Elisabeth Gilbert, Üben-üben-üben und Kreativität

/ Mai 25, 2012/ InspirationsHandwerk, Schreibtips/ 4Kommentare
















Elisabeth Gilbert
In ihrem TED-Talk ‚Your elusive creative genius‘ spricht Elisabeth Gilbert – Autorin von ‚Eat, pray, love‘, das ich nicht gelesen habe und freiwillig auch niemals lesen werde – darüber, wie Kreativität in der westlichen Gesellschaft wahrgenommen wird und warum das ihrer Meinung nach schlecht ist.
Sie diagnostiziert die chronische Vorstellung, dass kreative Menschen gequälte Personen sein müssen, in ständiger Angst davor, nicht gut genug für den Erfolg zu sein und – nachdem sich endlich Erfolg eingestellt hat – nichts mehr nachlegen zu können.
Was ich von Erfolg als Arbeitsziel halte, habe ich hier ja schon mehrfach erwähnt, und ich habe auch den Eindruck, dass Gilbert ein US-amerikanisches Phänomen beschreibt und kein ‚westliches‘.

Gilbert berichtet, wie sie immer nach ihrer erfolgsbezogenen Angst gefragt wurde, seit sie zum ersten mal über ihren Traum gesprochen hat, Schriftstellerin zu sein. Ich selbst habe auf die Erwähnung, dass ich schreibe, immer folgende Reaktion bekommen: „Wow, du schreibst? Sowas könnte ich nicht!“ oder „Ich hab auch mal ein Buch angefangen, aber das war so anstrengend.“
Ich weiß nicht, ob sich die Kultur hier in der Zwischenzeit gewandelt hat – ich bins schon seit Jahren leid, immer wieder das selbe Gespräch zu führen und verschweige deshalb, dass ich schreibe – aber ich glaubs eher nicht. Erfolgsdruck ist hier – in Deutschland oder sogar Europa – zumindest vor seinem tatsächlichen Eintreten selbstgemacht*.

Aber auch unabhängig vom Druck des Publikumserfolgs beschreibt Gilbert das Leben der Kreativen als angstbestimmt: Ideen, die sich nicht fassen lassen, Writer’s Block, sonstwie geartete Hemmungen des Schaffensflusses, das alles sei zu fürchten.
Als Gegenmittel schlägt sie vor, Kreativität und Ideen nicht mehr als etwas zu betrachten, das der kreative Mensch produziert, sondern als etwas von Außerhalb, etwas geradezu göttliches. Dieser Trick nehme den Kreativen aus der Verantwortung, nicht nur für den Ideenstau, sondern auch für mangelnden Erfolg.

Wenn ich mir einen Wolf formuliere und 90% der Befragten mein Geschreibe für unlesbar halten, liegt es also nicht daran, dass ich dringend meine Technik verbessern muss, sondern daran, dass meine Ideenfee versagt.

Ah ja.

Üben-üben-üben
Hier zeigt sich, welchen Aspekt des kreativen Schaffens Gilbert in ihrem Vortrag (wohl aufgrund der Kürze des zeitlichen Rahmens) übergeht:
Das Handwerkliche, das nichts mit Inspiration zu tun hat, sondern einzig und allein mit einem lernbaren, übbaren Know-how. Eine Inspiration kann noch so genial sein, wenn die kreative Person, die sie umsetzen will, einfach nicht weiß, wie man einen geraden Satz formuliert oder perspektivisch zeichnet, wird da nichts draus.

Und jetzt kommt der Comic ins Spiel, der oben im Bild verlinkt ist.
Der Comiczeichner tritt vor das Antlitz der Göttin der Kreativität und bittet sie um eine Gabe.
„Hast du mir denn das eine Opfer dargebracht, das ich verlange?“ erkundigt sich die Göttin.
„Welches Opfer ist das, schöne Göttin? Ich werde alles tun, was du verlangst.“
„Hast du stundenlang gearbeitet, um meiner Gabe würdig zu sein?“
„Öh… nicht wirklich.“
Diese Antwort erzürnt die Göttin. „Wer mir nicht seine Zeit schenkt, der wird keine Muse von mir erhalten.“
„Was?!“ empört sich der Comiczeichner. „Ach komm schon! Irgendwas musst du mir geben!“
„Nichts wirst du bekommen! Nun geh zurück an deinen Schreibtisch und arbeite wie all die anderen.“

Mit anderen Worten: Ideen kommen nicht, wenn man däumchendrehend auf sie wartet, sondern wenn man fleißig und engagiert an ihnen arbeitet.

(Mehr dazu: Die Brande-Methode.)

Kreativität
Es gibt keine Feen und Kreativität ist ein Produkt des Gehirns. Genauer gesagt des schlampig arbeitenden Gehirns. Denn Kreative unterscheiden sich dadurch von Nicht-so-Kreativen, dass ihre Assoziationen deutlich lockerer und schneller funktionieren, und dass ihre Gehirne stärker dazu neigen, Selbstgespräche zu führen, die nichts mit dem täglichen Leben zu tun haben (aka Tagträume).
Daher auch das Wort von ‚Genie und Wahnsinn‘. Wer freifliegend denken kann, der denkt eben öfter freifliegend, und das kann nicht nur von außen etwas irritierend wirken, sondern tatsächlich zur stärkeren Vermischung von Realität und Gedanken führen. Wenn da dann noch gesteigerte Intelligenz hinzukommt – sich äußernd in Beobachtungsgabe, Grübelneigung, Hinterfragen u.ä. – wird es weniger angenehm.
Zusammen mit dem selbstgemachten Stress der weiter oben genannten Ängste und dem Perfektionismus des wirklich mit Leib und Seele einer Sache anheimgefallenen entsteht daraus die erfolgsunabhängig gequälte Künstlerseele, die als Archetyp auch im deutschen/europäischen Kulturraum existiert.

Kann man à la Gilbert etwas dagegen tun? Gegen den Perfektionismus vielleicht, aber ansonsten eher nicht. Denn was Menschen kreativ macht, macht sie eben auch ein bisschen gaga. Das ist wie mit Bodybuildern, die sich in Übergröße einkleiden müssen. Wer dicke Kreativmuskeln hat, sprengt einfach das Größe-36-Hemdchen der schlichtgemütigen Zufriedenheit und muss das zeltformatige, figurkaschierende Sackgewand des Weltenschmerzes tragen.

Aber hey. Im Sommer ist das immer schön luftig.

Fazit
Manche Ideen fliegen einem zu, aber damit aus der einzelnen, in der Luft hängenden Idee ein Werk wird, muss selbst der kreativste, begabteste Mensch der Welt üben und arbeiten. Und die Freude des Schaffens, die er in diesem Üben und Arbeiten erlebt, entschädigt ihn für die Selbstzweifel und die schiefen Blicke, die er mit seinem sprunghaften Denken schonmal erntet.

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* Nicht im Sinne von ’selbst schuld, wer von Schreiberfolg abhängig ist, um Brötchen auf den Tisch zu bringen‘, sondern im Sinne von ‚der Druck resultiert nicht aus einer Erwartungshaltung des Umfeldes‘.

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