und Formulierungen ab, die man natürlich auch konstruieren muss. Und nach zwanzig Minuten angestrengten Bastelns rauscht die Kiste ab und alles, alles was man da so mühsam erarbeitet hat, ist weg! Und das nicht nur einmal, hahaha, oh nein! Denn ich habe natürlich nicht gewusst, warum der Rechner abrauscht, und die vollautomatische Eingabe von cmd+s in jeder noch so kleinen Gedankenpause habe ich mir nicht so schnell angewöhnen können. Dreimal. Dreimal musste ich mir diese Szene wieder von neuem herleiten. Ich hätte die Kiste fast aus dem Fenster geschmissen. Ich hab geschrien vor Wut. Es war der Hammer.

Nach Word kam erstmal eine Zeit lang nichts, weil ich nach Windows nämlich SuSE-Linux drauf hatte, und was genau mir dieses Betriebssystem eigentlich sagen will, hab ich nie verstanden. Ich weiß, dass ich ‚Marietta Brown’* zu meinen Linux-Zeiten geschrieben habe, aber mehr nicht. Mir war das ganze Handling irgendwie unsympathisch, alles hatte sowas provisorisches und hat nie so funktioniert wie ich dachte. Ich weiß nichtmal mehr, wie der Texteditor da geheißen hat.

Weil mir Linux so auf den Sack gegangen ist und ich einen Laptop brauchte, kam danach ein kleiner Mac. Bei OS X ist von Haus aus kein Office-Zeug dabei, sondern nur der TextEdit, der in etwa dem NotePad auf Windosen entspricht. Noch ganz unter dem Eindruck von Word stehend war mir der TextEdit natürlich nicht genug. Also Word for Mac organisiert, aber Microsoft… irgendwie fühlt sich das schmutzig an. Ich weiß auch nicht. Also wieder runtergeschmissen und stattdessen auf Open Source umgestiegen. OpenOffice bzw. NeoOffice.
Der Hass. Alter. Ich hab selten ein Programm so sehr in den Boden rammen wollen, wie diese beiden Ausgeburten der Datenhölle. Die brauchen gefühlte zwei Minuten zum Hochfahren, doppelt so lange um ein großes File zu öffnen (~100 Seiten) und über fünf Sekunden, um so ein File zu speichern. Es ist un. mög. lich. mit diesen Mühlsteinen am Bein einen Text zu verfassen. Deshalb verwende ich sie nur noch zum Setzen. Oder sagen wir lieber zum Formatieren.

Bin ich also murrend und knurrend auf den TextEdit umgestiegen. Und da passierte etwas sonderbares…
Menüleisten habe ich ja schon immer gehasst, besonders bei Texteditoren. Wenn man so einen frisch installiert aufmacht, hat man in der Menüleiste allen Ernstes ein Knöpfchen zum Kopieren, eins zum Ausschneiden, eins zum Einfügen… Sach ma… Wollen die einen verarschen? Wozu ist an dem verdammten Rechner eine Tastatur dran? cmd+c, cmd+x, cmd+v!! Ich meine, ich verstehe, dass auch DAUs ein Recht darauf haben, dass sich ihnen Texteditoren irgendwie erschließen, aber könnte man nicht in der Installationsroutine abfragen, ob der User gerne mit Shortcuts oder lieber mit (insert screenshot von einer Menüleiste) arbeiten würde? Es kostet jedes mal verdammt viel Zeit, diese Knopfleisten dazu zu bringen, einem nicht auf den Sack zu gehen.
Und dann diese Leisten, die z.B. der NeoOffice immer ungefragt aufmacht, wenn man eine bestimmte Formatierungsaktion (z.B. Bullets) unternimmt oder eine Tabelle anklickt!! OMFG! Damit man davon nicht bekloppt gemacht wird, muss man allen Ernstes sämtliche Leisten für sämtliche Aktionen, die man häufiger verwendet erst als Standard setzen, und dann noch sämtliche Knöpfchen einzeln und von Hand deaktivieren, damit man nicht die Hälfte des Bildschirms nur mit Leisten voll hat.
Und wenn man das erledigt hat, kann man dann fein und ungestört arbeiten? Nein, natürlich nicht! Denn irgend ein Vollspaten hat die Tradition eingeführt, dass standardmäßig das ‚Autovervollständigen‘ aktiviert ist, so dass ein geistloses Computerprogramm allen Ernstes dazwischenquatscht, während man schreibt, und versucht zu erraten, welches verdammte Wort man gerade tippen will! Wie durch muss man sein, um überhaupt auf die Idee zu kommen, dass der Großteil der Menschen, die so ein Programm häufig und ausdauernd verwenden, so langsam tippen, dass sie schneller sind, wenn sie die Zwischenrufe ihres Editors lesen und bewerten?
Und automatisch ersetzen! Oder noch besser, Autokorrektur! HAAAAAAAHAHAAAA!!! Was???? Hat schonmal jemand hier ein Rechtschreibprogramm verwendet? Die Dinger sind nutzlos! Das sind besoffene Gorillas, die einem ein paar Buchstabendreher zeigen und ansonsten nur sabbern und guttural vor sich hin brabbeln! Gibt es wirklich jemanden auf diesem Planeten, der ernsthaft einen Text ohne jede Aufsicht der Gnade seines Rechtschreibprogramms ausliefert?? Autokorrektur; you’ve got to be kiddin‘ me. Warum gibt es diese Funktion überhaupt?
Das unglaublich Schöne, Leichte und Wahrhaftige am TextEdit ist, dass er diesen ganzen Quatsch gar nicht erst macht. Die Menüleiste? Per se schon recht leer, blitzschnell eliminiert. Popup-Menüleisten? Gibt es keine. Autovervollständigen? Existiert nicht. Automatisch ersetzen? Nope. Das einzige, was man TextEdit verbieten muss, sind die roten Kringel unter Worten, die er noch nicht kennt. Es war… befreiend… erhebend… Oh! TextEdit, du meine erste Romanze mit dem Werkzeugminimalismus. Hach.

Das einzige, was mir am TextEdit gefehlt hat, war eine Seitenzahlanzeige. Das heißt, wenn ich wissen wollte, wieviel ich an einem Tag geschafft hatte, musste ich NeoOffice aus seinem kleinen Verlies holen. Nerv. Auf meiner Suche nach einer Lösung lernte ich Bean kennen. Bean ist TextEdit+. Gleiches Aussehen, gleiche Non-Features, aber er kann Seiten zählen. Er tut auch so – oder tat zu der Zeit so – als könnte er Tabellen machen, aber das interessiert ja beim Schreiben nicht.
Bean und ich hatten eine wunderschöne Zeit zusammen. Bis… ja, bis die Sache mit Intel passiert ist.
Der Fortschritt hat uns auseinandergerissen. Auf meinen kleinen Uralt-G4 war ein nagelneuer Nagelneu-G4 gefolgt (mein erster und bisher einziger ganz neuer Rechner, hach, den ich mir auch noch selber von meinem eigenen Geld gekauft habe), der mir lange Jahre wundervolle, treue, fleißige Dienste leistete. Doch als die Ära der Intel-Prozessoren begann, brach nach und nach der Support für immer mehr meiner freien Software weg. Schließlich war die Zeit für einen neuen Rechner gekommen. Schweren Herzens trennte ich mich von meinem G4…

Intel und 10.5, angeblich kein Problem für Bean. Ich installierte, öffnete vorfreudig Das Kunstwerk… und Bean brauchte ewig zum Öffnen und speicherte nicht mehr richtig… Das war ein harter Schlag. Also wieder auf ins Netz, nach einem neuen kostenlosen minimalistischen Texteditor suchen. Ich fand den OmmWriter, ein geniales kleines Programm, das das Prinzip von WriteRoom aufgreift, nämlich nur Text vor einem einfachen Hintergrund zu präsentieren, ohne Formatierungsschnickschnack, kaum Preferences für das Programm, ohne alles sozusagen. Omm spielt einem dazu noch schöne Plätschermusik, wenn man will. Alles zugunsten der Konzentration. Total super.
Konzentration ist ja so eins meiner Probleme. Mit dem OmmWriter? Viiiiel besser geworden. Also wirklich, um Längen besser.

But the Ring betrayed Isildur… Äh, OmmWriter betrayed Tine. Das Programm verzichtet nämlich darauf, an der Datei dranzubleiben, in die er grad speichert. Das heißt, wenn man aufräumt und die Datei, die man gerade offen hat, irgendwo anders hin verschiebt und dann speichert, dann sagt der OmmWriter nicht „Die Datei _mia.omm wurde verschoben. Wollen Sie an dem neuen Ort speichern?“. Nein, nein, OmmWriter sagt gar nichts und speichert die Arbeit von vier. verdammten. Tagen. einfach mal so INS LEERE!!! Und es war purer Zufall, dass ich nicht noch länger ins Nichts gespeichert habe!
„Aber Tine.“ sagte mein Mann. „Sei nicht traurig, der hat doch sicher ein Autobackup.“
Ich also geguckt. Ja! Er hat ein Autobackup! … Aber nur für den aktuellen Tag!!! *head-desk*
Da mochte ich den OmmWriter dann irgendwie nicht mehr…

Also wieder auf ins Netz, such such such, lad lad lad, test test test. Und da sitze ich nun mit meinem ersten richtig echt gekauften TextEditor. Er heißt Byword, und er kann Markdown, was ganz praktisch ist, weil die # mit denen ich im OmmWriter für die zukünftige Formatierung mein Kursiv auszeichnen musste, sind schon irgendwie hässlich. Weiterer Vorteil von Byword gegenüber Omm ist, dass Byword nicht bei jedem Speichern die eigentlich unsichtbare flexible Textbegrenzung und eine Liste von Preference-Knöpfchen aufscheinen lässt; das war auf Dauer nervig. Darüber hinaus geht Byword zwar in Vollbild an den Start, aber das Dock ist immer noch zugänglich; das bedeutet, wenn nebenher chatten will, geht das, ohne dass man dazu extra Signaltöne einstellen muss, damit man neue Nachrichten mitbekommt. Die Plätschermusik liefert iTunes (durch YouTune praktisch über die Programmleiste zu erreichen *yay*) und fertig ist die Laube.
Drei Nachteile von Byword: 1. Der Support und die Erklärungen zur Programmbedienung lassen ziemlich zu wünschen übrig; 2. muss man einen Text, den man in ein neues Markdown-File einfügen will, erstmal mit dem TextEdit in reinen Text umwandeln, damit Byword auch wirklich ein Markdown-File draus macht, 3. man kann das lebenswillenvernichtende #fefefe, das Byword als Hintergrund hat, nicht ändern (aber man gewöhnt sich dran).

An der Sache mit den Fonts ist der OmmWriter schuld. Zum Teil.
Früher dachte ich immer „Was wollen mir Fonts eigentlich sagen?“. Sind halt Buchstaben. Und weiter? Hin und wieder habe ich mich mal damit beschäftigt, nachdem mir ein Blog so von der Seite kam und meinte „Ey… Times? TimesNewRoman? Roflol, echt jetz?“ Mir liegt nunmal an meinen Texten und ich hasse es, wie ein Spaten dazustehen. Auch wenn mir so ein paar Typophile natürlich totaaaal egal sind. Aber nachdem ich im OmmWriter eine längere Zeit notgedrungen nur noch Arial regular gesehen habe, habe ich eine völlig neue, völlig andere Sicht auf Typographie entwickelt.
Heute habe ich also meine Schriftenbibliothek mal ausgemistet, weil jemand im Internet behauptet hat, dann würde der NeoOffice ein kleiiiines bisschen schneller. 275 Schriften, zusammengekommen durch verschiedene Projekte und Phasen in denen ich dachte „Ach, gucken wir doch mal, was es für schöne Serifenschriften gibt, in denen ich eines Tages mal Das Kunstwerk in die Welt hinausschicken könnte.“ Nach dem Entfernen von kaputten Schriften waren es nur noch 214. Dann bin ich hingegangen und habe geguckt, welche von den Serif und Sans-Serif denn über Regular und Italic verfügen, so dass sie für das Setzen einer Geschichte auch taugen. Jetzt hab ich nur noch 89 Schriften installiert…
Die Sache ist, unter den Gefallenen waren ein paar Schriften, bei denen ich dachte „Waruuuuum??“. So nette Schriften, die ich wirklich gern behalten hätte. Ein paar hab ich auch behalten, weil sie einfach zu ästhetisch sind, um sie nicht zu behalten. Und ein paar habe ich gekickt, obwohl sie dem Kriterium genügt haben, weil sie einfach nur hässlich waren und ich mich gefragt habe, wer so eine Schrift entwickelt.
Schon witzig, irgendwie.

(Meine neuste Editorenromanze könnt ihr hier lesen.)

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* Das ist eine von den Geschichten, die ich erst nochmal ausgiebig überarbeiten will, ehe ich sie hier online stelle.