Unerforschtes Gebiet – Vom Weiterschreiben am Ende der ausgegorenen Ideen

/ Dezember 15, 2015/ Das Prinzip der Schönheit, Meine Schreibe und ich, Plot und Szenen, Schreibtipps/ 8Kommentare

Grade bin ich wieder in einer für mich immer sehr gruseligen Situation. Ich habe eine Lücke in der bekannten Welt erreicht, eine Beinahe-Leer-Stelle in meinem Plot, eine Szene, die wie folgt in meinem Tagesplan drinsteht:

* Tel Joe/Judi (Kunst, Videos, L.E.Mort)
* Sieht L zu, wie er an Glasinstrument arbeitet, sieht Ölbild, Kreidebild, malt selber was? (Reden über Sérafine?)

Und das ist alles. Mehr steht da nicht. Mehr Gedanken habe ich mir zu den Ereignissen dieses Tages nicht gemacht. Ich habe kein Ziel an diesem Tag, es gibt nichts, was da passieren muss, nichts, was mich anmacht oder reizt, gar nichts. Eine öde, wüste Leere, oder eine Öde, Wüste und Leere, wenn man Adjektive nicht so mag (hab kürzlich von Ela gehört, dass es so Leute tatsächlich gibt, wer hätte das erwartet? Ich nicht!)

Wie geht man (lies: ich) mit sowas um? Tjaaaa…

Erstmal muss man natürlich den Schock verknusern, sofern einen sowas schockt. Und mich schockt es immer gewaltig.
Als ich mit dem Schreiben gerade erst angefangen hatte, war ich sogar so geschockt, dass sich daraus eine Weiterschreibangst und das tatsächlich zwanghafte Alles-bereits-Geschriebene-nochmal-überarbeiten-und-dann-nochmal-und-nochmal-und-noch-dreimal-nur-um-ganz-sicher-zu-sein entwickelt hat. Das alles basierte natürlich auch darauf, dass ich Sorge hatte, im vorher Geschriebenen noch irgend einen Fehler drin zu haben, der meine Pläne für die nächste Szene versauen könnte (mittlerweile hab ich so viel Routine im Überarbeiten und Ausbaldovern von Lösungen, dass ich diese Sorge nicht mehr kenne), aber vor allem hatte und habe ich Angst vor dieser riesengroßen Leere. Weil die Welt mit dem letzten Satz ja tatsächlich ein großes Stück weit aufhört, zu existieren. Keine Worte mehr, nur weiße Seite und ein paar Notizen.
Der schön angelegte Weg der bereits fertig geschriebenen Szenen bricht ab. Vor uns liegt eine wackelige Brücke aus halbgaren Ideen, ein paar lose Bretter aus Notizfetzen, und dann… der Abgrund.

Mein erster Instinkt ist dann, mich erstmal zusammenzureißen. Weil ich ja weiß, dass die Ideen schon kommen werden und die Via Appia, die ich gerade heruntergaloppiert bin, auch mal nur so ein Klappergestell war.

Mein zweiter Instinkt ist, mich hinzusetzen und stur nach den Notizen zu arbeiten. Das ist wie ein Satz Scheuklappen. Es steht in den Notizen und ich habe sonst keine Ideen, also muss es so passieren, weil was ist die Alternative? Es gibt keine, obviously. Und ich leier mir irgendwas aus den Rippen, finde etwas, über das die Charaktere miteinander reden könnten, während sie tun, was in den Notizen steht, oder finde etwas, das sie tun können, während sie über das reden, was in den Notizen steht. Je nach dem.
Meistens kommt da sogar was bei rum. Irgendwann. Nach Tagen und Wochen des Schuftens, Wartens, Verzweifelns und stummen Hassens. Irgendwann. Irgendwann kommt eine Idee daher. Irgendwann… Weil den Rohentwurf vom Kunstwerk hab ich ja auch irgendwann fertigbekommen, ganz ohne Brande-Methode und Systematik. Das ist so ein Härtetest.

Ich sitz also da mit meinen Scheuklappen und racker mich ab in dem Versuch, mir etwas zusammenzukonstruieren, wo keinerlei tragfähige Grundidee besteht, auf der ich aufbauen kann. Und dabei leide ich wie ein Tier, weil kaum etwas ätzender ist, als ohne Idee an etwas rumzukonstruieren, von dem man nichtmal weiß, wo es hinführen soll, außer zu einer Szene, bei der man wieder mehr Plan hat.

Das richtig nervige ist dann, wenn mir endlich wieder einfällt, dass ich ja super gut damit fahre, wenn ich die Sache systematisch angehe, so nach meiner modifizierten Brande-Methode (Artikel dazu kommt……. ja, ich weiß… *sfz*), mit Stift in der Hand hinsetzen, Fragen zu der Szene aufschreiben, Antworten finden, bis es läuft….. UND DANN LÄUFT ES NICHT!!!!!

Sowas macht mich rasend.
Die Lücke im Plot ist einfach zu breit. Mein Gehirn weigert sich, auch nur daran zu denken, diesen Abstand zu überbrücken. Es macht einfach dicht.
Es ist zum Verzagen.

Doch verzagen wir zur Abwechslung mal nicht. Denn man muss so eine Brücke ja nicht zwingend von einer Seite zur anderen bauen. Man kann auch von der anderen Seite zur einen aus arbeiten.
Das heißt, anstatt von der letzten fertig geschriebenen Szene aus über den Abgrund zu spähen, kann man auf die andere Seite teleportieren und sich die Inseln aus Ideen und Ideechen ansehen, die jenseits der Chronologie liegen.
Da entdeckt man dann weitere Lücken, also Dinge, die von Grund auf vorbereitet bzw. angebahnt werden müssen, oder deren Anbahnung man zumindest in die Lücke hinein fortsetzen kann. Oder man stolpert über ein Thema, das einzubauen man total verpeilt hat, und das man praktischerweise in der Lücke unterbringen kann.

Diese zwei Möglichkeiten machen bei mir tatsächlich gut 90% der Fälle aus. Das überrascht mich selbst, jetzt da ich mal so drüber nachdenke. Aber so ist es wohl. Lang lebe das charaktergetriebene Erzählen mit seinen Entwicklungen und Beziehungen!

Das war jetzt ein sehr kurzer und wahrscheinlich nicht so super gut nachvollziehbarer Tip, also beschreib ich ihn nochmal etwas anders, in der Hoffnung, dass das Genie dahinter offensichtlich wird:

Wenn man aus dem chronologischen Arbeiten kommt – also aus dem Schreiben in der zeitlich richtigen Reihenfolge – neigt man dazu, eine Lücke in der Plotplanung erstmal aus dieser Richtung zu betrachten. Wenn das nicht dazu führt, dass man die Lücke geschlossen kriegt, ist es sinnvoll, aus dem chronologischen Denken auszusteigen und sich die Lücke von weiter hinten im Plot aus anzusehen. Von einer oder mehreren Stellen aus, an denen der Plot wieder dichter geplant ist und einem Anhaltspunkte dafür geben kann, was an der Stelle, an der die Lücke ist, an Entwicklung gebraucht werden könnte.

Klingt gut. :D

Wenn hinter der Lücke nichts ausgegorenes liegt, ist simples, grundlegendes Plotten angesagt. Das ist überraschenderweise – und zumindest für mich – eine wesentlich einfacher zu handhabende Situation als wenn in der Ferne ausgegorenere Dinge zu sehen sind. Keine Ahnung warum. Vielleicht ist es eine Art Denkfaulheit, die einsetzt, sobald der sichere Boden von bereits Gedachtem in Aussicht ist? Vielleicht.
Dazu, wie es nach dem Brainstorming weitergeht, habe ich übrigens ein paar Tips auf Lager: Vom Brainstorming zum Plot

Naja. Ich gucke jetzt mal, ob ich es schaffe, diesen Artikel einfach zu posten, ohne ihn noch zehmal drüberzulesen.
Wünscht mir Glück!

EDIT: Viermal. Viermal ist gut. Japp… Besser als zehnmal auf jeden Fall.

EDIT: Fünfmal. Dieser Witz wird langsam alt.

EDIT: Pfrrrrrr…….

  • Ela Sonntag

    Ich stelle mit wenig Überraschung aber großem Interesse fest, dass ich jedes einzelne Kapitel so anfange – es ist kein Bug, es ist ein Feature!;-)
    Aber dieses „über den Teich hinausschauen“ ist tatsächlich eine gute Sache. Ich arbeite ja oft wie so ein Trichter, alle Einflüsse, die mich grade umgeben werden als Ideen verwurstet – ich denke ich werde demnächst den ersten globalen Überarbeitungszyklus für Elysion starten (der Epilog hat seit gestern einen letzten Satz:-) und dabei bestimmt wiedererkennen während welcher Kapitel ich Hunger Games gelesen, oder Tudor History recherchiert, oder auf der X-Box Drachen erschlagen habe!;-D Aber das gibt einem ja nur das „Framework“, es geht ja auch darum, dass man keine Szene hat, nur um sie zu haben und da hilft mir das tatsächlich auch sehr, wenn ich mich frage „Was soll den später noch kommen? Hab ich das schon ausreichend angeleiert? Wenn ja, kann ich das trotzdem einbauen, wenn nicht voila, ich habe einen Sinn für die Szene“.

    Was ich demnächst mal versuchen wollte, war ein Post wie man mit dieser ständigen Achterbahn umgeht, die kreatives Arbeiten heißt – dazu hat Mr. King nämlich z.B. gar nichts zu sagen, er meint er schreibt so unfassbar viel und schnell, damit er den Zweifeln entkommt, die ihn sonst ausbremsen. Ich finde das wenig praktizierbar, also muss man sich weiter mit dem Kreislauf „Hey, das ist cool! – Eigentlich doch nicht. – Das ist alles kacke! – Alles was ich je gemacht habe, ist kacke!! – Och das ist eigentlich gar nicht schlecht. -Hey, das ist cool!“ rumschlagen zu dem ich noch keine Lösung gefunden habe… Vielleicht gibt es auch keine, aber Koping Mechanisms auszutauschen wäre mal interessanter als die ganzen anderen „praktischen Schreibtipps“, mit denen ich eh immer nix anfangen kann.;-)

    • tine_schreibt

      Ich versteh diese vergleichsweise planlose Arbeitsweise ja absolut nicht. Also, nicht dass ich sie illegitim finde, nichts liegt mir ferner, denn sie funktioniert ja offensichtlich für viele Autor_innen, und offensichtlich plane ich meine Sachen auch nicht überall und nicht bis ins letzte Detail durch, ehe ich anfange zu schreiben, und es ist auch nicht so, dass ich beim Planen festlege, was passieren soll sondern eher nachgucke, was passieren wird, aber…

      Ich weiß nicht, solange ich mir nicht darüber klar bin, was für einen Wald ich mal haben werde, fange ich nicht an, Bäume zu pflanzen, und das planlose Schreiben ist für mich vom Gefühl her so, dass man vorher nichtmal das Terrain gecheckt hat, was denn da überhaupt wachsen würde.

      Vielleicht hat es auch was damit zu tun, dass ich lieber Sachen gucke/lese, bei denen ich schon vorher weiß, was passiert. Vielleicht hab ich mein eigenes Zeug auch lieber gespoilert?

      Was ich sicher sagen kann, ist, dass ich mittlerweile praktisch zero Achterbahn habe, und ich bin mir fast sicher, dass meine frühere Achterbahn mehr eine Reflektion meiner generellen Instabilität war, als Ausdruck kreativer Notwendigkeit.

      Wenn ich an einer schwierigen Szene arbeite, habe ich eine ziemlich genaue Vorstellung von dem Größeren Ganzen, zu dem sie gehört, und kann mich daran orientieren. Ich brauche keine fundamentalen Zweifel an meiner Geschichte zu haben, wenn ich schon genug davon in so viel Detail durchgeplant habe, dass ich ganz genau weiß, dass sie funktionieren wird, bzw. was ich tun muss, um sie ans Funktionieren zu bringen.
      Außerdem habe ich einen Haufen Szenen, die mich besonders anmachen, bereits vorgeschrieben, und das sind ziemlich effektive Zuckerbrotstücke, die mich einerseits motivieren, weiterzumachen, und andererseits motivieren, jeder Szene etwas zu geben, das mich anmacht.

      Das soll jetzt kein Versuch sein, dich oder irgendwen zum Planen zu konvertieren, sondern eher mein persönlicher Beitrag zur Beantwortung der Frage nach der Achterbahn. Ich hab keine Achterbahn und kann entsprechend keinen Input geben, abgesehen von ‚Detaillierte Vorausplanung scheint dagegen immun zu machen‘.

      • Ela Sonntag

        Haha, ich glaube in dieser Hinsicht ist konvertieren auch wenig sinnvoll, zuviel plotten tötet bei mir jede Lust ab den Kram dann auch aufzuschreiben (Ausnahmen bestätigen die Regel;-) und wir sind ja für den Spaß hier – aber das mit den Zuckerbrot Szenen mach ich auch, wenn ich grad mal wieder nicht über den Teich komme und mir die nächste Idee fehlt. Man muss sich vermutlich einfach immer mal wieder aktiv daran erinnern, warum man irgendwann mal beschlossen hat gerade für diese Geschichte die nächsten Monate und Jahre Lebenszeit aufzubringen. ;-)

        • tine_schreibt

          Warum eigentlich? Also, warum tötet das Planen bei dir die Möge ab, eine Szene zu schreiben?

          Bei mir ist das genau umgekehrt. Wenn ich eine Szene im Kopf praktisch fertig habe, will ich sie immer sehr dringend aufschreiben, und etwas, das ich von Hand im Notizbuch habe, endlich abtippen zu dürfen, ist immer so voll das Highlight, auch weil ich jedes mal weiß, dass mir dabei noch zig weitere Ideen kommen werden, wie ich die Szene noch cooler machen könnte.

          • Ela Sonntag

            Hmm hab ich noch nicht so schlussendlich drüber nachgedacht, aber ich vermute es hat was mit dem Einfluss-Ideen-Trichter-Ding zu tun – mir macht schreiben eigentlich am meisten Spaß, wenn mir Szenen oder Figuren quasi weglaufen und ein Eigenleben entwickeln, und Notizen blockieren das irgendwie. Fühlt sich so an, als würde man einen Schmetterling in einen Schaukasten pinnen – sieht schön aus und ist zu 100 % vorhersagbar, aber irgendwie tot. Dramatische Metaphern zum Frühstück, ende und aus!;-)
            Eine geplantere Arbeitsweise macht einem das Leben bestimmt ganz oft leichter, ich versuche mir aber einzureden, dass der Chaos Ansatz auch so seinen Charme hat. ;-)

          • tine_schreibt

            Ich glaube, ‚planen‘ ist ein schlechtes Wort für das, was ich meine. ‚Vorausschauen‘ passt eher. Schreiben mit Kristallkugel.

            Weil ich meinen Charas nicht vorschreibe, was sie tun sollen, und dann ist dann tot und festgepinnt und dahingemordet von meinem Entschluss das jetzt verdammt noch mal so zu machen. Ich sehe mir nur weit in die Zukunft hinaus an, was sie tun werden. Also das sind alles die Charas selbst, die bestimmen, was passiert, und ich folge ihrer Ansage.

            Vielleicht lässt diese Beschreibung die Strategie weniger einschränkend aussehen und mehr wie das, was sie tatsächlich ist? Es ist das gleiche Chaos wie bei dir, nur dass ich voraussehe, wohin es sich entwickeln wird, und entsprechend viel weniger im Dunkeln tappe und weniger raten muss, wohin es als nächstes geht.

          • Ela Sonntag

            Planen in dem Sinne tue ich auch, aber ich brauche halt selten mehr als eine halbe bis Seite Notizen pro Kapitel dafür – vielleicht ist der grundsätzliche unterschied also eigentlich nicht die Methode, sondern nur die Umsetzung? :-)

          • tine_schreibt

            So scheint es :)